Der Terror aus der Nachbarschaft

Anschläge in Brüssel Terroristen schlagen oft dort zu, wo sie über ein umfangreiches Netzwerk verfügen. Vieles deutet darauf hin, dass dies auch in Belgien der Fall war
Der Terror aus der Nachbarschaft
Ein Polizist im Brüsseler Stadtteil Molenbeek
Foto: THIERRY MONASSE/AFP/Getty Images

Ein Vergeltungsschlag? Der Beweis für eine neue Zelle und die Unfähigkeit der Sicherheitskräfte? Ein Indiz dafür, dass das Netzwerk um Salah Abdeslam, dem logistischen Kopf der Anschläge von Paris, der am Freitag in Brüssel verhaftet wurde, noch immer funktioniert? Oder – angesichts der Tatsache, dass wir nach wie vor nur wenige Details über die Ereignisse von heute Vormittag kennen – nichts von alledem?

Die Explosionen in Brüssel führen mehrere wesentliche Punkte vor Augen.

Erstens: Die Bedrohung, die militante Islamisten für Europa darstellen, kann zunehmen oder abnehmen, aber sie verschwindet nicht einfach dadurch, dass ein einziger Akteur verhaftet wird, egal wie intensiv zuvor nach ihm gefahndet wurde. Der „große Schlag“, von dem führende Politiker am Freitag nach Abdeslams Verhaftung sprachen, wirkt heute schon nicht mehr ganz so groß.

Zweitens: Sowohl Terroristen als auch diejenigen, die versuchen, sie aufzuhalten, wollen die Initiative behalten. Das hat einen praktischen und einen psychologischen Aspekt. Die mit der Terrorismusbekämpfung betrauten Behörden versuchen, so schnell an Informationen zu gelangen, dass sie Razzien durchführen und die Verdächtigen dingfest machen können, noch bevor diese überhaupt Zeit haben, darüber nachzudenken, wer von ihnen aufgeflogen ist oder wer geredet haben könnte – geschweigedenn, bevor sie einen neuen Anschlag planen können. Unter solch gnadenlosem Druck fallen Netzwerke schnell auseinander, wie sich vor zehn Jahren im Irak gezeigt hat.

Die Terroristen wollen zeigen, dass sie noch immer in der Lage sind, Terror zu verbreiten, Anhänger zu mobilisieren und mit Gewalt zu polarisieren. Dabei geht es weniger um Rache, als vielmehr einfach um den Nachweis der eigenen Handlungsfähigkeit: Man ist zwar angeschlagen, aber noch nicht aus dem Spiel.

Es ist auch sehr gut möglich, dass das Terrornetzwerk zuschlagen wollte, bevor die Sicherheitsbehörden mithilfe von Informationen, die Abdeslam preisgegeben haben könnte, in der Lage sind, ihrerseits die Initiative zu ergreifen. Von Abdeslam weiß man, dass er davor zurückschreckte, sich in die Luft zu sprengen – vielleicht gingen seine ehemaligen Mitverschwörer davon aus, dass er nach seiner Verhaftung mit den Behörden kooperieren würde.

Belgiens Außenminiser Didier Reynders erklärte am Sonntag, Abdeslam habe gegenüber den Ermittlern geäußert, einen erneuten Anschlag in der Hauptstadt geplant zu haben. „Er war bereit, in Brüssel wieder etwas anzufangen. Das kann durchaus der Wahrheit entsprechen, denn wir haben bei den Untersuchungen viele Waffen gefunden, schwere Waffen, sowie ein neues Netzwerk um ihn herum in Brüssel entdeckt“, so Reynders.

Dieses Netzwerk könnte in der Lage gewesen sein, zu handeln, bevor es von den Sicherheitskräften hochgenommen werden konnte. Möglicherweise gehören zu diesem Netzwerk zwei weitere Männer, die im Verdacht stehen, bei den Pariser Anschlägen eine entscheidende Rolle gespielt zu haben und die seit November auf der Flucht sind.

