Der letzte Cowboy

Porträt Der Schauspieler und Autor Sam Shepard ist gestern verstorben. Guardian-Autorin Laura Barton traf ihn 2014 und sprach mit ihm auch über das Sterben
Der letzte Cowboy
Sam Shepard: seine Heimat war das Schreiben selbst

Foto: Jeff Vespa / Contour by Getty Images

Es ist Sonntagabend in Santa Fe. Sam Shepard und ich sitzen in einer Bar, trinken Tequila und essen Tacos. Das Licht ist gedämpft, die Nacht warm, und unser Gespräch springt hin und her, während der Barkeeper mit seinem Becher klappert. Ein paar Themen haben wir schon abgehakt, Anton Tschechow, Windhund-Urin und die ägyptische Göttin Isis: „Unglaublich, wie sie sich in einen Vogel verwandelt. So was kann sich keiner ausdenken!“

Dann kommen wir zu True West, dem Theaterstück, das Sam Shepard 1980 schrieb und das heute Schullektüre ist. Es wird gerade in London, neu inszeniert, aufgeführt. Shepard erzählt von einer der tollsten Inszenierungen des Stücks, die er gesehen hat. Zur Jahrtausendwende spielten Philip Seymour Hoffman und John C. Reilly in New York die Hauptrollen, die sie immer wieder abänderten, um die Sache nicht langweilig werden zu lassen.

Unser Gespräch bleibt bei Seymour Hoffman hängen. Shepard sah ihn noch eine Woche, bevor er im Februar an einer Überdosis starb. Er habe keine Ahnung gehabt, dass irgendwas mit ihm nicht stimmte, sagt Shepard. „Er hatte Übergewicht, aber das hatte er meistens. Und er war ziemlich müde. Er sagte, er werde zurückgehen und sich ein bisschen hinlegen. Ich glaube nicht, dass er damit meinte, er wird sich umbringen. Er hat wahrscheinlich einfach schlechtes Heroin erwischt.“

Sehen, was passiert

Shepard macht eine Pause, er wirkt auf einmal weit weg von dieser Bar. „Ich kannte auch Robin Williams ziemlich gut, und der wusste, dass er rauswollte, er hatte ja Parkinson. Viele Leute, die ich kannte, haben sich das Leben genommen. Aber meine alte Freundin Patti Smith, die Punk-Ikone, hat in der New York Times gerade das neue Haruki-Murakami-Buch besprochen. Und da schreibt sie: ‚Ich will mich nicht umbringen, ich will sehen, was passiert.‘ Was für ein Statement! Ich glaub ihr das sofort.“

Shepard hat ziemlich viele ziemlich prominente Freunde. Seit mehr als fünf Jahrzehnten ist er eine der renommiertesten Figuren der US-amerikanischen Film- und Theaterszene. Für einige ist er in erster Linie ein Schauspieler – der Star von In der Glut des Südens; Der Stoff, aus dem die Helden sind; Frances, wo er zum ersten Mal Jessica Lange traf, mit der er dann fast 30 Jahre zusammen war. Er war Homo Faber in Volker Schlöndorffs Verfilmung und spielte mit Brad Pitt in Die Ermordung des Jesse James.

Für andere ist Sam Shepard vor allem Dramatiker. Beflügelt von der Lektüre Samuel Becketts und dem Wunsch, dem zeitgenössischen Amerika auch auf der Theaterbühne eine Stimme zu geben, schmiss er Anfang der 60er Jahre sein Landwirtschaftsstudium und fing an, in New York für die Bühne zu schreiben. „Damals gab es viel zu wenig US-amerikanisches Theater“, sagt er. „Nichts passierte. Die Kunst darbte vor sich hin.“

