Der Krieg im Wohnzimmer

Syrien Der Brite Eliot Higgins deckt Waffenschiebereien und den Einsatz von Streubomben auf – indem er Youtube-Videos auswertet
Der Krieg im Wohnzimmer
Eliot Higgins an seinem Arbeitsplatz – jeden Abend durchforstet er 450 syrische Youtube-Kanäle

Foto: David Stillitoe/The Guardian

Eliot Higgins braucht keine Schutzweste, vom Draufgängertum eines Kriegsreporters ist bei ihm auch nichts zu spüren. Das Fachgebiet des arbeitslosen Finanz- und Verwaltungsangestellten ist eigentlich die Tabellenkalkulation. Er ist noch nie in einem Kriegsgebiet gewesen, musste sich noch nie vor Geschossen ducken. Und trotzdem: Einige der wichtigsten Informationen, die im vergangenen Jahr über den Bürgerkrieg in Syrien an die Öffentlichkeit gelangten, waren ihm zu verdanken.

Der Brite identifiziert anhand von Bild- und Filmmaterial die im Syrienkonflikt verwendeten Waffen. Zunächst war das für ihn nur ein Hobby. Inzwischen werden die Ergebnisse seiner Analysen regelmäßig von Menschenrechtsgruppen zitiert und haben sogar zu Anfragen im britischen Parlament geführt. Mit seiner jüngsten Entdeckung – einer neuen Charge kroatischer Waffen in den Händen syrischer Rebellen – scheint er eine verdeckte internationale Operation zur Bewaffnung der Opposition enttarnt zu haben. All dies leistet Higgins fast 5000 Kilometer weit weg von Damaskus an seinem Laptop in einem Vorort von Leicester. Hinter Spitzengardinen mit Tulpenmuster und zwischen den herumliegenden Spielzeugen seiner kleinen Tochter. Bezahlt wird er in der Regel nicht.

Ungewollt Waffenexperte

In Higgins’ Posteingang ist gerade ein neues Video eingetroffen. Es zeigt offenbar kroatische Waffen, die wohl mit Einverständnis des Westens nach Syrien geschmuggelt wurden. Dort gelangten sie an dschihadistische Kämpfer, die sich im Kampf gegen die Regierung Bashar al-Assads zunehmend an vorderste Front stellen. Auf der Suche nach Waffen fällt Higgins’ Augenmerk sofort auf zwei Röhren neben einem großen Gewehr. Was er sieht, lässt darauf schließen, dass die USA mit jeglichen Versuchen scheitern, zu kontrollieren, in wessen Händen solche Waffen landen. Higgins deutet auf den Bildschirm und sagt: „Das da sind Raketenhülsen für den kroatischen M79-Osa-Raketenwerfer. Noch interessanter ist, das dieser YouTube-Kanal der dschihadistischen Organisation Ansar al-Islam gehört. Diese Gruppe sollte solche Waffen eigentlich nicht kriegen.“

Der 34-jährige Higgins verfügt weder in Waffenkunde noch in Menschenrechtsforschung oder Journalismus über eine Ausbildung – an der Uni hat er zwar einmal einen Kurs in Medienwissenschaft belegt, den aber abgebrochen. Trotzdem greifen alle seine Ergebnisse auf, von Amnesty International bis hin zur New York Times. Dass er nun als Waffenexperte gilt, findet er eher amüsant: „Von Journalisten wurde schon spekuliert, ich hätte im Waffenhandel gearbeitet“, erzählt er. „Dabei wusste ich vor dem Arabischen Frühling nicht mehr über Waffen als ein durchschnittlicher Besitzer einer Computerspiele-Konsole. Ich wusste nicht mehr als das, was ich aus Arnold-Schwarzenegger- und Rambofilmen kannte.“

Risiken der Berichterstattung

In Chatrooms und Kommentarthreads war Higgins zunächst unter dem Pseudonym Brown Moses unterwegs. Der einem Song von Frank Zappa entlehnte Name führte jedoch zu Verwirrung über seine Identität. „Die Leute dachten, ich sei schwarz und jüdisch – ich wurde sogar rassistisch beleidigt. Mir wurde im Netz alles mögliche vorgeworfen. Etwa, dass ich für den CIA, den MI5 oder MI6 oder die Bilderberg-Gruppe arbeiten würde.“ Auch um solche Verdächtigungen zu vermeiden, hat er seine Identität offengelegt. Nun wird er als eine Art Pionier gefeiert.

