Jason Burke
22.03.2016 | 18:58 34

Der Terror aus der Nachbarschaft

Anschläge in Brüssel Terroristen schlagen oft dort zu, wo sie über ein umfangreiches Netzwerk verfügen. Vieles deutet darauf hin, dass dies auch in Belgien der Fall war

Der Terror aus der Nachbarschaft

Ein Polizist im Brüsseler Stadtteil Molenbeek

Foto: THIERRY MONASSE/AFP/Getty Images

Ein Vergeltungsschlag? Der Beweis für eine neue Zelle und die Unfähigkeit der Sicherheitskräfte? Ein Indiz dafür, dass das Netzwerk um Salah Abdeslam, dem logistischen Kopf der Anschläge von Paris, der am Freitag in Brüssel verhaftet wurde, noch immer funktioniert? Oder – angesichts der Tatsache, dass wir nach wie vor nur wenige Details über die Ereignisse von heute Vormittag kennen – nichts von alledem?

Die Explosionen in Brüssel führen mehrere wesentliche Punkte vor Augen.

Erstens: Die Bedrohung, die militante Islamisten für Europa darstellen, kann zunehmen oder abnehmen, aber sie verschwindet nicht einfach dadurch, dass ein einziger Akteur verhaftet wird, egal wie intensiv zuvor nach ihm gefahndet wurde. Der „große Schlag“, von dem führende Politiker am Freitag nach Abdeslams Verhaftung sprachen, wirkt heute schon nicht mehr ganz so groß.

Zweitens: Sowohl Terroristen als auch diejenigen, die versuchen, sie aufzuhalten, wollen die Initiative behalten. Das hat einen praktischen und einen psychologischen Aspekt. Die mit der Terrorismusbekämpfung betrauten Behörden versuchen, so schnell an Informationen zu gelangen, dass sie Razzien durchführen und die Verdächtigen dingfest machen können, noch bevor diese überhaupt Zeit haben, darüber nachzudenken, wer von ihnen aufgeflogen ist oder wer geredet haben könnte – geschweigedenn, bevor sie einen neuen Anschlag planen können. Unter solch gnadenlosem Druck fallen Netzwerke schnell auseinander, wie sich vor zehn Jahren im Irak gezeigt hat.

Die Terroristen wollen zeigen, dass sie noch immer in der Lage sind, Terror zu verbreiten, Anhänger zu mobilisieren und mit Gewalt zu polarisieren. Dabei geht es weniger um Rache, als vielmehr einfach um den Nachweis der eigenen Handlungsfähigkeit: Man ist zwar angeschlagen, aber noch nicht aus dem Spiel.

Es ist auch sehr gut möglich, dass das Terrornetzwerk zuschlagen wollte, bevor die Sicherheitsbehörden mithilfe von Informationen, die Abdeslam preisgegeben haben könnte, in der Lage sind, ihrerseits die Initiative zu ergreifen. Von Abdeslam weiß man, dass er davor zurückschreckte, sich in die Luft zu sprengen – vielleicht gingen seine ehemaligen Mitverschwörer davon aus, dass er nach seiner Verhaftung mit den Behörden kooperieren würde.

Belgiens Außenminiser Didier Reynders erklärte am Sonntag, Abdeslam habe gegenüber den Ermittlern geäußert, einen erneuten Anschlag in der Hauptstadt geplant zu haben. „Er war bereit, in Brüssel wieder etwas anzufangen. Das kann durchaus der Wahrheit entsprechen, denn wir haben bei den Untersuchungen viele Waffen gefunden, schwere Waffen, sowie ein neues Netzwerk um ihn herum in Brüssel entdeckt“, so Reynders.

Dieses Netzwerk könnte in der Lage gewesen sein, zu handeln, bevor es von den Sicherheitskräften hochgenommen werden konnte. Möglicherweise gehören zu diesem Netzwerk zwei weitere Männer, die im Verdacht stehen, bei den Pariser Anschlägen eine entscheidende Rolle gespielt zu haben und die seit November auf der Flucht sind.

