Der Sänger als junger Held

London 88 Futuristisch-technologische Pantomine: DJ-Legende John Peel besuchte 1988 in London ein Konzert von Michael Jackson. Erst war er gelangweilt - dann begeistert

Das letzte Mal, als ich Michael Jackson in Wembley sah, war er ein winziges Fünftel der Jackson Five, süß und frühreif. Am Donnerstag kehrte er als Superheld zurück, überlebensgroß und außerirdisch seltsam wirkend, mit einer Show, wie ich sie in meinem Leben wohl nie wieder zu sehen bekommen werde.

Die Abendzeitung schrieb, auf dem Schwarzmarkt würden Tickets für das Jackson-Konzert für 150 Pfund das Stück verkauft. Die entmutigten scouser (Liverpooler), mit denen ich draußen sprach, hatten eine ganz andere Geschichte zu erzählen. Sie standen, so erfuhr ich, vor dem Ruin. Ich unterdrückte den Drang, ihnen ein paar Kupfermünzen zu geben und setzte meinen Marsch von jenseits der ausgeweiteten Auto-Abschlepp-Zone in Richtung Stadion fort. Den Flitzer hatte ich auf einem Gelände gelassen, das noch vor ungefähr einem Jahr wahrscheinlich aus Waldlichtungen und plätschernden, von Karpfen bevölkerten Bächen bestanden hatte.

Nachdem ich mit dem Fünf-Pfund-Tourneeprogramm und einer Packung einfacher Chips meinen Platz in Abschnitt 80 eingenommen hatte, lehnte ich mich entspannt zurück und wartete darauf, dass der Spaß losging. Überall um mich herum starrten die Leute durch Papp-Operngläser mit dem Bad-Logo auf die leere Bühne, während andere Bad-Logos an ihre Kleidung hefteten. Unter uns jubelten die zusammengepferchten Massen jedes Mal, wenn die Michael-Jackson-Pepsi-Werbung auf den Leinwänden seitlich der Bühne erschien.

Plötzlich stand da Michael Jackson

Um 18 Uhr johlten wir, als die Techniker sich auf ihre Plätze begaben. Fünf Minuten später gab es die erste von wenigen La-Ola-Wellen zu bejubeln. Eine Stunde später erschien der Radio 1-Moderator Gary Davies um uns zu fragen, ob wir „ready to boogie“ seien und dann um ein großes Wembley-Willkommen für Kim Wilde zu bitten.

Kim tat mir ein bisschen leid. Ähnlich dem Brötchen, mit dem wir geistesabwesend herumspielen, während wir auf unser Essen warten, musste sie es, wie die Boulevardblätter mit der üblichen leisen Insistenz immer wieder betonten, mit Michael Jackson aufnehmen. Und da stand sie auch schon, schwang ihren roten Schal und beugte sich möglichst oft nach vorn, damit die Kameras ihren Ausschnitt in Bild nehmen konnten. „Es ist toll hier zu sein,“ sagte sie. Nach ein oder zwei Songs entwickelte sich in unserer Reihe eine Diskussion über die Catering-Leute, die Lager-Bier und Cold Dogs austeilten und anscheinend die Farben des schottischen Fußballvereins Motherwell trugen. Sie blieb weitgehend ergebnislos.

In der Pause amüsierten wir uns, indem wir ab und zu aufsprangen, um Promis zu begaffen, die in dem glasverkleideten Banketsaal ankamen. Frank Bruno gefiel uns am besten. Dann ertönte plötzlich donnernde Musik von der Bühne, eine Batterie von Lichtern flammte über dem Publikum auf, und – kaum zu fassen – plötzlich stand da Michael Jackson.

„How ya doin’“, fragte er nach ein paar Hits. Nun, mir ging es so gut, wie es einem nur gehen kann, wenn man mit schmerzenden Füßen in einem kalten, feuchten Fußballstadion steht – aber wie ging es Michael? Die auf beide Leinwände projizierten Nahaufnahmen ließen nichts Gutes vermuten. Das berühmte ummodellierte Gesicht schimmerte etwas unmenschlich unter zu viel Rouge, und seine Performance war auf eigenartige Weise wenig mitreißend, obwohl wir sie aus so vielen Videos bis ins Letzte kannten.

Doch Michael brauchte offensichtlich ein paar Minuten um in Fahrt zu kommen. Es folgte ein Kostümwechsel auf den nächsten, die Lichteffekte wurden immer stürmischer und dann übernahm er mit einer Performance von beispielloser Virtuosität die Kontrolle. Mit viel Bühnenfertigkeit, für die er mit Sicherheit von James Brown gelernt hat – besonders unter Zuhilfenahme jenes Kunstgriffes, bei dem der Sänger den Song scheinbar beendet und gleichsam in einem Zustand emotionaler Krise wie eingefroren dasteht und nur die Lippen bewegt wie zum Gebet, bevor er noch einmal loslegt – führte Jackson seine allesamt furchterregend gedrillten und unverschämt gut aussehenden Tänzer, Sänger und Musiker durch etwas, das weniger eine Folge von Songs, als eine Folge von Szenen war. Das Ganze ähnelte einer futuristischen, technologischen Pantomine, in der Michael die Quintessenz aller jungen Helden spielte, einige der bekanntesten Lieder der Welt sang und mit einem derartigen Maß an Autorität, Timing und Energie tanzte, dass gern man die eine oder andere Wiederholung in Kauf genommen hätte.

Ich wünsche mir bloß, meine Kinder wären hier gewesen, um diese umwerfende Aufführung zu sehen. Sie hätten sie bestimmt niemals vergessen.

Michael Jackson 19582009

29. August 1958

Michael Jackson kommt als achtes von insgesamt zehn Kindern des Kranführers Joseph Jackson und dessen Frau, der Verkäuferin Katherine Jackson, in Gary (Indiana) zur Welt.

22. Dezember 1972

Ben, die zweite Solosingle von Michael Jackson, erreicht Platz 14 der südafrikanischen Charts. In den USA hat es das Wunderkind zu diesem Zeitpunkt schon auf die Titelseite des Rolling Stone geschafft und mit den Jackson Five sechs goldene Platten eingeheimst.

28. Mai 1975

Unter dem neuen Namen The Jacksons unterschreibt die Gruppe bei Epic Records. Damit endet die Motown-Ära von Jackson Five und Michael solo.

24. Oktober 1978

Premiere von The Wiz (Regie: Sidney Lumet). Erster Filmauftritt von Michael Jackson, an der Seite von Diana Ross, die eine Kindergärtnerin spielt.

5. Januar 1979

Prince, geboren am 7. Juni 1958 als Prince Roger Nisan, gibt vor rund 300 Zuschauern sein Live-Debüt in einem Theater in Minneapolis.

31. Dezember 1983

In der deutschen Jahreshitparade rangiert Michael Jackson mit Billie Jean auf Platz zwei. Hinter Geier Sturzflug mit Wir steigern das Bruttosozialprodukt und vor New Order mit Blue Monday.

1984, an einem Mittwoch in Berlin-Köpenick

Vor dem Plattenladen von Karl Jendrysik in der Grünstraße bildet sich eine Schlange: Thriller ist da. Die Lizenzausgabe für die DDR ist wie üblich bei der VEB Deutsche Schallplatten Berlin Amiga erschienen. Und wie üblich verteilt Jendrysik Pappmarken mit fortlaufenden Nummern an die Wartenden. Wer eine der Platten ergattert, kann auf der Rückseite des Covers einen Begleittext von Barbara Lammert lesen: Pläne im Kopf dieses Michael Jackson gibt es viele. Sein erster Film soll nicht der letzte bleiben. Musikalische Partner bieten sich immer häufiger an, Eddie [sic!]Mercury, Chef der Queen, ist nur einer von vielen.

19. Juli 1985

Otto der Film kommt ins Kino. Zu sehen ist auch eine Parodie auf das Musikvideo von Thriller. Otto läuft mit seiner Angebeteten über einen Friedhof. Plötzlich taucht er ab, um als Heino-Zombie wieder aufzutauchen. Statt der Thriller-Zombies rappt eine ganze Kompanie von Heinos: Schwarzbraun ist die Haselnuss, schwarzbraun bin auch ich. Jahn P. aus Berlin muss später immer an Heino denken, wenn er ein Video von Michael Jackson sieht.

26. September 1987

Michael Jackson tritt im japanischen Yokohama auf. Die Trackliste:

01. Intro

02. Wanna Be Startin Somethin

03. Things I do For You

04. Off The Wall

05. Human Nature

06. Heartbreak Hotel

07. Shes Out Of My Life

08. I Want You Back

09. The Love You Save

10. Ill Be There

11. Rock With You

12. Lovely One

13. Working Day And Night

14. Beat It

15. Billie Jean

16. Shake Your Boby

17. Thriller

18. I Just Cant Stop Loving You

19. Bad

Irgendwann 1996

Michael Jackson fängt an, öffentlich an über seine Kindheit zu sprechen.

15. Mai 2001

Für 6,5 Millionen Dollar wird bei Sothebys die Porzellanskulptur Michael Jackson and Bubbles ersteigert. Die Skulptur aus weißem Porzellan mit Blattgold zeigt einen lebensgroßen Michael Jackson mit einem Affen im Arm. Der Künstler Jeff Koons ließ die Skulptur drei Jahre zuvor für seine Banality-Serie anfertigen, als Jackson mit seinem Album Bad bis dahin unerhörte Popularität erreichte.

19. November 2002

Henry Ford, John D. Rockefeller, George W. Bush, Bill Clinton, Condoleeza Rice, Tiger Woods: traditionellerweise übernachten bedeutende Amerikaner im Hotel Adlon, wenn sie in Berlin sind. So auch Michael Jackson, der in der deutschen Hauptstadt weilt, um einen Bambi als greatest living pop-icon entgegenzunehmen. Einmal hält er seinen dritten Sohn Prince Michael II aus dem Fenster seiner Suite. Auf dem Foto, das um die Welt geht, entsteht der Eindruck, das Baby sei ihm beinahe aus den Händen gefallen. In ihrem lesenswerten Essay On Michael Jackson schreibt Margo Jefferson: Wenn ich an das berühmte Foto (...) denke, habe ich einen Kinderstar vor Augen, der auf Rache sinnt.

18. November 2003

Rund 70 Polizisten durchsuchen Jacksons Neverland-Ranch bei Santa Barbara. Am selben Tag erscheint in den USA die Platte Number One mit seinen größten Hits und einem neuen Song: One more chance.

25. Juni 2009

Michael Jackson stirbt in einem Krankenhaus in Los Angeles. Die genaue Todesursache ist derzeit noch ungeklärt.



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05:00 02.07.2009
Geschrieben von

John Peel, The Observer | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 41/2021

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