Dicker Schwindel

Geschlechterkampf Burlesk-Theatergruppen verlocken Laiendarstellerinnen zum Striptease und verkaufen das Spiel mit der Nacktheit auch noch als Emanzipation. Eine Aussteigerin rechnet ab

„Lächeln! Du musst lächeln, bis dir das Gesicht weh tut.“ Dem Leiter unserer Burlesk-Show kam es auf Subtilität nicht an. „Lächelt keck, als ob ihr daran denken würdet, ihnen das zu geben, was sie wollen. Zieht es in die Länge. Und dann, wenn ihr ihnen schließlich gebt, was sie wollen, lächelt weiter.“

Vor vier Jahren war ich ein unglücklicher Teenager, der sich verzweifelt nach etwas sehnte, das ihm helfen könnte, sich im eigenen Körper mehr zuhause zu fühlen. Die Manager einer örtlichen Burlesk-Truppe überzeugten mich davon, dass Strippen die perfekte Lösung sei. Verzweifelt auf der Suche nach irgendeiner Bestätigung stürzte ich mich sofort auf diese Möglichkeit. Ich wollte rebellieren. Ich war hingerissen von der dunklen, verdorbenen Ästhetik der Amateur-Burlesk-Vorführungen, die ich gesehen hatte. Und nicht zuletzt wollte ich Aufmerksamkeit, egal welche, um die Leere zu füllen, die ich in meinem Inneren spürte. Es folgte ein Jahr, in dem ich den Zuschauern schöne Augen machte und meine Slips zeigte, bis mir mein Körper noch weniger mir zu gehören schien.

Als das Burlesk-Theater im 19. Jahrhundert aufkam, war vom Strippen noch keine Rede. Als Form des Low-Budget-Theaters für die Arbeiter bestand sein Hauptanliegen darin, die kulturellen Sitten der Aristokratie zu parodieren oder karikieren. Woher sich auch der Name ableitet. (Burlesque = dt. Karikatur, Posse, Übertreibung, d. Red.). Die frühen Aufführungen bedienten sich der Komik, der Musik und des Tanzes, um die bildungsbürgerliche Kunst und Politik herauszufordern. Außerdem machten sie sich auf gewagte Weise über die viktorianischen Gender-Normen lustig, indem als Männer verkleidete Frauen auftraten. Das Burlesk-Theater existierte in den USA und Großbritannien bereits viele Jahrzehnte, bevor man begann, Frauenkörper einzusetzen, um die Kunstform einem schwindenden Publikum zu verkaufen.

Sexobjekte mit Cellulite

Seit seinem Revival in den 1990ern hat sich das Augenmerk der Burleske allmählich von der sozialen Satire zum simplen Strippen verschoben. Der Öffentlichkeit wurde das als subversiv, gar feministisch verkauft, als eine demokratische Form der Verobjektivierung, die jeder Frau, ungeachtet ihres Alters oder ihrer Kleidergröße offen stehe. In der Praxis scheint es auf die nicht gerade radikale Vorstellung hinauszulaufen, dass auch Frauen mit Cellulite Sexobjekte sein können. Manch einer hält dies für eine fantastische Neuigkeit für den Feminismus. Soweit ich mich entsinnen kann, spielt positives „Körperbewusstsein“ dabei allerdings keine besonders große Rolle.

Während des Jahres, in dem wir in Edinburgh auftraten, gab es kaum einen Tag, an dem nicht ein schüchternes, verwirrtes Mädchen in den Toiletten hinter der Bühne weinte, weil sie meinte, ihr Kostüm ließe sie fett aussehen. Manchmal war ich dieses Mädchen.

In den zurückliegenden Jahren hat die Burlesk-Kultur Eingang in den Mainstream gefunden. Überall schießen „Burlesk-Kurse“ aus dem Boden. Bei Polestars, einem der größten britischen Anbieter solcher Kurse , behauptet man, sie böten „modernen Frauen Gelegenheit, die alte Kunst der Verführung zu erlernen und ihr Körperbild zu verbessern ... Endecken Sie das Luder in sich und setzen sie ihre Weiblichkeit im kecken Burlesk-Stil ein!“

Sexismus im Federgewand

Burleske sollte überhaupt nichts mit dem inneren Luder einer Frau zu tun haben. Angemessen ausgeführt, sollte das Zuschauen Unbehagen bereiten – vielleicht sogar erschreckend sein. Ganz bestimmt sollte es nicht um die Reproduktion von Gender-Normen gehen, bei der Frauen dem Publikum eine unterwürfige Sex-Show abliefern.
Mit wachsendem Erfolg der Truppe, in der ich tanzte, warfen unsere Manager die subversiveren Nummern über Bord. Als erstes musste mein liebster politischer Sketch, die Transvestie dran glauben, dann der umgekehrte Striptease, bei dem eine junge Frau einen Mann auszog, der im Publikum platziert worden war. Übrig blieb Abgedroschenes. Als ich meine Rüschen-Unterwäsche vor dem Edinburgher Publikum von meinem Körper schälte, dämmerte mir, dass die Nummer mit der ich auf dem Plakat angekündigt wurde, so gar nichts Anspruchsvolles und Herausforderndes mehr hatte.

