Der Leichengeruch ist verflogen

Haiti Am 12. Januar wurde das ärmste Land Amerikas durch ein Erdbeben verwüstet. Bald lief eine große internationale Hilfsaktion an. Doch dann geschah auf einmal nichts mehr
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Eine Zeit lang hing der Leichengeruch an jeder Straßenecke und war eine eindrückliche Erinnerung an die schätzungsweise 222.500 Toten. Die Intensität der in die Dutzende gehenden Nachbeben hat im Laufe der Monate vollends abgenommen. Gegenwärtig sind die Menschen gerade dabei, neben den Ruinen, in denen immer noch nach Leichen gegraben wird, zu so etwas wie einem normalen Leben zurückzukehren. Wie viele Tote noch unter den Trümmern liegen, ist nicht bekannt. Noch immer bilden sich kleine Menschentrauben wenn Leichen, die ausgetrocknet sind wie Mumien, einzeln oder paarweise geborgen werden.
In Port-au-Prince sind Frauen an ihre alten Plätze zurückgekehrt, um Gemüse, Jeans, Hühner und Batterien für Autotelefone zu verkaufen. In der Nähe des Stadtzentrums ist der gelb geflieste Fußboden einer zerstörten Kirche von Kindern zu einem Fußballplatz umfunktioniert worden. In den Ruinen der katholischen Kathedrale finden die Gottesdienste nun auf dem nackten Boden statt.

Unaufhaltsamer Rückzug

Die meisten der unmittelbar nach der Katastrophe entsandten US-Soldaten sind mittlerweile wieder verschwunden, ihre Mission endete am 1. Juni. Die Fallschirmjäger der 82. Luftlandedivision, die geholfen hatten, die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten und Lebensmitteltransporte zu beschützen, sind nach North Carolina zurückgekehrt. Die Hospitalschiffe, in denen Tausenden medizinische Hilfe erwiesen wurde, liegen wieder in ihren Heimathäfen. Ein paar hundert Soldaten sind noch mit Wiederaufbau-Projekten oder mit dem Erhalt funktionsfähiger Hafenanlagen beschäftigt, die Haitis Lebensader darstellen.

Wie es heißt, befinden sich viele Hilfsorganisationen derzeit in der Phase des Übergangs von der Soforthilfe hin zu langfristigeren Projekten bei der Unterstützung der Bevölkerung. Vertreten sind sowohl die Vereinten Nationen, die Organisation Médicines sans Frontières, kirchliche Gruppen und Ein-Mann-Unternehmungen: Kubaner, Venezolaner, Israelis, Freiwillige aus Boston, London und Sydney. Unmittelbar nach der Katastrophe wurde das International Medical Corps (IMC) durch ein Heer aus Hunderten von freiwilligen medizinischen Hilfskräften aus dem gesamten amerikanischen Kontinent unterstützt, die in Zwei-Wochen-Schichten arbeiteten, um den haitianischen Gesundheitsdiensten zu helfen, schätzungsweise 300.000 Verletzte versorgen zu können. Nun fährt das IMC seine Erste-Hilfe-Bemühungen zurück, um sich wieder auf haitianischen Kliniken zu konzentrieren, denen sie bereits vor dem Unglück verbunden waren.

Noch verzweifelter

Auch die Lager für die 1,5 Millionen obdachlos Gewordenen wurden umgebaut. Für die meisten ist der Alptraum, auf der Straße schlafen zu müssen, vorüber. Die einfachen Behausungen aus Ästen und Bettgestellen wurden im Laufe der Monate zu Holzkonstruktionen voller Plastikstühle und Matratzen. So sind Straßen, Alleen und ganze Wohnquartiere entstanden. Die neuen Shanty Towns befinden sich auf öffentlichen Plätzen wie dem Champs-de-Mars-Parque im Zentrum von Port-au-Prince in der Nähe des schwer beschädigten Präsidentenpalastes. Sie drängen sich hinter der Statue des idealisierten Sklavenhelden der Befreiungskämpfe von Albert Mangones. Die neuen Einrichtungen verfügen über saubere Toiletten und sind von Marktständen umgeben. Auf dem „Marsfeld“ hat die Regierung eine riesige Leinwand aufstellen lassen, damit die Menschen sich die Fußballweltmeisterschaft ansehen konnten. Abends, wenn die Lichter brennen, hören viele Musik – den einheimischen Racine und Kompa oder amerikanischen Hip-Hop – trinken Rum und spielen lautstark Domino.

Ich habe Port-au-Prince zum ersten Mal einen Monat nach dem Erdbeben besucht. Es war die erste von drei Reisen, die ich unternahm, um zu sehen, wie die Menschen mit dem Undenkbaren zurecht kommen: Am 12. Januar 2010, sieben Minuten vor fünf Uhr nachmittags, wurde im ärmsten Land des amerikanischen Kontinents eine neue Wirklichkeit geschaffen. Schon vor dem Erdbeben hatten drei Viertel der Bevölkerung nur zwei Dollar oder weniger pro Tag, um zu überleben. 70 Prozent waren arbeitslos oder chronisch unterbeschäftigt. Haitis Wirtschaft befand sich bereits in einem Zustand der Rezession, die Wachstumsrate war von 3,4 Prozent 2007 auf minus 0,5 Prozent im Jahr vor der Katastrophe gefallen. Das Land verfügte über kein staatlich unterstütztes Gesundheitssystem, die Lebensmittelsicherheit wurde vorzugsweise durch internationale Hilfsorganisationen gewährleistet. Befand sich das Land am 11. Januar auf dem Nullpunkt, so liegt es heute noch darunter.

Ort der Verzweiflung

Unmittelbar nach dem Erdbeben wurden auf Wände gesprühte Reaktionen auf das Inferno emblematisch für die ganze Nation. Eine zeigt eine Karte des Landes, die er als weinendes Gesicht dargestellt hat und das verlangte: „Bitte helft uns!“ Sechs Monate später zeugen die Wandgemälde von einem anderen Gefühl: Bei vielen Haitianern herrschen Ärger und Frustration darüber, dass man sie trotz der gewaltigen Notfallhilfen unmittelbar nach der Katastrophe und der milliardenschweren Hilfszusagen im Stich ließ. Das Land war schon vor dem Beben ein Ort der Verzweiflung. Heute ist die Lage – trotz der zunächst für kurze Zeit intensiven Hilfe – noch verzweifelter. Der Leichengeruch mag zwar verschwunden sein, doch Haiti stirbt weiter.

Übersetzung: Holger Hutt

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Geschrieben von

Peter Beaumont | The Guardian

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