Silicon Valley: Die Aura angeblicher Selfmade-Unternehmer wie Elon Musk schwindet

Meinung Tech-Genies sind die „Retter“ der Stunde, versprechen das Blaue vom Himmel und produzieren doch häufig nur heiße Luft
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Elon Musk hat den eigenen Bauchnabel immer fest im Blick
Elon Musk hat den eigenen Bauchnabel immer fest im Blick

Foto: Jim Watson/AFP via Getty Images

„Trussonomics“, die von der früheren britischen Premierministerin Liz Truss verfolgte Wirtschaftspolitik, war innerhalb von acht Wochen am Ende. Bei den US-Zwischenwahlen unterlagen die von Donald Trump unterstützten Kandidat:innen. Sam Bankman-Fried, das Aushängeschild der Kryptowelt, ist bankrott. Elon Musk versetzt Twitter in Chaos und Aufruhr. Die Zerschlagung von Mythen und das Ende eines guten Rufs sind derzeit häufig Thema des Tages.

Jeder dieser Fälle ist natürlich anders, und jede der Katastrophen hat eine andere Ursache. Spricht man darüber, entsteht zudem leicht der Eindruck, man schwelge in Misserfolgen. Insbesondere in der Diskussion um Elon Musk und Twitter werden allzu häufig Verzweiflung mit Schadenfreude vermischt. Jedoch zusammen betrachtet, sagen uns diese Fälle auch etwas Tiefgehendes über unser Zeitalter, insbesondere über unserer Einstellung zu Innovation und Veränderung.

Nach dem Tod von Apple-Mitbegründer Steve Jobs im Jahr 2011 entwickelte sich Musk zum führenden Virtuosen der technologischen Innovation. „Seine Brillanz, seine Vision und die Breite seines Ehrgeizes machen ihn zu einem Mann, der die Zukunft verkörpert“, schwärmte die US-Zeitschrift Fortune im Jahr 2014.

Elon Musks Tech-Genie-Aura schwindet

Dabei scheint die Welt geteilt zu sein in Leute, die Musk entweder hassen oder lieben. Besonders deutlich wurde diese Kluft seit der Übernahme von Twitter im vergangenen Monat. Für Musk-Anhänger:innen sind die kritischen Stimmen nichts weiter als unwissende Dummköpfe, die aus politischen Gründen versuchen, auf einem Genie unserer Zeit herumzuhacken. „Es ist bemerkenswert, wie viele Leute, die noch nie irgendein Unternehmen geführt haben, besser wissen, wie man ein Tech-Unternehmen führt als jemand, der Tesla und SpaceX geleitet hat“, twitterte der Computer-Wissenschaftler und Venture-Kapitalst Paul Graham.

Aber wenn man sich Musks Karriere genauer anguckt, beginnt die Aura zu schwinden. In den ersten Unternehmen, die Musk mitbegründete, wurde er jeweils als CEO abgesetzt: beim Online-Unternehmensverzeichnis Zip2, bei der Online-Bank X.com sowie bei PayPal, das aus dem Merger von X.com mit seinem sehr viel erfolgreicheren Wettbewerber Confinity entstand, mitgegründet von einem weiteren Möchtegern-Silicon-Valley-Mann, Peter Thiel.

Nichtsdestotrotz brachte Musk der Verkauf von Zip2 netto 22 Millionen US-Dollar (21,4 Millionen Euro) und der Kauf von Paypal durch eBay 171,5 Millionen US-Dollar. Das Geld nutzte er, um eine Reihe weiterer Unternehmen zu gründen. Am bekanntesten sind die Elektroauto-Firma Tesla sowie das Unternehmen SpaceX, das Raumfahrtzeuge herstellt und ins All schickt. Doch auch hier war seine Bilanz kaum die eines unternehmerischen Genies.

Staatliche Subventionen stützen den Selfmademan

Tesla ist heute das wertvollste Automobilunternehmen der Welt. Es wird aber auch von einer Reihe großer Probleme geplagt, von tödlichen Unfällen über Geldstrafen wegen angeblichen Betrugs bis hin zum Vorwurf kreativer Buchführung. Tesla wird zudem beschuldigt, vom Bundestaat Kalifornien mehr als 295 Millionen Euro an Umwelt-Subventionen für eine Batterie-Austausch-Technologie erhalten zu haben, die den Kund:innen nie zugänglich gemacht wurde.

SpaceX hätte 2008 fast Pleite gemacht, als ein 1,6 Milliarden-Dollar-Auftrag der Nasa das Unternehmen in letzter Minute rettete. Vor dem Vertrag, räumte Musk selbst ein, „pfiffen wir aus dem letzten Loch“. Das Überleben seiner Projekte war so abhängig von öffentlichen Geldern, dass in den Zeiten, bevor er die Notwendigkeit entdeckte, die Republikaner zu wählen, um die US-Politik in „Gleichgewicht“ zu bringen, die Konservativen sich über das Ausmaß der staatlichen Unterstützung für seine Unternehmungen lustig machten.

