Der Vater des Vegetarismus

Makrobiotik Gregory Sams hat vegetarisches Essen in Großbritannien populär gemacht. In den 80er dann erfand er den fleischlosen "Veggieburger". Vom Öko-Boom hält er trotzdem nichts

"Mögen Sie eine Tasse Tee?", fragt Gregory Sams. "Es sind über 17 verschiedene Sorten da und im Kühlschrank steht Kuh-, Schafs-, Ziegen-, und Sojamilch." Er stockt und wird sich über die Bedeutung dessen, was er da gerade gesagt hat, bewusst. "Mein Gott! Was habe ich angerichtet?"

Vollwertkost, makrobiotische und biologische Lebensmittel: Auf gesunde Ernährung zu achten, ist inzwischen so normal, dass niemand mehr weiter drüber nachdenkt. Doch als die Bewegung in den 1960ern im Vereinigten Königreich ins Rollen kam, gehörte sie zu den Speerspitzen der Gegenkultur. Man redete und rauchte nicht nur, nein, man aß auch revolutionär. Und Sams war einer der Pioniere.

"Das war das FBI"

Wie vieles andere in seinem Leben auch, ist es dem Zufall geschuldet, dass Sams überhaupt zum Vollwertkost-Revolutionär wurde. 1966, als er an der Universität Berkeley in Kalifornien studierte, wurde dort gerade die Hippie-Bewegung geboren. Für Sams währte die Euphorie allerdings nur drei Monate. Dann fiel er von einem Baum und brach sich das Rückrat. Von da an war er von der Hüfte abwärts gelähmt.

Während er sich zur Rehabilitation in Großbritannien aufhielt, hörten er und sein Bruder Craig (der später den Bio-Schokoladen-Hersteller Green Blacks Chocolate gründete), dass der makrobiotische Buchladen in New York überfallen und die Bücher verbrannt worden waren. "Das war das FBI", davon ist Sams überzeugt. "Schon der Gedanke, dass Hamburger und Milchshakes schlecht für einen sein könnten, galt als umstürzlerisch und anti-amerikanisch. Craig und ich kamen zu dem Schluss, dass wir Teil dieser Makrobiotik-Sache sein wollten, was immer das auch sei. Ich war Vegetarier gewesen, seit ich zehn war, aber ich hatte auch immer eine Menge Müll gegessen. Eiskrem zum Beispiel. Nach diesem Vorfall ging ich die Sache viel ernsthafter an." Die makrobiotische Ernährung meidet Zusatzstoffe in der Nahrung und setzt auf Hülsenfrüchte, Gemüse und gründliches Kauen. Zu ihren berühmtesten Anhängern gehört heute Madonna.

Ein Jahr später, 1968, gründeten die Brüder in einem Keller in Westlondon das erste makrobiotische Bio-Restaurant und tauften es "Seed" (Samen). Die in der Küche verwendeten Zutaten bezog Sams von spezialisierten polnischen, griechischen, chinesischen und japanischen Feinkostläden in London. Das Bio-Mehl kam aus Frankreich. Die Rezepte stammten von seiner Mutter. "Es war alles total einfach", erinnert er sich. "Ein kompliziertes Speisemenü hätte gar keinen Sinn ergeben, da die meisten Leute sowieso keine Ahnung von dem hatten, was wir anboten. Also hatten wir immer ein leichtes und ein reichhaltigeres Tagesgericht im Angebot." Solch ein üppigeres Mahl bestand typischerweise aus Buchweizen-Pilaw, geröstetem Kürbis, Hijiki-Algen und gedämpftem Spinat. Und zum Nachtisch gab’s dann Apple Crumble.

Alle kamen ins "Seed"

Im "Seed" waren alle Tische so gut wie rund um die Uhr belegt. Das lag zum Teil am guten Essen und zum Teil daran, dass, wer es mit dem alternativen Lebensstil ernst nahm, unbedingt dort gesehen werden musste. So auch John Lennon und Yoko Ono, die zu engen Freunden der Besitzer wurden. "Yoko brauchte einmal eine Bluttransfusion und wollte ausschließlich vegetarisches Blut," erzählt Sams. "Also kutschierte ich einen Tag lang Vegetarier in ihrem Rolls-Royce zu ihr ins Krankenhaus, damit geprüft werden konnte, ob sie geeignete Spender seien."

Auf dem Erfolg von "Seed" aufbauend, eröffneten die beiden Brüder dann den "Ceres Grain Shop" und die "Ceres Bakery" - nach Aussage der Brüder der erste Bioladen und die erste Vollkornbäckerei Großbritanniens. Sie wurden ebenfalls zu alternativen Epizentren . Schließlich erweiterten sie das Geschäft nochmal und wurden zu den ersten Großhändlern für makrobiotische Lebensmittel auf der britischen Insel. Mitte der siebziger Jahre wurden in ihrem über 5.000 Quadratmeter großen Warenlager von 40 Mitarbeitern jeden Tag Tonnen von Bohnen und Hülsenfrüchten verladen.

Ungefähr zu dieser Zeit fingen sie jedoch auch an, Geld zu verlieren. "Auf dem Markt herrschte immer mehr Wettbewerb. Mir wurde klar, dass es immer jeden geben würde, der Mehlsäcke billiger füllen konnte als ich." Also verkauften die Sams-Brüder ihre Läden und Greg machte zum zweiten Mal Karriere - mit der Erfindung des fleischlosen "Veggieburgers".

Zucker bleibt Sams Feind

In den achtziger Jahren, sagt er rückblickend, "hatte niemand eine Vorstellung davon, wie weit der Vegetarismus sich inzwischen verbreitet hatte. Bis ich den Veggieburger auf den Markt brachte und er zu einem Verkaufsschlager in den Supermärkten wurde." Die Burger wurden aus Sesamsaat, gewalztem Hafer, texturiertem Pflanzenprotein, Weizengluten, getrocknetem Gemüse, Kräutern und Gewürzen, sowie Vollkorn-Weizenzwieback hergestellt. "Nachdem ich die Firma verkauft hatte, durfte ich zehn Jahre lang das Rezept nicht verraten, aber jetzt haben sie es sowieso leicht verändert", plaudert er aus.

1988 zog Sams sich vollständig aus der Nahrungsmittelbranche zurück. Am kommerzialisierten Öko-Boom, der auch den süßen Genüssen nicht abschwört, stört ihn einzig, dass die ursprüngliche Botschaft wohl etwas abhanden gekommen ist: "Verarbeitete Lebensmittel wie Zucker sind der Feind der gesunden Ernährung. Bio-Zucker mag gut für den Planten sein, aber für den Menschen bleibt er schlecht."

Die vergangenen zwanzig Jahre hat Sams sich dem Schreiben gewidmet, zuerst über die Chaos-Theorie. Ganz aktuell in seinem neuen Buch Sun of gOd legt er dar, dass die Sonne ein Bewusstsein habe. Das klingt nicht wirklich, als ob es sich gut verkaufen würde. Da lacht Gregor Sams. "Wissen Sie was? Es war viel schwerer, die Leute in den Sechzigern von den Vorzügen der Makrobiotik zu überzeugen, als es bislang war, die Leute heute von den Kräften der Sonne zu überzeugen."

Übersetzung: Zilla Hofman

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10:00 13.06.2009
Geschrieben von

John Crace, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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