Die Berichterstattung aus Syrien ist für die herkömmlichen Medien mit großen Schwierigkeiten und Risiken verbunden. Doch Bürgerjournalisten stellen jede Menge Material bei YouTube ein. Leuten wie Higgins, die engagiert und akkurat genug sind, es zu sichten, eröffnet das neue Wege der Informationsgewinnung. „Wenn es um die Beobachtung der Verbreitung von Waffen in Syrien geht, gehört Brown Moses zu den Besten“, sagt Peter Bouckaert von Human Rights Watch. Er hat mit Higgins zusammengearbeitet, um den Gebrauch von Clusterbomben in Syrien zu dokumentieren. „Er steht für eine wichtige Entwicklung in diesem Bereich. Früher war das ein Spezialgebiet von ein paar wenigen verschwiegenen Spezialisten, die Zugang zum nötigen, allerdings oftmals geheimen Referenzmaterial hatten.“

„Er würde als Erster zugeben, dass seine Aufmerksamkeit für Details obsessiv und zwanghaft ist,“ meint Bouckaert auch. „Aber er liefert korrekte Fakten und ist zu einer unentbehrlichen Quelle geworden.“

C.J. Chivers ist langgedienter Kriegsreporter der New York Times. Er meint, seine Journalistenkollegen sollten ehrlicher damit umgehen, wie viel sie dem Brown-Moses-Blog zu verdanken haben. „Viele Leute haben sich darauf gestützt, dass das Blog täglich die unzähligen zirkulierenden -Vi-deos aus dem syrischen Konflikt durchsiebt. Ob sie es zugeben oder nicht“, sagt er. Chivers bestätigt, dass Higgins sogar noch Wochen vor der New York Times an der Geschichte mit den kroatischen Waffen dran war. Er und Higgins arbeiteten schließlich zusammen an der Story weiter, wobei Chivers zusätzliche Informationen über die Finanzierung der Waffen ausgrub.

In einem Blog-Beitrag über die Entstehung des Berichts schrieb Chivers: „Danke Eliot, für deine Geduld, dein gutes Auge und dafür, dass du eine Möglichkeit geschaffen hast, neue und alte Formen der Berichterstattung zusammenzuführen, um aus einem neuen Blickwinkel heraus aktuelle Ereignisse zu beleuchten.“

Analyse von Youtube-Videos

Higgins durchforstet jeden Abend 450 syrische Youtube-Kanäle, auf denen von Aktivisten, Rebellenbrigaden und islamistischen Gruppen, aber auch von Unterstützern Assads Material hochgeladen wird. Auch Aufzeichnungen aus dem Staatsfernsehen sind darunter. „Wenn meine Lieblingsserie nicht läuft, setze ich mich direkt an den Rechner. An einem guten Abend, wenn nicht viel gepostet worden ist, brauche ich eineinhalb Stunden. In letzter Zeit schaue ich aber noch genauer hin.“ Kürzlich zum Beispiel behaupteten Aktivisten, ihr Material stamme vom Schauplatz eines Bombenabwurfs und zeige die Überreste einer Clusterbombe aus chinesischer Produktion. Mithilfe seines Online-Netzwerks aus anderen Waffenbeobachtern und Übersetzern fand Higgins heraus, dass es sich tatsächlich um eine Fahrradpumpe handelte. „Wenn ich anfangen würde, Quatsch zu schreiben, bekäme ich das ziemlich schnell von meinem Publikum mitgeteilt“, sagt er.

„Der Erfolg des Blogs macht den Druck noch größer“, erzählt Higgins. „Wenn ich könnte, würde ich das 16 Stunden am Tag machen. Wenn ich im Bus sitze, gucke ich bei Twitter nach Material von abgeschossenen Flugzeugen. Als zum ersten Mal Clusterbomben benutzt wurden, konnte ich nicht schlafen. Es war ungefähr Mitternacht, und ich sah dieses Video, in dem auf dem Boden verstreute Munition und Munitionshüllen zu sehen waren. Das musste ich einfach recherchieren. Man muss der Erste sein, und die Analyse muss stimmen.“ Seither hat Higgins eine Sammlung von 491 Videos erstellt, die den Gebrauch von Clusterbomben in ganz Syrien dokumentieren. Ergänzt hat er sie außerdem um Kartenmaterial und Detailinformationen zu den benutzten Waffen.

"Journalisten lassen sich nicht ersetzen"

Seit er im vergangenen Oktober seinen Arbeitsplatz verloren hat, hat er mehr Zeit. Die Organisation, für die er arbeitete, verlor einen Auftrag der Regierung zur Unterbringung von Asylbewerbern. „Keiner meiner bisherigen Jobs hatte mit der Arbeit zu tun, die ich jetzt mache.“ Higgins’ Frau arbeitet in der örtlichen Postfiliale. So können sie ihre Rechnungen bezahlen. „Meine Frau sieht, wie viel Arbeit ich in die Sache stecke. Sie findet, ich sollte dafür bezahlt werden. Ich mache es aber, weil ich Dinge sehe, über die die Mainstream-Medien nicht berichten.“

Ein Ersatz für traditionelle Kriegsberichterstattung könne seine Methode nicht sein, eine Hilfe aber schon. „Journalisten vor Ort lassen sich so nicht ersetzen. Die gehen enorme Risiken ein und leisten sehr gute Arbeit. Aber ich kann sie leiten. Ich glaube nicht, dass Journalisten auf die Geschichte mit den kroatischen Waffen in Deraa gestoßen wären. In dem Gebiet hielten sich einfach keine Berichterstatter auf. Vielleicht wäre es nie aufgefallen. Aber ich wurde darauf aufmerksam, weil ich auf der Suche nach auffälligen Raketenwerfern war.“

Übersetzung: Zilla Hofman

09:00 14.04.2013
Geschrieben von

Matthew Weaver | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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