Mir wurde klar, dass nicht die Darbietung oder die Kostüme meine Nummer vom herkömmlichen Striptease unterschieden, sondern meine soziale Herkunft. Wie die Mehrheit der Frauen, die sich entschließen, Burlesk-Tänzerinnen zu werden, bestand unsere Truppe aus Mädchen aus der Mittelschicht, denen die Vorführungen die Möglichkeit zu schlüpfrigem Exhibitionismus boten, ohne sich dabei „billig“ vorzukommen (zumindest anfänglich). Burleske präsentiert Frauenfeindlichkeit in einem geschmackvollen Feder-Gewand. Die Natur der Darbietungen wird dabei von Jahr zu Jahr expliziter. Als ich noch auftrat, war vollständige Nacktheit verpönt. Inzwischen gibt es Gruppen, die alles zeigen.

Miss Roxy Velvet ist seit acht Jahren professionelle Burlesk-Tänzerin. „Als ich anfing, waren die Shows noch ungewöhnlicher – man spielte wirklich mit Geschlechter- oder Politik-Themen“, berichtet sie. „Vielleicht liegt es an den Kreisen, in denen ich mich heute bewege, aber das scheint sich geändert zu haben. Viele Burlesque-Clubs sind völlig übersexualisiert – furchtbar. Ich glaube, viele Mädchen verspüren den Druck zu strippen.“

Du gibst, sie empfangen

In Roxy Velvets Show sehe ich, wie eine junge Frau tanzt und sich dabei zum Gejohle des Publikums ihres Glitzer-Kostümes entledigt. Es erinnert mich daran, wie berauschend sich das anfühlte. Beim Burlesk-Strippen wie beim Lap-Dancing geht es weniger um den Besitz, als um die Darstellung der eigenen Sexualität. Man wirft sich für den Applaus in provokante Pose. Die Transaktion findet in eine Richtung statt: Du gibst, sie empfangen. Du machst einen Schmollmund, sie klatschen.

Dieses sexuelle Necken in all seinen Spielarten, ist ein Spiel, das Mädchen von früher Jugend an beigebracht wird. Für viele von uns ist es die erste wirkliche Macht, die wir kennenlernen. Der Burlesk-Striptease offenbart, was Push-Up-BHs und klebriges Lipgloss nur versprechen: eine passive, vorgetäuscht naive, Guckloch-Sexualität, die wenig mit wirklicher weiblicher Lust und viel damit zu tun hat, nachzuäffen, was uns als „sexy“ verkauft wird. Sexuelle Freizügigkeit, auf oder abseits der Bühne, fügt Frauen keinen Schaden zu, wenn sie mit Ehrlichkeit einhergeht. Doch Burleske hat wenig mit sexueller Ehrlichkeit zu tun. Es ist Teil der Konfektionierung weiblichen Verlangens, einem Prozess, in Zuge dessen junge Frauen ihre Sexualität und ihre Individualität für jegliche flüchtige Macht eintauschen, die sie erhaschen können.

Der Tag, an dem ich meine Seidenstrümpfe für immer an den Nagel hängte, war der Tag, an dem mir klar wurde, dass ich diese Art von Macht nicht mehr brauchte. Ich ziehe echte Macht vor. Macht, die mein Gehirn einbezieht, die nicht auf billige männliche Aufmerksamkeit angewiesen ist und die mir mein ganzes Leben lang erhalten bleibt.

Verführung als Ersatzmacht

Das sexuelle Aufreizen ist immer ein Ersatz für wirkliche persönliche und politische Macht. Zumindest in dieser Hinsicht ist die zeitgenössische Burleske dem Geiste der viktorianischen Varietés treu, welches sich, in den Worten des Historikers Stedman Jones, „eine Kultur des Trostes“ zu Nutzen machte. In seinem Essay "Working-Class Culture in London" identifiziert Jones den Geist des Eskapismus als Wesen der viktorianischen Burleske, der die kleinen Freuden des Arbeiterklasse-Lebens als Kompensation für soziale und politische Impotenz feierte. Aus ähnlichen Motiven wenden sich Frauen der Burleske zu und zelebrieren die eingeschränkte, sozial bestimmte Macht, die uns zugestanden wird: Die Macht, zu erregen, zu stimulieren, schön auszusehen – ausgeübt im Stillen. Ich hatte es satt, erzählt zu bekommen, dass Strippen und Mit-den-Hüften-Rollen zulässig sei und Frauen mit Macht ausstatte, weil es „ironisch“ sei. Nachdem mir monatelang befohlen worden war, den Mund zu halten und zu lächeln, ging der Witz irgendwie an mir vorbei.

Die zeitgenössische Burleske ist nicht mehr subversiv. Inzwischen ist es nur noch ein Bestandteil unserer modernen, aufgesexten „Kultur des Trostes“. Den jungen Frauen von heute, die des Kampfes für gleiche Bezahlung, dem Recht auf Abtreibung und dem Recht, nachts eine Straße entlang gehen zu können, ohne Angst haben zu müssen, ebenso überdrüssig sind, wie der Beurteilung nach ihrem Aussehen, nicht nach ihrem Tun, kann man es nachsehen, dass sie mit dem bisschen Macht spielen wollen, das uns zur Verfügung steht. Doch jede Art von Striptease kann bestenfalls eine passive, unterwürfige Ermächtigung bieten. Die sexuell aufgeladenen Machtspielchen der Burleske leisten nichts Großartiges für den Feminismus. Sie vermögen uns lediglich für die Dauer eines Drei-Minuten-Strips ein besseres Gefühl über die uns zugeteilten Karten zu verschaffen.

Gekürzte Fassung. Übersetzung: Zilla Hofman

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

14:00 21.05.2009
Geschrieben von

Laurie Penny, The Guardian | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 14655
The Guardian

Ausgabe 41/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare