Der Polit-Rocker

Porträt Jon Bon Jovi ist Frontmann einer der erfolgreichsten Bands aller Zeiten. Neben der Musik hat er aber noch eine weitere Leidenschaft: die Politik

Das Erste, das an ihm auffällt – er hat wahrhaft umwerfende Zähne. Sie sind weiß, gerade und es sind sehr viele. Wenn er sie fletscht, wirken sie beinahe bedrohlich. Auf der Bühne funktionieren sie brillant. Und auch im Gespräch setzt Jon Bon Jovi seine Zähne bewusst ein. Er lässt sie ohne Vorwarnung auf sein Gegenüber los – er lächelt urplötzlich breit und man ist von der Schönheit dieser Beißer wie hypnotisiert. Er hat die Zähne eines Superstars, keine Frage.

Und das ist ein Glück, denn von dort, wo ich gerade stehe, sieht der Rest von ihm aus wie ein faltiger Mann mittleren Alters in einem Holzfällerhemd. Ich treffe Jon Bon Jovi in São Paulo, im Konferenzraum einer teuren Hotelkette. Am nächsten Abend wird seine Band in einem ausverkauften Stadion 60.000 brasilianische Fans begeistern. An diesem Abend werde ich zunächst durch ein langes Spalier von Sicherheitsmännern in den überklimatisierten Konferenzraum geführt. Ich hatte mit Leder-und-lange-Haare-Sexappeal gerechnet – dem visuellen Kürzel für Rockgötter im Allgemeinen und Jon Bon Jovi im Besonderen. Doch ich sehe nichts als einen unscheinbaren Mann in einem Sessel. Erst als er die Sicherheitsmänner wegschickt („Ich fühle mich ohne euch wohler“), sich umdreht und den Charme seiner Zähne auf mich loslässt, erkenne ich, dass es Jon Bon Jovi ist.

Mehr als die Hälfte seines Lebens ist er bereits ein Rockgott. 1962 wurde er unter dem Namen John Francis Bongiovi in Perth Amboy, einer 50.000-Einwohnerstadt in New Jersey, geboren. Seine Eltern waren beide früher Marines gewesen. Sein Vater arbeitete dann als Friseur, die Mutter als Floristin. Bon Jovis Kindheit war von der Stabilität dieses Arbeitermilieus geprägt – und er wuchs in dem festen Glauben auf, eines Tages ein Rockstar zu werden.

Dachte er niemals, daraus könnte vielleicht nichts werden?

„Ich habe nie auch nur eine Minute daran gezweifelt.“

Vorbilder aus New Jersey

Als Teenager sang er in High-School-Bands und freute sich, wenn jemand eine gewisse Ähnlichkeit zu seinen Idolen Bruce Springsteen und Southside Johnny erkannte. Die lebten beide in New Jersey. „Du wusstest genau, da sind diese Typen, die keine 25 Minuten entfernt wohnen. Und sie leben diesen Traum.“

Mit 21 gründete er mit Gitarrist Richie Sambora, Bassist Alec John Such, Keyboarder David Bryan und Drummer Tico Torres die Band Bon Jovi. 1986 machte sie ihr drittes Album Slippery When Wet mit dem Song „Living on a Prayer“ zu Superstars. In den 24 Jahren seitdem hat die Band sich nie richtig zerstritten. Sie machten immer weiter, schrieben Songs und tourten. Ihre elf Studioalben haben sich über 120 Millionen Mal verkauft. Bon Jovi haben mehr als 2.700 Konzerte in rund 50 Ländern für geschätzte 35 Millionen Fans gegeben. Sie sind an einem Punkt angelangt, an dem sie bei Live-Konzerten nur noch von U2 und den Rolling Stones getoppt werden.

Aber als wäre das alles nicht genug, erscheint nun das zweite Greatest-Hits-Album der Band. Warum jetzt? Wollen sie eine kreative Pause einlegen, ihre Karriere reflektieren oder 25 Jahre Bon Jovi feiern?

