Der Mensch als Beute

Guantánamo Nach fast sechs Jahren kommt ein britischer Staatsbürger aus dem US-Straf­lager frei. Doch seine Erinnerungen verfolgen ihn weiter

Omar Deghayes erinnert sich noch an das kalte Gefühl von Fingern, die tief in seine Augäpfel stechen. Er hatte sich ein paar Gefangenen angeschlossen, die gegen eine neue Form der Demütigung protestierten. Sie sollten ihre Hosen ausziehen und in ihren Unterhosen umhergehen. Eine Gruppe von Wärtern kam in seine Zelle, um ihn zu bestrafen. Sie drückten ihn zu Boden und fesselten ihn mit Ketten. Dann nahmen sie ihm sein Augenlicht.

„Ich wusste nicht, was sie vorhatten, bis der Kerl seine Finger in meine Augen stieß und ich ihre Kälte spüren konnte. Da wusste ich: er will mir die Augen ausstechen“, erzählt Deghayes. Er hätte vor Schmerzen brüllen können, doch diesen Triumph wollte er seinen Peinigern nicht gönnen. Ein Offizier wies den Augenstecher an, härter zu stoßen. „Als er seine Finger herauszog, konnte ich nichts mehr sehen. Ich war auf beiden Augen blind.“ Deghayes wurde in eine Zelle geworfen, aus seinen Augen strömte eine zähe Flüssigkeit.

Auf seinem linken Auge kam die Sehkraft in den folgenden Tagen zurück, auf dem rechten Auge ist er noch immer blind. Seine Nase ist krumm (von den Schlägen der Wärter, wie er sagt) und über einen seiner Zeigefinger verläuft eine Narbe (eingeklemmt in eine Zellentür). Davon abgesehen wirkt er für einen, der über fünf Jahre in Guantánamo Bay eingesperrt war, verhältnismäßig unversehrt. Zwei Jahre nach seiner Entlassung spricht er ruhig; er hat die glatte Haut und das dichte Haar eines Mannes, der jünger ist, als seine 40 Jahre. Vor kurzem hat er wieder geheiratet. Zum ersten Mal hat er das Gefühl, an den Felsenklippen von East Sussex zu Hause zu sein.

Doch Deghayes muss bis ans Ende seiner Tage mit der Finsternis Guantánamos leben. Erinnerungen lauern überall. Guantánamo ist zwölf Monate nach Obamas Ankündigung, das Gefängnis innerhalb eines Jahres zu schließen, noch immer in Betrieb. Noch immer sind rund 200 Häftlinge in dem Lager, viele von ihnen seit acht Jahren. Von den 800, die freigelassen wurden, konnte nur einem eine Straftat nachgewiesen werden.

Deghayes will nicht vergessen. Er sagt, es gebe noch zu vieles, was die Öffentlichkeit über die Zustände dort erfahren muss.

Er ist eines von fünf Kindern eines libyschen Rechtsanwalts. Mit fünf Jahren reiste er das erste Mal von Tripolis nach England, um dort mit seinen Geschwistern Englisch zu lernen. Von da an verbrachte er jeden Sommer bei einer Familie in East Sussex. Dann, 1980, wurde sein Vater, ein Gaddafi-Gegner, abgeholt. Drei Tage später wurde Omars Onkel aufgefordert, die sterblichen Überreste seines Bruders in der Leichenhalle abzuholen. Die Familie war fortan Schikanen ausgesetzt, Omars Mutter beantragte in Großbritannien Asyl. Sie ließen sich in Saltdean, East Sussex, nieder und zogen in ein weißes Haus mit einer wunderschönen Aussicht über das Meer.

Flucht vor der Invasion

Deghayes wuchs säkular auf, erst während des Jura-Studiums wurde aus ihm ein praktizierender Muslim. Nach dem Abschluss wollte er nach Libyen zurück, doch mit seinem Namen war das unmöglich. So brach er zu einer Weltreise auf, um die arabische Kultur kennenzulernen. In Pakistan gefiel ihm, wie sich westliche und arabische Einflüsse mischten. Schließlich kam er nach Afghanistan.

Er verliebte sich in das Land und in eine Afghanin. Sie heirateten und bekamen einen Sohn. „Anfangs war es nicht einfach, den Menschen dort näher zu kommen. Aber wenn sie dich einmal kennen und mögen, dann öffnen sie dir ihre Herzen und ihre Türen“, erinnert sich Deghayes. In Afghanistan wurde sein Ehrgeiz geweckt. Er half beim Aufbau einer Schule in Kabul, unterstützte eine NGO, versuchte sich an einem gemeinnützigen landwirtschaftlichen Betrieb und exportierte Äpfel.