Einer von ihnen ist der 31 Jahre alte Mohamed Abrini, ein Belgier mit marokkanischen Wurzeln. Er verschwand, nachdem er in den Verdacht geriet, bei den Anschlägen im November eine maßgebliche logistische Rolle gespielt zu haben. Er ist ein Freund von Abdeslam aus Kindertagen – ihre Familien lebten früher Tür an Tür im Brüsseler Stadteil Molenbeek, aus dem mehrere der Pariser Attentäter stammen. Abrini wird auf seinem vor vier Monaten ausgestellten internationalen Haftbefehl als „gefährlich und wahrscheinlich bewaffnet“ beschrieben.

Die Polizei fahndet außerdem nach einem Verdächtigen, der bis vor kurzem unter dem Decknamen Soufiane Kayal polizeilich bekannt war, nun aber von belgischen Ermittlern als Najim Laachraoui identifiziert wurde. Von ihm wird angenommen, dass er 2013 nach Syrien gereist ist. Als er am neunten September an der ungarisch-österreichischen Grenze kontrolliert wurde, legte er falsche Papiere vor, die auf seinen Decknamen ausgestellt waren. Er reiste zusammen mit Abdeslam und Mohamed Belkaïd, einem 35-jährigen Algerier, der am Dienstag bei einer Polizeirazzia in Brüssel erschossen wurde. Die drei Männer hatten sich als Touristen ausgegeben, die nach Wien wollten, um dort ihren Urlaub zu verbringen. Sie hatten keinen Verdacht erregt.

Doch das Netzwerk wird viele weitere Mitglieder umfassen. Die lange Zeit, die Abdeslam flüchtig war, zeigt, dass sich Dutzende, wenn nicht noch mehr Kontaktpersonen um ihn gekümmert haben müssen. So sieht die Realtität des islamistischen Extremismus in Europa aus. Sie besteht nicht aus sogenannten einsamen Wölfen oder Einzeltätern, sondern aus einer kleinen, aber nicht unerheblichen Anzahl von Leuten, die fest in größeren Communities oder Vierteln verwurzelt sind.

Diese Leute teilen entweder die extremistischen Ansichten der Attentäter, oder sind zumindest bereit, sie aus Freundschaft, aufgrund familiärer Bindungen oder einer Mischung aus beidem zu unterstützen. Studien haben gezeigt, dass ein beträchtlicher Anteil der militanten Islamisten mit anderen aus seinem engsten Umfeld spricht und Andeutungen über seine Pläne macht.

Manche aus dem Umfeld gehen zur Polizei. Französischen Medien zufolge soll ein Tipp aus der Community die Sicherheitskräfte in der vergangenen Woche zu Abdeslam geführt haben. Andere tun das nicht.

Für die Sicherheitskräfte besteht ein Problem darin, dass Personen, die militante Islamisten zunächst lediglich unterstützt haben, ohne selbst Gewalt anzuwenden, unter bestimmten Umständen, wie etwa der Verhaftung eines wichtigen Mitgliedes oder Befehlen von höherrangigen, möglicherweise aus dem Ausland kommenden Kommandeuren, leicht und schnell selbst zu Bombern und Schützen werden können.

Trotz der weltumspannenden Vision der extremistischen Idelogien und der Selbstdarstellung von Gruppen wie dem Daesh oder al Qaida als international agierende Organisationen, ist ein solcher Aktivismus dennoch auf entscheidende Weise lokal.

Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte waren an fast allen Angriffen und Anschlägen in Europa Einheimische beteiligt, die mit Material und Waffen, die sie vor Ort besorgt hatten, lokale Ziele angriffen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass dies auch in Brüssel der Fall ist.

Übersetzung: Holger Hutt

Kommentare (34)

Moorleiche 23.03.2016 | 10:00

Hallo Fremder.

Einheimische?“

Ja, zuweilen sind es auch Einheimische, ohne Migrationshintergrund. Guck Dir doch mal die Islamistenszene an, das Interview was Todenhöfer mit IS-Kämpfern führte oder die bekannten deutschen Köpfe der Bewegung. Aber wie auch immer. Selbst wenn man heute alle Wege nach Europa dicht machen würde, so bleibt das Problem noch immer, die Ausgrenzung und vor allem die Perspektivlosigkeit bestimmter sozialer Klassen, die sich mitunter in regional abgegrenzten Bezirken und Stadtteilen sammeln.

