Die Ausbeutungs-App

Outsourcing Apple verzeichnet Rekordumsätze - produziert werden die Kommunikations-Spielzeuge unter entwürdigenden Bedingungen in China. Die Konsumenten rührt das wohl kaum

In der kommenden Woche wird Apple seinen nächsten Vierteljahresbericht veröffentlichen und, wenn die Prognosen stimmen, für das dritte Quartal dieses Jahres einen neuen Rekordumsatz von 13 Milliarden Dollar verkünden. Vor diesem Hintergrund erübrigt es sich zu betonen, dass es für den Elektronik-Giganten von Steve Jobs und seiner Cupertino-Gang ein gutes Jahr war. Die Nummer eins im weltweiten Elektronik-Geschäft befindet sich auf einem Höhenflug, der sich Experten zufolge dank der steigenden Nachfrage nach dem iPad auch im Jahr 2011 fortsetzen wird. Es besteht aber eine gewisse Gefahr, dass die gute Stimmung über Apples gewaltige Profite von einem ganz anderen Bericht getrübt werden könnte.

Zu Beginn dieser Woche wurde Workers as machines: military management in Foxconn veröffentlicht – eine kritische Analyse des Unternehmens, das neben Geräten für andere Marken auch die iPhones und iPads von Apple produziert. Erstellt von der Non-Profit-Organisation Students and Scholars against Corporte Misbehaviour (Sacom), fasst der Bericht die Erkenntnisse einer viermonatigen Untersuchung der Arbeitsbedingungen in den Foxconn-Fabriken in Shezhen und Hangzhou zusammen, in denen sich im vergangenen Jahr 17 Arbeiter das Leben nahmen – viele von ihnen, indem sie sich aus einem der Fenster der Fabrikgebäude stürzten.

Neben zahlreichen Vorwürfen über illegale Arbeitspraktiken und unsichere Anlagen beschreibt der Bericht eine Betriebskultur des „absoluten Gehorsams“. Arbeiter sähen sich Disziplinarmaßnahmen ausgesetzt, wenn sie die Produktionsquoten nicht erfüllen oder zuviel Zeit auf dem Klo verbringen. Die Bestrafung könne die Form einer öffentlichen Erniedrigung oder Beichte annehmen, in anderen Fällen müssten die Betroffenen Zitate von Foxconn-Chef und Taiwans reichstem Mann Terry Guo auswendig lernen und abschreiben, zu denen Perlen wie diese gehören: „Hungrige Menschen haben einen ganz besonders klaren Kopf“ oder „Eine raue Umgebung ist etwas Gutes“.

Der Bericht über die Arbeitsbedingungen bei Foxconn liest sich wie ein Auszug aus Orwells 1984. Wer um halb zwölf nicht auf seinem Zimmer sei, werde gezwungen, „freiwillige“ Hausmeistertätigkeiten zu verrichten. Die Arbeiter dürften bei der Arbeit nicht miteinander reden, schlafen, lachen oder sich strecken. Wer seine Arbeit im Stehen verrichten müsse, sei angewiesen, wie ein Soldat stillzustehen. Der Sicherheitsdienst von Foxconn, den manche Arbeiter eher als Privatpolizei der Firma empfänden, beleidige die Arbeiter oft und greife sie manchmal sogar körperlich an. Der Bericht erhebt außerdem den Vorwurf, dass die nach den Selbstmorden versprochenen Lohnerhöhungen nicht erfolgt oder durch Abzüge an anderer Stelle wieder aufgehoben worden seien.

Speziell in Bezug auf den jüngsten Vierteljahreserfolg von Apple ist das in dem Bericht enthaltene Zitat eines Foxconn-Ingenieurs interessant, wonach die Arbeiter während der Produktion der ersten Generation des iPad 12-Stunden-Schichten schieben mussten und nur alle 12 Tage einen Tag frei bekamen.

Foxconn wies die Vorwürfe „nachdrücklich und kategorisch“ zurück. Sicher sei man nicht perfekt, „aber wir nehmen die Verantwortung für unsere Mitarbeiter sehr ernst und bemühen uns, jedem unserer über 937.000 Angestellten in China ein sicheres und positives Arbeitsumfeld sowie eine Vergütung und Versorgungsleistungen zu bieten, die denen unserer wirtschaftlichen Mitbewerber entsprechen.“

Apple teilte auf Anfrage mit, man sei der Aufgabe verpflichtet, „die höchsten Standards sozialer Verantwortung in unserer gesamten Versorgungskette zu gewährleisten“. Jobs hat sich persönlich noch nicht zu dem Sacom-Bericht geäußert, aber als im Juni die Berichte über die Selbstmorde publik wurden, bestand er darauf, dass es sich bei Foxconn nicht um einen Sweatshop handle, und Apple „von allen Unternehmen mit am besten dafür Sorge trage, über die Arbeitsbedingungen in seinen Zuliefererfirmen informiert zu sein“.

Obwohl eine ganze Reihe von Elektronikunternehmen ihre Produktion an Foxconn ausgelagert haben, nehmen die, die gegen die Arbeitsbedingungen in dem Unternehmen protestieren, allein Apple ins Visier. In ihrem Bericht weist Sacom darauf hin, dass Apple seinen Verhaltenskodex für Zuliefererfirmen zwar einerseits mit dem Ziel aufgestellt haben will, die Arbeiter vor eben dem Missbrauch zu schützen, den sie nun entdeckt haben, gleichzeitig habe die Mehrheit der Foxconn-Arbeiter aber keine Kenntnis darüber gehabt, dass ein solcher Kodex überhaupt existiert.

Das iPhone 4 kostet gegenwärtig 599 Pfund Sterling, seine Herstellungskosten belaufen sich Schätzungen zufolge aber lediglich auf 4,12 Pfund. Wenn Jobs recht hat und Apple tatsächlich über die Arbeitsbedingungen bei Foxconn Bescheid weiß, und der Sacom-Bericht den Tatsachen entspricht, dann ist es legitim zu folgern, dass Apple eine eher pragmatische Haltung zu seinem Verhaltenskodex eingenommen und geschlossen hat, dass man es nicht zu genau nehmen darf, wenn man 160 Milliarden im Vierteljahr machen will.

Vielleicht haben die Käufer von Elektrogeräten sich schlicht mit dieser unrühmlichen Seite der ausgelagerten Massenproduktion abgefunden. Wie Banksys jüngster couch gag im Simpsons-Vorspann zeigt, ist die Bildsprache eines asiatischen Sweatshops alles andere als schockierend. Er ist mittlerweile ein so fester Bestandteil des westlichen Wirtschaftens geworden, dass man ihn schon erwarten muss.

16:30 15.10.2010
Geschrieben von

Douglas Haddow | The Guardian

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