Des einen Leid, des anderen Freud

Opel Anders als in Deutschland, wo die Politik brüskiert reagiert, freut man sich in Großbritannien über die Kehrtwende bei GM

Völlig inakzeptabel, nennt der deutsche Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) die Entscheidung von General Motors (GM), den Plan zum Verkauf seiner europäischen Autosparte zu verwerfen. Würde er von „völlig verständlich“ reden, träfe das den Vorgang besser. Der Deal, Vauxhall in Großbritannien und die Opel-Werke in Deutschland an den mit russischem Geld und deutschen Bürgschaften gesalbten kanadisch-österreichischen Autoteile-Produzenten Magna zu veräußern, war aus schierer Verzweiflung geboren: Anfang 2009 brach der Welthandel massiv ein, und GM lag auf der Intensivstation.

Doch hatte sich die Logik der Verkaufsoption in dem Moment erledigt, als in den Weltmarkt mehr als nur ein Hauch von Stabilität zurückkehrte und erste Anzeichen konjunktureller Erholung sichtbar wurden. Dank gewaltiger finanzieller Infusionen durch die US- und kanadischen Steuerzahler konnte sich General Motors unter dem durch das Insolvenzverfahren errichteten Rettungsschirm hervorwagen und wieder wie ein halbwegs normales Unternehmen denken.

Ob das Management in Detroit nun aber in der Lage sein wird, seiner europäischen Dépendance einen Weg der Rentabilität zu weisen, lässt sich kaum mit Gewissheit sagen. Man kann aber dem GM-Verwaltungsrat nicht vorwerfen, genau das versuchen zu wollen. Ein global agierender internationaler Automobilkonzern kann es sich nicht leisten, Europa aufzugeben. Er könnte zudem die Überkapazitäten der europäischen Standorte auf vernünftigere Art und Weise abbauen als ein unerfahrenes kanadisch-österreichisch-russisches Joint-Venture, das sich in Leibeigenschaft der deutschen Regierung befindet.

Genau hier liegt im Übrigen der Grund für die Verärgerung von Angela Merkel und ihrem FDP-Wirtschaftsminister Rainer Brüderle. Ein Kauf durch Magna hätte deutsche Arbeitsplätze gesichert, während jetzt eine Expertise von GM mit großer Wahrscheinlichkeit zu dem Schluss kommt, dass Deutschland mindestens ein Opel-Werk zu viel hat. Der hässliche Versuch der Regierung Merkel, unvermeidliche Arbeitsplatzverluste auf europäische Nachbarn abzuwälzen, war das in Wahrheit „völlig Inakzeptable“ an dieser Geschichte.

Fantastische Neuigkeiten

John Smith, Vizechef für Unternehmensplanung bei GM, lässt keinen Zweifel, dass Stellenstreichungen in der Größenordnung von 10.000 Jobs nicht vom Tisch sind. Im Gegenteil, die europäischen Regierungen könnten „in Kürze“ mit einem neuen Masterplan rechnen, der auf einen Kapazitätsabbau von 30 Prozent ziele. In den europäischen GM-Firmen werden derzeit etwa 50.000 Mitarbeiter beschäftigt, davon mehr als 5.000 an den britischen Standorten in Luton und Ellesmere Port. Tony Woodley, Generalsekretär der Gewerkschaft Unite und damit Anwalt der britischen Vauxhall-Arbeiter, macht trotz denkbarer Job-Verluste kein Hehl aus seiner Freude über den gescheiterten Magna-Deal. „Das sind fantastische Neuigkeiten. GM tut gut daran, Vauxhall zu behalten. Die Probleme des Konzerns haben ihre Ursachen in den USA, nicht in England, wo wir unsere Werke schon vor Jahren neu strukturiert haben.“

Wirtschaftsminister Lord Mandelson, der Magna bei einem längerfristigen Engagement in Großbritannien finanzielle Hilfen in Aussicht gestellt hatte, ist mit seinem Urteil vorsichtiger. „Ich bin sehr gespannt darauf, was die Pläne von GM für die britischen Standorte bedeuten. Ich habe immer gesagt, dass die Regierung eine nachhaltige Lösung unterstützen wird, wenn die gefunden ist.“

Diffuser Status

Baback Yazdani, Professor an der Nottingham Business School, bleibt skeptisch, es wäre falsch zu glauben, die Werke in Luton und Ellesmere Port seien absolut sicher: „Die Erleichterung darüber, dass es keinen Eigentümer-Wechsel gibt, ist verständlich, aber es wird in Europa eine Neustrukturierung geben müssen, ganz egal, wer das Unternehmen leitet. Es rollen schlicht 30 Prozent Autos zu viel vom Band.“ Daraus schlussfolgert Yazdani, dass mindestens eines der vier deutschen Opel-Werke geschlossen wird. In Ellesmere Port habe man sich durch eine hohe Effizienz Vorteile verschafft. Und Luton, wo Lastkraftwagen produziert werden, müsste seiner Ansicht nach von der engeren Kooperation mit Renault profitieren.

Die Russen, die dank ihrer Sberbank dem Projekt Magna-Opel ein finanzielles Rückgrat verschaffen wollten und auf einen Technologieschub für ihre Automobilindustrie hofften, halten sich bedeckt. Nur Premier Putin zeigt öffentlich, wie überrascht er ist über den Paukenschlag aus Detroit. Im Kreml werde man sich erlauben, die Frage nach den juristischen Implikationen aufzuwerfen und an die Tatsache zu erinnern, dass General Motors Vermögenswerte und Aktivposten von GM-Europa bereits an eine neue Treuhandgesellschaft überführt habe, was die Frage nach dem gegenwärtigen Status des Unternehmens aufwerfe. Dem stimmt Professor Yazdani aus Nottingham zu. Der rechtliche Status bleibe „diffus“ und müsse geklärt werden, bevor irgendjemand etwas Verbindliches über die Zukunft von Ellesmere Port, Luton und anderer Werke aussagen könne.

Übersetzung: Holger Hutt

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05:00 12.11.2009
Geschrieben von

Nils Pratley/Terry Macalister, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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