Der Maßstab Mann

Stadt Vor 40 Jahren hatte es das Architektinnenkollektiv Matrix satt, in einer von Männern für Männer entworfenen Welt zu leben. Nun wird ihre Arbeit wiederentdeckt
Der Maßstab Mann
Sicher und dekorativ, das Jagonari Centre 1987

Foto: Anne Thorne

Als der Architekt Le Corbusier in den 1940er Jahren „Le Modulor“ entwickelte, hatte er einen gutaussehenden britischen Gesetzeshüter vor Augen. Sein am Menschen ausgerichtetes Proportionssystem prägte die gesamte Nachkriegswelt. Es diktierte alles, von der Höhe eines Türgriffs bis zur Größe einer Treppe. Immer darauf ausgerichtet, es dem Idealtypus eines Ein-Meter-achtzig-Manns möglichst bequem zu machen. Sein Einfluss reichte bis hin zur Ausgestaltung der Straßenzüge, die sich an Größe und Bedürfnissen des Autos orientierten, mit dem unser imaginärer Held zur Arbeit fuhr. Als gebürtiger Schweizer, der in Paris arbeitete, hatte Le Corbusier zunächst 1,75 Meter als Maß angedacht, basierend auf der Durchschnittsgröße eines Franzosen. Doch dann entschied er sich für gut 1,80 Meter: „In englischen Detektivromanen“, erklärte er später seinen Sinneswandel, „sind die gutaussehenden Männer, wie die Polizisten, immer sechs Fuß groß!“

Für den schneidigen Mann, den Le Corbusier mit kräftigen Waden, schmaler Taille, breiten Schultern und einer riesigen Hummerklaue als erhobener Hand skizzierte, mag das eine dynamische Welt geschaffen haben. Aber diese modernistische Weltsicht berücksichtigte Frauen ebenso wenig wie Kinder, ältere oder behinderte Menschen – genau genommen niemanden, der nicht dem statuenhaften Ideal entsprach.

Stadt als Hindernisparcours

In den 1980ern hatten ein paar Frauen genug. Nach jahrzehntelangem Kampf mit Kinder- und Einkaufswagen, Navigieren durch dunkle Unterführungen, unbeleuchtete Gassen und labyrinthartige U-Bahn-Systeme im städtischen, zumeist von Männern geschaffenen Hindernisparcours war es Zeit für einen anderen Ansatz. „Durch gelebte Erfahrungen“, schrieb die feministische Design-Kooperative Matrix 1981 in ihrem Manifest, „haben Frauen eine andere Perspektive auf ihre Umgebung als die Männer, die diese geschaffen haben. Weil es keine ,weibliche Tradition‘ in der Gebäude-Architektur gibt, wollen wir die neuen Möglichkeiten ausloten, die der jüngste Wandel im Leben und in den Erwartungen von Frauen eröffnet hat.“ 40 Jahre später und 27 Jahre nach der Auflösung der Gruppe ist ein Bereich des Londoner Barbican Arts Centre der Matrix-Kooperative gewidmet. Ein experimenteller Raum im Foyer, zugänglich für alle, die sich dort aufhalten oder warten. Nach den jüngsten Mahnwachen für Sarah Everard, deren Ermordung in Großbritannien landesweit ein Nachdenken über die Sicherheit von Frauen auslöste, sowie den Black-Lives-Matter-Protesten für soziale und räumliche Gerechtigkeit könnte der Zeitpunkt der Eröffnung der Ausstellung kaum passender sein.

Unter dem Titel How We Live Now (Wie wir heute leben) wird dort ein Film des Birmingham Film and Video Workshop gezeigt, der 1988 vom britischen TV-Sender Channel 4 ausgestrahlt wurde. Er dokumentiert die Erfahrung von Frauen, die sich ihren Weg durch Paradise Circus bahnen, ein Wohngebiet im Nachkriegsstadtzentrum von Birmingham, konzipiert als Insel in einem Kreisel, umsäumt von einer Ringstraße und erschlossen durch Unterführungen, Treppen und erhöhte Wege. Ein Rezensent des Daily Telegraph hatte „etwas Amateurhaftes, Langweiliges voller abgedrehter linker Frauen erwartet“. Stattdessen war er fasziniert vom präsentierten gesunden Menschenverstand, der die negativen Seiten einer Stadtplanung aufzeigt, in der das Auto dominiert. Die Macher des Films „unterstellen keine bewusste Diskriminierung“, hieß es seiner Kritik, „sondern schlicht die Unfähigkeit männlicher Architekten, sich vorzustellen, was Frauen in Gebäuden wirklich machen und brauchen“.

