Die Angst vor dem großen Geld

Inuit Die Bewohner der Arktisregion stehen der Ausbeutung ihrer Bodenschätze skeptisch gegenüber. Diese bringt Geld, schadet aber der Umwelt. Sie fordern mehr Mitspracherecht

„Selbstverständlich bin ich mir der Vorteile bewusst. Wir haben jetzt bessere Schulen. Es gibt Swimmingpools, Turnhallen, Autos und Arbeitsplätze. All dies kommt von den Milliarden von Dollar, die mit dem Öl verdient werden.“

Patricia Cochran, ehemalige Vorsitzende des Inuit Circumpolar Council von Alaska formuliert die Sicht, die viele Indigene auf die industrielle Entwicklung der Arktis haben. Der Reichtum an Öl- und Mineralienvorkommen hat einigen Gemeinden große Vorteile gebracht.

Moralischen Kompass verloren

Doch ihre widersprüchlichen Gefühle bringen das Dilemma auf den Punkt, in dem die Vorsitzenden der Indigenen-Gemeinden in der Region stecken. Alaskas Öl-Hauptstadt Barrow leide unter einer hohen Selbstmordrate, viele Menschen litten an Depressionen. Die Offshore-Bohrungen bedrohten den nachhaltigen Fang von Walen, Seehunden und Walrössern. Deshalb stehe sie der industriellen Entwicklung trotz der genannten Vorteile recht negativ gegenüber und bezweifle den größeren Nutzen für die Gesellschaft.

„Ich habe damit ein persönliches Problem. Ich wurde auf traditionelle Weise erzogen und betrachte es als meine Aufgabe, mich um das Land zu kümmern. Für mich ist diese von Hedonismus und Konsum bestimmte industrialisierte Welt ein Zeichen dafür, dass wir unseren moralischen Kompass verloren haben.“

Die Verlockung des Geldes

Es gibt Befürchtungen, die riesigen Summen, um die es geht, könnten manchmal allzu verlockend sein. Das Geld, das die großen multinationalen Konzerne für ihre Lobbyarbeit einsetzen, überwältige die Organisationen vor Ort, meint der amtierende Vorsitzende des Ausschusses Aqqaluk Lynge. „Wir haben Fragen, wie die demokratischen Verfahren ablaufen und wie Entscheidungen getroffen werden“, sagt er.

„Wie können wir als Volk unter dem Druck von Ölunternehmen überleben, deren Tageseinnahmen höher sein können als unser jährliches Budget? Den Menschen der Arktis muss die Zeit gegeben werden, sich die Anträge auf industrielle Projekte selbst anzusehen. Wir müssen sichergehen, dass wir nicht riskieren, unser Land, unsere Selbstbestimmung und unsere Lebensgrundlage zu verlieren.“

Auch in Grönland machen sich die Menschen Sorgen. Die Regierung vergab im vergangenen Sommer und nach einem Moratorium in diesem Jahr erneut eine Bohrgenehmigung an die britische Cairn Energy. Dann sind da die Pläne der kanadischen Metallgruppe Alcoa zum Bau einer Aluminiumhütte.

Er akzeptiere das demokratische Recht der grönländischen Minister, mit den Unternehmen zu verhandeln und Vereinbarungen zu treffen, sagt Lynge. Doch der Beratungsprozess werde von dem Ungleichgewicht in Bezug auf die finanziellen Ressourcen auf fatale Weise untergraben. Mit Unternehmen wie Cairn könnten die Inuit-Gemeinden nicht mithalten.

Es geht auch um die Unabhängigkeit

80 Prozent der Bürger Grönlands sind Inuit. Vor kurzem hat das Land ein gewisses Maß an Selbstbestimmung von seinem dänischen Kolonialherrn erhalten. Die neue Regierung in Nuuk ist wie versessen darauf, vollständige Unabhängigkeit zu erlangen und weiß, dass dies unmöglich ist, solange das Land finanziell von Transfers aus Kopenhagen abhängig ist.

Grönlands Vizeumweltminister Inuuteq Holm Olsen will die Umweltschutzbedenken gegen die ökonomischen Interessen abwägen: „Wir begrüßen es, wenn Fragen des Umweltschutzes Aufmerksamkeit entgegen gebracht wird“, sagt er. „Wir können es aber nicht gutheißen, wenn der Eindruck vermittelt wird, im Namen des Umweltschutzes sollte es gar keine industrielle Entwicklung geben.“

Lynge hingegen fordert eine wirkliche Debatte über die Vor- und Nachteile der Industrialisierung, die die traditionelle Lebensweise der Inuit weiter untergraben könnte. „Wir verfügen nicht über die angemessene demokratische Infrastruktur für eine Anhörung der Öffentlichkeit. So ist es möglich, dass Cairn einfach bei der Regierung anklopft und dort Zustimmung erhält.“

In Bezug auf den Klimawandel, der durch Überschwemmungen bereits einige Küstengemeinden bedroht, wünscht sich Lynge einen ganzheitlicheren Blick. „Mir gefällt nicht, wie die Debatte entlang der industriellen Möglichkeiten geführt wird, die sich aus der Erderwärmung ergeben. Ich würde viel lieber eine Studie darüber lesen, welchen Einfluss der Klimawandel auf die Fischbestände und Quellen erneuerbarer Energie hat, um zu sehen, was uns in Zukunft zum Überleben bleibt.“

Übersetzung der gekürzten Fassung: Holger Hutt

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Ihre Freitag-Redaktion

10:22 07.07.2011
Geschrieben von

Terry Macalister | The Guardian

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The Guardian

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