Des Prinzen Rolle

Begegnung Prince war ein musikalisches Genie – und ein Charakter mit sehr eigenwilligen Ansichten. Der Guardian-Autor Dorian Lynskey traf ihn 2011 zu einem ausführlichen Gespräch
Des Prinzen Rolle
Prince (7. Juni 1958 – 21. April 2016)
Foto: Cris Graythen/Getty Images

Prince verspätet sich. Und wenn Prince sich verspätet, beginnt man als Interviewer sofort, sich Sorgen zu machen. Ich befinde mich in einem leeren Zimmer in der oberen Etage eines schicken Pariser Restaurants, dessen Wände, Teppich und Sitzbänke komplett in Prince-gemäßem Lila gehalten sind. Und ich denke an den Journalisten, der einmal sechs Tage in Paisley Park – Prince’ Plattenstudio in Minneapolis – zubrachte und auf eine Audienz wartete, um schließlich mit einem Telefonat vorliebnehmen zu müssen. Mit einem solchen Gedanken kommen einem auch relativ moderate drei Stunden Wartezeit endlos vor.

Auf einmal ist er da, ganz ohne Entourage. Er schüttelt mir die Hand, entschuldigt sich überschwänglich und nimmt auf einer Bank Platz. Seine Hose und sein Rollkragenpullover sind genauso schwarz wie sein glänzendes, kunstvoll gestyltes Haar. Sein Ring, seine Ohrklemmen und seine Halskette glänzen silbern. Er wirkt viel jünger als 53. Eigentlich sieht er immer noch so aus wie früher.

Er bestellt sich eine Tasse grünen Tee. „Sie nehmen hier keine Mastercard“, sagt er mit einem Grinsen. „Ich werde wohl das Geschirr spülen müssen.“

Von einem der wenigen Superstars, die immer noch diese mittlerweile unzeitgemäße Aura des Rätselhaften umgibt, erwartet man, dass er merkwürdig und versponnen ist. Dass er versucht, lustig zu sein, ist eher überraschend. Während des Gesprächs lacht er oft laut und bemüht sich, ein unterhaltsamer Interviewpartner zu sein.

Prediger, Lehrer, Comedian

Als ich ihn frage, warum er scheinbar nicht gealtert ist, bietet er eine groteske Erklärung an. Unter anderem zitiert er die Himmelsmechanik herbei und veranschaulicht seine Ausführungen mit einer Kerze als Sonne und einem Zuckerwürfel als Erde. Hinzu kommen die Genforschung, die Alzheimer-Erkrankung seines verstorbenen Vaters, der göttliche Zeitbegriff, die Purple-Rain-Tour und dass er als Zeuge Jehovas seinen Geburtstag nicht feiert („in der Bibel kommen keine Geburtstage vor“). Zeit sei nur eine Konstruktion des Bewusstseins, schließt er und lässt von Kerze und Zuckerwürfel ab. „Sie ist nicht real.“

Er trägt das in einem Ton vor, der zwischen Prediger, Schullehrer, Stand-Up-Comedian und Talkshow-Plauderer changiert. Dass Journalisten bei Gesprächen mit ihm keine Aufnahmegeräte verwenden dürfen, lässt auf eine gewisse Paranoia schließen.

„Die Leute müssen sehr eingeschüchtert sein, wenn sie Sie zum ersten Mal treffen“, sage ich. „Versuchen Sie, ihnen diese Furcht zu nehmen?“ – „Das geht bei mir sehr schnell. Ich bin sehr umgänglich.“ Er blickt mich einen Augenblick lang unverwandt an. „Die Presse bläst die Dinge gern auf. Je schneller es mit dem Ruhm vorbei ist, desto besser.“ Er sehne sich nach dem Tag, an dem er die Straße entlanggehen könne, ohne belästigt zu werden. Er erinnert sich noch daran, wie ihm zum ersten Mal klar wurde, dass er berühmt ist: „Ich hatte alte Sachen an, weil ich einem Freund beim Umziehen helfen wollte. Ein paar Mädchen gingen vorbei. Eine sagte: ‚Oh mein Gott, Prince!‘ Eine andere erwiderte: ‚Das ist nicht Prince.‘ Danach habe ich nie wieder in alten Klamotten das Haus verlassen.“

