Die besseren Engel

Gewalt Wird die Welt brutaler? Nein, sagt Kognitionspsychologe Steven Pinker und schreibt mit "Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit" gegen die Feinde der Moderne an

Wenn ein Buch mehr als 1.200 Seiten dick ist, hat es schon rein äußerlich die Aura eines Gewaltaktes. Der amerikanische Kognitionspsychologe Steven Pinker hat diese Anmutung auch inhaltlich umgesetzt: Er erschlägt den Leser jetzt mit einem Mammutwerk, das sich mit nichts anderem befasst als mit Gewalt. Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit ist ein Ritt durch die Geschichte menschlicher Grausamkeit, der mit einer so nahe liegenden wie erstaunlichen Erkenntnis endet: Wir leben in einer friedlichen Welt. Der britische Kommunikationsforscher John Naughton hat Pinker für den Guardian zum Gespräch gebeten.

John Naughton: Was hat Sie auf dieses gewaltige Projekt gebracht? Sie nennen Ted Gurrs Untersuchung über den Rückgang der Tötungsdelikte in englischen Städten zwischen den Jahren 1200 und 2000.

Steven Pinker: Dieser wenig bekannte Rückgang ist mir nach der ersten Lektüre klar im Gedächtnis geblieben wie auch andere Beobachtungen, die ich zu verschiedenen Zeiten gemacht habe: Dass Stammeskriege früher wahrscheinlich mehr Tote forderten als unsere Weltkriege; dass barbarische Gebräuche wie die Sklaverei oder das Verbrennen von Häretikern sich von etwas völlig Normalem zu etwas Verabscheutem wandelten; dass die Sowjetunion sich ohne großes Blutvergießen in Luft auflöste. Als ich diese Beobachtungen im Internet erwähnte, wiesen mich Wissenschaftler darauf hin, dass es weit mehr Belege für den historischen Niedergang der Gewalt gebe, als ich angeführt hatte, dass nicht nur in England, sondern in allen europäischen Ländern die Zahl der Tötungsdelikte seit dem Mittelalter und die Zahl der Kriege ebenso wie die Anzahl der Kriegstoten in den vergangenen Jahrzehnten zurückgegangen seien. Selbst die Gewalt in der Ehe und der Missbrauch von Kindern habe abgenommen. Mir wurde klar, dass man all das miteinander verbinden muss.

 

In wenigen Sätzen: Um was geht es in Ihrem Buch?

Ob man es glaubt oder nicht, wir leben vermutlich in der friedlichsten Epoche seit der Existenz unserer Spezies. Der Rückgang der Gewalt war nie gleichförmig, die Gewalt ist auch nicht verschwunden und es gibt keine Gewähr, dass ihr Niedergang sich fortsetzt. Aber es handelt sich um eine beständige historische Entwicklung, die sich erstreckt von Weltkriegen und Völkermorden bis hin zur Gewalt in der Kindererziehung und der Art, wie wir mit Tieren umgehen.

Die Tatsache, dass Gewalt in der Geschichte einerseits eine solche Konstante darstellt, andererseits aber zurückgedrängt wurde, zeigt, dass die menschliche Natur sowohl den Hang zur Gewalt als auch den Hang zur Friedfertigkeit umfasst. Lincoln nannte es „die besseren Engel der Natur“. Die historischen Veränderungen haben unsere besseren Engel begünstigt: die Entwicklung von Regierungsformen, Handel, Bildung, die Vermischung von Ideen und Menschen. All das brachte die Menschen dazu, ihre Impulse zu kontrollieren, ihr Einfühlungsvermögen zu vergrößern, sich über die Beschränkung ihres Standpunktes hinwegzusetzen und Gewalt nicht mehr als einen Wettbewerb zu betrachten, den man gewinnen muss.

Das erste Kapitel erinnert an Samuel Pepys’ Tagebuch von 1660: „Da mein Herr aber noch nicht aufgestanden war, ging ich zu Charing Cross, um mitanzusehen, wie Generalmajor Harrison zum Galgen geschleift, gehängt und gevierteilt wurde. Er wirkte bei all dem so gut gelaunt, wie es einem Mann unter diesen Umständen wohl möglich sein kann. Kurz darauf wurde er abgenommen, um Kopf und Herz der Menge darzubieten, woraufhin großer Jubel ausbrach.“ Danach beschreibt er den restlichen Tag. Er trifft Freunde, bestellt Austern, fährt heim und regt sich über die Unordentlichkeit seiner Frau auf. Den Nachmittag verbringt er damit, Bücherregale anzubringen.

Obwohl ich denke, dass mir als Psychologe nichts Menschliches fremd ist, war ich immer wieder entgeistert von der Sorglosigkeit, bisweilen sogar Lust, mit der unsere Vorfahren unaussprechliche Grausamkeit haben walten lassen oder zumindest mitangesehen haben.

