Der Vorhölle entkommen

Eritrea Ein autoritäres Regime treibt Zehntausende ins Exil. Viele wollen sich über das Mittelmeer nach Europa retten
Patrick Kingsley | Ausgabe 34/2015 3

Adam musste als Kindersoldat dienen, bis ihm die Flucht gelang. Ein Schicksal von vielen in einem totalitären Staat. Adam ist erst 16 Jahre alt, aber die Geschichte seines kurzen Lebens macht deutlich, warum so viele Eritreer dem eigenen Land zu entkommen suchen. Mit 14 wurde er zum ältesten männlichen Familienmitglied, das noch zu Hause wohnte – alle anderen waren zum unbefristeten Militärdienst einberufen. Adam musste die Schule verlassen, um die jüngeren Geschwister zu versorgen und bei der Feldarbeit zu helfen. Als Schulabbrecher stand ihm kein Erlaubnisschein mehr zu, den Eritreer brauchen, die sich ungehindert im öffentlichen Raum bewegen wollen. So wurde Adam prompt verhaftet, weil er sich aufhielt, wo er nicht sein durfte.

Obwohl noch immer nicht älter als 14, musste er danach zum Militär – ein Schicksal, das eritreische Jugendliche sonst im letzten Schuljahr ereilt. Nach sechs Monaten des Drills und der Misshandlungen gelang es Adam, zu fliehen und nach Hause zurückzukehren. Schließlich wurde er abermals festgenommen und ohne Gerichtsverfahren für drei Monate in Arrest gesteckt, ehe er wieder bei der Armee landete.

Noch einmal brach er aus, noch einmal wurde er geschnappt und in die Kaserne gezwungen. Als er sich – inzwischen 15 – in den Sudan absetzen konnte, hatte er als Jugendlicher zwei Gefängnisaufenthalte hinter sich und war dreimal als Kindersoldat rekrutiert worden. Über einen Fluchtweg, der bis nach Libyen führte, landete er diesen Sommer auf einem Flüchtlingsboot, das ihn an der italienischen Küste absetzte. Adams Schicksal erklärt, weshalb die meisten Menschen, die man in Eritrea auf den Straßen sieht, Kinder, Mütter oder ältere Männer sind. Hinter Ladentheken stehen oft Minderjährige, die noch zu jung sind für den Militärdienst.

„Der Tag, an dem ich in Italien ankam, wurde zu meinem neuen Geburtstag“, sagt Adam. „Die 16 Jahre zuvor zählen nicht. In Eritrea habe ich nie über eine Zukunft nachgedacht, denn ich hatte keine. Wie sollte ich wissen, ob ich den Tag überlebe, an dem ich nach meiner Zukunft frage?“

Unter den Migranten, die 2015 das Mittelmeer überquert haben, bilden Eritreer – nach Syrern und Afghanen – die drittgrößte Gruppe. Laut UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge verlassen monatlich im Schnitt 5.000 Menschen das Land. Bis zu drei Prozent der etwa 6,7 Millionen Menschen zählenden Bevölkerung sind Schätzungen zufolge bereits geflohen. Adam ist dabei einer von mehreren Dutzend Exilanten, die in den vergangenen Wochen bei Interviews eine Antwort auf die Frage nach dem Warum gegeben haben. Sie beschreiben ein autoritäres System, in dem die Bürger in ständiger Angst vor Verhaftung leben, es kaum wagen, mit den Nachbarn zu sprechen, sich in Gruppen zu treffen oder längere Zeit außerhalb ihrer Häuser zu verbringen. Eritrea befindet sich nicht im Krieg, aber Isayas Afewerki, dem ersten und bisher einzigen Präsidenten seit der Unabhängigkeit von 1993, scheint der Gedanke nicht fremd zu sein, Konflikte mit dem benachbarten Äthiopien wieder anzuheizen. Dies zu erwägen erweist sich als hilfreich, um das Fehlen einer Verfassung, die Blockade des Rechtssystems und einen unbegrenzten Militärdienst zu rechtfertigen.

Der Zwang dazu ist der Hauptgrund für den Exodus. Permanentes Rekrutieren erlaubt es der Regierung, das Leben der Bevölkerung umfassend zu kontrollieren. Eingezogen werden können jeder Mann und jede Frau, sobald sie 16 oder 17 Jahre alt sind. Wo jemand lebt, wie der Tag abläuft und wie oft es den Kontakt eines Rekruten zur Familie gibt – über all das entscheidet die staatliche Autorität.

Demütigung und Ödnis

„Für hohe Militärs sind wir Sklaven“, sagt Kibrom (24), der sein ganzes bisheriges Erwachsenenleben als Soldat verbracht hat, bis ihm vor einigen Monaten die Flucht gelang. „Das Land ist für uns nur noch ein großes Gefängnis.“ Offiziell werden die Rekruten zwar bezahlt, doch liegt der Monatssold zwischen 500 und 750 Nakfa (30 bis 40 Euro). „Das reichte oft nur für drei Tage“, sagt Kibrom. „Den Rest des Monats hatte ich Hunger. Ein Huhn kostet 600 Nakfa! Das sagt doch alles. Wenn ich heiraten und Kinder haben wollte, hätte ich zuvor der Armee den Rücken kehren müssen. Nur wie?“ Die Rekruten werden oft in Gegenden stationiert, die für Monate oder Jahre jede Heimkehr ausschließen. „Als mein Sohn neulich meinen Mann im Haus sah, rief er erschrocken: ‚Wer ist der Fremde? Der soll wieder verschwinden‘“, erzählt Ahlam, eine Hausfrau Mitte 40.

Als sich Eritrea Anfang der 90er Jahre nach jahrzehntelangem Kampf von Äthiopien lösen konnte, galt für den Militärdienst zunächst eine Dauer von 18 Monaten. Wer eingezogen wurde, sollte nicht allein die Sicherheit der Nation gewährleisten, sondern auch beim Wiederaufbau der vom Krieg zerrütteten Infrastruktur helfen. Und so geschah es.

„Als Vorbild für unsere Streitkräfte galt die Schweizer Armee“, erinnert sich Andebrhan Welde Giorgis. Als einstiger Kampfgefährte von Staatschef Afewerki war er unter anderem EU-Botschafter Eritreas in Brüssel; später ging er ins Exil und schrieb ein Buch über die Geschichte seines Landes. „Neben der militärischen Ausbildung sollte der Dienst eine soziale und eine kulturelle Komponente haben. Aber all das ging kaputt, als 1994 jedes zeitliche Limit aufgehoben wurde. Die Rekruten von damals sind jetzt um die 40. Wie sollen sie je eine Familie ernähren? Dem Modell Familie droht in Eritrea schlichtweg die Zerstörung. Ohne Familie aber gibt es keine Gemeinschaft und ohne Gemeinschaft keine Gesellschaft. Stattdessen ist in diesem Land eine moderne Form der Sklaverei entstanden.“ Geflohene Soldaten beschreiben den Dienst als Mischung aus Demütigung und Ödnis. „Da wird weniger gedient als misshandelt“, meint Sofia, die vier Jahre als Soldatin verbringen musste, ehe sie nach Ägypten entkam.

Eine beliebte Form der Folter ist „die Acht“: Das Opfer wird an Händen und Füßen aufgehängt, die hinter dem Rücken zusammengebunden sind. Tagelang habe man ihn so gequält, berichtet ein Flüchtling – die Tortur sollte die Strafe dafür sein, dass er mit einem anderen Rekruten in Streit geraten war. Als man ihn endlich losband, dauerte es Wochen, bis er seine Beine wieder gebrauchen konnte. „Eine andere Methode besteht darin, dass sie dich mit Teepulver einreiben, vermischt mit Zucker und ein bisschen Wasser“, erklärt Sofia. „Dann stürzen sich die Fliegen auf dich.“ Der Regierung dienen die Rekruten als billige Arbeitskräfte. „Mal heißt es: Geht in die Berge und klopft Steine. Dann wieder: Geht los und schlagt Holz. Und schließlich: Macht die Straßen sauber“, berichtet Omar (27). Die meisten Eritreer sitzen ein Leben lang in dieser Vorhölle fest, während es nur einer Minderheit möglich ist, den Dienst an der Nation auch in einem zivilen Umfeld abzuleisten.

Gegen Ende des ersten Pflichtjahres werden – für Rekruten in der Armee wie im Zivildienst – Prüfungen anberaumt. Wer gut abschneidet, wird für den öffentlichen Dienst ausgewählt und ausgebildet – als Lehrerin, Krankenschwester oder auch als Nachrichtensprecher für das amateurhafte Staatsfernsehen. Das Einkommen bleibt so niedrig wie beim Militär. Eine freie Berufswahl entfällt. „Ich musste das machen, was mir gesagt wurde“, sagt Almaz, eine Linguistin, die jahrelang für Polizeioffiziere arabische Nachrichtensendungen übersetzte. „Sie wollen nicht, dass irgendwer das tut, was er will.“