Zusammen mit Michael Jackson und Madonna war Prince einer der Regenten der großen, glanzvollen Tage der Popmusik. Anders als Jackson und Madonna war er jedoch ein Alleskönner: Er konnte singen, schreiben, spielen, produzieren, designen, Filme machen und hielt überhaupt alle Strippen selbst in der Hand. 1984 gelang es ihm, mit Purple Rain gleichzeitig auf Platz eins der Album-, Single- und Filmcharts der USA zu landen. Damals schien er selbst sein einziger Herausforderer zu sein. „Ich hatte die kreative Kontrolle“, sagt er stolz. „Ich musste über ein Jahr kämpfen, bis ich einen Vertrag bekam. Schließlich mussten sie alles akzeptieren, was ich ablieferte. Sie durften nicht mal mit mir reden.“

Zu der Pop-Persönlichkeit Prince gehörten auch untrennbar die Gerüchte: Der Star als unerklärlicher Außerirdischer, mit einer Sexualität, so vieldeutig wie unersättlich und so beunruhigend potent, dass ein Song allein (Darling Nikki vom Album Purple Rain) genügte, dass die amerikanische Zensurbehörde PMRC gegründet wurde und wir heute Parental-Advisory-Sticker haben. Er hat in all den Jahren so oft mit seinem Image und seiner Musik experimentiert. Hatte er jemals Sorgen, dass er den Bogen überspannen könnte? „Ständig. Die ganze Zeit.“

Denkt er, dass es nochmals Superstars wie Jackson oder von seinem Format geben wird? Lässt die Ausdifferenzierung der Popmusik seit den Achtzigern das überhaupt noch zu? Er hält einen Augenblick inne. „Michael und ich wurden beide zu einer Zeit groß, in der noch nichts da war. MTV hatte niemanden, der auf sein Äußeres und seine Performance achtete: Bowie vielleicht noch. Viele Leute machten damals großartige Platten, aber sie kleideten sich, als würden sie zum Einkaufen gehen.“ Extravagantes, publikumswirksames Auftreten erlebe zurzeit gerade ein Comeback, räumt er ein. „Aber wie viele Leute haben Substanz? Oder ziehen sie nur verrückte Klamotten an?“

Was hält er von Lady Gaga? „Ich weiß nicht“, entgegnet er diplomatisch. „Ich müsste sie kennenlernen.“ Er erzählt, wie sehr er Adele bewundert oder Janelle Monáe. Zu anderen Künstlern will er aber nichts sagen. „Ich will niemandem in die Parade fahren. Ich bin niemandem böse und habe keine Feinde.“

Das ist eine leichte Übertreibung. Eigentlich hat Prince ziemlich viele Feinde, wenn auch nicht unter seinen Musikerkollegen. Immer wieder stößt er sich an der Niedertracht von so ziemlich jedem in der Branche, der nicht selbst Musik macht. In den Neunzigern geriet er mit seiner Plattenfirma Warner Bros. in einen erbittert geführten Streit, legte sich ein unaussprechliches Symbol als Künstlernamen zu und verabschiedete sich schließlich von dem Label mit einem Dreifach-Album, das bezeichnenderweise Emancipation hieß. „Eine Menge Musiker wussten nicht, was ich da tat, aber manchen hat es geholfen. Mir egal, was die Leute heute davon halten.“ Die Wut hat nachgelassen. „Ich betrachte das nicht mehr wie früher als eine Sache von ‚Wir gegen sie‘. Aber kennen Sie den Zauberer von Oz? Wenn sie den Vorhang zurückziehen und sehen, was wirklich vor sich geht? So war das für mich damals.“

