Andrew Anthony, The Guardian
14.06.2009 | 09:10

Der unbekannte Vierte

Comedy Ali G, Borat und nun Bruno: Karikaturen sind die Masken, hinter denen sich der britische Komiker Sacha Baron Cohen verbirgt. Über den Schauspieler selbst weiß man wenig

Vor zwei Wochen trafen in Los Angeles der 38-jährige Sacha Baron Cohen aus dem Norden Londons und der 37-jährige Marshall Bruce Mathers III. aus Detroit aufeinander. Oder, um es anders auszudrücken: Bruno, ein schwuler, österreichischer Fernsehmoderator schwebte als Engel verkleidet von der Decke des Gibson Amphitheaters herab und ließ seinen beinahe nackten Allerwertesten auf dem Gesicht des als zuweilen als homophob verschrienen Rappers Eminem nieder. Man könnte es noch anders ausdrücken, zwei Weltstars der Unterhaltungsbranche gaben bei den MTV Awards eine halsbrecherische Werbeaufführung.

In der vielschichtigen Welt des Sacha Baron Cohen, in der eine Medienmaske die andere verhüllt, stellt die Realität ein flexibles Konzept dar. Doch unabhängig davon, wie das Geschehene zu beschreiben wäre (in wie weit die Sache zwischen den beiden Männern abgesprochen war, bleibt Spekulationssache), der Name Bruno jedenfalls, der zugleich der Titel einer Mockumentary (also einer Dokumentarfilmparodie) über einen tuntigen Eurotrash-Modereporter ist, wurde den Zuschauern im Saal und an den Geräten in den Mund gelegt, wie ein Zungenkuss. Baron Cohen war es einmal mehr gelungen, einen Starkult zu untergraben und gleichzeitig den Publicity-Effekt für sich selbst zu maximieren.

Mit Bruno folgt der Londoner Komiker der Formel seines außergewöhnlichen Erfolgs. Bruno ist der dritte in einer Reihe von Charakteren, die Cohen geschaffen hat, um unsere verborgenen Einstellungen zu sensiblen Themen wie Hautfarbe, Sexualität und kultureller Identität auf die Probe zu stellen. Nicht, dass Ali G, der Möchtegerngangster aus dem „West Staines Massive“, oder Borat, der fremdländische kasachische Rundfunksprecher, als soziologische Experimente ausgewiesen waren. Beide sind zuerst und vor allem hervorragende komödiantische Geschöpfe. Doch wie nun auch Bruno haben sie in die fruchtbaren Grund gegraben, der so verlockend von politischer Korrektheit umgezäunt gewesen war.

Das Unsagbare sagen

Die alternative Comedy der 80er entstand aus der moralischen und ideologischen Opposition zu den Sünden vorrangegangenen Generation von Komikern. Die waren anti-sexistisch, anti-rassistisch und anti-homophob gewesen. Komiker aber fühlen sich zu Tabus hingezogen. Wie ließen sich nun also die neue Frömmigkeit als auch die alten Vorurteile auf die Schippe nehmen? Eine neue Generation von Komikern wie Cohen fand die Antwort darin, Charaktere zu schaffen, die das Unsagbare sagen konnten. So wurde aus einer rassistischen Bemerkung eine Anmerkung zum Rassismus.

Sacha Baron Cohen ging weiter als seine Kollegen. Er versetzte seine Geschöpfe in Situationen des echten Lebens und ließ sie dort mit echten Menschen interagieren, die – anders als Eminem – nicht eingeweiht waren. Heraus kam eine oft hysterische Comedy, die auf verschiedenen Ebenen funktionierte – von plump bis komplex. Das Grundprinzip dieser Witze ist oft, die Figur etwas Unangebrachtes sagen zu lassen und dann zu sehen, wie die damit konfrontierten Promis oder „Zivilisten“ reagieren. Ganz so simpel ist es allerdings selten.