„Eine Verpflichtung“, sagt Jon Bon Jovi knapp. „Nichts weiter als eine Verpflichtung.“ Vor zweieinhalb Jahren machte er mit Lucian Grainge, dem Chef seiner Plattenfirma Universal, einen Deal. Grainge erlaubte ihm ein ausschweifendes Country-Album in Nashville aufzunehmen. „Ich rief ihn an und sagte: ‚Ich will das machen.‘“ Stille, dann sagte Grainge: „Ich denke, wir sind an dem Punkt, wo du machen kannst, was dir gefällt. Aber könntest du mir einen Gefallen tun, wenn du damit schon mein Geld verplemperst? Könntest du mir dafür ein Greatest-Hits-Album geben?“ Das Country-Album Lost Highway verkaufte sich dann doch besser als beide dachten. Trotzdem hatte Bon Jovi dem Greatest-Hits-Album zugestimmt. Und das wird sich nun zweifellos massenhaft verkaufen.

„Ihre Fähigkeit, kommerziell erfolgreich zu sein, ist grenzenlos“, sage ich.

Er hält inne. Er ist sich nicht sicher, ob mein Kommentar als Seitenhieb zu verstehen ist. Bon Jovi steht für eine gewisse Sorte von Rock: soft, mädchenhaft und gefällig. Ihm fehlt das Raue, Kantige und die whiskygetränkte Glaubwürdigkeit der Rüpel-Rocker. Kritiker mögen die Band aus Prinzip nicht.

„Nun, wenn Sie das so sehen. Danke“, sagt er schließlich.

Ist ihm der kommerzielle Erfolg wichtig?

„Nein, aber er ermöglicht es, weiterzumachen. Und er bietet die Grundlage für viele andere Dinge, die Teil meines Lebens geworden sind. Ich glaube nicht, dass ich den gleichen Zugang zur Regierungspolitik hätte, wenn ich im Hauptberuf nicht so erfolgreich wäre.“

Überrascht es mich, dass Jon Bon Jovi ein politischer Aktivist ist? Irgendwie schon. Tiefgehende politische Überzeugungen scheinen mit seiner kantenlosen Variante des Rock nicht zusammenzupassen. Dabei ist er stark politisiert und Mitglied der Demokratischen Partei. 2004 tourte er ausgiebig, um John Kerry bei Wahlkampfveranstaltungen zu unterstützen. 2009 machte er intensiv Wahlkampf für Obama. Um Wahlkampfspenden zu sammeln, lud er Obama-Sympathisanten sogar zu sich nach Hause ein. Nach der Wahl trat er bei der Vereidigung des Präsidenten auf.

Seine Politisierung habe als Teenager begonnen, erzählt er. „Ich wuchs damit auf, dass Onkel Ronnie uns sagte, alles werde okay werden, weil Gorbatschow irgendwann die Mauer einreißen werde. Politisch gesehen war es eine romantische Zeit.“ Er habe damals an die Versprechen Ronald Reagans geglaubt. „Ich habe ihn 1980 gewählt. Es war das erste Mal, dass ich wählen durfte.“

Er hat Reagan gewählt?

„Klar! Ich war 18, wie hätte man da nicht beeindruckt sein können?“

Aber er ist ein bekennender Demokrat!

„Eisern. Das Umdenken geschah kurz darauf. Ich bin aufgewacht. Ich verließ die Schule, begann die Welt zu sehen und die Dinge etwas anders zu betrachten. Und mit der Zeit und der Erfahrung ...“

Ein Resultat seiner Wahlkampf-Unterstützung sei, so heißt es, dass er nun mit den Obamas gut befreundet sei.

„Befreundet? Nein, ich möchte nicht sagen, dass wir Freunde sind. Das wäre ein zu starkes Wort. Ich habe viele Politiker getroffen Bill, Al, Obama! Gerade heute habe ich E-Mails aus dem Weißen Haus bekommen.“ Was steht darin? „Dass das Weiße Haus mich für einen Sitz in einem Ausschuss in Erwägung zieht.“ Doch gleich darauf dementiert er mehrmals, irgendwelche politischen Ambitionen zu hegen. Früher hatte er mal gesagt, er wolle kein politisches Amt, denn früher oder später müsse man als Politiker den Privatjet und die Wohnungen zurückgeben – als Rockstar dürfe man sie behalten. Heute sagt er: „Es ist ein undankbarer Job, ein echter Scheiß-Job. Und ich ziehe den Hut vor den aufrichtigen Überzeugungen der Menschen, die ihn machen. Einige von ihnen haben wirklich unverfälschte Überzeugungen.“

Aber er scheint diese Überzeugungen auch zu besitzen, merke ich an. Er glaubt an soziale Gerechtigkeit. Vor vier Jahren hat er die Jon Bon Jovi Soul Foundation gegründet, eine gemeinnützige Organisation, die gegen Armut in den USA kämpft. Seitdem hat er viel Zeit in die Arbeit der Organisation gesteckt.

