Diagnose: Retromanie

No Future Simon Reynolds hat das Standardwerk über den Vergangenheitswahn der Popkultur geschrieben. Warum, erzählt er hier

Was hat mich bewogen, ein Buch darüber zu schreiben, dass die Popkultur von ihrer eigenen Vergangenheit besessen ist? Im Verlauf der Nullerjahre ist die Popkultur zunehmend retro geworden. Das gilt nicht nur für die Musik, wo es unzählige Reunion-Touren, Revivals, Deluxe-Neuauflagen und Live-Aufführungen ganzer Album-Klassiker gab. Youtube entwickelte sich zu einem gigantischen Archiv im Netz, die Filmbranche setzte auf Remakes … ganz zu schweigen von obskuren Nischen wie der seltsamen Welt des Retro-Pornos: Alles deutete darauf hin, dass wir krankhaft auf das Gestern fixiert sind. Wenn ich aber eine bestimmte Veröffentlichung nennen müsste, die endgültig den Ausschlag für Retromania gab, so wäre es das Beatles-Remixprojekt Love. Die 26 Songs des Albums wurden 2006 von dem ehemaligen Beatles-Produzenten George Martin und dessen Sohn Giles für das gleichnamige Cirque-du-Soleil-Spektakel in Las Vegas aufgenommen. 130 Alben, Demos und andere Aufnahmen der Fab Four wurden dafür zusammengeschnipselt.

Nacherleben und Nachkaufen

Love wurde als radikale Neubearbeitung gehypt. Dabei war es alles andere als ein interessantes Hörerlebnis: Es klang größtenteils einfach falsch, so wie restaurierte Bilder zu bunt und zu grell aussehen. Aber es führte mich zu der Frage, woher eigentlich der Drang kommt, die Popgeschichte nachzuerleben – und nachzukaufen. Und warum wir digitale Technologien nutzen, um die Vergangenheit neu zu arrangieren und den Anschein von Neuartigkeit zu erwecken.

Retro ist natürlich kein vollkommen neues Phänomen. Revivals und kreative Zerrbilder der Sounds von Gestern waren schon immer Teil der Popkultur. Die gegenwärtige Retromanie unterscheidet sich davon insofern, als dass sie mit etwas einhergeht, was ich „Total Recall“ nenne. Durch das Internet können wir alle Aufnahmen abrufen, und zwar sofort und im Original. Der kreative Spielraum ist dadurch allerdings enger geworden: Fantasievolle Neuauflagen sind doch immer gerade erst durch Fehlinterpretationen und Mutationen entstanden. Man denke nur an frühe Antikenkulte, wie zum Beispiel das Gothic-Revival im 19. Jahrhundert. Die digitalen Technologien werden immer billiger, gleichzeitig wissen wir heute ganz genau, wie bestimmte Aufnahmen entstanden sind. Eine Band kann heute mühelos eins zu eins den Klang einer beliebigen Zeit nachahmen. Sei es der Schlagzeugsound, den Ringo Starr mit Hilfe der Abbey-Road-Techniker erzielte, oder ein bestimmter Synthie-Sound von Kraftwerk: Alles lässt sich reproduzieren.

Was mich bei den Recherchen zu Retromania am meisten irritiert hat, ist das Paradox, dass ausgerechnet die Subkultur am eifrigsten die Vergangenheit umgräbt. Wie kommt es, dass eben jene Leute, die früher allen voran neue Wege beschritten (Typ: Early-Adopter-Boheme), zu Antiquaren und Kuratoren geworden sind? In der Subkultur scheint an die Stelle der Kreativität die Recreativity getreten zu sein: Da wird geborgt und zitiert, hyperreferenzielle Ironie wird mit ehrfürchtiger Nostalgie gemixt.

Ein Teil der Musik, die in diesem Geiste entsteht – von Ariel Pinks Haunted Graffiti bis hin zu dem, was bewusst nostalgisch orientierte Plattenlabels wie Ghost Box und Not Not Fun so machen – gehört mit zum unterhaltsamsten und intellektuell anregendsten, was es zur Zeit gibt. Mein Buch ist kein larmoyanter Abgesang auf qualitativ anspruchsvolle Musik – noch gibt es interessante Talente da draußen. Ich mache mir allerdings Sorgen, dass eine bestimmte Qualität der Musik verschwindet: Das Gefühl, etwas noch nie gehört zu haben. Die Ekstase und Orientierungslosigkeit, die Musik auslöst, die aus dem Nichts zu kommen scheint und auf eine strahlende Zukunft verweist. Oder zumindest auf etwas bislang ungekanntes.

Für junge Musiker scheint die Vergangenheit heute ein wichtigerer Quell der Inspiration zu sein als die Zukunft. Aller Zauber scheint nun von dem auszugehen, was verloren geglaubt wird. Hip ist seit den Nullerjahren, wer etwas findet, das sich neu beackern lässt: Es geht darum, anders abzuleiten – originell zu sein in der eigenen Unoriginalität.

Abhängig wie vom Öl

Die klassischen Ressourcen wie Krautrock oder Acidfolk sind längst abgegraben. Künstler wie Oneohtrix Point Never, Hype Williams oder die LA Vampires plündern deshalb inzwischen den Mainstreampop der Achtziger und Songs von Megastars wie Sade. Der Mainstream von gestern klingt für sie heute bereits exotisch. Doch da auch diese Quellen bald erschöpft sind – die Analogie zur Abhängigkeit des Westens vom Öl liegt auf der Hand – wendet sich die Avantgarde der Vergangenheit anderer Länder zu. Unter den Coolness-Jägern aus Los Angeles wie Ariel Pink oder Puro Instinct ist sowjetische New Wave-Musik der neuste Schrei. Auch die findet man ganz einfach bei Youtube.

Die Retromanie grassiert nicht nur in der Popmusik. Foto-Apps wie Hipstamatic und Instagram verleihen Schnappschüssen die Patina der siebziger und achtziger Jahre. Womit wir beim Kernproblem wären: Wir haben diese ganze futuristische Technik zur Verfügung, die uns alle möglichen Dinge ermöglicht, die uns im Jahr 1972 absolut unglaublich erschienen wären. Und was tun wir? Wir benutzen sie als Zeitmaschine, die uns ins Gestern befördert oder um die Überbleibsel längst vergangener Zeiten neu zu mischen und zu teilen.

Wir leben in der digitalen Zukunft, aber wir stehen unter dem Bann unserer analogen Vergangenheit. Wenn wir irgendwann einmal ins frühe 21. Jahrhundert zurücklauschen, was hören wir dann? Etwas, das diese Epoche geprägt hat? Oder nur reproduzierte antike Sounds und Stil-Denkmäler?

Retromania. Warum Pop nicht von seiner Vergangenheit lassen kann Simon Reynolds , Chris Wilpert (Übers.) Ventil Verlag 2012, 424 S., 29,90 €

Simon Reynolds ist Musikjournalist und hat schon einmal ein Standardwerk geschrieben: Rip It Up And Start Again über Post-Punk

09:00 23.12.2012
Geschrieben von

Simon Reynolds | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

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