Decca Aitkenhead
21.07.2010 | 16:45 5

Der Wahrheitswahrnehmer

Realist Clay Shirky wird „Internet-Guru“ genannt. Dabei glaubt er bloß an Freiheit und fragt sich: Kann die Gesellschaft mehr vom Netz haben?

Glaubt man Clay Shirky, dann wird die gedruckte Zeitung in weniger als 50 Jahren überhaupt nicht mehr existieren. Der Grund: Wer heute Mitte 20 oder jünger ist, der liest diesen Text vermutlich schon auf seinem Computerbildschirm. „Kein Medium hat je überlebt, das den 25-Jährigen gleichgültig war.“

Wer Shirky kennt, nennt ihn einen „Internet-Guru“. Er zuckt bei diesem Wort zusammen, und man versteht leicht warum. Shirky ist das genaue Gegenteil eines Technikfreaks. Der heute 46-Jährige begann seine Karriere am Theater in New York. Bis er 28 war, besaß er keinen Computer, dann musste seine Mutter ihm das Internet erklären. Er ist faszinierend selbstsicher und charismatisch, angenehm und ausholend im Gespräch, rhetorisch elegant. Die architektonische Struktur seiner Argumentation basiert – vergleichbar mit der des New Yorker-Autoren Malcolm Gladwell – auf psychologischen und soziologischen Einsichten, er analysiert die Technologien der Gegenwart mit der Schärfe eines Historikers. Wenn ein Guru sich dadurch auszeichnet, dass er andere dazu bringt, ihm leichtgläubig zu folgen, dann ist Shirky fraglos ein erstklassiger Kandidat.

Der kreative Mensch

Shirky schreibt seit 1996 über das Internet. In den Neunzigern wurde er als technischer Leiter verschiedener Web-Design-Agenturen von den wichtigsten Medienunternehmen – News Corporation, Time Warner, Hearst – als Berater angeheuert. Alle waren neugierig auf diese neue Sache namens World Wide Web. 2000 dann wandte Shirky sich „einer Intuition folgend, dass das Internet sich zum Social Net wandeln würde“, dem Phänomen der sozialen Online-Netzwerke zu. Damals war das nichts weiter als ein obskures Konzept, das sich bald zu Myspace, Facebook und Twitter weiterentwickeln sollte und inzwischen für Milliarden Menschen zum wichtigsten Zweck des Internets geworden ist. Shirky unterrichtet heute an der New York University, 2008 veröffentlichte er sein erstes Buch Here Comes Everybody: How Change Happens When People Come Together. Darin feiert er die neue Macht des Einzelnen, mittels Internet zu kommunizieren, sich zu organisieren und die Welt zu verändern.

Seine Vorhersagen über das Schicksal der Print-Verlage waren irritierend genau. Für 2009 sah er ein Blutbad für die amerikanischen Zeitungen vorher – und so ist es geschehen. Das Geschäftsmodell der traditionellen Print-Zeitung ist Shirky zufolge dem Untergang geweiht. Rubert Murdoch verlangt seit kurzem für den Online-Zugang zur Times Geld – Shirky ist zuversichtlich, dass dieses Experiment scheitern wird.

Doch dabei belässt er es nicht: „Was mich wirklich beunruhigt an der so genannten Paywall: Murdoch will nur seine Kunden informieren, er möchte nicht, dass seine Geschichten kursieren. Wenn er im Netz Geld verlangt, dann bedeutet das nichts anderes, als dass er die Öffentlichkeit von der Konversation, welche durch die Times angeregt wird, ausschließen kann.“

In dieser Kritik hallen die Ansichten nach, die Shirky in seinem neuen Buch Cog­nitive Surplus: Creativity and Generosity in a Connected Age vertritt. Dort argumentiert er, dass die Popularität der sozialen Online-Medien die alte Annahme von der Überlegenheit professioneller Inhalte und dem Primat der finanziellen Motivation widerlege. Sie beweise, dass die Menschen kreativer und großzügiger sind, als wir uns je vorstellen konnten. Sie partizipierten in ihrer freien Zeit ohne finanzielle Gegenleistung im Internet an Amateur-Projekten wie Wikipedia, weil dadurch der Drang des Menschen nach Kreativität und Verbundenheit befriedigt werde. So wie die Erfindung der Druckerpresse die Gesellschaft veränderte, so habe das Internet durch „die kostenlose Reproduktion aller digitalen Inhalte, die irgendjemand besitzt, der einen Computer hat“, die Schranken entfernt, die der universalen Mitwirkung im Weg standen. Und es habe sich gezeigt, dass der Mensch lieber kreativ ist und teilt, anstatt passiv zu konsumieren, wovon eine privilegierte Elite glaubt, er solle es sich ansehen. Anstatt darüber zu lamentieren, wie albern viele soziale Online-Medien sind, sollten wir uns lieber über den gesellschaftlichen Aktivismus freuen. Shirkys Fazit: Der potentielle Wert all dieser bislang ungenutzten Energie für die Gesellschaft ist nicht weniger als revolutionär.

Shirkys neues Buch mokiert sich über die Technikfeinde, die der Exhibitionismus der sozialen Online-Netze verwirrt (Woher kommt das Bedürfnis zu twittern, dass man gerade ein Bad genommen hat?), und die vollkommen verblüfft sind, wieviel Zeit manche darauf verwenden, Fotos von Katzen zu posten, die wie Hitler aussehen. Diese Überzeugungen sind in Wahrheit emotional gesteuerte Vorurteile. Ebenso klingt allerdings Shirkys Prognose über Murdochs Paywall nach einem emotionalen Einwand und nicht wie eine finanzielle Kalkulation. Wie kann er sich also so sicher sein, dass seine Analyse des Internet nicht ebenso subjektiv ist wie der Reflex eines Technikfeindes?

Der einzige Punkt, in welchem sich die Euphoriker und Skeptiker des Internet einig sind, ist die technologisch-deterministische Annahme, dass das Web das menschliche Verhalten grundlegend verändert hat. Beide Seiten liegen laut Shirky jedoch falsch. „Die Technikfreaks haben den Syllogismus gezogen, wenn eine neue Technologie in eine bestehende Situation eingeführt wird und ein neues Verhalten zu beobachten ist, dann ist die Technologie der Auslöser dieses Verhaltens. Ich hingegen sage, wenn eine neue Technologie ein neues Verhalten erzeugt, dann ist die Ursache dafür, dass die Technologie Antrieben stattgibt, die vorher verschlossen geblieben sind. Wir haben nun Mittel, die neue Verhaltensweisen ermöglichen – aber sie sind nicht die Ursache.“ Hätte es Facebook gegeben als er 20 war, gibt er gut gelaunt zu, dann hätte auch er seine Jugend damit verbracht, Fotos von sich an alle, die er kennt, zu verschicken.

Die ganz normale Jugend

Wenn Shirky recht haben sollte und das Internet nur althergebrachte Wahrheiten über das menschliche Verhalten offen legt, ist es nicht dennoch angemessen, angesichts des beinahe grenzenlosen Narzissmus, den Facebook offenlegt, ein wenig entsetzt zu sein? Shirky seufzt, nicht unhöflich, aber ermüdet. „Wäre die Welt wirklich besser dran, wenn wir die Augen davor verschließen würden, dass Teenager eine Menge Zeit darauf verschwenden, zu flirten und sich zum Lachen zu bringen? War das für irgendjemanden ein Geheimnis, bevor Facebook kam?“

„Als die Druckerpresse erfunden wurde, bescherte sie uns als erstes den erotischen Roman. Erst eineinhalb Jahrhunderte später veröffentlichte die Royal Society das erste englischsprachige Wissenschaftsjournal. Selbst die heilige Druckerpresse bediente also zuerst die niedrigsten menschlichen Instinkte. Doch der erotische Roman hielt uns nicht davon ab, die Druckerpresse dann für die wissenschaftliche Revolution einzuspannen. Deshalb halte ich es für Zeitverschwendung, sich über die Tatsache zu ärgern, dass die Menschheit niedrige Instinkte hat, die sie mittels dieses Mediums befriedigen wird – das war bei jeder medialen Neuerung so.“

Shriky räumt ein, dass die Fähigkeit des Internets, Menschen zu verbinden, die sich für die gleichen Dinge begeistern, die Wahrnehmung dessen, was gesund oder normal ist, verzerren kann. „Die entscheidende Frage lautet immer: Macht das Internet die Gesellschaft unterm Strich besser oder schlechter? Ich war nie ein Cyber-Utopist. Ich habe immer gesagt, dass das Internet aus Kompromissen besteht. Einerseits werden schlechte Dinge wie Pädophilie normalisiert, andererseits können schwule Heranwachsende in der Provinz erfahren, dass sie nicht abnormal sind. Mir scheint es eine gute Sache zu sein, dass das Internet die Fähigkeit hat, unsere verfestigten Vorstellung dessen, was gesellschaftlich ‚normal‘ ist, zu lockern.“

Die Hirnforscherin Susan Greenfield veröffentlichte im vergangenen Jahr einen Bericht, in dem sie kritisiert, dass die Entwicklung des menschlichen Gehirns durch soziale Online-Medien Schaden nimmt, insbesondere die Fähigkeit zum Mitgefühl. Shirky hat zwei Kinder im Alter von neun und sechs Jahren. Die beiden wachsen in einem „Medienhaushalt mit engen Grenzen auf“, wie er sagt. Den gemeinsamen Computer dürfen sie nur unter Aufsicht nutzen. „Wir wissen inzwischen durch die Hirnforschung, dass alles unser Gehirn verändert. Fahrradfahren. Fernsehen. Wenn Sie sich über einen Bildschirm in ihrem Haushalt Sorgen machen wollten, dann nicht über den, an dem eine Mouse hängt.“

Shirky besitzt keinen Fernseher. Die Amerikaner schauen zusammengenommen pro Jahr 200 Milliarden Stunden fern. Wenn die sozialen Online-Medien auch nur einen Bruchteil dieser Zeit abknapsen, so Shirky, dann kann das nur gut sein. „Selbst der dümmste kreative Akt ist immer noch ein kreativer Akt. Eine halbe Stunde Zusammenarbeit mit anderen auf der albernsten Webseite der Welt ist sinnvoller als eine halbe Stunde vor dem Fernseher.“

Eine Sache wäre da aber noch. Die pure Boshaftigkeit, mit der mancher Kommentar auf Webseiten, auf denen nach Herzenslust kommentiert werden darf, agiert. Wenn das Web das menschliche Potential an Großzügigkeit und Teilbereitschaft freigelegt hat ­– wie kommt es dann, das seine Nutzer so fies zueinander sind?

Shirky lächelt. „Dieses Paradox hat zwei Aspekte. Zum einen fanden solche Unterhaltungen immer schon statt. Die Leute haben sich fiese Sachen im Pub oder wo auch immer an den Kopf geworfen. Nur hat sie damals nicht jeder gehört. Also hat sich unsere Wahrnehmung der Wahrheit verändert, nicht die Wahrheit an sich. Zum anderen führt die Anonymität dazu, dass die Leute sich gemeiner verhalten. Ich glaube, wir werden deshalb nach und nach Inseln des zivilen Diskurses aufbauen müssen. Es gibt keine Möglichkeit, Anonymität im Netz zu verhindern – und wenn es die gäbe, dann wären die iranische, die chinesische und die burmesische Regierung die ersten begeisterten Abnehmer. Aber wir können soziale Normen festlegen und sagen: Während du dich hier aufhältst, musst du deinen echten Namen oder einen wohlbekannten Nickname benutzen. Die Leute schreien dann: Zensur! – Aber ganz ehrlich: Fuck off.“ Er bricht lachend ab. „Die wirklich große Herausforderung in Sachen Internet lautet nicht, ist das gut oder schlecht, sondern: Wie können wir seinen Nutzen für die Gesellschaft erhöhen?“

Übersetzung: Christine Käppeler

Kommentare (5)

