Der Tod in den Minen

Pakistan In Belutschistan fahren auch Kinder ein, um Kohle aus dem Berg zu brechen. Die Zustände sind infernalisch

Ich weiß aus meiner Zeit im Bergbau von mindestens 20 Männern, dass sie unter der Erde gestorben sind“, erzählt Luqman Shakir, 24-jähriger Minenarbeiter aus Swat in der pakistanischen Provinz Khyber Pakhtunkhwa. Besonders sei man durch unterirdische Explosionen bedroht oder könne durch Methangas vergiftet werden. Auch komme es vor, dass Minenwände einstürzten, weil sie ungenügend abgestützt seien.

Vor neun Jahren suchte Shakir als 15-Jähriger nach seiner ersten Lohnarbeit, kam bis Belutschistan und blieb. Seither ist er Minenarbeiter. „Es sterben oft Leute, weil Schächte einbrechen, dann brauchen wir manchmal 24 Stunden, um sie herauszuholen, da es keine Maschinen gibt, um den Schutt wegzuräumen; wir sind auf uns allein gestellt.“ Über den Minen von Belutschistan schwebt das Schreckgespenst des Todes.

Shakir wischt über sein vom Kohlenstaub geschwärztes Gesicht und seufzt. „Wenn wir sie herausziehen, sind ihre Körper oft so zerquetscht und entstellt, dass man sie nicht einmal erkennt. Jedes Mal, wenn ich runter in den Schacht fahre, habe ich im Hinterkopf, vielleicht siehst du die Welt hier oben nie wieder.“ Seit Jahren will Shakir keinen Sonnenuntergang mehr gesehen haben. Sechs Tage in der Woche fährt er vor Sonnenaufgang ein und kehrt erst nach Einbruch der Dunkelheit zurück. Und den Sonntag schläft er durch. „Die Sommer hier sind erstickend.“ Weil er arm und ungebildet ist, sieht er keine Alternative: „Das ist jetzt mein Leben und wird es bleiben.“

Kein Trinkwasser

Die ersten, die im rohstoffreichen Belutschistan Kohle abbauten, waren Mitte des 19. Jahrhunderts die Briten. Auf sie geht auch die Eisenbahntrasse zurück, die bis heute in Betrieb ist, um Kohle bis in die tückische Bergwelt zu transportieren. Seither hat sich der Kohleabbau zu einer enormen Industrie entwickelt. In seinen fünf großen Revieren – Mach, Shahrag, Dukki, Chamalng und Quetta – verfügt Belutschistan über Vorkommen, die auf 2,2 Milliarden Tonnen geschätzt werden. Mindestens 15.000 Tonnen werden pro Tag gefördert und im Schnitt für 14.000 Pakistan-Rupien (etwa 74 Euro) pro Tonne verkauft, nicht zuletzt für die Steuerkassen ein Geschäft. Die Provinzregierung kassiert pro Tonne umgerechnet 69 Cent.

Allein in den Kohleminen von Mach arbeiten geschätzte 20.000 Menschen, darunter häufig Kinder im Alter zwischen 9 und 16 Jahren, die unter Tage Kohle sortieren, Eisen sammeln oder Kohlestücke aufheben müssen, wenn sie von den Loren fallen. „Viele dieser jungen Burschen sind Waisenkinder“, meint der Sozialwissenschaftler Asif Qambrani, der sich mit der Bergbauindustrie Belutschistans beschäftigt hat.

In der Mine in Shahrag hocken der 15-jährige Noor Mohammed Marri und der neunjährige Gul Zaman Marri auf dem Boden und entfernen Rückstände von frisch abgebauter Kohle. Sie verdienen zwischen 300 und 400 Rupien (1,60 bis 2,10 Euro) am Tag. „Mein Vater ist bei einem Unfall gestorben, daher habe ich niemanden mehr außer ein paar älteren Verwandten. Einer davon arbeitet hier“, erzählt Noor. „Ich stehe unter seiner Aufsicht und könnte kaum überleben, würde ich nicht hier arbeiten.“ Es gab zuletzt immer wieder Berichte über den sexuellen Missbrauch von Kindern in den Minen von Shahrag. Noor versichert, er selbst sei nicht betroffen, doch habe er Angst um die Jüngeren in der Mine, die keinen aus der Familie hätten, der auf sie aufpasst. Auch wer gegen sexuelle Übergriffe geschützt ist, leidet unter fehlender Gesundheitsvorsorge und Sicherheit sowie einem brutalen Arbeitsregime. Die Arbeit in den Bergwerken wurde oft seit Jahrzehnten nicht modernisiert, sodass von moderner Sklaverei zu reden, durchaus angebracht ist. Erwachsene Bergleute verdienen umgerechnet fünf Euro am Tag.