Doch Anfang 2002, als der Krieg der USA und ihrer Verbündeten in Afghanistan begann, fürchtete er um die Sicherheit seiner Familie. Er bezahlte Schlepper dafür, dass sie sie zurück nach Pakistan brachten. Er hoffte, seine Mutter könnte seine Frau und sein Kind bei sich in England aufnehmen, er selbst wollte zurück nach Afghanistan um weiter für die NGO und als Anwalt zu arbeiten. „Ich dachte zu diesem Zeitpunkt noch immer, dass ich nichts zu befürchten hätte – ich hatte doch nichts Unrechtes getan.“

Schließlich blieb er in Pakistan. Er mietete ein Haus in Lahore, „weit weg vom Krieg“. Aber dann setzten die Amerikaner in Pakistan Prämien aus, um Araber zu finden, die in Afghanistan gewesen waren. Plötzlich war er eine lukrative Beute. Eines Tages wurde sein Haus von Polizisten umstellt. Er wurde festgenommen, doch man brachte ihn nicht auf eine Polizeiwache. Stattdessen wurde er von schwer bewaffneten Wärtern zu Hotels und Villen mit gesicherten Räumen gefahren. Ein kafkaesker Alptraum begann.

Deghayes wurde ein Album mit Fotos von hunderten mutmaßlichen Terroristen gezeigt. Er sagt, er habe keinen auf den Bildern erkannt. Eines Morgens wurde er gefesselt, ein dünner, schwarzer Beutel wurde über seinen Kopf gestülpt, dann wurde er zum Flughafen gebracht. Dort wurde der Beutel abgenommen: Er fand sich vor einem Spiegel wieder, eingerahmt von zwei US-Soldaten, die ihn bewachten. Sie stülpten einen anderen Beutel über seinen Kopf und verschnürten ihn. Er fühlte sich schlimmer als der erste an. Deghayes hatte das Gefühl zu ersticken. „Er stank nach Käse oder alten Socken“, erinnert er sich. „Er war ein Anzeichen dafür, dass von nun an ein neues Regiment herrschen würde.“

Sie landeten auf dem Luftstützpunkt in Bagram. Hier wurden Deghayes die Kleider abgenommen. Er bekam eine blaue Uniform. Man verbot ihm, mit den anderen Häftlingen zu sprechen. Er wurde an Stacheldraht gefesselt, geschlagen und allen erdenklichen Demütigungen ausgesetzt. Deghayes verbrachte mehrere Monate in Bagram. „Es gab dort keine Regeln. Wer wollte, kam herein und trat, wen auch immer er nicht leiden konnte.“ Immer wieder wurde er in diesen Monaten von Beamten verhört. Er glaubt, sie waren Briten.

Die Vernehmer „erfanden eine Menge dummer Sachen“. Tauchstunden, die er in Saltdean genommen hatte, hielten sie für Teil einer terroristischen Ausbildung. „Die Amerikaner griffen das in Guantánamo auf. Das war ein Riesenproblem. Sie zeigten mir Bücher über militärisches Tauchen und Schiffe und Minen und fragten: ,Was haben Sie davon gesehen?‘ Die Briten behaupteten, er habe in Tschetschenien in Terrorcamps als Ausbilder gearbeitet und sagten, sie hätten Beweise auf Video.

Deghayes war niemals in Tschetschenien, er fand die Anschuldigungen lächerlich. Erst später erfuhr er, dass ein Video, das ihn angeblich in einem islamistischen Trainingslager in Tschetschenien zeigte, das Hauptbeweismittel der dünnen Anklage gegen ihn war. Die Behörden weigerten sich, Deghayes Anwalt, ­Clive Stafford Smith, eine Kopie des Videos auszuhändigen. Schließlich erhielt er eine von der BBC.

Schlimmste Erniedrigungen

Deghayes sei ganz offensichtlich Opfer einer Verwechslung geworden, sagt sein Anwalt. Die Person auf dem Video hat nicht die Narbe im Gesicht, die Deghayes seit Kindertagen trägt. Stafford Smith konnte nachweisen, dass der Mann auf dem Band eine andere Person ist, ein tschetschenischer Rebell namens Abu Walid, der inzwischen verstorben ist. „Die Erfahrung, die Deghayes gemacht hat, ist typisch für Guantánamo“, meint Stafford Smith. „Sie sagen, sie haben Beweise, aber sie lassen sie keinen sehen. Und wenn sie die Beweise offenlegen, dann stellen sie sich als falsch heraus.“

Deghayes wurde zwei Monate nach seiner Ankunft in Bagram im Herbst 2002 nach Guantánamo geflogen. Dort wurden die Häftlinge brutal behandelt. Deghayes erinnert sich daran, wie die Wärter sie fesselten und mit Scheinvergewaltigungen erniedrigten: „Sie legten dich auf den Bauch. Es war fürchterlich, dieses ganze sexuelle und psychologische Zeug.“ Bei anderen Gelegenheiten sollen die Wärter den Kopf eines Häftlings gepackt und gegen den Boden geschlagen haben.