rolf netzmann 25.07.2010 | 04:01

Die Entwicklung der Dampfmaschine durch James Watt und die Entdeckung der Kernspaltung durch Otto Hahn waren, wie viele andere, technisch-wissenschaftliche Revolutionen in der Geschichte der Menschheit, so wie wie Entstehung eines weltweiten Kommunikationsmittels namens Internet. Beide Beispiele hatten aber auch tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen zur Folge. Die Dampfmaschine führte zur Industrialisierung der europäischen Staaten. Der Adel als herrschende Klasse in den europäischen Nationalstaaten wurde abgelöst durch ein zunehmend erstarkendes Bürgertum. Die Arbeitsbedingungen änderten sich radikal, es entstand eine zweite neue Klasse, die Arbeiter. Und es begann als Folge der Industrialisierung eine zunehmende Verstädterung, um die benötigten Arbeitskräfte möglichst nahe an den entstandenen Fabriken zu haben. Die Entdeckung der Kernspaltung führte zu der Entwicklung der bis dahin schrecklichsten Waffe in der Geschichte der Menschheit, der Atombombe, später aber auch zu einer neuen Art der Energiegewinnung. Ich führe dies an, um deutlich zu machen, dass technischer Fortschritt immer auch die Gesellschaft verändert hat, zu Diskussionen führte, in die Lebensbedingungen der Menschen eingriff. Das ist beim Internet nicht anders. Ob es pädagogische Erörterungen sind, wieviel Internet und welche Seiten im WWW für die Heranwachsenden denn gut seien oder die Fage, ob das Internet die Menschen emotional isoliere, weil es abseits des real life sei. Fakt ist, das auch das Internet das Leben der Menschheit tiefgreifend verändert hat. Geografische Grenzen werden in Sekunden überwunden, die Möglichkeit der Wissensvermittlung ist rasant gewachsen. Wie alle technischen Innovationen liegt es auch hier an den Menschen selber, wie sie mit den neuen Möglichkeiten umgehen. Das ist auch eine Frage der zivilisatorischen Entwicklung der Menschheit. Jede technische Innovation kann auch gegen die Menschheit eingesetzt werden, siehe das Beispiel Atombombe. Dass Kriminelle das Netz für ihre Zwecke nutzen, das mag man bedauern, es zeigt aber nur den Zustand unserer Gesellschaft. PISHING ist inzwischen etwas normales geworden, obwohl es jeder, der Online - Banking nutzt, kennen sollte. Das unsere vernetzte Welt auch verletzbarer geworden ist, dass Trojaner, Viren und Würmer das Netz bevölkern, gehört zu unserem Umgang mit dieser Innovation auch dazu. Cyberkriminalität, ein in den letzten Jahren neu entstandenes Wort, zeigt, dass Kriminelle auch heute noch alles Neue für sich nutzen, so wie in den 50-er Jahren das für jeden erschwinglich werdende Auto als Fluchtmittel bei Banküberfällen.

Ich möchte noch auf einen anderen Aspekt eingehen. Das Internet, und da komme ich zur der im Artikel angesprochenen Kreativität, eröffnet Künstlern völlig neue Möglichkeiten. Wieviele Literaturforen gibt es im Netz, in denen junge Autoren, die kein Verlag je publizieren wird, die Möglichkeit nutzen, ihre Werke einzustellen, konstruktives Feedback zu erhalten. Sie können kostenlos für sich Werbung machen, Lesungen ankündigen, sich mit Gleichgesinnten austauschen, gemeinsame Werke schreiben. Wieviele junge Bands tummeln sich bei myspace, deren Musik jeder dort hören kann. Eine eigene Homepage ist relativ schnell erstellt, jeder präsentiert sich wie er möchte im Internet. Das dies in den letzten Jahre viel Facebook-, Myspace, MeinVZ-User zu gläsernen Menschen werden ließ, weil sie viel von sich im Netz preisgegeben haben, gehört auch zur noch jungen Geschichte des WWW. Es liegt immer an den Menschen, wie sie das technisch Neue für sich nutzen, und dieses technisch Neue beeinflusst wiederum das Leben der Menschen. Ein mir bekannter junger Autor phantastischer Geschichten lud mich neulich via Facebook zu einer Lesung ein. Da Lesungen mit ihm immer vergnüglich sind, las ich weiter und erstaunte. Die Lesung fand im "second life" in einem ihm gehörenden Cafe statt, also eine reale Lesung in einer virtuellen Welt. Eine kreative Idee, wie ich finde.
"Wie können wir seinen Nutzen für die Gesellschaft erhöhen?", wird am Ende des Beitrages gefragt. Indem wir es innovativ, kreativ nutzen, seine vielfältigen Möglichkeiten ausreizen und dabei das real life nicht vergessen, indem wir es als Ergänzung zur Realität sehen.