Der Überlebenskünstler

Porträt Jacob Zuma ist als Präsident Südafrikas der Mann fürs Grobe geblieben und für den ANC kaum mehr tragbar
Der Überlebenskünstler
Es war ein Geniestreich, als Zuma am Grab Mandelas „Thina sizwe“ (Wir, die Nation) zu singen begann
Foto: Gallo Images/Imago

Ein löchriger Feldweg verbindet das Dorf mit der Hauptstraße. Der Strom ist häufig unterbrochen, auch die Wasserversorgung. Um in die Schule zu gehen, müssen die Kinder zehn Kilometer mit dem Bus in die nächstgelegene Township fahren. Im Sommer versengt die Sonne die Ziegelmauern der Häuser, im Winter pfeift kalter Wind über die flachen Hügel. Auf dem alten Kühlschrank im Wohnzimmer von Sibongile Sibeko klebt ein verblichener Aufkleber, auf dem der Präsident Südafrikas mit dem für ihn typischen breiten Grinsen zu sehen ist. „Ob ich ein Anhänger bin?“, fragt Sibeko. „Vielleicht war ich das mal, heute bin ich es mit Sicherheit nicht mehr.“ Kaum ein Politiker in diesem Land ist derart in Misskredit geraten wie der Mann, der die Regenbogennation seit 2009 führt: Jacob Gedleyihlekisa Zuma.

Gerade hat der 75-Jährige sein halbes Kabinett entlassen, einschließlich des renommierten Finanzministers Pravin Gordhan, und den ohnehin schon zerstrittenen Afrikanischen Nationalkongress (ANC) weiter gespalten. Kritiker werfen ihm vor, er wolle sicherstellen, dass eine seiner Exfrauen das Präsidentenamt übernehme und ihn davor bewahre, wegen diverser Korruptionsvorwürfe belangt zu werden. Vermutlich wird Zuma bald den ANC-Vorsitz niederlegen müssen. Und wer ihm auch immer nachfolgt, dürfte mit ziemlicher Sicherheit nach den Wahlen von 2019 neuer Präsident werden. Zumas Unterstützer glauben hingegen, ihr Idol müsse hart gegen all jene vorgehen, die sich der Transformation dieses atemberaubend schönen Landes widersetzen, in dem die Folgen von Jahrzehnten der Apartheid noch immer offen zutage liegen. Für sie bleibt der ANC eine „kämpfende Befreiungsbewegung“, die nach dem Sieg über den Rassismus nun die Macht über die Wirtschaft erlangen müsse.

Jacob Zuma wurde 1942 in dem entlegenen Dorf Nkandla mitten in der historischen Heimat des Zulu-Volkes geboren. Nachdem sein Vater, ein Polizist, gestorben war, ging er mit seiner Mutter nach Durban, wo sie als Hausangestellte Arbeit fand. Der Junge besuchte nur sporadisch die Schule. Später erzählte er, seine Universität sei die Arbeit gewesen. Er habe als Ältester Geld verdienen müssen, um die Geschwister zu ernähren und das Überleben der Familie zu garantieren. Mit 17 trat er in den ANC ein, beeinflusst durch einen Verwandten, der sich in der Gewerkschaft engagierte. Schon bald zählte Zuma zum klandestinen militärischen Flügel des ANC, wurde verhaftet, als er versuchte, das Land zu verlassen, und zu zehn Jahren Haft verurteilt. Man schickte ihn in das berüchtigte Gefängnis auf Robben Island, wo er auf Gefangene wie Nelson Mandela traf. Mitte der 1970er wieder frei, stieg der junge Parteikader schnell auf in der Hierarchie des ANC und übernahm den Vorsitz des Auslands- und Sicherheitsdienstes. Der nannte sich Mbokodo (Fels, der zerschmettert) und wusste, „wo all die Leichen der Bewegung vergraben sind“.

Was haben wir getan

Als das Apartheidsregime zerfiel, kehrte Zuma aus Mosambik nach Südafrika zurück und spielte bei den Verhandlungen eine wichtige Rolle, die zur umjubelten Parlamentswahl von 1994 führten, aus der der ANC als klarer Sieger und Mandela als erster schwarzer Präsident Südafrikas hervorgingen. Der friedliche Machtwechsel, der wie ein Wunder erschien, hing sowohl von der Autorität Mandela als auch von Leuten wie Zuma ab, den niemand als Ausbund an moralischer Integrität beschreiben würde und dessen Markenzeichnen die Kampfhymne Bring Me My Machine Gun war und blieb. Als der geschasste Finanzminister, ebenfalls Veteran des Befreiungskampfes, vor kurzem zum letzten Mal sein Ministerium betrat, sangen seine Mitarbeiter indes ein anderes Lied – das schwermütig traurige Senzeni na (Was haben wir getan).

Zuma hat für diese Art von Sentimentalität wenig übrig. Seine Karriere ist von Verachtung für Konventionen und robuster Beharrlichkeit im Umgang mit Widrigkeiten geprägt. Das mag ihm mindestens ebenso viel Bewunderung eingebracht haben wie eine plebejische Rhetorik. Seine Anhänger sind derart auf ihn fixiert, dass sie vor Gewalt nicht zurückschrecken. Als eine Galerie ein lebensgroßes Gemälde ausstellte, das Zuma als Lenin in revolutionärer Pose mit offener Hose und heraushängenden Genitalien zeigte, erhielten die Veranstalter Morddrohungen. Der Künstler Brett Murray – einst ein Anti-Apartheid-Aktivist – fand die Darstellung gerechtfertigt. Schließlich habe Zuma nie ein Hehl aus seiner Polygamie gemacht. Alldem zum Trotz versteht es der Geschmähte vorzüglich, Gefühle anzusprechen, die nur selten artikuliert werden. Auch wenn er 2013 auf Mandelas Beerdigung ausgebuht wurde, war es ein politischer Geniestreich, dort Thina sizwe (Wir, die Nation) zu singen, die eindringliche Hymne aus der Zeit des Widerstandes.

Da die Wählergunst für den ANC ebenso auf dem absteigenden Ast ist wie die Wirtschaft, haben die Angriffe auf Zuma zuletzt noch zugenommen. Der Frust richtet sich weniger gegen politische Entscheidungen als die Art der Amtsführung. Er missachte Institutionen, indem er stetig Verabredungen treffe, die eher auf Loyalität beruhen denn auf Kompetenz. Es gebe unlautere Beziehungen zum Clan reicher indischstämmiger Oligarchen und so weiter. Zuma kümmert das wenig. Er konsultierte noch nicht einmal den Vizepräsidenten, bevor er jüngst das halbe Kabinett feuerte. Spätestens in einem Jahr wird Jacob Zuma für den ANC überstanden sein. Die Frage lautet: In welchem Zustand hinterlässt er sein Land?

Jason Burke ist Guardian-Korrespondent für den Süden Afrikas

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 26.04.2017
Geschrieben von

Jason Burke | The Guardian

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