Die Antibiotika-Apokalypse

Medizin Immer mehr Keime sind Antibiotika-resistent. Operationen, die heute noch zur Routine gehören, könnten schon bald nicht mehr durchzuführen sein
Die Antibiotika-Apokalypse
In der westlichen Welt verschreiben Ärzte zu häufig Antibiotika an Patienten, die bei jeder Beschwerde ein Medikament erwarten

Foto: Franck Fife/AFP/Getty Images

Immer öfter sind Bakterien resistent gegen Antibiotika, zunehmend auch gegen Colistin, das häufig als letzte Hoffnung gilt. Auf diesen besorgniserregenden Trend machten kürzlich Wissenschaftler bei einer Veranstaltung der American Society for Microbiology aufmerksam. Das für die Colistin-Resistenz verantwortliche Gen mcr-1 wurde erst vor 18 Monaten entdeckt und hat sich seitdem alarmierend schnell weltweit verbreitet. In einer Region von China tragen bereits 25 Prozent der Krankenhauspatienten das Gen in sich. Colistin gilt häufig als letzte Rettung. In vielen Teilen der Welt greifen Ärzte danach, weil bei Patienten keine anderen Mittel mehr anschlagen. Jetzt aber breitet sich die Resistenz gegen den Wirkstoff über den Globus aus.

„Die Welt steht vor einer Antibiotika-Apokalypse“, formuliert es Englands oberste Gesundheitsbeauftragte Sally Davies. Die Veränderung des gegenwärtigen Einsatzes der Medikamente, der der Entwicklung von Resistenzen Vorschub leistet, sei ebenso notwendig wie die Entwicklung neuer Antibiotika-Typen. Andernfalls, so warnt Davies, könne die Welt in Zeiten zurückgeworfen werden, als Routine-Operationen, einfache Wunden oder unkomplizierte Infektionen lebensgefährlich werden konnten.

Diese beunruhigende Aussicht ist eins der zentralen Themen des Weltgesundheitsgipfels in Berlin, der vom 15. Bis 17. Oktober in Berlin stattfindet. Die internationale Konferenz bringt Wissenschaftler, Vertreter des Gesundheitssystems, Pharma-Chefs und Politiker zusammen. Gesucht werden Maßnahmen, die möglichst schnell der Ausbreitung von Multiresistenz entgegenwirken, einem Trend, der derzeit droht, den Medizinern viele der wichtigsten Waffen in ihrem Kampf gegen Krankheiten zu nehmen.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Nach Angaben der Konferenz-Organisatoren sterben jährlich 700.000 Menschen an Infektionen mit behandlungsresistenten Keimen. Die Zahl wächst weltweit und könnte 2050 schon jährlich eine Million erreichen. Damit, so warnen die Forscher, sei Antibiotikaresistenz eine der größten Gefahren für die Menschheit in der jüngeren Geschichte. In einer Welt multiresistenter Bakterien wären viele Aspekte der modernen Medizin schlicht nicht mehr möglich. Ein Beispiel ist die Transplantations-Chirurgie. Während einer Operation muss das Immunsystem der Patienten unterdrückt werden, damit das neue Organ nicht abgestoßen wird. Aber das macht Patienten anfällig für Infektionen. Daher nutzen Ärzte Krebs-Medikamente, um das Immunsystem zu unterdrücken. Aber die könnten in Zukunft nicht mehr wirken.

Auch einfacherer Standard-Eingriffe wie Bauch- oder Blindarmoperationen können zum Problem werden. Ohne den Schutz von Antibiotika könnten Patienten leicht an Bauchfellentzündung oder anderen Infektionen sterben. Das Risiko medizinischer Eingriffe wäre wieder so groß wie vor der Zeit, als Alexander Fleming 1928 Penicillin entdeckte. „Auch chirurgische Standardoperationen, der Einsatz künstlicher Gelenke, Kaiserschnitte und Chemotherapie sind abhängig vom Einsatz von Antibiotika und damit ebenso gefährdet“, erklärte Jonathan Pearce, Leiter der Infektions-Abteilung des britischen Forschungsinstituts Medical Research Council. „Gewöhnliche Infektionen könnten uns wieder töten.“

Gründe für die wachsende Bedrohung sehen die Wissenschaftler im weit verbreiteten Missbrauch und übermäßigen Gebrauch von Antibiotika und anderen Medikamenten, aber auch im Versagen der Pharma-Unternehmen, neue Quellen für zukünftige Medizin zu entwickeln. In der westlichen Welt verschreiben Ärzte zu häufig Antibiotika an Patienten, die bei jeder Beschwerde ein Medikament erwarten. Zudem benutzen in vielen Ländern Viehbauern und Fischfarmer Antibiotika zur Wachstumssteigerung und geben sie wahllos allen ihren Tieren. Diese Agrarpraxis führt insbesondere in Asien dazu, dass Antibiotika mit alarmierenden Folgen in große und kleine Flüsse einsickern.

