Der Sintflut widerstanden

Haiti Allen Erdbebenschäden zum Trotz wird ein architektonisches Erbe bewahrt und erhalten, das für die nationale Identität und Kultur des Erinnerns unverzichtbar scheint

Ich sitze auf der Veranda des Hotel Oloffson in Port-au-Prince und lasse den Blick über die friedlichen Gartenanlagen schweifen. Die Szene ist so idyllisch, dass man meinen könnte, hier habe sich seit hundert Jahren nichts verändert – zumindest nicht seit den Sechzigern, als diese weiß gestrichene Sehenswürdigkeit als Greenwich Village der Tropen bekannt war und Größen wie Truman Capote, Mick Jagger und Graham Greene beherbergte.

Heute – seit ein schweres Erdbeben dieses Land heimsuchte – sind wir ein anderes Bild Haitis gewöhnt. Und man muss sich auch nicht weit vom Oloffson entfernen, um auf Ruinen, Schutt und Zeltstädte zu stoßen. Der Präsidentenpalast ist immer noch ein Trümmerhaufen, den niemand angerührt hat, seit er zur Metapher des Infernos wurde. Es gab 230.000 Tote zu beklagen, 300.000 Gebäude wurden beschädigt – 1,5 Millionen Menschen sind noch immer obdachlos. Immerhin ist Port-au-Prince inzwischen auferstanden: Hafen, Airport und das Telefonnetz sind wieder in Betrieb, in den Schlagloch übersäten, mit Verkaufsständen gesäumten Straßen staut sich der Verkehr und man hört weniger von Notfallhilfe als von Wiederaufbau reden oder darüber, dass der ganz offensichtlich nicht stattfindet.

Kühle im Innern

Man kann sich jetzt vielleicht wieder der Schönheit der Vergangenheit Haitis erinnern. Das Land verfügt über ein außergewöhnliches architektonisches Erbe, das seine Geschichte als erstes, unabhängiges, von seinen schwarzen Einwohnern regiertes Land und einzige Nation, deren Unabhängigkeit durch eine erfolgreiche Sklavenrebellion erkämpft wurde, widerspiegeln. Doch sieht sich Haiti mit einem Dilemma konfrontiert: Einerseits muss das Land schnell wieder auf die Beine kommen, andererseits steht das Verlangen, Bindeglieder zur Geschichte zu erhalten. Es geht nicht nur um Architektur, die Obdach, Sicherheit und Funktionalität bietet, sondern mindestens ebenso um eine Kultur des Erinnerns, wenn dieses Land so viel verloren hat, um künftig noch viel mehr zu verlieren.

„Warum sollten wir tabula rasa machen, wenn wir so eine unglaubliche Geschichte haben – und Artefakte, die diese Geschichte erzählen?“, fragt Michele Pierre-Louis, Präsidentin von FOKAL, Haitis Stiftung für Wissen und Freiheit. Die ehemalige Premierministerin ist eine bemerkenswerte Frau, die sich dem – wie sie es nennt – „historisch Marginalisierten“ verpflichtet fühlt. Hierzu zählt sie nicht zuletzt die Architektur von Port-au-Prince, besonders die „Lebkuchenhäuser“, die diesen Namen ihrer reichen Fassadenverzierung verdanken. Das Oloffson ist eines der am besten erhaltenen Beispiele dieser für die Jahrhundertwende typischen lokalen Architektur.
Diese Häuser sind nicht nur schön. Ihre Bauweise ist auch optimal an die Bedingungen vor Ort angepasst. Die steilen Dächer, hohen Decken und umlaufenden Veranden, die hohen Türen und Fenster, die nicht mit Glas, sondern Jalousien mit Luftschlitzen verschlossen sind, bewahren die Kühle im Innern. Und dank ihrer biegsamen Holzgerüste haben sie ein Jahrhundert lang nicht nur Erdbeben, sondern auch Hurrikanen, Fluten und sintflutartigen Regenfällen standgehalten.

„Man findet die Lebkuchen-Verzierungen zwar auch andernorts, aber wegen des Klimas und der ungezwungenen Interpretation des Stils haben sie hier eine offenere und spielerische Erscheinung angenommen, die sie einzigartig haitianisch macht“, sagt der amerikanische Architekt Randolph Langenbach, der zu einem Expertenteam gehört, das im Vorjahr 200 „Lebkuchenhäuser“ begutachtete, die in die Beobachtungsliste gefährdeter Architektur des World Monument Funds aufgenommen wurden.