Heute sind seine Gegner nicht mehr die kränkelnden Major-Labels, sondern die Leute, die Musik im Internet verkaufen oder teilen. Einst war Prince selbst einer der Pioniere selbstfinanzierter Online-Veröffentlichungen. Und es ist noch nicht lang her, dass er ein lukratives Geschäft damit machte, dass Boulevardzeitungen seine Alben als Beilagen verschenken durften. Derzeit habe er aber nicht vor, ein neues Album zu veröffentlichen, auch wenn er schon Hunderte von Songs angesammelt habe, sagt er. „Die Industrie hat sich verändert. Bevor die Sache mit der Piraterie solch extreme Ausmaße angenommen hat, haben wir Geld im Netz verdient. Heute verdient außer den Telefongesellschaften, Apple und Google keiner mehr was. Das ist wie der Goldrausch da draußen. Oder Autodiebstahl. Es gibt keine Grenzen. Ich habe schon bei Meetings gesessen und mir wurde gesagt: ‚Prince, du verstehst nicht, da draußen kämpft jeder gegen jeden.‘ Also werde ich einfach keine Platten mehr aufnehmen.“

"Sprechen Sie nicht über das Internet!"

Auf der Liste mit den Verhaltensregeln, die mir sein Management vor dem Interview zugeschickt hatte, stand: „Bitte reden Sie mit ihm nicht über das Internet!“ Vielleicht hat Prince selbst die Regeln nicht gelesen. „Ich persönlich kann digitale Musik nicht ausstehen“, fährt er fort. „Man erhält den Klang in Stücken. Das spricht andere Teile des Gehirns an. Man spürt nichts, wenn man das abspielt. Wir sind analoge Wesen, keine digitalen.“ Bei der Digitalisierung läuft er warm: „Klingeltöne!“, ruft er laut. „Waren Sie jemals in einem Zimmer, in dem 17 Klingeltöne gleichzeitig losgingen?“ Nein, aber hat er selbst einen? Er sieht mich an, als wäre die Frage vollkommen abwegig. „Ich besitze kein Telefon.“

Genauso aufregen kann er sich über Coverversionen seiner Songs. „Es gibt keine andere Kunstform, bei der so etwas möglich ist. Man kann doch auch nicht einfach hergehen und seine eigene Version von Harry Potter schreiben. Wollen Sie wirklich hören, wie jemand anders Kiss singt?“

Wie die meisten Musiker macht er heute vor allem mit Konzerten sein Geld. Er sei ein „liebender Tyrann“, sagt er. „Ich bin wahrscheinlich der härteste Bandleader, mit dem man zusammenarbeiten kann, aber ich mache es aus Liebe.“ Mit seiner Band hat er um die 300 Stücke eingeübt, aus denen er spontan auswählen kann. Deshalb machen ihm Live-Auftritte mehr Spaß als früher. „Mit Purple Rain haben wir hundert Shows gespielt. Ungefähr bei der 75. machte es mich wahnsinnig – weil die Leute immer nur den Film wollten. Spielten wir nicht jeden einzelnen Song daraus, gab es Ärger. Diese Shows schienen sich in die Länge zu ziehen wie keine anderen, weil man den Ablauf genau kannte.“ Nun bestehe die Herausforderung darin, „das Vorherige zu übertreffen. Ich spiele jedes Konzert, als sei es das letzte.“

Inspiration findet er immer wieder bei der alten Funk-Band Sly and the Familiy Stone. Deren ehemaliger Bassist Larry Graham war es auch, der ihn vor zehn Jahren mit den Zeugen Jehovas bekannt machte. Der Glaube scheint ihn ruhiger und zufriedener gemacht zu haben, auch wenn seinem Songwriting darüber die Qual, Aggressivität und anstößige Sexualität abhandenkamen, die in den Achtzigern seine stärksten Titel ausmachten. „Ich musste lernen, was Autorität ist. Das lehrt uns die Bibel. Sie ist ein Leifaden für soziale Interaktion.“ Wie meint er das? „Wir können nicht einfach immer machen, was wir wollen. Wenn man keine Grenzen hat, was dann?“

