Die Besatzer müssen bleiben

Irak In seinem ersten Interview seit sieben Jahren fordert Tariq Aziz, einst rechte Hand von Saddam Hussein, die USA auf, sein Land "nicht den Wölfen zu überlassen"

Tariq Aziz sitzt versunken und mit hagerem Gesicht auf einem abgewetzten braunen Sofa, in der Hand hält er seinen Gehstock und seine Zigaretten; für einen Christen eigentlich unangemessen, trägt er eine muslimische Gebetsmütze auf dem Kopf. Vielleicht ist seine berühmte, schwarz-eingefasste Brille das einzige, was den Besucher daran erinnert, dass dieser Mann früher für die Welt das Gesicht des Irak war – die rechte Hand Saddam Husseins, sein mächtigster Stellvertreter.

Außer seinen Wärtern und Anwälten habe er seit dem Fall von Bagdad niemanden gesehen oder gesprochen, so Aziz. Aber nach Jahren der Einzelhaft, unterbrochen nur durch Zeugenaussagen vor Gericht, ist er nun mehr als bereit zu sprechen. „Ich bin nun sieben Jahre und vier Monate in Haft. Aber habe ich mich irgendeines Verbrechens schuldig gemacht? Gegenüber irgendeinem Zivilisten, Soldaten oder Mann der Religion? Die Antwort ist nein.“ Der Irak ist durch die Hölle gegangen, seit Aziz das letzte Mal in der Öffentlichkeit aufgetreten ist. Das war kurz vor dem Fall Bagdads im April 2003 und dem Sturz Saddam Husseins und seines totalitären Baath-Regimes, das Aziz dreißig Jahre lang mitgeführt hatte.

In seinem ersten persönlichen Interview seit damals macht Aziz den Eindruck, als sehne er sich nach den alten Zeiten zurück, während er gleichzeitg Barack Obama dazu auffordert, „den Irak nicht den Wölfen zu überlassen“.

15-jährige Haftstrafe

„Natürlich gehörte ich dem Revolutionären Kommando-Rat an, hatte in der Baath-Partei eine führende Stellung inne, war stellvertretender Premierminister und Außenminister“, sagt er in dem irakischen Gefängnis, das er jetzt sein Zuhause nennt. Aziz ist gerade erst wieder von einer weiteren Anhörung vor Gericht in der Grünen Zone Bagdads zurückgekehrt, wo die Geister des Irak unter Saddam in einer Reihe von Verfahren exorziert werden. Trotz seiner Stellung habe er aber keinen Einfluss auf den Willen seines Dienstherrn gehabt und das Blut an den Händen des Regimes klebe nicht an den seinen. „Alle Entscheidungen wurden von Präsident Saddam Hussein getroffen. Ich bekleidete nur ein politisches Amt, ich war an keinem der Verbrechen beteiligt, die mir persönlich zur Last gelegt werden. Unter Hunderten von Anklagen werde ich in keiner persönlich mit Namen genannt.“

Aziz sitzt eine 15-jährige Haftstrafe ab. In einem Fall wurde er wegen Verbrechen gegen die Menschheit verurteilt, aber Anklagen gibt es noch viele weitere. Er behauptet, er sei nur aufgrund der Schuld verurteilt worden, die er durch die Verbundenheit mit dem Regime auf sich geladen habe. Dabei sei lediglich ein loyaler arabischer Nationalist. „Als Mitglied der Regierung hatte ich eine moralische Verpflichtung, die Regierung zu verteidigen. Ich habe damals Saddam gebeten, nicht in Kuwait einzumarschieren, dann aber musste ich die Entscheidung der Mehrheit mittragen und unterstützen. Als die Entscheidung fiel, sagte ich ihm, dass dies zu einem Krieg mit den USA führen werde, und dass ein solcher nicht in unserem Interesse liege. Aber die Entscheidung wurde getroffen und als Außenminister des Landes musste ich das Land verteidigen und alles in meiner Macht stehende tun, um unsere Haltung zu erklären. Ich blieb auf der Seite des Rechts.“