Das erste Bergbaugesetz des Landes wurde 1923 verabschiedet und schreibt vor, dass in Minen mit mehr als Hundert Arbeitern Kantinen, Schutzräume, medizinisches Gerät und Erste-Hife-Räume vorhanden sein müssen. In den Minen in Mach und Shahrag ist davon nichts zu sehen. In Mach ziehen sich die Bergleute in einem Lehmgebäude um, mehr als zehn teilen sich jeweils einen Raum. Es gibt weder Strom noch fließendes Wasser für eine Waschkaue, geschweige denn Duschen oder Trinkwasser.

Die Lage wird dadurch verschärft, dass viele Arbeiter aus dem Swat-Tal oder aus dem benachbarten Afghanistan kommen, also nicht offiziell registriert sind. Wer durch ein Unglück im Berg bleibt, kann daher leicht unter den Tisch gekehrt werden. Laut Bergbaugesetz sollten alle Arbeitsverhältnisse beim Unternehmen dokumentiert sein, doch kontrollieren die Behörden nie oder selten. „Die meisten Minenbesitzer oder Pächter sind einflussreiche Leute in Karachi und Lahore. Sie halten die Minen seit Jahrzehnten als Familienbesitz, sind aber nie vor Ort, um sich die Bedingungen selbst anzusehen. Oder es handelt sich um Politiker oder Clanfürsten, die in der Provinzregierung sitzen“, sagt Sozialwissenschaftler Asif Qambrani. „Warum sollten sie auf eine Registratur der Bergleute drängen? Sie müssten dann auf mehr Arbeitsschutz achten. Es würde den Profit schmälern.“

Viele Mitglieder des Provinzparlaments sind entweder selbst Minenbesitzer oder verfolgen beim Thema Kohleabbau eigene Interessen, wie Jam Kamal Khan, sowohl Chefminister der Region als auch Minister für Bergbau, der jedes Gespräch ablehnt.

Nach Angaben der Pakistan Central Mines Labour Federation sterben pro Jahr im Schnitt bis zu 200 Arbeiter bei Unfällen unter Tage, doch werden viele Havarien gar nicht erst gemeldet. Im Januar musste ein Bergmann in Mach über 48 Stunden ausharren, bevor er ausgegraben werden konnte. Im Februar starben vier Arbeiter bei einem Erdrutsch in Duki. Wie die offizielle Statistik besagt, kamen seit 2010 mindestens 414 Minenarbeiter ums Leben, doch dürfte die tatsächliche Zahl höher sein.

Angst vor der Staublunge

Die gnadenlosen Arbeitsbedingungen stellen den menschlichen Körper auf eine harte Probe. Viele fürchten, dass ihnen die Staublunge nicht erspart bleibt, die durch das stete Einatmen von Kohlenstaub hervorgerufen wird. Eine unheilbare Krankheit, jedoch durch Schutz vermeidbar. Der 55-jährige Bakth Nazar erzählt, er arbeite seit 30 Jahren in den Kohleminen und habe in dieser Zeit drei Familienmitglieder verloren, darunter einen Sohn. „Wir arbeiten hier ohne die nötige Ausstattung, ohne Ausbildung, ohne Sicherheitsmaßnahmen. Zum Verhängnis wird uns, dass wir nicht bezahlt werden, wenn wir nicht arbeiten. Das Unternehmen interessiert sich nur für die Kohle, nicht für uns oder unsere Gesundheit.“

Familien von Arbeitern, die in den Minen sterben, haben einen gesetzlichen Anspruch auf eine Entschädigung von etwas mehr als umgerechnet 1.000 Euro durch den Minenbesitzer und rund 2.700 Euro durch den Staat. Allerdings gilt das nur für pakistanische Arbeiter. Afghanen, in vielen Gruben die Hälfte der Belegschaft, gehen leer aus. Viele pakistanische Familien beklagen, dass es ihnen kaum anders ergeht. „Weder für meinen Bruder Azam Khan noch für einen Cousin, die beide unter Tage starben, haben wir eine Rupie von der Regierung gesehen“, erzählt Nazar.