So könnte Alis Spruch vom „Abhängen mit meinen Schlampen“ als offensichtlich sexistisch eingestuft werden, weil dadurch Frauen erniedrigt werden. Aber war er auch rassistisch, weil er eine bestimmte Macho-Spielart der Kultur der Schwarzen der Lächerlichkeit preisgab? Oder ging es dabei um Rassismus? War Ali G, wie viele Kritiker befanden, kaum mehr als eine postmoderne Version der Black and White Minstrel Show (die in den fünfziger Jahren im britischen Fernsehen lief und bei der weiße Schauspieler in der Tradition des amerikanischen Minstrel-Theaters als Schwarze verkleidet auftraten)? Spielt Cohen mit Stereotypen oder bestärkt er sie?

Diese Debatte entspinnt sich bei allen seinen Figuren. Im Falle Borats, für den er einen Golden Globe gewann, machte das Wissen, dass Cohen selbst Jude ist, linksliberalen Kritikern den beherzten Judenhass des Kasachen schmackhaft. Die kasachischen Behörden hingegen ließen sich dadurch nicht beschwichtigen.

„Borat ist im Grunde ein Werkzeug“, erklärte Cohen selbst einmal. „Indem er selbst antisemitisch ist, bringt er die Leute dazu, weniger vorsichtig zu sein, aus der Deckung zu gehen und ihre eigenen Vorurteile zu enthüllen, ob die nun in Anti-Semitismus oder der Akzeptanz des Anti-Semitismus bestehen.“

Baron Cohen nannte seine Herangehensweise einmal eine „selbstzerstörerische Form“. Borat wie Ali G, die, sobald sie einmal erfolgreich und bekannt waren, nicht länger im Sinne ihres Erfinders eingesetzt werden konnten, sind inzwischen im Ruhestand. Auch Bruno wird seinen Anzug bald an den Nagel hängen. Er ist der vorerst letzte von drei Charakteren, hinter denen Cohen sich in seiner nunmehr über zehnjährigen Karriere, die 1998 beim britischen Paramount Comedy Chanel begann, erfolgreich versteckt.

"Ich existiere nicht"

Der Legende nach gab Cohen sich selbst, nachdem er sein Geschichtsstudium am Christ's College in Cambridge beendet hatte, fünf Jahre, um es als Komiker zu etwas zu bringen. Jack Dee und Jeremy Hardy, die 1996 bei der britischen Mockumentary-Serie The Jack Jeremy Real Live Show mit dem Newcomer zusammengearbeitet hatten, sagen, Cohens Charakter-Entwürfe seien damals ihrem komödiantischen Empfinden nach nicht ausgereift genug gewesen. Das klingt das wie ein unplausibler und unhaltbarer Vorwurf – ist doch der Schlüssel zu Cohens Charakteren, dass sie zwar offensichtlich völlig übertrieben, aber eben auch sehr genau beobachtete komödiantische Schöpfungen sind. Der Teufel steckt im Detail.

Als Kind mochte Cohen Monty Python und Peter Cook, sein größter Einfluss als Komiker war jedoch Peter Sellers: „Er spielte so unglaublich realistisch und war dazu wahnsinnig komisch. Er schaffte es, die Kluft zwischen Comedy und Satire zu überwinden.“ Sellers wurde seinerzeit nachgesagt, er besitze, wenn er nicht gerade in einer Rolle sei, keine schlüssige Persönlichkeit. Der verstorbene Schauspieler selbst sagte einmal: „Es gibt kein Ich. Ich existiere nicht.“

Baron Cohen hingegen vermittelt nicht den Eindruck, an einer chronischen Selbstkrise zu leiden. Und er zeigt auch keinerlei Neigung zu den für Sellers typischen dysfunktionalen Beziehungen. Die wahre Natur des jungen Schauspielers ist freilich ein gut gehütetes Geheimnis. Wohl teils um zu verhindern, dass die Wirkung seiner Charaktere durch eine allzu große Bekanntheit seiner Person beeinträchtigt werden könnte, viel mehr aber vielleicht, um sich selbst zu schützen.