Aziz Einfluss nahm nach dem ersten Golfkrieg enorm zu, in erster Linie aufgrund der von ihm an den Tag gelegten Loyalität. Während der 12 Jahre, in denen der Irak mit Sanktionen belegt war und im Vorfeld der Invasion von 2003 habe er jedes einzelne Geheimnis des Regimes gekannt, auch, dass es kein geheimes Waffenprogramm und auch keine Absicht gab, ein solches aus den Trümmern der drei zerstörten irakischen Atomreaktoren und dazugehörigen Laboratorien auferstehen zu lassen.

"Bush und Blair logen absichtlich"

Er und Saddam seinen überzeugt gewesen, dass die USA den Irak spätestens Ende 2002 angreifen würden, und seine Aufgabe, die skeptischen UN-Inspektoren durch den Irak zu führen weitgehend sinnlos gewesen sei. „Ich versuchte etwas zu beweisen, was man nicht beweisen kann."

Die Ereignisse des elften September hätten ihn und Saddam erschüttert. „Wir lehnten das damals ab, sprachen aber nicht mit der amerikanischen Regierung. Saddam hatte mich zu sich gerufen und mir gesagt, er würde gerne einen Brief an Ramsey [Ramsey Clark, einen früheren US-Generalstaatsanwalt, d. Red.] schreiben, um ihm mitzuteilen, dass wir den Angriff verurteilen und ich tat, wie mir befohlen.“ Er konnte damals jedoch nicht ahnen, dass die Ereignisse dieses Tages innerhalb von 18 Monaten zum Fall Bagdads führen würden. „Uns wurde einiges klar, als die Rhetorik der Regierungschefs dieser Welt schärfer wurde. Sie würden uns auf jeden Fall angreifen. Bush und Blair logen absichtlich. Sie waren beide pro-zionistisch. Sie wollten den Irak um Israels Willen zerstören, nicht zum Wohle der USA oder Großbritanniens.“

Über seinen Fernseher verfolgt Aziz die Entwicklungen im Irak, der seiner Meinung nach besser dran wäre, wenn wieder ein starker arabischer Führer an die Macht käme. „Hier gibt es nichts mehr, nichts. Saddam hat den Irak 30 Jahre lang aufgebaut, und nun ist alles zerstört. Es gibt mehr Kranke als zuvor, mehr Hungernde. Die Leute haben keine Grundversorgung. Jeden Tag werden Dutzende, wenn nicht sogar Hunderte getötet. Wir sind alle Opfer der Amerikaner und Briten. Sie haben unser Land zerstört.“

Atomwaffen gegen Iran

Auf die Frage, warum Saddam die USA über sein Waffenprogramm im Unklaren gelassen habe, beschränkt er sich auf die Angaben Husseins gegenüber den Amerikanern, dass er hierbei den Iran im Auge gehabt habe und nicht den Westen. „Zum Teil galt das [der Abschreckungsfaktor] dem Iran. Die Iraner haben acht Jahre lang Krieg gegen uns geführt, also hatten wir ein Recht, sie abzuschrecken. Saddam war ein stolzer Mann. Er musste die Würde des Irak verteidigen. Er musste zeigen, dass er im Recht war und durfte keine Schwäche zeigen. Iran war unser größter Feind, dem wir uns um jeden Preis zu widersetzen hatten. Nun arbeitet der Iran an einem Atomwaffenprogramm. Alle wissen es, aber keiner tut etwas dagegen. Warum?“

Auf die Nachfrage, ob es einen wesentlichen Teil zur Zerstörung seines Landes beigetragen habe, dass sie sich von Stolz leiten ließen, anstatt von der Vernunft, antwortet Aziz: „Wir sind Araber, wir sind arabische Nationalisten. Wir müssen stolz sein.“

