Der Sport im Stimmbruch

Emanzipation In Großbritannien kommentiert eine Frau Fußball. „Unpassend“ finden das manche – reine Gewohnheitssache, meint die Sportjournalistin Georgina Turner

In dem „You tell us“-Thread der Meinungs- und Debattenplattform des GuardianComment is Freewurde die Frage aufgeworfen, ob Frauen grundsätzlich dazu geeignet sind, Männersport zu kommentieren. Als Sportjournalistin, die glücklicherweise nie in die Versuchung kam, ihr Glück im Rundfunk zu versuchen, zuckte ich bei der Frage erst einmal zusammen wie eine Schnecke, die auf einen Klumpen Salz trifft. Wenn aber, 12 Jahre, nachdem Gabby Logan zum ersten Mal die ITV-Sendung On the Ball moderiert hat und drei Jahre, nachdem ein Schrei der Empörung ertönte, weil Jacqui Oatley zum ersten Mal das Match of the Day kommentieren durfte, eine solche Frage überhaupt noch gestellt wird, sollten wir sie vielleicht doch noch einmal in aller Ausführlichkeit erörtern.

Männliche Talente

Der Mensch, der die Frage aufgeworfen hatte, sprach zwei entscheidende Punkte an: Erstens, ob die weiblichen Kommentatorenstimmen „unpassend“ klingen, und zweitens, ob es ihnen an professioneller sportlicher Erfahrung mangelt, wie er ihnen unterstellt. Ich werde mit dem zweiten Punkt beginnen, weil er leicht entkräftet werden kann: Der Kommentator Peter O’Sullivan hat sich nie seinen Lebensunterhalt mit Reiten verdient, Bill McLaren musste seine frühe Rugby-Karriere wegen seiner Tuberkulose aufgeben. Einige der prominentesten Fußballmoderatoren Großbritanniens – Brian Moore, Peter Jones, John Motson und Martin Tyler – haben nie in einer Profiliga gespielt und John Arlott lachte nur, als man ihm sagte, seine Spielberichterstattung hätte durch eine Profi-Karriere als Kricketspieler hinzugewinnen können. Wenn Barry Davies und David Coleman in allen Sportarten, die sie schon für uns kommentiert haben, Erfahrungen aus erster Hand und erster Klasse hätten, handelte es sich bei ihnen in der Tat um bemerkenswerte Männer.

Diese Kommentatoren stehen an der Spitze ihrer Zunft, weil sie so begeisterungsfähig sind und so viel wissen, weil sie das Drama und die Details in der Live-Berichterstattung so leidenschaftlich vermitteln können, aufgrund ihres Humors und des Metrums ihrer Performance – das im Falle Arlotts oft nicht von literarischer Dichtung zu unterscheiden ist. Grundsätzlich wissen sie alle, was ihr Beruf erfordert: mit sorgfältig gewählten Worten farbenprächtige Bilder zu malen, wie Jacqui Oatley erklärt.

Diese Qualitäten besitzt man entweder von Natur aus (Jones kam durch Zufall zum Kommentieren und seine souveräne Präsentation brachte ihm umgehend Weltmeisterschaftsspiele ein), oder man kann es sich durch Übung aneignen. Fast alle anderen, die oben erwähnt wurden, haben ihre Erfahrungen bei Lokalsendern gemacht, bevor sie in die erste Liga aufgestiegen sind. Ohne Zweifel gibt es großartige Kommentatoren, deren Erfahrung als Profisportler ihren Äußerungen mehr Gewicht verleiht – Peter Alliss und Richie Benaud haben den Maßstab im Golf und Kricket gesetzt –, aber selbst Benaud, der in weiten Kreisen als der beste britische Sport-Kommentator überhaupt gilt, hat sich bei der BBC ausbilden lassen, bevor er sich ans Mikrofon gesetzt hat.

Auf dieser Liste steht keine Eigenschaft, die eine Frau im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen nicht mitbringen könnte. Das kann also nicht als Argument verwendet werden. Wenn sie sich immer noch „unpassend anhören“, dann tun sie dies vermutlich in derselben Weise, wie die ersten britischen Studentinnen von 1876 irgendwie „unpassend“ aussahen, weil sie die ersten 1.400 Semester verpasst hatten.

Unter den in diesem Artikel aufgelisteten Namen finden sich „die Stimme des Rugbys“, „die Stimme des Krickets“, „die Stimme des Golfs“ und „die Stimme des Rennsports“. Die Geschichte der Sport-Kommentare ist geprägt durch die Männer, die seit Jahren moderieren. So erklärte eine 2001 von Sprachtherapeuten verfasste Studie den legendären BBC-Kommentator John Motson, genannt Motty, „zur allerersten Blaupause für Kommentare“. Dessen Stern ist mittlerweile zwar etwas gesunken, an der Schablone hat sich indes nicht viel geändert. Barney Ronays Beschreibung des von den Engländern geliebten Motson, dieser sei ein „Marktschreier, der uns mit Fußball-Brocken anrülpst“, ist für Frauen, die skeptische Zuhörer davon überzeugen wollen, dass sie keine feindlichen Eindringlinge sind, keine große Hilfe.

Schwerer Stand für weibliche Stimmen

Und genau darin besteht das Problem. Die Authentizität der Kommentatorinnen liegt im Auge von Betrachtern, die die vergangenen 50 oder 60 Jahre damit zugebracht haben, Männern dabei zuzuhören, wie sie über Männer reden – und auch über Frauen, um genau zu sein. Um von den Zuhörern ernst genommen zu werden, müssen weibliche Kommentatoren den schmalen Grat beschreiten, es ihren männlichen Kollegen gleichzutun, ohne bei der Nachahmung zu weit zu gehen. Was sie von den Männern grundsätzlich unterscheidet und auch ganz individuell ausmacht, wird ihnen im Gegensatz zu den Männern nicht als Beleg ihrer Individualität und Authentizität ausgelegt, sondern vielmehr künstlich betont und als fremd klassifiziert. Wenn Frauen sachkundig klingen, wird ihnen vorgeworfen, sie hätten sich ihr Wissen nur „angelesen“ oder „auswendig gelernt“. Kennen sie nicht jeden Spieler der vergangenen 100 Jahre mit Vornamen, wissen sie nicht, wovon sie reden. Wenn Murray Walker über einen Eckball in schrille Verzückung gerät, macht er sich damit zur Legende, Jacqui Oatleys Freude über ein spektakuläres Tor hingegen wird als „Gekreische“ diffamiert.

„Es wird immer Menschen geben, die den Klang einer weiblichen Stimme einfach nicht mögen und ich würde mich durch ein solch persönliches Geschmacksurteil nicht beleidigt fühlen“, sagt Alison Mitchell, die für die BBC vier Jahre lang Kricket-Spiele kommentiert hat, bevor sie sich eine Auszeit nahm. „Wenn Leute sagen, Frauen wüssten nicht, wovon sie reden, dann haben die schlicht keine Ahnung. Die Anzahl professioneller weiblicher Sport-Journalisten kann dies eindeutig widerlegen.“

Selbstverständlich können Frauen Männersport kommentieren. Was wir hören, ist nicht allein davon abhängig, wie gut sie dies machen, sondern in erster Linie davon, was wir davon halten, dass sie es machen.

Übersetzung: Holger Hutt

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16:30 08.06.2010
Geschrieben von

Georgina Turner | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

Ausgabe 42/2021

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