„Ich bin ein privater Mensch. Das mit der Berühmtheit in Einklang zu bringen ist wirklich schwer.“ In den wenigen Interviews, die Cohen als er selbst gegeben hat, wirkt er intelligent und selbstbewusst, aber auch ein wenig schüchtern und ängstlich. Auch seine Biografie ist dünn und enthüllt wenig. Aufgewachsen ist er im Londoner Vorort Hampstead Garden als einer von drei Söhnen von Gerald Cohen, der ein Bekleidungsgeschäft in Picadilly besaß, und dessen Frau Daniella, einer Tanzlehrerin. Die Cohens waren praktizierende Juden. Als Jugendlicher schloss Sacha Baron Cohen sich der progressiven zionistischen Jugendbewegung Habonim Dror an. Dort begann er mit dem Schauspiel.

An der Jungenschule, die er besuchte, lernte er seinen langjährigen Mitautoren und -produzenten Dan Mazer kennen. „Wir waren im Grunde eine Comedy-Fabrik“, erinnert der sich. „Einfach nur ein paar junge übermütige Juden. Und da wir zu schwach waren, uns gegenseitig zu verprügeln, kompensierten wir das mit Verbal-Schlägen. Sacha war dabei immer der umgänglichste, der alle einzubinden wusste.“

Rollen, Modell

In Cambridge schloss Cohen sich der traditionsreichen Uni-Comedytruppe The Footlights an und bekam eine Rolle im Anatevka. „Ich liebte das. Aber ich schämte mich ein wenig, den Leuten zu sagen, dass ich Schauspieler und Komiker sein wollte. Das ist ein bisschen wie zu sagen: Schaut her, ich sehe gut aus und will Model werden.“

Cohen modelte übrigens, nachdem er die Universität verlasen hatte, eine Weile für Katalogaufnahmen. Außerdem gründete er in West Hampstead einen Comedy-Club und zog nach einem Zwischenstopp beim obskuren britischen Satelitensender Windsor TV weiter zum Kabelsender Talk TV, wo er eine Comedyshow moderierte. Dort schuf eine Figur, die eine Karikatur auf den britischen Radio DJ Tim Westwood war – der Sohn eines Bischofs, der sich darin gefiel zu reden, wie ein „brother from the hood“. Eines Tages hatte er dann die Idee, in dieser Rolle mit ein paar vorbeigehenden Skatebordern in Interaktion zu treten – Ali G war geboren. Kurz vor Ablauf seiner selbst gesetzten Fünf-Jahres-Frist ergatterte er dann eine Anstellung bei der 11 O’Clock Show des BBC-Senders Channel 4.

Die Figur sollte er beibehalten, die Situationen, in die er sich begab, wurden immer gewagter. Hierin besteht ein weiterer grundlegender Aspekt des Humors Sacha Baron Cohens. Ob nun Ali G mit dem FBI spricht oder Bruno einen Trupp amerikanischer Rednecks triezt: Man kann einfach nicht fassen, dass er den Mut hat, das durchzuziehen. Woher er diese Chuzpe hat, dazu sagt Cohen eigentlich wenig: „Meine Eltern waren unglaublich liebevoll. Ich glaube, das gibt einem die Stärke rauszugehen in eine Menge, die einen hasst.“

Privat ist Cohen mit der australischen Schauspielerin Isla Fisher verlobt, mit der er eine kleine Tochter hat. Er pendelt zwischen London und Los Angeles. In Hollywoods Elite hat er sich etabliert, er hatte Gastauftritte in der Sitcom Curb Your Enthusiasm und als prätentiöser französischer Rennfahrer in der enorm beliebten Show Talladega Nights des amerikanischen Comedystars Will Ferrell. Es scheint also kaum Gefahr zu laufen, eine Eintagsfliege zu werden.

Was wird Sacha Baron Cohen als nächstes tun? Sein Format kann er nicht weiterführen, ohne eine neue Figur zu entwickeln. In seinem Fall ist das aber nicht damit getan ist, ein neues Outfit überzustreifen, sondern erforderte einen Einsatz, der selbst für den hingebungsvollsten Method Actor erschöpfend sein dürfte.

Gewiss sein können wir uns nur einer Sache: Wenn er eine neue Figur in petto hat, dann wird diese nicht vom Himmel herabschweben. Das hat ja Bruno bereits getan. Und außerdem ist es, wie Bruno sagen würde, so was von 2009.

Gekürzte Fassung. Übersetzung: Zilla Hofman