Einer von ihnen ist der 31 Jahre alte Mohamed Abrini, ein Belgier mit marokkanischen Wurzeln. Er verschwand, nachdem er in den Verdacht geriet, bei den Anschlägen im November eine maßgebliche logistische Rolle gespielt zu haben. Er ist ein Freund von Abdeslam aus Kindertagen – ihre Familien lebten früher Tür an Tür im Brüsseler Stadteil Molenbeek, aus dem mehrere der Pariser Attentäter stammen. Abrini wird auf seinem vor vier Monaten ausgestellten internationalen Haftbefehl als „gefährlich und wahrscheinlich bewaffnet“ beschrieben.

Die Polizei fahndet außerdem nach einem Verdächtigen, der bis vor kurzem unter dem Decknamen Soufiane Kayal polizeilich bekannt war, nun aber von belgischen Ermittlern als Najim Laachraoui identifiziert wurde. Von ihm wird angenommen, dass er 2013 nach Syrien gereist ist. Als er am neunten September an der ungarisch-österreichischen Grenze kontrolliert wurde, legte er falsche Papiere vor, die auf seinen Decknamen ausgestellt waren. Er reiste zusammen mit Abdeslam und Mohamed Belkaïd, einem 35-jährigen Algerier, der am Dienstag bei einer Polizeirazzia in Brüssel erschossen wurde. Die drei Männer hatten sich als Touristen ausgegeben, die nach Wien wollten, um dort ihren Urlaub zu verbringen. Sie hatten keinen Verdacht erregt.

Doch das Netzwerk wird viele weitere Mitglieder umfassen. Die lange Zeit, die Abdeslam flüchtig war, zeigt, dass sich Dutzende, wenn nicht noch mehr Kontaktpersonen um ihn gekümmert haben müssen. So sieht die Realtität des islamistischen Extremismus in Europa aus. Sie besteht nicht aus sogenannten einsamen Wölfen oder Einzeltätern, sondern aus einer kleinen, aber nicht unerheblichen Anzahl von Leuten, die fest in größeren Communities oder Vierteln verwurzelt sind.

Diese Leute teilen entweder die extremistischen Ansichten der Attentäter, oder sind zumindest bereit, sie aus Freundschaft, aufgrund familiärer Bindungen oder einer Mischung aus beidem zu unterstützen. Studien haben gezeigt, dass ein beträchtlicher Anteil der militanten Islamisten mit anderen aus seinem engsten Umfeld spricht und Andeutungen über seine Pläne macht.

Manche aus dem Umfeld gehen zur Polizei. Französischen Medien zufolge soll ein Tipp aus der Community die Sicherheitskräfte in der vergangenen Woche zu Abdeslam geführt haben. Andere tun das nicht.

Für die Sicherheitskräfte besteht ein Problem darin, dass Personen, die militante Islamisten zunächst lediglich unterstützt haben, ohne selbst Gewalt anzuwenden, unter bestimmten Umständen, wie etwa der Verhaftung eines wichtigen Mitgliedes oder Befehlen von höherrangigen, möglicherweise aus dem Ausland kommenden Kommandeuren, leicht und schnell selbst zu Bombern und Schützen werden können.

Trotz der weltumspannenden Vision der extremistischen Idelogien und der Selbstdarstellung von Gruppen wie dem Daesh oder al Qaida als international agierende Organisationen, ist ein solcher Aktivismus dennoch auf entscheidende Weise lokal.

Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte waren an fast allen Angriffen und Anschlägen in Europa Einheimische beteiligt, die mit Material und Waffen, die sie vor Ort besorgt hatten, lokale Ziele angriffen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass dies auch in Brüssel der Fall ist.

Übersetzung: Holger Hutt

18:58 22.03.2016
Geschrieben von

Jason Burke | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

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