Der König ist tot

Jacksontrauer Michael Jackson mag während seiner letzten Jahre zu einer immer freakigeren Version seiner selbst mutiert sein, seinen Ruhm verdankte er seinem Talent. Ein Nachruf

Dieses Talent machte Michael Jackson (29.8.1958 – 25.6.2009) trotz all seiner tragischen menschlichen Schwächen und Fehler zum größten Entertainer seiner Generation – er war der natürliche Nachfolger von Frank Sinatra und Elvis Presley.

In erster Linie war er ein großartiger Sänger. Als die Jackson 5 Anfang der Siebziger die Musikwelt eroberten, war Michael gerade einmal seinen kurzen Hosen entwachsen, und als er die ersten Hits der Band – I Want You Back, ABC und The Love You Save – sang, war das die Stimme eines hyperaktiven jungen Bandleaders. Wenn man sich ihren vierten Hit I'll Be There anhörte, konnte man erkennen, dass da ein außergewöhnliches Talent heranreifte. Seine sorgfältige Phrasierung und besonders sein Vibrato am Ende des Tons deuteten bei einem Jungen, der noch kaum ein Teenager war, auf eine außergewöhnliche Reife.

Ungefähr zu dieser Zeit kamen die Jackson 5 zum ersten Mal zu PR-Zwecken nach London und spielten dort für ausgewählte Medienleute im alten Nachtclub Talk of the Town am Leicester Square. Nur ein paar Dutzend Leute waren da. Soul war nicht angesagt und die Jackson 5 wurden als Eintagsfliege angesehen. Ich war da und war wie alle anderen fasziniert davon, wie die Band eine komplett durch-choreographierte Motown-Show aufs Parkett legte, in deren Verlauf Jackson sein ganzes Talent unter Beweis stellen konnte, das ihn gegen Ende des Jahrzehnts zur größten Attraktion in der Welt des Showbusiness und zu einem Star von Bühnenshows bis dahin unbekannten Ausmaßes machen sollte. Und da gehörte er seiner Meinung nach auch hin. Er liebte den Glamour und Diven wie Judy Garland und Diana Ross. Er war der Popstar der Ära Stephen Spielbergs und George Lucas', oder von ET und Star Wars – futuristischer Stil, sentimentaler Inhalt.

Unter der glamourösen Oberfläche war er ein ungemein kreativer Musiker mit wachen Instinkten. Alben wie Off the Wall und Thriller, die zu den erfolgreichsten und verehrtesten des 20. Jahrhunderts gehören, sind quasi komprimierte Lehrbücher in Sachen Gesangstechnik und Ausdruck, vom fragil Gehauchten über das Treibende bis hin zum vollen Einsatz. Jacksons hohe Stimme verband ihn mit der großen Tradition des Falsett-Gesangs, die aus der Gospel-Musik kam und in Smokey Robinson und Curtis Mayfield direkte Nachfolger fand. Jackson aber sprengte die Grenzen der verschiedenen Genres und ließ die unmittelbare Emotionalität des Soul weit hinter sich, als er mit seinem großartigen Arrangeur und Produzenten Qunicy Jones eine Musik schuf, die keine Generations- oder Ethnizitätsgrenzen mehr kannte.

Am Tag nach jenem Gig im Talk of the Town konnte man die Jackson 5 in einem Londoner Hotel zum Interview treffen. Während die älteren Brüder, wie man es ihnen beigebracht hatte, die Öffentlichkeitsarbeit erledigten, saß Michael mit Stift und Puzzlebuch in einer Ecke. Wenn man ihn ansprach, sah er einen mit seinen großen braunen Augen an, die nichts darüber verrieten, was gerade in ihm vorging. Schon damals lebte er in seiner eigenen Welt.

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Übersetzung: Holger Hutt
Geschrieben von

Richard Williams, The Guardian | The Guardian

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