Er schrieb viele Stücke, mehrere Kurzgeschichten, Essays und das Drehbuch für Wim Wenders’ Film Paris, Texas. 1979 gewann er den Pulitzer-Preis für seinen Dreiakter Vergrabenes Kind. Heute teilt er sich seine Zeit zwischen seiner Farm in Kentucky und seinem Haus in New Mexico auf, wo er am Santa Fe Institute als einer von mehreren „hochversierten, kreativen Denkern“ arbeitet. Sie wurden an den Thin-Tank berufen, um „die interdisziplinäre Zusammenarbeit voranzubringen, Ideen und Methoden aus verschiedenen Fachrichtungen zusammenzufassen und neue Untersuchungsgebiete zu erschließen“, wie es in der Selbstdarstellung des Instituts heißt.

„Ich geh da jeden Tag hin“, sagt er. „Ziemlich interessant, 95 Prozent der Leute sind Wissenschaftler. Ich und Cormac McCarthy sind die einzigen Schriftsteller, alle anderen Atomphysiker. Das ist cool, aber es führt auch dazu, dass die Gespräche oft in einer Sackgasse enden.“ Er lacht keuchend. Viele seiner Sätze enden mit einem warmen Schnarren in der Brust.

Gerade schreibt Shepard seinen ersten Roman, er will aber nicht mit dem Thema rausrücken. „Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll. Ich hoffe, es ist überhaupt ein Roman. Es fällt mir immens schwer, erzählend zu schreiben. Ich habe das Gefühl, ein geborener Stückeschreiber zu sein. Aber wie man einen Roman verfasst, war mir immer ein Rätsel.“ Ein weiteres schnarrendes Lachen. „Wie halten Leute das aus, einen Roman zu schreiben? Ich arbeite jetzt seit zehn Jahren an diesem Buch.“

Geboren wurde Sam Shepard in Illinois, aufgewachsen ist er auf einer Farm in Kalifornien. Er lebte in New York und London, bevor es ihn nach New Mexico und Kentucky verschlug. Selbst heute, mit 70 Jahren, ist sein Leben noch vom Nomadentum des Schauspielers geprägt. Erst vor kurzem hat er wieder in New Orleans und Florida gedreht. Deshalb ist es nicht überraschend, dass sein Werk von dem Gefühl durchdrungen ist, nirgends verwurzelt zu sein. Seine Heimat war das Schreiben selbst. Als er 1975 mit Bob Dylans Rolling-Thunder-Revue mitreiste, fehlte ihm diese Konstante. „Ich war es nicht gewohnt, ständig in Bewegung zu sein. Hinterher war ich froh, wieder einen festen Halt in mein Leben zu bekommen. Dieser Halt war nun mal das Schreiben.“

Landschaften spielen in seinen Kurzgeschichten und seinen Theaterstücken eine wichtige Rolle. Es sind aber nicht die Landschaften selbst, die ihn inspirieren, sondern deren Verbindung zur Vergangenheit, sagt er und erzählt von den Pueblos, die es einst in New Mexico gab. Und von den 2.000 Jahre alten Keramiken, auf die man in der Wüste heute noch stößt.

Ähnlich wie Clint Eastwood ist Sam Shepard tief mit der Mythologie und der großen Erzählung des US-amerikanischen Westens verbunden. Dass sein Leben, sein Schreiben und seine Rollen so stark miteinander verflochten sind, trägt zu seiner Anziehungskraft bei.

Er hat True West im vorstädtischen Kalifornien angesiedelt, das er vom Haus seiner Mutter kennt. Es geht um die Rivalität zwischen dem Drehbuchautor Austin, der an einer Ivy-League-Uni studiert hat, und dessen eigensinnigem Bruder Lee, der von sich behauptet, den Großteil seiner Zeit in der Wüste Mojave zu verbringen, und sich mit fragwürdigen Geschäften über Wasser hält. Als die beiden gemeinsam auf das Haus ihrer Mutter aufpassen, geraten sie wegen des Verkaufs eines Drehbuchs und ihrer ungleichen Lebensstile immer heftiger aneinander. Das brüderliche Gerangel findet vor der Kulisse zirpender Grillen und heulender Kojoten statt.