Bei dem Erdbeben wurden – im Gegensatz zu 40 Prozent der Gesamtbebauung der Hauptstadt – weniger als fünf Prozent dieser Häuser zerstört, was Langenbach zu der Annahme verleitet, sie könnten als Modelle für künftige erdbebensichere Bauweisen dienen. Als nächstes soll eines der Häuser in ein Schulungsprojekt für Restaurierung umgebaut werden. „Ich hoffe all die Menschen, die noch in Zelten leben, werden sich diese Häuser ansehen, wenn sie fertig sind“, sagt Pierre-Louis, „und erkennen, dass sie auch ihnen gehören.“

Verbogene Reste

Wie als Beweis der Rolle, die Architektur für eine nationale Identität haben kann, prangt auf einem Berg im Norden des Landes die größte Festung der westlichen Hemisphäre, die Zitadelle Laferriere. Der haitianische General Henri Christophe, der sich später zum König erklärte, ließ sie nach der Unabhängigkeit des Landes 1804 erbauen. Das unbezwingbare Bauwerk zeugt nicht nur vom technischen Können der Haitianer, auch von ihrer Entschlossenheit, nie wieder Sklaven zu sein. Die Wände sind beinahe vier Meter dick, die Befestigungswälle 40 Meter hoch, in den Zisternen kann Wasser für ein Jahr gespeichert werden. Darunter finden sich die Ruinen von Sans-Souci, dem Palast Christophes – eine extravagante Fusion europäischer Stile.

Monique Rocourt-Martinez vom haitianischen Denkmalschutz Ispan zufolge ist der Koloss „das größte Monument schwarzer Freiheit in den Americas.“ Die Zitadelle und der Palast werden nun endlich geschützt und restauriert. Die UNESCO erkannte sie als „universelles Symbol der Freiheit“ und erklärte das Gebiet 1978 zur Stätte des Weltkulturerbes. Rocourt-Martinez: „Die Menschen Haitis müssen sich unbedingt ihres Erbes und ihrer Traditionen entsinnen, um endlich zu einer Nation zu werden.“

Einfach war es nie, die Kluft zwischen Haitis inspirierender Vergangenheit und der verzweifelten Gegenwart zu überbrücken. Ein Sanierungsprojekt jedoch gibt Anlass zur Hoffnung: Der Eisenmarkt in Port-au-Prince, ein hübsches Bauwerk aus dem 19. Jahrhundert, das zu den beliebtesten Gebäuden des Landes zählte und dessen Bild auf den haitianischen Geldscheinen abgedruckt ist. Vor einem Jahr waren nur noch verbogene und verrostete Reste davon übrig. Zur Hälfte war der Eisenmarkt schon 2008 von einem Feuer zerstört worden – das Erdbeben erledigte den Rest. Nun ist das Monument vollständig wiederhergestellt und wurde von Bill Clinton eröffnet.

Der Eisenmarkt wurde ungefähr zur selben Zeit wie der Eiffelturm in Paris entworfen und gebaut, die verbauten vernieteten Platten und die expressive Bauart mit den neoklassischen Schnörkeln sind von ähnlich heroischen Ästhetik. Die zwei symmetrischen, durch einen Pavillon verbundenen Hallen waren ursprünglich für Kairo bestimmt, wodurch sich auch die islamisch anmutenden Minarette erklären, fanden dann aber irgendwie den Weg nach Haiti, wo sie 1892 errichtet wurden. Heute, frisch gestrichen in rot und grün, ragt der Eisenmarkt aus den Ruinen der ehemaligen Stadtzentrums von Port-au-Prince schon von weitem sichtbar heraus. Seine Wiedererrichtung bringt nicht nur architektonisches Erbes zurück, sondern auch einen lebhaften Markt, der hoffentlich die Regeneration der Innenstadt ankurbeln wird.

Der für den Wiederaufbau verantwortliche Architekt John McAslan, dessen Firma gemeinsam mit der Clinton Global Initiative und anderen Partnern, das einzige von der Regierung genehmigte Programm für einen permanenten Wohnungsbau koordiniert, erklärt, dass es zwar unmöglich war, den gesamten Eisenmarkt in seinem ursprünglichen Zustand wiederherzustellen, aber immerhin genug Schmiedearbeiten aus der niedergebrannten Nordhalle geborgen werden konnten, um die vergleichsweise intakt gebliebene Südhalle zu restaurieren. Hierzu mussten in mühevoller Handarbeit von einem lokalen Künstler Tausende Metallstücke entbogen und in Stand gesetzt werden. Mit Stahl aus den Vereinigten Staaten wurde dann eine von Grund auf neue Nordhalle gebaut. Auch wenn dieser Flügel die zarten Verzierungen seines originalen Gegenstücks vermissen lässt, ist im Inneren doch die gleiche Leichtigkeit und Großzügigkeit erreicht worden. Die pragmatische Herangehensweise unterstreicht die Dringlichkeit des Projektes, die Komposition aus Neuem und Alten erscheint irgendwie angemessen: Die Gestalt der Dinge, die da kommen werden.

Übersetzung der gekürzten Fassung: Zilla Hofman

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16:30 12.01.2011
Geschrieben von

Steve Rose | The Guardian

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