Der kühle Revolutionär

iPod Jonathan Ive hat den iPod entworfen und damit die Musikwelt revolutioniert. Was er sich wohl als nächstes ausdenkt? Ein Treffen mit dem legendären Designer

Er sieht unförmig, um nicht zu sagen klobig aus, wenn man ihn mit den weiter entwickelten späteren Versionen vergleicht. Doch als der erste iPod am 23. Oktober 2001 im Apple-Hauptquartier in Cupertino in Kalifornien vorgestellt wurde, war er revolutionär.

„Dies ist ein entscheidender Durchbruch“, erklärte Apple-Chef Steve Jobs, die Zukunft fest im Blick. Verglichen mit den anderen digitalen Musikgeräten, die es damals so auf dem Markt gab, war der iPod eine Offenbarung. Ansonsten gab es knifflige Teile ohne gestalterischen Anspruch, die mit Knöpfen und Einstellscheiben übersät waren. Sie waren allenfalls für Computerfreaks attraktiv, die von elektronischem Schnick-Schnack besessen waren und genug Zeit hatten, um herauszufinden, wie er wirklich funktionierte.

Der iPod hingegen war eine schlanke, digitale Jukebox, die sich der Handfläche genau richtig anpasste; er konnte eintausend Songs speichern – das war der Anfang –, die Dank des eleganten Navigationsrads mit wenigen Clicks verfügbar waren. Wer auch nur ein klein wenig von Musik verstand, wollte einen haben, sobald er ihn nur einmal in der Hand gehalten und verstanden hatte, wie einfach er zu benutzen war. Er sollte alles verändern.

Es geht um die Musik

Wie ein liebeskranker Ehepartner, der sich selbst dann noch weigert anzuerkennen, dass die Flitterwochen vorbei sind, wenn die Scheidungspapiere bereits auf dem Tisch liegen, so klammerten sich die großen Plattenfirmen an den Gedanken, dass wir alle die Tonqualität einer CD der Bequemlichkeit des digitalen Sounds vorziehen würden.

Apple bewies, wie falsch diese Annahme war, als es weltweit 220 Millionen iPods und 8,5 Milliarden Downloads über i-Tunes verkaufte. Inzwischen ist es für uns ganz alltäglich, dass wir gigantische Musikbibliotheken auf unseren Telefonen mit uns herumtragen. Die Musikindustrie ist unterdessen nicht wiederzuerkennen: ein sorgenvoller, abgemagerter Schatten ihres früheren, aufgedunsenen Selbst.

„Wenn wir gewollt hätten, dann hätten wir ihn auch in Form einer Banane auf den Markt bringen können “, sagte Jonathan Ive, Vize-Design-Chef bei Apple, als wir über den allerersten iPod sprachen. Dass der iPod so einfach zu bedienen und so verflucht begehrenswert ist, ist die Schuld des 42-jährigen Ive aus Chigwell im britischen Essex und seines Teams. Er zeigte mir einst ein Notizbuch, in das er alle möglichen Knöpfe, Hebel und Steuerungselemente gezeichnet hatte, bevor er sich für die Idee mit dem Rad entschied.

Ive hat eine große Begabung dafür, sich schöne Dinge ausmalen zu können, die mit so wenig Aufwand wie möglich funktionieren. Er hat das Aussehen des gemeinen PCs 1998 durch den durchsichtigen iMac verwandelt und er hat die Art, wie wir arbeiten und spielen, unlängst mit dem iPhone neu definiert. Die meisten Produkte, die er und sein Team gestalten, sind vollkommen neu. Oft haben wir nie zuvor etwas Ähnliches gesehen.

Aber Teil seiner Begabung ist auch, dass er sich in den Benutzer hineinversetzen kann. Er leitet unseren Blick und unseren Tastsinn so, dass uns das ehemals irritierend Neue mit einem Schlag vertraut erscheint. Bei den ersten Video-iPods waren der Bildschirm und das Rad so angebracht, dass sie an Lautsprecher erinnerten, um uns unterschwellig klar zu machen, dass es bei diesem Gerät nur um Musik ging.