Alter Westen, neuer Westen

Das Stück stellt die Frage, wer ein integriertes Mitglied der Gesellschaft ist und wer Außenseiter. Es thematisiert Identität, Familie und Amerikas Vorstellung von sich selbst, ausgehend von dem Punkt, an dem der neue Westen des zivilisierten, vorstädtischen Amerikas auf den nicht kontaminierten alten Westen trifft. Insofern erscheint es passend, an diesem Abend mit Shepard in einer Wüstenstadt zu sitzen und ihm zuzuhören, wie er, 34 Jahre, nachdem er True West geschrieben hat, die amerikanische Kultur einer Inventur unterzieht.

Der erste Außenseiter, mit dem er zu tun hatte, war sein Vater. „Er hielt das alles für lächerlich – die Vorstellung, ein ordentlicher Bürger zu sein. Er entwickelte sich immer weiter zum Außenseiter, in erster Linie indem er trank. Meine Mutter war das genaue Gegenteil. Sehr ausgeglichen. Sie fand immer einen Weg, wie es weitergeht.“

Wie ist es ihm gelungen, seinen eigenen Hang zum Außenseitertum damit zu vereinbaren, immer wieder mit Produzenten, Verlegern und Theaterleuten verhandeln zu müssen? Schließlich sind das Leute, die Filme, Stücke und Bücher in erster Linie unter kommerziellen Gesichtspunkten betrachten. „Darin bin ich überhaupt nicht gut“, sagt er verdrießlich. „Ich weiß, dass man als Schauspieler verhandeln muss, aber mir ist die Vorstellung völlig fremd, dass Kunst und Kommerz Synonyme sein sollen. Das macht mich wahnsinnig. Und dann gerät man in den Ruf, es sei schwierig, mit einem zu arbeiten.“

Es gebe Produzenten, sagt Shepard, denen es wirklich um etwas gehe. Bei den „Typen von den großen Studios“ und Netflix ist er dagegen skeptisch – er hält sie für Leute, die „nicht darüber nachdenken, was ein Schauspieler oder Schriftsteller durchmacht und worin die künstlerische Essenz seines Stoffes besteht“. Dennoch macht ihm Filmedrehen immer noch Freude. „Jetzt, da ich herausgefunden habe, wie ich es machen muss. Zunächst mochte ich es nicht. Ich wusste nicht, wo ich hinsehen soll, weil dieses Ding – die Kamera – mich die ganze Zeit anstarrte.“

Ein Theaterpublikum fühle sich dagegen stets anders an. Das Theater bringt ihn zum Strahlen. Wenn er darüber spricht – über den physischen Raum, die Schauspieler, die Sprache –, mischt sich Ehrerbietung in seine Stimme. „Für das Theater zu schreiben unterscheidet sich so sehr von anderem Schreiben. Denn was man schreibt, wird irgendwann gesprochen werden. Ich glaube, das ist der Grund, weshalb so viele wirklich starke Romanautoren keine Theaterstücke schreiben können. Sie verstehen nicht, dass das, was sie schreiben, ausgesprochen wird, dass es irgendwann an die Luft dringen wird.“

Er hält inne und kehrt mit den Gedanken wieder zu seinem Roman zurück. „Aber natürlich habe ich das entgegengesetzte Problem“, räumt er ein. „Ich kann Sprache hören, kann hören, wie sie laut gesprochen wird. Aber wenn sie in den Kopf geht und dort bleibt, bereitet sie mir Probleme.“ Erzählendes Schreiben erfordert eine Sorgfalt, die er beunruhigend findet. „Man muss viel pedantischer sein. Der Unterschied zwischen gesprochener Sprache und der Sprache, die nur durch Lesen in den Kopf dringt, ist enorm.“ Zurzeit liest er viel irische Autoren. „Sie sind uns Amerikanern überlegen. Es ist die Fähigkeit, die Sprache zu nehmen und sie zu spinnen.“

