Deutscher Brauch, very british

Christkindlmarkt Immer mehr Briten lieben Sauerkraut und trinken Glühwein: Der deutsche Weihnachtsmarkt boomt, nicht nur in Birmingham. Nur auf Bier möchte dort kaum einer verzichten

In Großbritannien kopiert man teutonische Weihnachtsbräuche seit Prinz Albert 1841 von einer Urlaubsreise nach Deutschland mit einem Christbaum im Gepäck nach Hause kam. Doch in diesem Jahr haben die britisch-deutschen Beziehungen einen Höhepunkt erreicht: Landauf, landab schießen deutsche Weihnachtsmärkte aus dem Boden.

Der erste dieser Christkindlmärkte, der vor über einem Jahrzehnt auf der Birminghamer New Street eingeführt wurde, ist in diesem Jahr auf 180 Stände angewachsen und damit – nach Angaben der Stadt Birmingham – der sechstgrößte deutsche Weihnachtsmarkt der Welt und größer als die Märkte in Dresden, Berlin und Nürnberg.

Aus Frankfurt über den Kanal

Der Mann, dem Birmingham das zu verdanken hat – oder der Schuld an allem ist, je nachdem wie man zu Bratwurst- und Glühweinduft steht – ist Kurt Stroscher, der das Konzept des Christkindlmarktes vor 13 Jahren in unseren Gefilden vorstellte, als er von der Stadt Frankfurt den Auftrag bekam, sie besser im Ausland zu vermarkten. „Wir waren die Pioniere“, sagt er, während er auf der New Street in einer Blockhütte, die aussieht, als hätte eine Zeitmaschine sie hier abgeworfen, ein Stück Vanilletorte verschlingt.

Stroscher überzeugte nach einigem Kopfzerbrechen seine Bosse von der Frankfurter Tourismusbehörde davon, dass sie von dem Image des spießigen Finanzzentrums wegmussten, wenn sie die Stadt den Briten besser verkaufen wollten. Zu diesem Zweck schlug er den Export eines authentischen deutschen Weihnachtsmarktes vor, wie man ihn in Frankfurt seit 1393 kennt.

Frankfurts Partnerstadt Birmingham erschien die naheliegendste Wahl und so überzeugte Stroscher eine Schar von deutschen Marktbeschickern, ihre Stände über den Kanal und hoch in die Midlands zu verschiffen, auch wenn die skeptisch waren, ob man die Briten von „Fisch und Chips“ auf „Krustenbraten und Sauerkraut“ umgewöhnen könne.

Eigentlich sollte es eine einmalige Sache sein, doch die „Brummies“, wie man die Bewohner Birminghams auch nennt, kamen auf den Geschmack deutscher Weihnachtsleckereien und Stroscher erkannte das Potential zum Dauerbrenner. Inzwischen richtet die Frankfurter Tourismusbehörde vier der größten Christkindlmärkte in Großbritannien – in Edinburgh, Manchester, Leeds und Birmingham – aus. „Im vergangenen Jahr haben beinahe 3 Millionen Menschen diesen Markt besucht“, sagt Stroscher. „Die Stadt Birmingham kostet das keinen Penny.“


Frankfurt darf als Sponsor der Veranstaltung auftreten – im Gegenzug bezahlt die Stadt für die Sicherheitskräfte, Müllentsorgung und Verwaltungskosten. Das sei es wert, sagt Stroscher. „Zwischen 2000 und 2010 ist die Zahl der britischen Gäste auf dem Original-Weihnachtsmarkt in Frankfurt um 30 Prozent gestiegen.“

Die Briten, meint Stroscher, genießen die einfachen Freuden einer deutschen Weihnacht. „Auf authentischen deutschen Weihnachtsmärkten ist kein Platz für schrillen Kommerz wie in den USA, mit knallbunter Deko und keinem Respekt vor dem wahren Geist des Weihnachtsfests, das in den christlichen Traditionen verankert ist. In Deutschland sind der Advent und Weihnachten eine Zeit des Friedens, der Besinnlichkeit und der Gemütlichkeit – und der Pflege uralter Bräuche in der Familie und mit Freunden.“

Die Freuden der deutschen Weihnacht

Stroschers opulente Veranstaltung in Birmingham wird inzwischen in ganz Großbritannien kopiert. Köln sponsort einen Markt im Londoner Stadtteil South Bank – in Zusammenarbeit mit einer Firma, die auch die Märkte in Glasgow, Canterbury und Peterborough ausrichtet. Die französische Firma Geraud betreibt Märkte in Liverpool und Cheltenham. „Ich bin stolz auf das, was ich angestoßen habe“, sagt Stroscher.

Allein die Gemeinde Lincoln würde wohl Einspruch gegen Stroschers Pionieranspruch erheben. Dort findet seit 1982 jedes Jahr ein deutscher Weihnachtsmarkt statt, seit eine Gruppe des Stadtrats Neustadt an der Weinstraße besuchte und von dem dortigen Christkindlmarkt so beeindruckt war, dass sie einen eigenen gründete. Nur in diesem Jahr wird er wegen zuviel Schnee ausfallen müssen.

Authentizität steht für Stroscher an erster Stelle. Einige Aspekte des Weihnachtsmarktes sind allerdings dem Geschmack der Briten angepasst worden. „In Frankfurt gibt es keine Bier- oder Weinstände – es gibt nur Glühweinstände und andere Heißgetränke“, so Stroscher. „Doch der Stadtrat von Birmingham hat sie sich ausdrücklich gewünscht und sie sind hier mit Abstand am beliebtesten.“

Eine Gruppe von Handelsvertretern, die unter einem bilingualen Rentier Bier aus Maßkrügen trinken, bestätigt das. Auf die Frage, weshalb sie den deutschen Weihnachtsmarkt besuchen, antworten die Männer ohne zu zögern: „Das Bier.“ „Ich finde es gut, dass es hier erlaubt ist, im Freien zu trinken“, sagt Adam Desanges, der mit seinen Kollegen feiert, dass sie ihre Verkaufsziele erreicht haben. Dass der Markt eine clevere Strategie ist, um ihn zu einem Besuch in Frankfurt zu bewegen, ist ihm nicht aufgefallen.

Bier aus Delmenhorst

Das Bier, das die Männer trinken, stammt von Marlis Loewenthal aus Delmenhorst. Sie hat seit 1997 einen Stand in Birmingham – inzwischen sind es elf und sie verkauft alles, von Entenschnitzel bis Feuerzangenbowle.

„Als ich das erste Mal hierher kam, konnte ich kein Wort Englisch und ich war äußerst skeptisch, ob die Briten Deutsche oder Deutschland überhaupt mögen würden. Ich war überwältigt davon, wie nett alle waren“, sagt sie in kompetentem Englisch mit einem leichten Birminghamer Einschlag. „Die Leute haben mir englische Weihnachtskarten und Christmas Cake mitgebracht. Jetzt beherrsche ich die englische Sprache, ich habe eine Wohnung hier und ein britisches Unternehmen. Birmingham ist jetzt mein zweites Zuhause.“

Übersetzung: Christine Käppeler

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17:45 07.12.2010
Geschrieben von

Helen Pidd | The Guardian

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