Der "Armani von Apple"

„Dass eine Lösung absolut unausweichlich und offensichtlich aussieht, dass sie nicht gekünstelt, sondern natürlich wirkt – das ist wahnsinnig schwer zu erreichen!“ Er lachte, als er mir das vor sieben Jahren bei meinem Besuch in der Apple-Zentrale erzählte. „Aber genau das versuchen wir hier.“ Wir haben uns seither immer wieder unterhalten, seine Begeisterung für die Technologie des iPhones ist so ehrlich wie seine Leidenschaft für die Musik: Er ist stolz darauf, dass die Design-Abteilung die lauteste Anlage der ganzen Firma besitzt und hier wird selten gearbeitet, ohne dass sie voll aufgedreht wäre.

Er ist wahrscheinlich der beste Produktdesigner der Welt und mit Sicherheit der einflussreichste. Aber es ist ihm peinlich, wenn ihn die Medien den „Armani von Apple“ nennen. Er lebt mit seiner Frau Heather – die er an der Northumbria University während des Design-Studiums kennenlernte – und seinen fünfjährigen Zwillingen in einer ruhigen Ecke von San Francisco. Er ist so zurückhaltend, dass sein Freund, der DJ John Digweed, lange Zeit dachte, er sei nur irgendein Typ, der als Designer für Apple arbeite, bis er herausfand, dass er die Design-Abteilung leitet und Vizepräsident ist.

Nach dem Studium gründete Ive in London eine Designagentur, 1992 schloss er sich Apple an. Aber erst als Steve Jobs 1997 zu der Firma zurückkehrte, die er gegründet hatte, konnten Ive und sein Team endlich zeigen, was sie konnten. Jobs hatte eine klare – und zu der Zeit sehr radikale – Vision vom PC als digitalem Zentrum, in dem man Dinge erstellt, aufbewahrt und ansieht, von Fotos über Videos bis zu Musik und Filmen. Der erste iMac kam im darauffolgenden Jahr auf den Markt und verwandelte den PC über Nacht von einer grimmigen beigen Kiste in einen eleganten Einrichtungsgegenstand. Seither hat Ive immer wieder Maßstäbe gesetzt.

Ideen sind die eigentliche Währung

Der erste iPod war so gestaltet, dass nichts von der Musik ablenken sollte, außer dem Pause-Knopf, einer Kopfhörerbuchse und einem einzigen Anschluss, um das Gerät aufzuladen und Daten einzuspeisen. Er war eine erstaunliche technische Leistung, die Ives Markenzeichen trug – die Aufmerksamkeit fürs Detail: Die Seriennummer ist in jedes Einzelteil eingeätzt, um häßliche Aufkleber zu vermeiden, die unschönen Kabelbinder wurden durch puristische Klammern ersetzt.

Ein Produkt muss dadurch nicht teurer werden, betont Ive. Entscheidend ist, dass man diese Dinge ernst nimmt. Er selbst ist besessen davon. Als erst einmal entschieden war, dass der erste iPod, analog zu den Apple-Computern und -Laptops, eine weiße Front haben würde, waren auch die weißen Kopfhörer ein Muss. Zu diesem Zeitpunkt war das noch nicht dagewesen. „Viele sagten, weiße Kopfhörer gingen überhaupt nicht, keiner hätte das je gemacht!“ Er lacht. „Aber ich fand es wirklich schick.“

Ive arbeitet eng mit Jobs zusammen. Er ist einer der Wenigen in der Firma, die überhaupt zu sehen bekommen, was Ive hinter den getönten Scheiben seines Studios so treibt. In einem Geschäft, in dem Ideen die eigentliche Währung sind, hütet Apple Geheimnisse wie seinen Augapfel. Über neue Produktideen wird erst gesprochen, wenn sie auf dem Markt sind. Jetzt, da er sein ehrgeiziges Ziel erreicht hat, ein Telefon zu gestalten, ist es schwer zu erraten, was Ive sich als nächstes einfallen lassen wird. Eine Weile schon wird über einen Notizblock-Computer gemunkelt. Gewiss ist nur, dass wir es unbedingt werden haben wollen.

Übersetzung: Christine Käppeler

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12:30 01.12.2009
Geschrieben von

Sheryl Garratt, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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