Jon Bon Jovi wäre ein geborener Politiker. Nicht zuletzt auch deswegen, weil er ein sehr herrischer Mann ist. Zweifellos ist er bei der Band der Boss. Seine Kollegen beschreiben ihn als solchen in einem Dokumentarfilm, der 2009 entstand. Jon Bon Jovi selbst bezeichnet sich als „CEO dieses Großkonzerns“. Er erledigt die Telefonanrufe und stellt die Setlists zusammen. Tritt er auch allen in den Hintern? „Oh yeah!“

Stört es ihn, dass die anderen weniger involviert sind, weniger Verantwortung tragen? Einigen Szenen aus dem Dokumentarfilm zufolge verbringen die Bandkollegen ziemlich viel Zeit damit, auf Yachten herumzuliegen und über Golfplätze zu schlendern, während er schuftet. Nervt das nicht? „Nein. Wenn Sie auf die Bandplakate schauen, wessen Name steht dort? Und ich war bereit, das als Anerkennung zu akzeptieren. Ich war das Kind, in dessen Zeugnis stand: ‚Kann nicht gut mit anderen spielen.‘“ Er lacht. „Ich könnte nicht mit der Situation klarkommen, dass ein anderer mein Schicksal kontrolliert.“

Ist er ein Kontroll-Freak?

„Ich bin ein großer Befürworter des Teams. Und ich teile das Geld und alle Auszeichnungen. Aber ...“

Er muss der Teamleiter sein? „Yeah.“

Ich frage mich, ob er wohl auch zuhause der Teamleiter ist. Jon Bon Jovi ist mit seiner Frau Dorothea seit 1989 verheiratet. Sie lernten sich in der Schule kennen und leben mit ihren vier Kindern heute in Manhattan. Ist er auch da der Boss?

„Ich bin weise genug, um zu erkennen, dass Frauen viel klüger sind als Männer – und dass sie die Welt beherrschen.“

Glaubt er das wirklich? Ist er Feminist?

„Yeah! Dass Männer und Frauen ungleich bezahlt werden, entzieht sich meinem Verständnis. Jeder Mann weiß – und wenn er das nicht sagt, ist er ein Lügner –, dass seine ganze Weisheit von seiner Mutter, seiner Frau und seinen Töchtern stammt.“

Wir sprechen über den Ruhm, die Fallstricke der Prominenz und das Älterwerden. Jon Bon Jovi ist jetzt 48 Jahre alt. Als junger Mann sah er unverschämt gut aus. Wie sehr war er sich dessen bewusst?

„Ihr habt mir ja dauernd versichert, ich sei süß.“

„Sie sind immer noch süß“, sage ich – und meine es so. So faltig Jon Bon Jovi auf den ersten Blick aussah, im Verlauf des Interviews ist er aufgewacht und hat sich wieder mehr dem Bild angenähert, dass ich vor unserem Treffen von ihm im Kopf hatte. Er hat immer noch attraktive Gesichtszüge. Er kichert. „Ich glaube Ihre Sehkraft lässt nach.“

Ist er eitel?

„Zumindest insofern, als dass ich glaube, dass ich im Moment furchtbar außer Form bin. Wenn wir ehrlich sind, habe ich zehn Pfund Übergewicht. Ich trinke zu viel – und ich bin zu Tode gelangweilt.

Hat das Älterwerden auch Vorteile?

„Früher sah man seine Eltern und andere ältere Leute und dachte: ‚Nein, ich will nicht so alt werden!‘ Aber es ist dann tatsächlich doch wesentlich besser, als zu sterben. Und es gibt viele Menschen meines Alters, die sterben.“

Prinzip Hoffnung

Gegen Ende des Gesprächs will ich noch einmal auf die Politik zurückkommen. Wie schlägt Obama sich seiner Meinung? „Nicht toll, ich will den Mann zurück, der die großartigen Reden gehalten hat. Ich will, dass dieser Typ wieder herauskommt. Mit den Räumlichkeiten im Weißen Haus muss er sich ja langsam auskennen. Ich glaube, er weiß, wo die Lichtschalter sind. Aber er sollte jetzt mal sagen: ‚Okay, das und das habe ich vor.‘ Und er sollte einfach mal aufstehen, auf den Tisch hauen und sagen: ‚Verdammte Scheiße!‘“

Glaubt er, Obama werde das tun?