Auch Zivilisten können umgehend für militärische Aufträge herangezogen werden. Mehari (22) bekam eine Stelle als Grundschullehrer. „Aber die Armee kann jederzeit anordnen, dass du über Nacht ein Gebäude bewachst. Da du tagsüber gearbeitet hast, ist das natürlich ermüdend. Am Ende klappst du über deinem Gewehr zusammen und schläfst ein. Die ganze Zeit musst du dir Wasser ins Gesicht klatschen, sonst kriegst du Ärger.“ Die Stimmung an seiner Schule beschreibt Mehari als anarchisch. Die meisten erfahrenen Lehrer hätten das Land verlassen, fast das ganze Kollegium bestehe inzwischen aus Rekruten, vor denen die Schüler keinen Respekt hätten. „Zur Schule geht man ohnehin nur wegen der Erlaubnis, sich frei zu bewegen. Alle wissen ja, dass danach der Militärdienst kommt. Also hat niemand Lust, zu lernen.“

In der Wüste verdursten

Die Regierung verfügt offenbar über ein dichtes Netz von Informanten, auch im ländlichen Raum. Über Politik reden viele nicht einmal mehr im engsten Familienkreis. „Selbst dein eigener Bruder könnte für den staatlichen Sicherheitsdienst arbeiten“, sagte ein Flüchtling vor der Eritrea-Kommission der Vereinten Nationen aus. Andere Eritreer halten derartige Schilderungen für übertrieben. So meinte ein Journalist vor dem gleichen Gremium, der das Land 2012 verließ, er habe sich zuvor regelmäßig in größerer Gruppe zum Picknick getroffen, sogar tagelang am Strand campiert. Mancher hätte zwar Angst, im Gespräch mit Fremden gesehen zu werden, aber dass es unter Freunden und in Familien keinen echten Dialog mehr gebe, sei „überhaupt nicht wahr“. Bis in die späten 90er Jahre hinein hatte Eritrea noch ein Rechtssystem, doch häufen sich längst Berichte, wonach Menschen eingesperrt würden, ohne je den Untersuchungsrichter zu sehen. Der 27-jährige Omar sagt, er habe vor seiner Ankunft in Italien nicht gewusst, was ein Rechtsanwalt ist. Besonders gefürchtet seien die Razzien, bei denen Militärstreifen nach entwischten Rekruten suchten und dabei in Privathäuser eindrängen würden.

Private Medien, die sich als Korrektiv solcher Praktiken erweisen könnten, gibt es nicht. Die Öffentlichkeit des Landes wird von Afewerkis Partei, der Volksfront für Demokratie und Gerechtigkeit (PFDJ), dominiert, Internetzugänge sind rar, Netze schwach und Stromausfälle häufig. Die Regierung hält wenig von zu viel privater Initiative. So konnte die Zahnärztin Sarah bis 2010 neben ihrer Arbeit für den Staat noch eine kleine Praxis betreiben. Seither jedoch muss alles staatlichen Behörden unterstellt sein. Erlaubt bleiben kleine Läden, die aber wegen der Armut ihrer Kundschaft kaum profitabel sind. Wer von seinem Lohn nicht leben kann, der darf auf die Versorgungsgutscheine der Regierung hoffen, die es erlauben, den sozialen Status der Bürger zu kontrollieren und diese gegebenenfalls zu disziplinieren – nach dem Prinzip, wer sich auflehnt, bekommt keine Coupons, und ohne Coupons gibt es nichts oder nur sehr wenig zu essen.

Der Journalist Dan Connell, der seit 40 Jahren über Eritrea schreibt, hält Afewerkis Regime im Augenblick für so schwach wie nie zuvor. „Doch wer könnte an seine Stelle treten? Es finden sich keinerlei Anzeichen für eine organisierte Opposition. Es gab den Aufstand eines Militärpostens im Januar 2013, aber der führte zu nichts.“ Die Regierung gibt kommerziellen Netzwerken von Schleusern die Schuld am Massenexodus und rief unlängst den UN-Sicherheitsrat an, „Kriminelle zu bekämpfen, die unsere menschlichen Ressourcen zerstreuen und schwächen“.

Die Entkommenen wie Welde Giorgis erzählen eine andere Geschichte. Er verließ das Land Ende 2006, weil er es nicht mehr ertragen konnte, dass der durchschnittliche Eritreer dazu degradiert sei, „als hilfloses Opfer zu existieren. Darum riskieren so viele mit der Flucht ihr Leben. Sie können in der Sahara verdursten, vor Entkräftung sterben, in Ägypten Organräubern in die Hände fallen oder im Mittelmeer ertrinken. Aber das kümmert niemanden. Eritrea ist zur Vorhölle auf Erden geworden. Wer kann es dort noch aushalten?“

Patrick Kingsley ist Ägypten-Korrespondent des Guardian

Übersetzung: Michael Ebmeyer

06:00 30.09.2015
Geschrieben von

Patrick Kingsley | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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