„Während der Pilgerzeit enthält der Ganges manchmal so viel Antibiotika, wie wir es im Blut eines Patienten zu erreichen versuchen“, berichtet Sally Davies. „Das ist sehr, sehr beunruhigend.“ Die Mischung aus Wasser mit hohem Antibiotika-Gehalt und Ufern mit medikamenten-getränkter Erde ist ideal für die Entstehung von „Supererregern“. In Nutztieren, die in einem solchen künstlichen Umfeld leben, wachsen seltene, Antibiotika-resistente Bakterien heran, und verbreiten sich dann als hochwirksame Infektionsüberträger, die überraschend schnell auf der ganzen Welt zu finden sind. Ein Beispiel dafür ist Tuberkulose: Früher leicht behandelbar kostet ihre moderne multiresistente Form – die sogenannte MDR-TB – jährlich 190.000 Menschen das Leben.

Noch bezeichnender ist das Beispiel Colistin. „Colistin wurde in den 1950ern entwickelt“, erklärt Matthew Avison, Dozent für Molekularbiologie an der Universität Bristol. „Wegen seiner toxischen Nebenwirkungen lehnten viele Ärzte Colistin ab. Daher wurde der Wirkstoff zunächst für die Behandlung von Tieren eingesetzt. Erst angesichts der Zunahme der Resistenzen – bei Menschen - gegen andere Antibiotika griffen die Humanmediziner auf Colistin zurück, frei nach dem Motto: besser als gar nichts.“

Aber zu diesem Zeitpunkt hatte der weitverbreitete Einsatz des Antibiotikums zur Wachstumsförderung bei Geflügel und Schweinen in Asien bereits die Entwicklung resistenter Erregerstämme unterstützt, die sich mittlerweile auf Menschen übertragen haben. „Erst haben wir den Wirkstoff Colistin als unbrauchbar verworfen und den Tierärzten überlassen; und plötzlich erwarten wir, dass wir ihn einfach wieder für uns nutzen können“, erklärte Avison. „Aber der böse Geist ist bereits aus der Flasche.“ Der amerikanische Antibiotika-Forscher Lance Price bringt es auf den Punkt: „Multiresistente Supererreger nehmen zu, weil wir nicht aufhören, wertvolle Medizin durch übermäßigen Einsatz in der Humanmedizin und als billige Produktionshilfe in der landwirtschaftlichen Tierhaltung zu verschwenden.“

In Asien gibt es mittlerweile Verbote für die landwirtschaftliche Nutzung von Antibiotika wie Colistin, aber das kam viel zu spät, um effektiv zu sein. Der britische Ökonom Jim O’Neill, der im vergangenen Jahr einen Bericht zu antimikrobieller Resistenz für die britische Regierung verantwortet hat, wird als Redner beim Gipfel in Berlin erwartet. Er bestätigt das Problem: „Bei der Zusammenstellung des Bericht gingen wir davon aus, dass das Thema Colistin-Resistenz uns noch einige Zeit lang nicht betreffen wird. Jetzt stellen wir fest, dass sie schon weit verbreitet ist.“

O’Neills Bericht enthält Vorschläge, die verhindern sollen, dass multiresistente Keime das Gesundheitssystem erschüttern. Insbesonders wird gefordert, dass Medikamente-Hersteller die Entwicklung neuer Antibiotika bezahlen und Patienten sie nicht ohne einen Test bekommen sollen, der sicherstellt, dass sie sie wirklich brauchen. „Es ist unglaublich, dass Ärzte heute immer noch Antibiotika auf der Basis ihrer spontanen Einschätzung der Symptome eines Patienten verschreiben müssen. Das ist keinen Schritt weiter als in den 1950er Jahren, als Antibiotika allgemein zugänglich wurden“, heißt es in O’Neills Bericht. Oberste Priorität fordert er daher für die Entwicklung von Schnelldiagnosetests, die feststellen, ob ein Patient ein Antibiotikum benötigt, und wenn, dann welches.

Dieser Vorschlag – der auf dem Weltgesundheitsgipfel zu debattieren sein wird – ist sehr populär, auch wenn Alastair Hay, Professor an der Universität Bristol, zu Vorsicht rät: „Es ist eine sehr gute Idee, aber wir müssen berücksichtigen, dass eine solche neue Art Test für unser bereits jetzt überlastetes Gesundheitssystem zusätzliche Zeit und Arbeit bedeutet.“ Reisen sei eins der größten Probleme bei der Verbreitung multiresistenter Keime, erklärte Davies, die sich in Großbritannien federführend für den Kampf gegen die Resistenz-Entwicklung stark macht. „Eine schwedische Studie begleitete eine Gruppe junger Backpacker, die verschiedene Teile der Weltbereiste. Vor ihrer Abreise hatte keiner der Rucksackreisenden resistente Bakterien im Darm. Nach der Rückkehr zeigte sich, dass jeder vierte von ihnen resistente Keime aufgeschnappt hatte. Das zeigt, wie allgegenwärtig das Problem ist, vor dem wir stehen“, erklärte sie.

Tourismus, persönliche Hygiene, Landwirtschaft, medizinische Praxis – all diese Bereiche sind vom Thema Antibiotikaresistenz betroffen. Und es wird Aufgabe des anstehenden Weltgesundheitsgipfels sein, die effektivsten und schnellsten Lösungen für die Krise aufzuzeigen. „Letztlich ist die Bedrohung durch Antibiotika-resistente Bakterien für den Planeten ein lösbares Problem“, urteilt O’Neill. „Die Menschen müssen nur ihr Verhalten ändern. Wie sich das erreichen lässt, ist natürlich nicht so einfach zu beantworten.“

14:19 11.10.2017
Geschrieben von

Robin McKie | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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