Selbst wenn man den offen rassistischen Ansatz vertritt, dass man doch alle Migranten der letzten Generationen ausweisen sollte, würden, wenn das gelänge und man mal die lästigen Detailfragen ausblendet, wie das logistisch gehen soll usw. noch das klitzekleine Problem der europäischen Variante des demographischen Wandels auf uns zukommen, eine massive Überalterung, bei der nicht klar ist, wie zukünftig die Renten finanziert werden sollen und wie die wenigen Kinder das schaffen sollen. Leider werden diese „Problemchen“ bei den Schnellschuss-Antworten gerne ausgeblendet.

Reinhold Schramm 23.03.2016 | 10:31

Eine notwendige Bemerkung.

Rentenfinanzierung ist keine Frage der Anzahl der Menschen zur Finanzierung der Renten, sondern eine Frage nach den Eigentumsverhältnissen. In Folge der weiteren Entwicklung der qualitativen Produktivität und Wertschöpfung bedarf es eines politischen Eingriffs in die privaten (ökonomischen) Eigentumsverhältnisse an den gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsmitteln. Die gesellschaftliche Wert- und Mehrwertschöpfung aus der materiellen Produktivität muss der privaten Eigentums- und Verfügungsgewalt entzogen werden. Die materielle Produktivität -- auf allen Ebenen der (ökonomischen) Wert- und Mehrwertschöpfung -- muss in Gemeineigentum überführt werden. Damit lassen sich alle sozialen und kulturellen Aufgaben der Gesellschaft einvernehmlich und (zukünftig) dauerhaft lösen. So auch die auskömmliche und menschenwürdige (-humanistische-) materielle und kulturelle Versorgung unserer älteren Bürgerinnen und Bürger: unabhängig von deren Herkunft, Geschlecht und Hautfarbe.

Moorleiche 23.03.2016 | 10:50

Hallo Reinhold Schramm.

Rentenfinanzierung ist keine Frage der Anzahl der Menschen zur Finanzierung der Renten, sondern eine Frage nach den Eigentumsverhältnissen.“

Das kann sein, aber ich traue mir nicht zu, das einzuschätzen. Auf jeden Fall ist es auch eine Frage der Anzahl, denn ansonsten müsste man bestimmte Klassen überproportional belasten. Kann man ja machen, mich würden nur vorher die Effekte interessieren, weniger die Symbolpolitik.

In Folge der weiteren Entwicklung der qualitativen Produktivität und Wertschöpfung bedarf es eines politischen Eingriffs in die privaten (ökonomischen) Eigentumsverhältnisse an den gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsmitteln.“

Was heißt das konkret?

Die gesellschaftliche Wert- und Mehrwertschöpfung aus der materiellen Produktivität muss der privaten Eigentums- und Verfügungsgewalt entzogen werden. Die materielle Produktivität -- auf allen Ebenen der (ökonomischen) Wert- und Mehrwertschöpfung -- muss in Gemeineigentum überführt werden.“

Auch hier würde ich um zwei, drei Beispiele bitten und was das konkret für den Arbeitslosen, den Harzer, die Putzfrau, den mittleren Angestellten, die Angestellter der Autoinsdustrie, die Anwalt, den Arzt usw. bedeutet.

Damit lassen sich alle sozialen und kulturellen Aufgaben der Gesellschaft einvernehmlich und (zukünftig) dauerhaft lösen.“

Welches Land geht oder ging so vor und wie sind oder waren die Erfolge?

So auch die auskömmliche und menschenwürdige (-humanistische-) materielle und kulturelle Versorgung unserer älteren Bürgerinnen und Bürger: unabhängig von deren Herkunft, Geschlecht und Hautfarbe.“

Woher sollen die Menschen kommen, die die Älteren zukünftig versorgen? Pflegenotstand ist heute schon.

Manfred Fröhlich 23.03.2016 | 17:58

Solange wir nicht die langfristigen Terror-Ursachen angehen, wird es "diesen Terror" geben:

Wir Europäer "terrorisieren" gewissermaßen die Welt. Wir "vernichten" die Völkervielfalt wie die Artenvielfalt und die Umwelt.

Wir erklären "unsere Werte" als das Maß aller Dinge und wir diskriminieren "die Werte fremder Völker" in einem Atemzug, unter Hinweis auf "unsere Menschenrechte", die wir selbst nicht einhalten.

"Der Terror aus der Nachbarschaft" ist "Der Terror der Weltgeschichte".