Klar und überschaubar

Grenzen versprechen Klarheit und Überschaubarkeit in einer unübersichtlichen Welt. Faszinieren sie ihn deshalb so? „Es macht Spaß, in islamischen Ländern zu sein und zu wissen, dass es hier nur eine Religion gibt. Es herrscht Ordnung. Man trägt eine Burka. Es gibt keine Wahl. Die Leute sind glücklich damit.“ So einfach? Was ist mit den Frauen, die nicht so glücklich sind, eine Burka tragen zu müssen? „Es gibt Leute, die sind mit allem unglücklich“, antwortet er mit einem Schulterzucken. „Alles hat eine dunkle Seite.“

Er bemerkt, dass ich nicht überzeugt bin und versucht, seinen Standpunkt zu klären, bricht dann aber seufzend ab. „Ich will hier keine Ansprache halten. Meine Weltsicht könnte man jetzt ewig diskutieren. Aber ich bin Musiker. Und ich bin Musik. Wenn Sie die wollen, können sie zu den Konzerten kommen.“

Wir reden bereits seit über einer Stunde und er wirkt langsam unruhig. Fühlt er sich am ehesten mit sich im Reinen, wenn er Musik macht? „Ich kann mich auch bei anderen Beschäftigungen mit mir im Reinen fühlen“, erwidert er. Es klingt etwas schnippisch.

Ist er manchmal nostalgisch? „Ich mag Kunst von früher gern. Ich drucke sie gern auf T-Shirts und Taschen. Die Fans mögen das. In musikalischer Hinsicht bin ich aber nicht nostalgisch. Jede Band bringt neue Songs in einem hervor.“

Immer wieder spielt er seine eigene Berühmtheit herunter und verbeugt sich vor seiner Band oder Sly and the Family Stone. Alles nur Koketterie, oder glaubt er wirklich nicht, dass er richtig gut ist in dem, was er macht? „Das glaube ich nicht,“ sagt er und grinst selbstgefällig. „Das weiß ich.“

Dorian Lynskey schreibt für den Guardian vor allem über Musik.

Nicht nur kostenlose Downloads

Die Musikindustrie beklagt seit Jahren die Verluste, die ihr durch kostenloses Herunterladen von Musik aus dem Internet entstehen. Dabei ist die Zahl derer, die bereit sind, für ihre Downloads zu bezahlen, bedeutend gewachsen. 2010 waren es 6,7 Millionen, die laut einer Studie des Bundesverbands der Musikindustrie (BVMI) ihre Musik über legale Online-Anbieter erworben haben. Nach Angaben der Studie hat sich damit die Zahl der Download-Käufer in den letzten fünf Jahren mehr als verdoppelt.

Jim Rondelli, Vizepräsident des digitalen Anbieters Slacker sagt, dass viele Kunden zwar bereit seien, für die Musik zu bezahlen, aber nicht wüssten, wo sie sie finden sollten. Daher sieht er eine der größten Herausforderungen darin, die Kunden von illegalen Anbietern zu den lizenzierten Download-Angeboten zu führen.

Der Digital Music Report des Internationalen Verbands der Phonoindustrie (IFPI) gibt an, dass es inzwischen mehr als 400 dieser legalen Online-Dienste weltweit gibt. 13 Millionen Songs haben sie im Angebot. Rund 29 Prozent ihrer Einnahmen erzielten die Plattenfirmen heute über den Markt im Netz, heißt es in dem Report. Viele Musiker betonen auch die Vorzüge des Internets. So findet etwa Ricky Martin: Ob man ein Download-Angebot kauft oder ein ganzes Album herunterlädt der einfache Zugang zur Musik bringt die Künstler ihren Fans näher. Die Musik spielt heute im Netz. Dennoch sind nur zehn Prozent der Deutschen laut BVMI der Meinung, die CD sei ein veraltetes Format. mcg

Übersetzung: Holger Hutt, Zilla Hofman
14:00 08.07.2011
Geschrieben von

Dorian Lynskey | The Guardian

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