Es gibt eine Tabelle in Ihrem Buch mit Schätzungen über den Anteil der Bevölkerung, der großen Gewalttaten zum Opfer gefallen ist. Das übertragen Sie auf das 20. Jahrhundert. Im Mongolensturm des 13. Jahrhunderts etwa kamen 40 Millionen Menschen ums Leben, im Jahr 1950 wären das 278 Millionen Opfer gewesen. Über 9/11 sagen Sie an anderer Stelle: Durch die Anschläge starben 3.000 Menschen, was furchtbar ist. Gemessen am Anteil an der US-Bevölkerung ist die Opferzahl aber relativ gering. Ist unsere historische Sicht auf die Gewalt verzerrt wegen der, wie Sie es nennen, „Unfähigkeit unserer Journalisten und Intellektuellen, richtig zu rechnen“?

Ich halte das Unvermögen, ­statistisch zu denken, für das größte Defizit an den Universitäten und in der journalistischen und intellektuellen Kultur. Die kognitive Psychologie sagt, dass der menschliche Verstand auf sich allein gestellt für Trugschlüsse und Täuschungen anfällig ist, weil die Erinnerung sich eher an Anekdoten aufhängt als an systematischen Statistiken. Trotzdem halluziniert man Trends zusammen, wenn es um Einzelereignisse wie den norwegischen Schützen [Anders Breivik] geht, und stellt abenteuerliche, rechenschwache Vergleiche an, zum Beispiel zwischen Afghanistan und Vietnam oder dem heutigen Menschenhandel und der Sklaverei.

Es ist ein Überbleibsel der literarischen Sensibilität einer zur Naturwissenschaft unfähigen intellektuellen Elite – die entsetzt ist, wenn jemand Milton nicht kennt, aber fröhlich ihre Unkenntnis naturwissenschaftlicher und mathematischer Grundlagen zu Schau stellt. Ich habe mich – ohne Erfolg – dafür eingesetzt, dass Statistik und Logik in Harvard eine Voraussetzung für die Zulassung werden.

Ihre düstere Nacherzählung der Gewalt im Alten Testament ist selbst für einen Atheisten ernüchternd. Ich nehme an, Ihre Darstellung der heiligen Schrift hat Ihnen in einigen Teilen der USA Ärger beschert.

Zweifelsohne – allerdings sind die evangelikalen Protestanten nicht besonders intellektuell und lesen das Buch wahrscheinlich nicht. Und die konservativen religiösen Köpfe sind vor allem katholische Denker, die weniger an der wörtlichen Wahrheit der Bibel hängen. Trotzdem werden sie über meine Behauptung, die Aufklärung (gegen die sie großes Misstrauen hegen) sei eine gute Sache gewesen, nicht glücklich sein.

 

In „Das unbeschriebene Blatt“ äußern Sie sich äußerst kritisch über die Theorie, dass der Mensch von Natur aus gut ist und erst von der Gesellschaft verdorben wird. Lese ich Sie richtig, kommt letztlich alles auf das von der Evolution geformte genetische Erbe an. Jetzt aber scheinen Sie ganz anders zu argumentieren – nämlich, dass unser Verhalten ungeachtet unserer genetischen Zusammensetzung durch Umwelt und Kultur beeinflusst wurde. Habe ich da etwas missverstanden?

In

Es ist doch seltsam, dass die Überzeugung, die Welt würde vor die Hunde gehen, immer stärker zunimmt, je „zivilisierter“ die Menschen sind. Wenn Ihr Buch im linken Bildungsbürgertum Anstoß erregt, dann vielleicht, weil es dieses kulturelle Narrativ infrage stellt.

Ja, Feindseligkeit gegenüber der Moderne ist etwas, das selbst jene Ideologien eint, die sonst nichts teilen: die Nostalgie moralischer Eindeutigkeit, kleinstädtischer Vertrautheit, der Familienwerte, der ökologischen Nachhaltigkeit, der kommunitaristischer Solidarität oder des Einklangs mit den Rhythmen der Natur – aber keiner würde in die Zeit zurück wollen, als der Zahnarzt allein mit der Zange arbeitete oder die Schmerzen einer Operation mit dem Beißholz erträglich gemacht werden sollten. Aber sie verweisen auf die heutigen Kriege und Schießereien, um zu zeigen, dass wir heute schlechter dran seien. Wer zeigt, dass Krieg, Mord und Totschlag tatsächlich rückläufig sind, untergräbt diese Anklage gegen die Moderne.

Gewalt: Eine neue Geschichte der MenschheitSteven Pinker, übersetzt von Sebastian Vogel
S. Fischer 2011, 1.219 S., 26 €

Steven Pinker wurde 1954 in Montreal, Kanada, geboren. Nach dem Studium der Experimentellen Psychologie ging er nach Cambridge, Massachusetts. Er lehrt heute in Harvard und am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und erforscht die geistigen Aspekte von Sprache. Er hat fünf populäre Bücher über das Wesen des Menschen geschrieben.

14:00 21.10.2011
Geschrieben von

John Naughton | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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