Moorleiche 24.03.2016 | 07:50

Sie wollen vorgeblich diskutieren, aber den für Sie schützenden Tellerrand der bürgerlichen Gesellschaft nicht verlassen.“

Weiß nicht. Im Moment habe ich den Eindruck, dass Sie den Rückzieher machen, also nicht diskutieren wollen.

Ich würde unsere Gesellschaft nicht vollkommen umpflügen, weil ich mich mit einem guten Teil identifizieren kann, Sie nicht?

Worüber wollen Sie reden, über die Verschönerung der bestehenden kapitalistischen Verhältnisse?“

Im Grunde, ja. Der Zwang, dass der Kapitalismus in einer moderaten Form ins Chaos für, hat sich mir nie erschlossen und in halte einen an die politische Kette gelegten Kapitalismus für das Wirtschaftssystem, was ich mir zur Zeit am besten vorstellen kann. Ich bin zwar der Meinung, dass der Kapitalismus in zu vielen Bereichen von der politischen Leine gelassen wurde und inzwischen eher die Regierungsarbeit übernommen hat, aber die Kritik teilen ja die meisten hier. Ich kenne zwar auch einige der Visionen, wie schön erst alles werden wird, wenn dies und das verändert wird, aber leider erinnere ich mich da auch an den einen oder anderen real existierenden Versuch.

Womit wir beim Thema Terror wären, der viele Wurzeln hat. Ich halte es für genauso verfehlt, die „Schuld“ allein irgendwo in der Wüste zu suchen, wie allein bei unserer Art und Weise zu leben. Wenn wir uns an die eigene Nase packen wollen, meinetwegen, aber dann würde mich interessieren, ob Sie denn tatsächlich alles an unserer Lebensweise ablehnen? Und dann eben auch, wodurch Sie das, was Sie gerne ändern möchten ersetzen wollen und was dafür spricht, dass das nicht nur auf dem Papier klappt.

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Ehemaliger Nutzer 27.03.2016 | 05:34

"Der Zwang, dass der Kapitalismus in einer moderaten Form ins Chaos führt, hat sich mir nie erschlossen und in halte einen an die politische Kette gelegten Kapitalismus für das Wirtschaftssystem, was ich mir zur Zeit am besten vorstellen kann."

Der Zwang ist deshalb unvermeidlich, weil die privaten Besitzverhältnisse an den wichtigsten Produktions- und Finanzmitteln und die daraus folgende Kumulation des Kapitals ohne die von @Reinhold Schramm geforderte Vergesellschaftung nicht aufgehalten werden kann.

Wenn Sie die Hoffnung haben, dass dies allein mit der in Praxi scheindemokratischen bürgerlichen Demokratie gezügelt werden kann, so wissen Sie doch selbst, dass Geld, also das immer mehr kumulierende Kapital in immer weniger Hände dies zu verhindern weiß. Schauen Sie sich einfach nur um und studieren Sie die Zahlen, die diese sich von Jahr zu Jahr fortschreitende Machtkonzentration und die damit verbundene Käuflichkeit nachweisen.

Moorleiche 27.03.2016 | 10:15

Wie unkreativ.

Vielleicht ist das Geld morgen nichts mehr wert, vielleicht organisieren sich andere Formen des Miteinanders, vielleicht sitzt man irgendwann auch Goldbarrren und tauscht sie 1 zu 1 gegen Kartoffeln, vielleicht gehört den Dienstleistungen, einer noch unbekannten Online-Währung, Regiogeld oder wem oder was auch immer die Zukunft.

Vielleicht erlebt man die Grenzen des monetär Möglichen (gab's da nicht so'n Buch) und und und.

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Ehemaliger Nutzer 27.03.2016 | 14:32

"... vielleicht organisieren sich andere Formen des Miteinanders, ..."

Ja genau, darum geht es, denn von Miteinander kann man ja gegenwärtig nicht reden.

Aber "organisieren sich" klingt ja wie "von allein". Es wird nur revolutionär gehen, weil die gegenwärtigen Widersprüche sich ins für die Mehrheit Unerträgliche steigern werden. Revolution heißt Umwälzung und ohne Kreativität wird da nichts umgewälzt werden.

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Ehemaliger Nutzer 27.03.2016 | 17:46

Jede Revolution in der bisherigen Geschichte auf der gesamten Welt kam immer als etwas daher, woran vor allem die Masse der Menschen nicht gedacht hat. Nur manche Denker und Vorrreiter hatten den Knall vorherkommen sehen.