„Ich hoffe es.“

Vierundzwanzig Stunden später steht Jon Bon Jovi auf der Bühne des Morumbi-Stadions in São Paulo und liefert über drei Stunden tosende, äußerst kommerzielle Rockmusik für eine große Menge hingerissener Brasilianer. Von dem faltigen Mann mittleren Alters ist nichts mehr zu sehen. Er ist jetzt ganz der Rockgott: Man sieht nur noch Leder, trainierte Oberarme und lange Haare. Obwohl es natürlich seine Zähne sind, die allem anderen die Show stehlen. Der Auftritt ist routiniert. Dass die Band keinen Soundcheck machte und die Setlist erst in letzter Minute entschieden wurde (Jon Bon Jovi bat brasilianische Journalisten bei der Pressekonferenz kurz vor dem Auftritt um Vorschläge) – was soll’s. Er versucht den Abend mit „Living on a Prayer“ als Zugabe zu beenden, aber die Menge fordert mehr, also legt er „Bed of Roses“ obendrauf. Er kann auf der Bühne Pausen großartig nutzen – es sind blauäugige, kopfnickende Momente, in denen er die Menge mit einer Art berechtigtem Respekt betrachtet.

Aber, das Problem ist: Ich kaufe ihm das nicht ganz ab. Technisch gesehen gibt es gegen die Bon-Jovi-Show nichts einzuwenden, überhaupt nichts. Sie lässt nicht nach, sie ist durch und durch gekonnt, keiner kommt ins Stocken. Und ich hatte ganz vergessen, wie sehr ich viele Songs liebe. Aber ich habe das Gefühl, dass Jon Bon Jovi dieses Konzert einfach abspult, die Bewegungen routiniert durchgeht. Als wir uns am Vorabend über Politik unterhielten, strahlte er viel mehr Überzeugungskraft und Engagement aus. Ich glaube, dass Jon Bon Jovis echte Leidenschaft heute der Politik gilt. Es wäre schade, wenn er beim Rock bliebe. Sollte es jedenfalls jemals dazu kommen, sollte er jemals für ein Amt kandidieren, dann würde ich ziemlich sicher Jon Bon Jovi wählen.

Polly Vernon ist stellvertretende Chef­redakteurin des Observer Magazine. Im Freitag erschien von ihr zuletzt ein Text über das Sex-App Grindr.

Jon Bon Jovi wurde am 2. März 1962 in Perth Amboy, New Jersey geboren. Auf der anderen Seite des Hudson, in New York, eröffnete sein Cousin Tony Bongiovi 1977 ein Plattenstudio. Als Teenager jobbte Jon Bon Jovi dort als Putzkraft und Mädchen für alles. Im Studio seines Cousins nahm er mit Sessionmusikern auch seinen ersten selbstgeschriebenen Song Runaway auf, mit dem er 1982 einen Radio-Nachwuchswettbewerb gewann. Er bekam einen Plattenvertrag angeboten und gründete mit David Bryan, Richie Sambora, Alec John Such und Tico Torres die Band Bon Jovi. Sie gingen zunächst als Vorband von Kiss auf Tour. Zum Headliner wurden Bon Jovi, nachdem sie mit ihrem dritten Album Slippery When Wet 1986 den weltweiten Durchbruch schafften.

Frontmann Jon Bon Jovi machte abseits der Musik in den letzten Jahren durch sein soziales Engagement und seine Wahlkampfhilfen für die Demokratische Partei auf sich aufmerksam. Es gibt hartnäckige Spekulationen, der Rockstar könnte in die Politik wechseln und dem Vorbild Arnold Schwarzeneggers folgend als Gouverneur seines Heimatstaats New Jersey kandidieren. jap

Übersetzung der gekürzten Fassung: Christine Käppeler

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13:00 11.11.2010
Geschrieben von

Polly Vernon | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 38/2020

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