Ein Mineninspektor, der anonym bleiben will, beschreibt unverblümt die verheerenden Arbeitsbedingungen. Notwendiges Atemschutzgerät gelte „im Allgemeinen als zu teuer“ und werde daher nicht bereitgestellt. Oft habe fehlende Ausbildung ebenfalls schwerwiegende Folgen. In einer Mine in Dagari fing im August 2019 unter Tage ein Kabel Feuer, sodass sich Gas entzündete und Arbeiter das Bewusstsein verloren. Da niemand auf ein solches Szenario vorbereitet war, ließ die Minendirektion Ventilatoren einschalten, die das Feuer nur weiter anfachten – zwei Menschen kamen ums Leben, acht erlitten Verbrennungen, teilweise mit bleibenden Folgen. Für die meisten Kohleminen gibt es keine Rettungswagen, auch gehören zur Ausstattung nur selten Gesundheitszentren. Es gilt als glücklicher Umstand, wenn ein Hospital in der Nähe liegt, sofern bei Havarien kein Arzt zur Verfügung steht.

Auch Khaliqdad Bugti, Steiger in Shahrag, kennt die unhaltbaren Zustände. Während der Regenzeit seien die Straßen häufig blockiert, manchmal könnten die Arbeiter nicht mit Essen versorgt werden. Schutz fänden sie nur in ihren Lehmhütten auf dem Grubengelände. „Wenn etwas passiert, kann es Stunden dauern, bis uns aus der Provinzhauptstadt Quetta ein Rettungswagen erreicht“, wird Bugti laut vor Ärger. „Die Regierung hat zwar hier in der Nähe ein Krankenhaus bauen lassen, aber dem fehlt es an Medizin.

Zu allem Überfluss ist in den Minen die Schuldknechtschaft weitverbreitet. Auch Mohammed Ibrahim, ein schmaler 40-Jähriger, dem eine Hand fehlt, steckt in der Schuldenfalle. Er arbeitet Hunderte Kilometer von seinem Zuhause und den sieben Kindern in Afghanistan entfernt als Frachtfahrer für die Bergbaugesellschaft. Noch muss er 50.600 Rupien (270 Euro) abbezahlen, die er einem Manager der Mine schuldet, der ihm den Job vermittelt hat. „Ich konnte keine andere Arbeit finden“, erzählt er. „Mir blieb nichts weiter übrig, als hierherzukommen.“ Jawad Ali, jener Manager, kichert. „Ich kann nicht zulassen, dass er geht, ohne zu begleichen, was er mir schuldet – so lange muss er schon noch arbeiten.“

Jawad Ali verdingt sich auch als „Jori-sir“, als Agent der Gesellschaft, dem es obliegt, Arbeitskräfte anzuwerben – vor allem in armen Dörfern. Mindestens 1.900 Rupien (zehn Euro) erhält er für jeden neuen Mitarbeiter. „Ich finde Arbeitsuchende und Arbeitslose und gebe ihnen einen Vorschuss, wenn sie den brauchen. Dann werden sie angestellt“, erklärt Ali, „und arbeiten ihre Schulden ab. Ich weiß genau, wer Geld hat und wer nicht. Das läuft so: Die Arbeiter haben Schulden bei mir und ich beim Unternehmer. Kurzum: Wir können beide nicht weg, bevor wir nicht bezahlt haben.“

Unterdessen gibt es immer wieder tödliche Unfälle. Zuletzt traf es zwei Arbeiter aus Afghanistan. Als ein Kohlenwagen entgleiste, wurden sie dreihundert Meter in die Tiefe geschleudert. Der Afghane Ghulam Raza hat in Mach miterlebt, wie der Teil eines Schachts einstürzte und ein Kollege getötet wurde. Eine Untersuchung des Unfalls kam nicht infrage. „Es wurde kein Krankenwagen angefordert, die Polizei fragte lediglich, was passiert sei. Dann befahlen sie uns, die Leiche zum Marktplatz zu bringen. Seither habe ich große Angst.“ Auch Raza hat Schulden. „Wenn ich die Wahl hätte, bliebe ich keine Stunde länger.“ Nur was ändert das? Es werden in Belutschistan weiter jeden Tag Tausende von Männern und Kindern einfahren und tonnenweise Kohle aus dem Berg brechen.

Shah Meer Baloch ist eine pakistanische Autorin und lebt in Lahore

Hanna Ellis-Petersen ist Korrespondentin des Guardian in Südasien

Übersetzung: Carola Torti

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06:00 17.04.2020
Geschrieben von

Shah Meer Baloch, Hanna Ellis-Petersen | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 31/2020

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