Der neue Feind im Inneren

Ebola In Liberia wurde der Notstand ausgerufen. Die Ausbreitung des Virus droht indes, die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritte des Landes zunichte zu machen
Der neue Feind im Inneren
Ein Krankenpfleger befestigt Ende Juli ein Warnschild zur Ebola in einem Gesundheitszentrum in Monrovia

Foto: Stringer/ AFP/ Getty Images

Als meine 65-jährige Mutter vor kurzem im Büro meiner Stiftung vorbeischaute, hatte sie sich von Kopf bis Fuß in einen langen Wintermantel gehüllt. Zusätzlich trug sie noch eine Kopfbedeckung. Und das bei 28 Grad Celsius! Sie sagte, sie wolle sich damit zusätzlich gegen das Ebola-Virus schützen.

Als die Epidemie immer weiter um sich griff, drängte ich meine Eltern, Monrovia zu verlassen. Doch meine Mutter weigerte sich. Wer sollte sich denn dann um meine Urgroßmutter kümmern? Die Hundertjährige ist zu gebrechlich und ebenfalls zu stur, um ihre Wohnung und ihre gewohnte Umgebung zu verlassen.

Im vergangenen Jahr feierten wir voller Stolz den zehnten Jahrestag des Endes eines langen und blutigen Bürgerkrieges und blickten voller Zuversicht in die Zukunft. Die Wirtschaft hat sich erholt, die Kinder gehen zur Schule und viele Landsleute sind in ihre Heimat zurückgekehrt. Wenn ich im Ausland unterwegs bin und mich ausweisen muss, zeige ich meinen liberianischen Pass voller Stolz vor. Seitdem mit Ellen Johnson Sirleaf in Liberia zum ersten Mal in der Geschichte eine Frau zur Präsidentin eines afrikanischen Landes gewählt wurde und sie zusammen mit Tawakkol Karman und mir 2011 den Friedensnobelpreis erhielt, bringt man unser Land endlich wieder mit etwas anderem in Verbindung als mit Kindersoldaten und einen despotischen Alleinherrscher.

Jetzt aber sehen wir uns einem neuen Feind in unserem Inneren gegenüber. Die Infektionskrankheit droht alles, was wir in den vergangenen zehn Jahren erreicht haben, wieder zunichte zu machen. Seit dem Ebola-Ausbruch sind alle Schulen geschlossen. Die Krankenhäuser sind überfüllt und zwei Fluggesellschaften haben die Flüge nach Liberia eingestellt. Ebola ruft bei denjenigen, die den Krieg überlebt haben, ungute Erinnerungen wach. Wer den richtigen Pass hat, kann das Land verlassen. Wer über das nötige Geld verfügt, kann sich Seife und Schutzutensilien kaufen.

Ein normaler Alltag ist nicht mehr möglich. Die Kinder gehen nicht mehr in die Schule und viele verbarrikadieren sich in ihren Wohnungen. Meine tapferen Schwestern, die mit mir zusammen gegen den Bürgerkrieg demonstriert haben, sind wieder auf die Straße zurückgekehrt. Sie kommen in weißen T-Shirts zusammen, um gemeinsam zu beten und bieten Passanten Wasser an, damit sie sich die Hände waschen können.

Zunächst ist es uns nicht gelungen, angemessen auf die Krise zu reagieren. Es mangelte an den notwendigsten Dingen wie Handschuhen, Masken und Reinigungsmitteln, um grundlegende Hygiene-Standards aufrechterhalten zu können. Der US-Afrika-Gipfel, den Barack Obama in dieser Woche in Washington ausrichtet, unterstreicht, dass die Entwicklung Afrikas im Interesse aller Nationen ist. Doch am meisten Sorgen bereit mir, dass es auf lokaler Ebene an so vielem mangelt.

Ebola nimmt unsere medizinischen Ressourcen voll in Anspruch. Vor dem Ausbruch kamen weniger als 300 Ärzte auf 3,5 Millionen Menschen. Da sich jetzt alle um die Bekämpfung der Epidemie kümmern müssen, werden andere Krankheiten leicht übersehen und für Kinder und Ältere enden Krankheiten, die eigentlich heilbar sind, weitaus öfter tödlich. Die Krankenhausplätze fehlen auch für Entbindungen. So wurde vergangene Woche eine Freundin unserer Familie im Krankenhaus abgewiesen und konnte ihr erstes Kind nicht auf der Entbindungsstation zur Welt bringen.

Vor einem Monat erhielt das katholische Sankt Josefs Krankenhaus in Monrovia ein neues EKG-Gerät. Dann infizierte sich der Direktor des Hauses, Dr Patrick Nshamdze. Am vergangenen Samstag ist er gestorben. Jetzt ist das Krankenhaus geschlossen.

Die Menschen brauchen direkte finanzielle Unterstützung, um für ihre Familien Sorge tragen zu können. Die Regierung bemüht sich darum, so schnell wie möglich ein umfassendes Netzwerk zur Bekämpfung der Epidemie aufzubauen. So etwas hat es bisher in Liberia nicht gegeben. Die Krankheit kann erst dann gestoppt werden, wenn die Menschen die sie verstehen und die erforderlichen Hygiene und Sicherheitsmaßnahmen anwenden. Meine Stiftung hat mit dem Gesundheitsministerium zusammen zwei Informationsveranstaltungen für Gruppen aus ganz Liberia durchgeführt, auf denen wir Plakate und andere Informationsmaterialien verteilt und Gelder für Präventionsmaßnahmen und aufsuchende Hilfe zur Verfügung gestellt haben. Manche Gruppen waren bis zu acht Stunden unterwegs, um zu den Veranstaltungen zu kommen. Von staatlicher Seite wird getan, was möglich ist, aber jeder einzelne muss wachsam sein und seine Familie, seine Freunde und Nachbarn im Auge behalten.

Die Epidemie ändert die Art und Weise, wie wir uns um einander kümmern. Aber wir müssen auch die Kommunen mit den nötigen Ressourcen ausstatten. Eine nachlässige Reaktion der Regierung hat dazu beigetragen, dass die Krankheit sich weiter verbreiten konnte. Ein Ziel des US-Afrika-Gipfels besteht darin, sicherzustellen, dass die Regierungen über ausreiche finanzielle Mittel verfügen, um auf solche Herausforderungen reagieren zu können. Und auch die Menschen, die am stärksten gefährdet sind, sich mit Ebola anzustecken, brauchen Unterstützung. Liberia hat der Welt so viel mehr zu geben.

Leymah Gbowee ist liberianische Friedensaktivistin, Vorsitzende der Gbowee Peace Foundation und erhielt 2011 für ihr Engagement zusammen mit Ellen Johnson Sirleaf und Tawakkol Karman den Friedensnobelpreis

Übersetzung: Holger Hutt

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 07.08.2014
Geschrieben von

Leymah Gbowee | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 5518
The Guardian

Kommentare 4