Und zufällig daran war meist nur der Anlass, nicht aber die Reife dafür.

Als Teilnehmer an der friedlichen Revolution 1989 spreche ich da aus Erfahrung. :-)

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Ehemaliger Nutzer 27.03.2016 | 23:14

Sogar Ihre eigene Existenz, dass sie, wenn man mal nur von den gröbsten raumzeitlichen Parametern ausgeht, in diesem Universum, hier auf der Erde, in Europa und in dieser Jahrtausendwendezeit sich vollzieht, beruht schon auf vier unglaublichen Zufällen. Auch wenn man nicht drauf steht.

Die einzige von den genannten vier zufälligen Gegebenheiten, der Sie entfliehen können, ist unter den gegenwärtigen Umständen Europa. Das ist die Kunst, die Zufälle zu erkennen, an denen man selbst was ändern kann. Die anderen muss man hinnehmen und einkalkulieren.

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Ehemaliger Nutzer 28.03.2016 | 01:23

Gesetzmäßigkeiten sind Reihenereignisse, bei denen bisher niemand einen "Ausreißer" beobachtet hat. Wird über einen solchen Ausreißer berichtet, dann wird er für gewöhnlich als "Wunder" oder "unerklärliches Phänomen" bezeichnet.

Ein Gedankenexperiment dazu:

Jeder, der lange genug Roulette spielt, wird unweigerlich auf eine sehr lange Reihe sich wiederholender Ereignisse "Rot" treffen. Sich dagegen zu wehren und auf "Schwarz", womöglich gar mit progressierendem Einsatz zu setzen, weil das ja demnächst "wieder dran" sei, wird von den Mathematikern als "Gamblers Fallacy" bezeichnet, die zum Ruin führt:

https://de.wikipedia.org/wiki/Spielerfehlschluss

Die längsten bisher im eigenen Leben begegneten Serien gleicher Farbe berichten aktive Spielsüchtige in Größenordnungen von ca. 28 mal hintereinander "Rot" bzw. "Schwarz".

Die längste bisher in der Casino-Geschichte aufgetretene Serie wird aus dem Jahre 1924 in Monte Carlo mit 83 x hintereinander "Schwarz" berichtet. Schon eine intelligente Eintagsfliege, die dabei anwesend war, wird von einem Naturgesetz ausgehen, dass beim Roulette immer "Schwarz" herauskommt.

Dabei ist es egal, ob man sich auf diesen Bericht verlassen kann oder nicht. Es wird irgendwann eine solche Serie unweigerlich auftreten. Und zwar für jede noch so große Länge. Die Mathematiker können berechnen, wie lange dafür die Casinos ackern müssen.

Um z.B. einmal eine Serie von 1000 mal hintereinander "Rot" zu erleben, kann der Mathematiker ausrechnen, wieviele Jahre oder Jahrhunderte lang gespielt werden muss. Es ist unweigerlich, dass solch eine Serie erscheint. Offen ist nur, wann sie erscheint. Denn eine Serie von 1000 mal "Rot" ist exakt ganz genauso wahrscheinlich wie eine "natürlich aussehende" ganz konkrete andere Roulettefolge.

Und das gilt für jede beliebige andere noch längere Serienlänge.

Denken wir nun an ein Multiversum mit unendlich vielen Universen. Unendlich viele Universen bedeutet, dass es jede Roulettefolge, die es mathematisch geben kann, auch geben wird. Und zwar unweigerlich tatsächlich jede. Und das aus reinen Wahrscheinlichkeitsgründen.

Eine Teilmenge aller unendlich vielen Roulettefolgen sind dann diejenigen, die sämtlich nur aus der Farbe "Rot" bestehen.

Entwickeln sich in einem der Universen aus dieser Teilmenge intelligente Beobachter einer solchen Roulettefolge, werden sie das Werfen von ununterbrochenem "Rot" bzw. "Schwarz" als selbstverständliches Naturgesetz betrachten, obwohl es, wie oben beschrieben ein von Mathematikern berechenbarer reiner Zufall ist.

In einem Universum, wo eine ebenfalls während des Beobachtungszeitraums auftretende andere "Rot"-Serie abläuft, die ein einziges Mal durch das Ereignis "Schwarz" unterbrochen wird, werden die Aliens von einem Wunder sprechen.