Abgesehen von Denis Johnson fallen ihm keine zeitgenössischen US-Autoren ein, die er besonders schätzt. „Mit US-amerikanischen Autoren ist es so, dass sie alle in derselben Vorstellung gefangen bleiben: dass wir ein Kontinent sind, an dessen Rändern die Welt steil abfällt. Völliger Unsinn.“

Ist er nie dieser Vorstellung aufgesessen? „Doch, ich konnte nicht mehr sehen als das Hotelzimmer, die Wüste und den Highway“, sagt er und dreht sein Glas hin und her. „Ich hielt das für die einzige Welt, die zählt.“ Und diese Welt sei noch immer da. „Nur dass sie jetzt komplett überflüssig geworden ist, weil alles durch Shopping Malls ersetzt wurde.“

Shepard glaubt nicht, dass die Situation noch zu retten ist. „Mit uns geht es zu Ende“, sagt er über die USA. „Wem das nicht klar ist, der glaubt auch noch an den Weihnachtsmann. Amerika bewegt nichts mehr. Das machen die Chinesen. Das Gesicht der USA findet man heute in einer Fernfahrerkneipe irgendwo in Sallisaw, Oklahoma. Und es ist einfach verzweifelt.“

Aber warum ist die Welt immer noch so besessen von US-amerikanischer Kultur? Warum ist ein Stück wie True West immer noch in der Lage, uns zu begeistern? „Oh, weil alle dem US-Märchen aufsitzen“, sagt er. „Dass man es hier schaffen kann. Aber man schafft es nicht.“

Aber er hat es doch ganz gut geschafft.

„Ja, aber ich hab auch“, er seufzt, „ich hab’s überhaupt nicht versucht.“

Mitten in der Wüste

Die Mythologie, die Bilder und Landschaften des US-amerikanischen Westens sind das große Thema Sam Shepards. Sei es in seinen Filmrollen wie in Der Stoff, aus dem die Helden sind, in dem er den Testpiloten Chuck Yeager spielt, der als erster Mensch mit seinem Düsenjet in der Wüste die Schallmauer durchbrach. Sei es in Shepards Theaterstücken wie True West, das in deutschen Gymnasien in vielen Englisch-Leistungskursen zur Pflichtlektüre gehört. Sei es in den Drehbüchern, unter anderem jenem, das er für Wim Wenders’ 1984er Film Paris, Texas schrieb. Oder in seinen Prosa-texten.

Auf Deutsch erschien von Shepard zuletzt im S. Fischer Verlag die Textsammlung Drehtage (320 S., 19,90 €). Darin finden sich Kurzgeschichten, die ins Fantastische hineinragen, wenn etwa ein Mann neben dem Highway einen abgetrennten Kopf findet, der plötzlich mit ihm zu sprechen beginnt.

Die Erzählungen stehen aber neben Impressionen, die nicht mal eine Seite lang sind, Gedichten und skizzenhaften Szenen, die wie aus einem Drehbuch wirken. Das Setting sind Tankstellen, Motels und kleine Orte der US-amerikanischen Provinz.

Was alle Texte miteinander verbindet, ist der Dreiklang von Einsamkeit, Vergänglichkeit und Aussichtslosigkeit. In Shepards Prosa ist die Vorstellung des Westens als Ort des Aufbruchs und Neuanfangens nur noch ein Zitat vergangener Zeiten. Nirgendwo fühlt man sich einsamer als mitten in der Wüste – oder in einem verlassenen Motel. Und wenn man Pech hat, kommt noch der Country von Shania Twain aus den Boxen. jap

Laura Barton ist Reporterin des Guardian

Übersetzung: Holger Hutt
06:00 01.10.2014
Geschrieben von

Laura Barton | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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