Deghayes entwickelte seine eigene Strategie, um Widerstand zu leisten. Die Wärter kamen in der Regel zur Zelle eines Gefangenen und sprühten Pfefferspray durch die Luke in der Tür. Die meisten Gefangenen kauerten sich in die hinterste Ecke ihrer Zelle, Deghayes hingegen packte die Wärter an den Händen und griff sie an. Er wehrte sich so brutal wie er konnte, um den Kampf mit den Wärtern von der Zelle auf den Flur zu verlagern.

Erst ein Jahr, nachdem die Wache seine Augen misshandelt hatte, konnte Deghayes sehen, wie sehr sie gelitten hatten. Es war das erste Mal nach vier Jahren, dass er sein Spiegelbild sah. Er glaubt, dass ihm wegen seines Widerstands mehr Schmerzen zugefügt wurden, „aber ich habe gelassener reagiert als andere. Die Wärter hatten Angst in meine Zelle zu kommen.“ Dass er sich gewehrt hat, bereut er nicht: „Es ist besser, wenn man durch Schläge gedemütigt wird, als wenn man seine Hosen herunterlassen muss. Hätte ich das getan, dann hätte sich das alles in mir angestaut. Vermutlich wäre ich dann heute so wie viele andere Ex-Häftlinge – verbittert und voll Hass.“

Erst als Deghayes fast sechs Jahre in Guantánamo saß, nahm eine Kampagne für seine Freilassung Fahrt auf. Er wurde in all den Jahren nie angeklagt und nie verurteilt. Schließlich beantragte die britische Regierung im August 2007 seine Freilassung. Deghayes erzählt, er sei vor der Entlassung einen Monat lang mit Schokolade und Kuchen gemästet worden, damit er nicht so hager aussah.

Er ist dankbar für die Unterstützung, die er bekam, doch nach der Freilassung wurde seine Familie Opfer rassistischer Übergriffe. Monatelang schikanierten fremdenfeindliche Teenager seine Neffen und bewarfen ihr Haus mit Flaschen und Steinen. Die Übergriffe hörten urplötzlich auf, nachdem eine Gemeindeversammlung und Berichte in den Medien dafür sorgten, dass die Polizei, mit reichlicher Verspätung, eine Videokamera an einem der Fenster des Hauses anbrachte.

Die Haft zerstörte auch seine Ehe. Seine Frau schrieb ihm Briefe, doch sie wurden niemals zugestellt. Umgekehrt war es dasselbe. „Das ist grausam, nicht wahr? Es waren ganz gewöhnliche Briefe, wie ein Mann und eine Frau sie sich schreiben.“ Beide glaubten, der andere habe sie aufgegeben, sie ließen sich scheiden. Sie lebt nun bei ihrer Familie in Afghanistan. Sein Sohn Sulaiman lebt bei Deghayes Mutter in den Arabischen Emiraten.

Deghayes berät inzwischen andere ehemalige Guantánamo-Häftlinge. Er hofft, dass es eine öffentliche Untersuchung der Vorfälle in Guantánamo geben wird, damit seine Peiniger zur Rechenschaft gezogen werden. Er sagt, es ginge ihm nicht um Geld: „Ich sehe die Verhandlung als Chance, um alle, die diese Verbrechen begangen haben, zu entlarven und bloß zu stellen.“

Deghayes wirkt erstaunlich ruhig, doch sein Bruder Abubaker sagt, er könne an ihm Spuren eines Traumas erkennen: „Sein Gedächtnis ist nicht so gut wie früher. Er vergisst das Licht zu löschen. Wenn er ein Fenster öffnet, dann lässt er es offen stehen. Nachts ist er oft lange wach und denkt nach.“ Abubaker wundert es nicht, dass sein Bruder kaum Schlaf findet. „Man muss sich vorstellen wie das ist, wenn sechs Jahre lang Tag und Nacht das Licht brennt.“ Ist sein Bruder ein anderer Mensch geworden? „Viele Charaktereigenschaften, die er bereits hatte, scheinen heute noch ausgeprägter zu sein. Er ist rebellischer und kann Unterdrückung noch weniger akzeptieren als früher. Ich glaube diese Eigenschaften wurden tiefer in ihm verankert. Es ist ihnen nicht gelungen, sie aus ihm herauszuprügeln.“

Übersetzung: Christine Käppeler
11:00 22.02.2010
Geschrieben von

Patrick Barkham | The Guardian

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