Nun gehen wir mal von diesem Gedankenexperiment aus und betrachten unser Universum mit all den Zufälligkeiten, Gesetzmäßigkeiten und gelegentlich berichteten Wundern, dann wird uns klar, dass alles von vorn bis hinten mit einem einzigen dieser Phänomene, nämlich dem Zufall erklärt werden kann.

Nicht umsonst zerbrechen sich die Forscher derzeit den Kopf über die Viele-Welten-Theorie, die sogar die rätselhaften Quantenphänomene erklären könnten, nämlich als zwar zufällige, aber komplett erscheinende Realisationen des gesamten Möglichkeitsspektrums.

Moorleiche 28.03.2016 | 09:36

Hallo Bernhard Wettig.

Vielen Dank, für die interessanten Ausführungen. Ich halte nicht viel von der Viele-Welten-Theorie, schon weil die an dieser Stelle nicht das erklärt, was sie zu erklären vorgibt. Eine Kette selektiv anderer Einzelereignisse in ansonsten identischen Blasen des gedachten Multiversums verkennt ja schon wieder das, worum es bei der Multiversum-Theorie auch geht. Dass nämlich alles ganz anders sein könnte, inklusive der vermeintlichen Naturgesetze.

Das Wörtchen Zufall besagt ja auch nicht zwingend, dass es keinerlei Gesetzmäßigkeiten gäbe, sondern evtl. nur, dass wir sie nicht kennen. Die Idee, dass wir in einer Welt leben könnten, in der „Zufall“ mehr bedeutet, als dass hier gerade Gesetzmäßigkeiten wirken, die wir nicht überschauen, ist noch mal eine andere Kategorie und wird „echter Zufall“ genannt.

Wir wissen genau, wie die Halbwertzeit eins radioaktiven Isotops ist, was wir nicht wissen, ist, welches Neutron als nächstes emittiert. Echter Zufall würde bedeuten, dass Ereignisse gar nicht auftreten würden.

Das angeschnittene Problem verweist auf die Frage, was eine Statistik über den Einzelfall aussagt. Das ist gar nicht so leicht, wie man anfangs denkt. Denn das Gedankenexperiemt mit der Welt in der immer nur rot beim Roulette fällt, bekommt ja gerade dadurch seinen Reiz, dass man davon ausgeht, alles andere in dieser Welt sei wie bei uns. Und wenn man davon ausgeht, dass wirklich alles andere wie bei uns ist, dann müsste es den Forschern dieser Welt höchst sonderbar vorkommen, dass immer nur rot fällt und sie würden es keineswegs als Naturgesetz durchwinken.

Wir können das ja mal gesondert diskutieren, hier sind wir etwas off topic.

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Ehemaliger Nutzer 28.03.2016 | 14:58

Ist das off topic, wenn wir beide der vernünftigen Aufforderung folgen, beim Thema Terrorismus nicht in Panik und Angststarre zu verfallen, sondern Gelassenheit zu demonstrieren?

Gelassener als wir beide kann man gar nicht sein. :-)

Wie heisst es vielfach?: "Das Leben soll unbeeindruckt, furchtlos und standhaft weitergehen."

Ich bin dennoch einverstanden, der Mahnung @IBANs zu folgen.

Nordlicht 28.03.2016 | 16:12

Ihren Satz

Wir Europäer "terrorisieren" gewissermaßen die Welt.

halte ich für unklar. Meinen Sie "den Westen" (einschliesslich USA/Kanada/Australien)? Meinen Sie EU-Europa? Geht es um heute? Meinen Sie die koloniale Geschichte seit 1492? Was war die "islamische Expansion" ab 630 und war die europäisch-christliche Rückeroberung von Spanien bis Griechenland auch "Terror"?

Und, gesetzt den Fall, dass Sie das heutige EU-Europa meinen: Ja, die Zollverträge mit afrikanischen Ländern sind unfair. Ja, in der EU werden unsere Bauern subventioniert und (zB) die ägyptischen Erdbeer-Produzenten leiden. Ja, der Export von Waffen in arabische Länder (- und auch von Bespitzelungseinrichtungen zB nach Saudi Arabien und Ägypten) sollte aufhören.

Aber sind Sie der Ansicht, dass dann IS und andere Islamisten ihren Kampf für ein weltweites Kalifat aufgeben würden?