Die Legende vom genialen Selfmademan hat nur dank der enormen staatlichen Subventionen überlebt. Es sind nicht nur öffentliche Gelder, die Musk sich unrechtmäßig aneignet. Seinem Biografen Ashlee Vance zufolge schreibt Musk sich regelmäßig die Anerkennung für die Arbeit seiner Ingenieure und Programmierer selbst zu. „Ich habe keinen wirklichen Business-Plan“, prahlte er. Niemals habe er sich, in Vances Worten, „von der Tatsache beunruhigen lassen, dass er sehr wenig über die Details einer Branche wusste“.

Weiß Elon Musk, worin er eigentlich investiert

Musks wahres Genie besteht darin, eine Aura um sich herum aufzubauen, großartige Versprechen zu machen und Leute dazu zu bringen, daran zu glauben, dass er sie umsetzen kann. Manchmal tut er das; häufig aber auch nicht. Es ist aber ein Ansatz, der in einem Zeitalter Dividenden bringt, in dem die Menschen sich nach einem Visionär sehnen, ohne die Vision genau unter die Lupe zu nehmen; sich auf den Veränderer konzentrieren, ohne sich allzu sehr darum zu kümmern, wie die Veränderung aussieht.

Dieser Ansatz ermöglichte Anerkennung und Lob seitens Investor:innen, Politik und Expert:innen für Leute wie die frühere US-amerikanische Biotechnologie-Unternehmerin Elizabeth Holmes, die vergangene Woche wegen der Vermarktung eines angeblich wundersamen, in Wahrheit unwirksamen Testsystem für Blut zu elf Jahren Gefängnis verurteilt wurde, und Bankman-Fried, dessen Kryptowährungsbörse FTX Anfang des Monats zusammenbrach.

Bevor Musk Twitter am Ende kaufte, hatte die Soziale-Medien-Plattform ihn wegen eines scheinbaren Rückziehers aus dem Deal verklagt. Als Teil des Rechtsstreits machte das Gericht ein langes Dokument mit E-Mails und SMS-Nachrichten öffentlich, die Musk geschrieben und erhalten hatte. Sie offenbaren eine Welt sehr reicher Leute, die sich trotz ihrer Selbst-Mythologisierung vor allem durch ihr oberflächliches Verständnis und die Verwendung ihres Reichtums dafür auszeichnen, nicht allzu genau darüber nachzudenken, worin sie vielleicht investieren oder wie eine Veränderung aussieht. „Mach freie Rede möglich“, forderte Axel Springer-Verlag-CEO Mathias Döpfner Musk in seinem „#Gameplan“ für Twitter auf, als wäre die Ansage auch die Umsetzung.

Sehnsucht nach einem Visionär

„Ich stehe Büchern sehr skeptisch gegenüber“, behauptete Bankman-Fried in einem Interview im September (veröffentlicht in einem schmeichelhaften Artikel, der seit dem Zusammenbruch von FTX vom Sequoia-Magazin gelöscht worden zu sein scheint). „Ich will nicht sagen, dass kein Buch jemals wert ist, gelesen zu werden. Aber tatsächlich denke ich so etwas in der Art.“ Er fügte hinzu: „Wenn man ein Buch geschrieben hat, hat man es vermasselt und hätte besser einen sechs Paragrafen langen Blog-Post verfasst.“

Ich bezweifle, dass Bankman-Fried noch nie ein Buch gelesen hat. Ich bezweifle auch, dass das Lesen eines Buches dabei geholfen hätte, FTX vor dem Bankrott zu bewahren. Aber es ist diese Art der Zurschaustellung von Unwissenheit und Oberflächlichkeit, die in bestimmten Kreisen heute als Tiefgründigkeit durchgeht. Nicht nur in der Tech-Welt oder in der Wirtschaft, sondern auch in der Politik ist die Sehnsucht nach einem Visionär zu beobachten, der das Blaue vom Himmel verspricht, solange man das Kleingedruckte nicht zu genau liest, sowie das Aufkommen von Politiker:innen, von Trump bis Truss, die an ihre eigenen Fantasien glauben.

Wir leben in einem Zeitalter, in dem die Unterstützung autoritärer Politiker und eine Politik „des starken Mannes“ zunimmt, insbesondere unter den Jüngeren. Dieser Trend ist ein unvermeidliches Ergebnis von Demokratieverdrossenheit und mangelndem Vertrauen in die Institutionen, die traditionell Wandel vorantreiben. Das birgt eine Gefahr: Wenn die selbsternannten Titanen und Retter fallen, kann das eine zynische Haltung gegenüber Wandel und Innovation nähren. Das Problem ist nicht, eine transformative Vision von der Zukunft zu haben, sei es im Technologie-Bereich oder in der Politik. Das Problem ist die Oberflächlichkeit und die fehlende Ernsthaftigkeit derer, die sich heute als Heilsbringer präsentieren.

Kenan Malik ist Kolumnist der britischen Sonntagszeitung „The Observer“.

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Übersetzung: Carola Torti
Geschrieben von

Kenan Malik | The Guardian

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