Kaputtsparen mit Thatcher

Ein Beispiel dafür wird in einem anderen Teil der Ausstellung gezeigt: das Frauenhaus in Essex. Der von einem Architekten entworfene Komplex krankt an einigen grundsätzlichen Fehlplanungen: von der viel zu kleinen Gemeinschaftsküche bis hin zu den Spielbereichen für die Kinder, die räumlich abgetrennt von den Hauptgemeinschaftsräumen sind. Ohne visuelle oder akustische Verbindung, so dass es unmöglich ist, die Kinder nebenbei im Blick zu haben. 1992 machte sich Matrix an die Überarbeitung des Frauenzentrums. Die Kooperative ging dabei so vor, wie es bei ihr die Regel war: Sie präsentierte den Frauen große Pappmodelle von verschiedenen Räumen, die sie umarrangieren konnten, um unterschiedliche Konstellationen auszuprobieren. Zudem gab es ein Messband, mit dem sie die existierenden Räumlichkeiten des Frauenhauses ausmessen und mit den Plänen vergleichen konnten.

Nicht ohne Zeichenbrett: die Matrix-Mitstreiterinnen der 1990er Jahre

Foto: Jenny Burgen

„Alles einfache Techniken“, kommentiert Matrix-Mitgründerin Jos Boys, die die Ausstellung gemeinsam mit Jon Astbury vom Barbican kuratiert hat. „Aber sie gaben den Frauen das Gefühl, am Entwurf des Projekts beteiligt zu sein. Ein wichtiger Aspekt bei der ganzen Sache war, die Sprache und Praxis von Architektur für Laien transparenter und zugänglicher zu machen.“

Boys beschreibt etwas, das heute fast unvorstellbar klingt. Gemeinschaftsaktionen, partizipative Planung, Hausbesetzungen, Arbeitergenossenschaften und technische Hilfszentren, eine Blütezeit, in der öffentliche Gelder reichlich vorhanden waren. Ein Großteil der Arbeiten von Matrix wurde vom Greater London Council unter dem Vorsitz des linken Politikers und späteren Londoner Bürgermeisters Ken Livingstone finanziert. 1986 schaffte die damalige britische Premierministerin Margaret Thatcher das Council ab.

Eines der Matrix-Projekte war das bahnbrechende Jagonari Educational Resource Centre, ein Bildungszentrum im östlichen Londoner Stadtteil Whitechapel. Matrix arbeitete dabei für eine Gruppe südasiatischer Frauen – und mit ihnen. Die Kooperative gab Workshops mit zerlegbaren Modellen, forderte die Frauen auf, Fotos von Gebäuden aus ihren Herkunftsländern mitzubringen, die ihnen gefielen. Und sie organisierte einen „Ziegelstein-Picknick“-Spaziergang, um herauszufinden, welche Baumaterialien und Farben die künftigen Nutzerinnen favorisierten.

Das 1987 fertiggestellte Bildungszentrum, in dem heute eine Kita untergebracht ist, integrierte zahlreiche asiatische Einflüsse, die bewusst keine Verbindung zu hinduistischer oder islamischer Symbolik haben. Dazu gehörten dekorative Metallgitter über den Fenstern. Optisch interessant, boten sie zugleich Sicherheit. Mosaikmuster um die Türen, Hocktoiletten und für das Kochgeschirr nach gemeinsamen Mahlzeiten Sitzspülbecken zum Säubern großer Töpfe – alle Teile des Gebäudes sind zudem mit dem Rollstuhl zugänglich, eine Seltenheit in der damaligen Zeit.

