Der kurdische Knoten

Geschäftspartner Der IS füllt durch Ölverkäufe seine Kriegskasse und nutzt dabei die Schmuggelrouten im Nordirak
Der kurdische Knoten
Durch den Handel mit Rohöl verdient der IS Milliarden

Foto: John Moore/Getty Images

Mit der großen Landnahme Mitte 2014 im Irak wie in Nordsyrien hat sich der Islamische Staat (IS) die Kontrolle über mehrere Öl- und Gasfelder gesichert. Dank eines ausgedehnten und feinmaschigen Netzwerks werden diese Ressourcen seither in die Türkei, nach Jordanien und in den Iran verkauft. Und das nicht immer – wie oft kolportiert – zu Dumpingpreisen. Die jüngsten US-Luftschläge gegen Konvois aus Tanklastern an der irakisch-türkischen Grenze haben diesen Transfer bestenfalls beschränken, nicht stoppen können.

Sechs Ölfelder liegen derzeit im Herrschaftsbereich der IS-Miliz. Um den Rohstoff an den Kunden zu bringen, kann sie auf bewährte Schwarzmarktstrukturen zurückgreifen. Ein Großteil des Öls aus dem Kalifat im Nordirak geht an Händler im angrenzenden Kurdengebiet, die es an türkische und iranische Abnehmer verkaufen. Gut ein Jahr schon drängen die USA darauf, den Schmuggel in Kurdistan zu unterbinden, bislang werden sie von den dortigen Autoritäten kaum erhört, zumal sich der IS flexibel zeigt: Bleibt ihm ein Markt verschlossen, beliefert er umgehend einen anderen. Auf diese Weise kam Jordanien als Abnehmer ins Spiel.

„Wir erwerben eine Ladung Öl von 26 bis 28 Tonnen für 4.200 Dollar und verkaufen sie in Jordanien für 15.000“, meint Sami Khalaf, der unter Saddam Hussein Geheimdienstoffizier war und heute im jordanischen Amman lebt. „Jeder Schmuggler schickt pro Woche bis zu acht solcher Transporte.“ Die korrupten Grenzbeamten kassieren üblicherweise 650 Dollar dafür, dass ein Tankzug an den Kontrollpunkten ohne Verzug passieren kann.

Als Hochburg des Schmuggels gilt die irakische Provinz Anbar. Zwar behauptet Asim Dschihad, Sprecher des irakischen Ölministeriums in Bagdad, von illegalen Transporten über die jordanische Grenze sei ihm nichts bekannt. Via Syrien exportiere der IS indes nach wie vor Öl in die Türkei. „Wir versuchen Druck auf die türkische Regierung auszuüben, dass sie diesen Handel stoppt“, fügt Dschihad hinzu.

Markige Worte

Bereits seit Juni 2014 jagen US-Bomber und die irakische Luftwaffe immer wieder Konvois mit Tankwagen. „Die Mittelsmänner, Händler, Besitzer von Raffinerien und Speditionen – einfach alle, die mit dem IS-Öl zu tun haben, sollen wissen, dass wir ihnen auf der Spur sind und über die nötigen Instrumente verfügen, ihnen das Handwerk zu legen.“ Die markigen Worte stammen von David Cohen, Staatssekretär im US-Finanzministerium, Spezialgebiet Anti-Terror-Maßnahmen. Er muss allerdings einräumen, dass die Miliz nach wie vor „wöchentlich mehrere Millionen Dollar durch den Verkauf gestohlener und geschmuggelter Energierohstoffe“ erwirtschafte.