Zum jetzigen Zeitpunkt ist er nicht bereit, irgendetwas Grundsätzliches öffentlich zu bereuen, auch wenn er das im Stillen tut und ihn ganz offensichtlich einzelne Dinge umtreiben. Die Zeit, über seine Fehler zu reden, wird für ihn erst gekommen sein, wenn er freikommen sollte, was stark mit der Frage verbunden ist, wer die nächste Regierung stellen wird. Iyad Allawi, der die größten Aussichten darauf hat, Nouri al-Maliki im Amt des Premierminister abzulösen, sagte, als er hörte, dass der Guardian in Kürze mit Aziz sprechen würde: „Sagen Sie Tariq Aziz, dass ich ihn als meinen Freund betrachte und oft an ihn denke. Er ist ein guter Mann und ich kenne seine Familie gut. Ich wünsche ihm das Allerbeste. Es ist falsch, ihn so lange einzusperren. Er ist ein alter Mann.“

Fast keine Reue

Aziz sagt, er werde solange nichts über seinen früheren Chef sagen, bis er in Freiheit ist. „Wenn ich jetzt von Reue spräche, würden die Leute mich für einen Opportunisten halten. Ich werde mein Wort nicht gegen Saddam erheben, bis ich ein freier Mann bin. Wenn ich frei bin und die Wahrheit schreiben kann, kann ich sogar gegen meinen besten Freund aussagen. Ich behaupte nicht, ein großer Mann zu sein und bei allem, was ich tat, immer korrekt gehandelt habe. Aber ich bin stolz auf mein Leben, denn ich hatte die besten Absichten, dem Irak zu dienen. Dennoch gab es Fehler und Dinge, die nicht völlig korrekt waren.“

Der einzige Fall von Reue, über den er sprechen will, ist die Entscheidung, sich am 24. April 2003 den Amerikanern ergeben zu haben. Tage zuvor hatte er sich in einem Haus in dem Bagdader Vorort Mansour von Saddam verabschiedet. „Ich sagte ihm, ich stünde hinter dem, was er getan hat und unterstütze ihn als Präsident. Dann sagte ich Lebewohl. Durch einen Vermittler nahm ich Kontakt zu den Amerikanern auf. Wenn ich zu diesem Zeitpunkt zurückkehren könnte, wünschte ich, ich wäre den Märtyertod gestorben. Aber es war Krieg und Bagdad war besetzt. Ich bin meiner Familie verpflichtet und traf eine große Entscheidung. Ich sagte den Amerikanern, dass sie mich gefangen nehmen könnten, wenn sie meine Familie nach Amman bringen. Meine Familie verließ das Land in einem amerikanischen Flugzeug. Und ich ging an einem Donnerstag ins Gefängnis.“

Aziz ist voller Lob für das Gefängnispersonal, insbesondere für einen jungen Wärter, der ihm seine Zigaretten ansteckt, ihm in seiner Zelle in einem Bagdader Vorort die Medizin auf den Tisch stellt und ihm erlaubt, einmal die Woche mit seiner Familie in Jordanien zu telefonieren. „Diese Jungs haben mich hervorragend behandelt, und ich sage das jetzt nicht nur so. Es ist sauber, das Essen ist gut und nebenan gibt es einen kleinen Garten, in dem wir Gymnastik machen könne.“ Als einer seiner Aufseher auf ihn eindringt, wie die Bedingungen seiner Haft im Vergleich zu denen seinen, die unter Saddam geherrscht haben, sagt Aziz nur: „Ja, es wurden Fehler gemacht.“

Zum Schluss hat er noch eine vielleicht überraschende Bitte an Barack Obama, dessen Wahl er ursprünglich begrüßt hatte, weil sie in seinen Augen einen klaren Bruch mit George W. Bush darstellte. Aziz verlangt nun die Fortsetzung der Besatzung. „So kann er uns nicht zurücklassen. Er überlässt den Irak den Wölfen. Wenn man einen Fehler macht, muss man diesen korrigieren, anstatt den Irak seiner Vernichtung zu überlassen."

Übersetzung: Holger Hutt

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

18:00 06.08.2010
Geschrieben von

Martin Chulov | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 14144
The Guardian

Ausgabe 30/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 7

Avatar