Der Kronprinz

Porträt Yair Netanjahu gibt in Israel den aggressiven Verteidiger seines umstrittenen Vaters
Der Kronprinz
Er hat den Ruf, in Online-Foren zum Hass auf Gegner von Israels Premierminister anzustacheln

Foto: Aleksey Nikolskyi/Ap/Dpa

Benjamin Netanjahu wird seit Langem eine Politik vorgeworfen, für die es im Englischen die Bezeichnung „dog-whistle politics“ (etwa: Hundepfeifen-Politik) gibt. Sie findet an einer Sprache Gefallen, deren Zwischentöne von den infrage kommenden Zielgruppen nicht in gleicher Weise verstanden werden. Nur reicht im Kampf um das politische Überleben die Hundepfeife manchmal nicht aus. Da ist schon ein Nebelhorn nötig.

An dieser Stelle kommt Yair Netanjahu ins Spiel, der 29-jährige Sohn des Premierministers. Zusehends tritt er als Kampfhund seines Vaters auf, bereit, ihn zu verteidigen, wenn der angegriffen wird, sei es durch nicht abreißende Proteste auf der Straße oder den Missmut der Öffentlichkeit über das Corona-Krisenmanagement der Regierung oder die im Raum stehenden Korruptionsvorwürfe. Während der Vater die Demonstranten an den Wochenenden als „anarchische, gewaltbereite Linke“ brandmarkt, winkt der Sohn lässig ab, indem er öffentlich erzählt, man habe zusammen über diese Leute gelacht. „Mein Vater amüsiert sich. Er empfindet es als eine Art Entertainment“, ließ er den Radiosender Galei Yisrael wissen. „Es bestärkt ihn sogar ein bisschen.“

Das Vater-Sohn-Duo hat sich für Politiker, die unschlagbar sein wollen, als nützliche Instanz etabliert. Ohne Fesseln des mit einem hohen Amt verbundenen Zwangs zur Anständigkeit kann der Sprössling als ungefilterter Stellvertreter des mächtigen Vaters agieren. Was er verbreitet, wird gern als unverblümte Botschaft des Väter gedeutet, auch wenn der Sohn nicht dessen offizielles Sprachrohr ist.

Yair hat einen solchen Part nicht allein übernommen. Auch Donald Trump jr. hat einige der dreckigsten Kämpfe für seinen Vater ausgefochten. Dies geschah erst kürzlich, als er dem Präsidentschaftskandidaten Joe Biden fälschlicherweise unterstellte, er sei ein Kinderschänder. In Brasilien wiederum vertrat Eduardo Bolsonaro, der Sohn des rechtspopulistischen Staatschefs Jair Bolsonaro, die Ansicht, es bedürfe der Hardliner aus der Zeit der Militärdiktatur zwischen 1964 und 1985, um die linke Opposition zu zerschlagen.

In Israel hat Yair den Ruf, in Online-Foren zum Hass auf Gegner seines Vaters anzustacheln. 2018 bannte ihn Facebook, nachdem er geschrieben hatte, Friede im Land sei nur möglich, wenn alle Juden oder alle Muslime das Land verlassen würden. Er ziehe die zweite Option vor. Im April verlangte er, die EU müsse durch ein „freies, demokratisches und christliches“ Europa ersetzt werden. Die jüngsten Demonstrationen haben ihm Auftrieb und mehr Bedeutung verschafft. Auf seinen Twitter-Account, der mehr als 90.000 Follower aufweist, nimmt die hebräischsprachige Presse täglich Bezug. Erst kürzlich ordnete ein israelisches Gericht an, dass der Ministerpräsidentensohn einen Twitterbeitrag zu löschen habe. Darin waren Namen, Adressen und Mobilfunknummern von drei prominenten Demonstranten veröffentlicht. „Ich rufe alle auf, Tag und Nacht vor dem Zuhause dieser Leute zu protestieren, die während der vergangenen Wochen die uns alle treffende Anarchie organisiert haben“, schrieb Yair. Nachdem dies auf Twitter kolportiert war, erhielten die drei nach eigenen Angaben ständig Drohanrufe.

Es gab Zeiten, da wurden Yairs Beiträge nicht ernst genommen oder verlacht. Doch angesichts einer auf über 20 Prozent gestiegenen Arbeitslosigkeit, steigender Infektionszahlen bei Corona und der bedrohlichen Situation für den Lebensunterhalt vieler Menschen treffen seine Kommentare den Nerv vieler Israelis. In der linksgerichteten Zeitung Haaretz nannte die Dichterin Tchia Dov den Sohn des Premiers einen „Kronprinzen“ und „verwöhnten Playboy“, der mit seinem Vater das Leben auskoste, Eiscreme esse und Demonstranten verhöhne. Dies seien „Studenten, die ihre Jobs verloren, mit deren Hilfe sie die Studiengebühren bezahlten; Leute, die ihre Hauskredite nicht bedienen und sich keine Kinderkrippe mehr leisten können. Seine Witze reißt er auch über Leute aus der Unterhaltungsbranche, die seit Monaten keinen Cent mehr verdienen, über Besitzer von Bankettsälen, über Piloten und Crew-Mitglieder, die auf dem Boden festsitzen – sie alle sind für die königliche Familie ein täglicher Grund zum Lachen“, so Tchia Dov.

Im auflagenstarken Blatt Jedi’ot Acharonot warf der Autor Raanan Shaked Yair Netanjahu vor, Hass wie Zwietracht unter den Israelis zu säen und sich über sie lustig zu machen. „Wir sind nicht für ihre persönliche Unterhaltung hier. Wir leben hier. Wir sind Israelis“, schrieb er. „Wir kommen auf der Suche nach Frieden. Wenn der derzeit nicht zu haben ist, nehmen wir gern eine verantwortungsvolle Gesundheitsfürsorge, Sozialhilfe, eine funktionierende Wirtschaft oder die Bewältigung der Corona-Krise als Ersatz.“ In einer schriftlichen Stellungnahme erklärte dazu ein Pressesprecher der Familie Netanjahu, Yair spreche nicht für seinen Vater. „Was er schreibt und sagt, sind seine Gedanken. Es repräsentiert allein seine Position.“ Zugleich wird der Vorwurf zurückgewiesen, Yair habe den Protesten auf der Straße „jede Legitimität abgesprochen“. Er glaube vielmehr an das Demonstrationsrecht, hieß es. Andererseits seien Todesdrohungen gegen den Premierminister zu beklagen. Auch würden die Demonstranten gegenüber der Polizei immer wieder gewalttätig. Sie missachteten die Abstandsregeln und sorgten mit ihren Aufmärschen für „Corona-Brutstätten“. „Das ist kein legitimer Protest mehr, sondern Anarchie.“

Oliver Holmes ist Jerusalem-Korrespondent des Guardian

Übersetzung: Carola Torti

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06:00 06.09.2020
Geschrieben von

Oliver Holmes | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 39/2020

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