Nach Angaben der irakischen Betreiberfirma North Oil Company haben die von Daesh (IS) gekaperten Ölfelder eine Kapazität von bis zu 60.000 Tonnen pro Tag. Ein Händler nennt die Zahl von 3.000 Tonnen Rohöl, die zu Hochzeiten des Schmuggels täglich in das Kurdengebiet verfrachtet wurden und dann größtenteils die Türkei erreichten. Daraus ergaben sich Einnahmen von 2,5 bis 3 Millionen Dollar pro Tag, die für einen Anteil der Öleinkünfte von 38 Prozent und der Gasverkäufe von zehn Prozent am Gesamthaushalt des Kalifats gesorgt haben. Inzwischen sprudeln zusätzliche Quellen und helfen, dieses Budget zu mehren: konfiszierte Immobilien und Wertgegenstände, Schürfrechte für archäologische Grabungen sowie die Ausbeutung anderer Bodenschätze. Der kurdisch-irakische Parlamentarier Mahmud Hadschi Omar dämpft Hoffnungen, der Geldhahn für die Dschihadisten ließe sich schließen. „Man kann davon ausgehen, dass der illegale Ölhandel um 50 Prozent zurückgegangen ist. Es wurden mehrere Leute festgenommen, die in derartige Geschäfte mit dem IS verwickelt waren und ihrerseits die Extremisten mit Benzin oder Trucks beliefert haben.“ Andererseits würden am Ölschmuggel schiitische Milizen mitverdienen, die den IS ansonsten bekämpfen.

Karim Hassan, ein 47-jähriger arabisch-sunnitischer Fahrer, berichtet, ein IS-Kommandant namens Saud Sarqawi sei für den Ölhandel zuständig: Er habe mit sunnitischen Stammesfürsten und mächtigen Leuten im Raum von Mossul Vereinbarungen getroffen. Auf diese Weise habe Daesh auch Zugriff auf das alte Schmugglernetzwerk im Nordirak erhalten.

Hassan, der seit 13 Jahren Öltransporte fährt, sagt noch, es habe ihn erstaunt, wie schnell der IS nach Kampfhandlungen die Förderung auf den Feldern wieder in Gang gebracht habe. Kontaktleute in Mossul erklärten ihm, die Organisation habe dafür extra Spezialisten aus Syrien angeheuert. „Die kurdischen Händler kaufen das Öl oft für die Hälfte des internationalen Preises. Für jeden Tankwagen, der die Checkpoints der Peschmerga-Miliz in Kirkuk, Machmur und Tuz Khurmatu passiert, zahlen die Händler 1.500 Dollar Schmiergeld.“ Karim Hassan selbst bekommt von den IS-Verbindungsleuten zwischenzeitlich bis zu 300 Dollar pro Fuhre.

Korrupte Kommandeure

Die große Mehrheit der kurdischen Peschmerga-Milizen kämpft im Nordirak gegen den Islamischen Staat, doch einige ihrer Kommandanten sind bestechlich und lassen den IS unbehelligt Öl durch kurdisches Territorium lotsen. Nihad Ghafar, ebenfalls Tankfahrer, erzählt, er habe Öl aus dem von Daesh kontrollierten Hemrin in den Distrikt Qushtapa gebracht. Dort, etwa 30 Kilometer südlich von Erbil, der Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan im Irak, werde das geschmuggelte Öl raffiniert. „An den kurdischen Grenzposten mussten wir nie anhalten. Es gab ein Abkommen zwischen den Raffineriebesitzern und den Ölhändlern“, erinnert sich Ghafar.

Die kurdische Regionalregierung beteuert dagegen inständig, sie lasse Ölschmuggler festnehmen und arbeite eng mit den USA zusammen, wenn es gelte, illegale Transporte zu verhindern. Ahmad Askari vom Sicherheitskomitee der Provinz in Kirkuk legt Wert auf die Feststellung, wer IS-Öl kaufe, der falle unter das Anti-Terror-Gesetz und könne mit dem Tode bestraft werden. Die Wahrheit ist eine andere und lautet: Gegen kurdische Ölhändler wird nicht vorgegangen, um dem Image der kurdischen Peschmerga nicht zu schaden.

Auf die Frage, ob es in seinem Schmugglernetzwerk viele Verhaftungen gegeben habe, reagiert der Ölhändler Sami Khalaf mit einer Binsenweisheit: „Die kleinen Fische werden immer gefangen. Aber die großen entkommen.“

Fazel Hawramy, Luke Harding sind Nahostkorrespondenten des Guardian

Übersetzung: Michael Ebmeyer

06:00 06.01.2016
Geschrieben von

Fazel Hawramy, Luke Harding | The Guardian

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