„Sie verstanden genau, was wir brauchten, ohne zu bevormunden oder zu urteilen“, schrieb die Kundin Soma Ahmed drei Jahrzehnte später in einer glühenden Hommage an Matrix. Anlass war die Unterstützung einer (letztlich erfolglosen) Bewerbung um eine retrospektive Verleihung der RIBA-Goldmedaille für Architektur. „Wir sagten, was wir in dem Gebäude brauchten: Schutz, Sicherheit und Kinderbetreuung, die die kulturellen und religiösen Bedürfnisse der Frauen berücksichtigten und gleichzeitig mit einigen Mythen insbesondere über muslimische Frauen aufräumten. Sie waren genau die richtigen Ansprechpartnerinnen dafür.“

Was genau macht feministische Architektur aus? Das war eine Frage, die Matrix manchmal gestellt wurde. Wie unterscheidet sich eine Stadt, die von Frauen entworfen und gebaut ist, von anderen? Aus Boys’ Sicht geht das an der Sache vorbei. Die Kooperative habe keine feministische Ästhetik propagiert, sondern eine bestimmte Art des Hinschauens, Zuhörens, Planens und Entwerfens, die die sehr unterschiedlichen Bedürfnisse und Wünsche der Menschen berücksichtigt, eine, die „den Reichtum unserer vielfältigen Lebensweisen auf der Welt“ verkörpert. Dabei geht es auch darum, wer in der Lage ist, diese Welt zu erbauen. Ein großer Teil der Arbeit von Matrix waren Publikationen, Anleitungen und Veranstaltungen zu Berufen, Aus- und Fortbildungswegen im Baugewerbe. Die Mitglieder der Kooperative, deren Zahl zwischen zwölf und 16 schwankte, erhielten alle das gleiche Gehalt. Als die Finanzierung durch den öffentlichen Sektor auslief, war das Modell immer weniger tragfähig. Die Matrix-Mitglieder wandten sich anderen Dingen zu – von der Wissenschaft über die Leitung von Restaurants bis zur Eröffnung eigener Architekturbüros. Aber ihr kurzer zündender Moment sollte künftige Generationen inspirieren. Insbesondere in den vergangenen Jahren wurde die Arbeit dieser Kooperative wiederentdeckt. Die Nachfrage ist so groß, dass Matrix’ wegweisendes, lange vergriffenes Buch von 1984, Making Space: Women and the Man Made Environment, dieses Jahr neu aufgelegt wird.

Der letzte Abschnitt der Ausstellung im Barbican präsentiert Architekt:innen, Künstler:innen und Filmemacher:innen, die den Geist der Kollektive weiterführen, wie die 1989 geborene Künstlerin Winnie Herbstein, die in Glasgow arbeitet. In ihrer Filminstallation Studwork (Fachwerk) von 2018 zertrümmert sie Klischeevorstellungen über Genderrollen bei handwerklichen Tätigkeiten mit der Abrissbirne. Gezeigt werden außerdem gesellschaftspolitisch motivierte Arbeiten von Architekturbüros wie Muf und Public Works, Lobbygruppen wie Part W und Black Females in Architecture und dem feministischen Designkollektiv Edit, das für die clevere Struktur der Ausstellung verantwortlich zeichnet. Auch wenn es keine vollen Geldtöpfe der öffentlichen Hand mehr gibt, werden hier Wege aufgezeigt, um Raum für ausgegrenzte, marginalisierte Stimmen zu schaffen.

In Matrix’ Worten: „Bewusst oder unbewusst arbeiten Designer:innen oder Planer:innen im Rahmen der Vorstellungen davon, wie die Gesellschaft funktioniert, wer oder was geschätzt wird, wer was macht und wer sich wohin bewegt.“ Die Frage ist: Wer wird einbezogen, wessen Werte werden priorisiert und welche Art von Welt wollen wir schaffen?

Info

Die Ausstellung How We Live Now ist noch bis zum 23. Dezember im Barbican Arts Centre in London zu sehen

Oliver Wainwright ist Architekturkritiker des Guardian

Übersetzung: Carola Torti

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06:00 30.06.2021
Geschrieben von

Oliver Wainwright | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

Ausgabe 24/2021

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