Die Bomberjacke als Tarnung

Russland Plötzlich wird Ministerpräsident Dmitri Medwedew vom Hoffnungsträger zur Hassfigur. Einst galt er in Moskau als das liberale Pendant zu Wladimir Putin
Die Bomberjacke als Tarnung
Offenbar hat Premier Medwedew nicht nur Freunde im Kreml

Foto: Sergei Karpukhin/AFP/Getty Images

Die Protestzüge, die jüngst durch die Straßen russischer Städte zogen, schienen nicht nur wegen ihres Anhangs ungewöhnlich, auch wegen der Person, gegen die sie sich richteten: Dmitri Medwedew. Seitdem der Anti-Korruptions-Aktivist Alexej Nawalny in einem auf Youtube veröffentlichten Video den Vorwurf erhoben hat, Medwedew besitze prachtvolle Villen, Yachten und Weinberge im In- und Ausland, ist der Premier ins Zwielicht geraten. Viele Demonstranten hielten Gummi-Enten hoch – die Anspielung auf Entengehege, die auf einem von Medwedews mutmaßlichen Grundstücken zu sehen waren.

Bisher galt Medwedew, der von 2008 bis 2012 als Präsident regierte, einem Großteil der Opposition als relativ gemäßigte Figur in Putins Ensemble. Er ließ hoffen, man könne das Präsidialsystem von innen heraus reformieren und liberalisieren. Ob das noch eine realistische Option ist, erscheint fraglich. Vor der Präsidentenwahl im nächsten Jahr und angesichts der belasteten Beziehungen Russlands zum Westen sind Zweifel angebracht. Als moderates Pendant zu Wladimir Putin kann sich Medwedew kaum mehr in Szene setzen.

Er wuchs wie Putin in Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, auf, lebte jedoch in einem anderen Umfeld als der heutige Präsident. Während Putin zur Armee ging und später für den KGB arbeitete, träumte Medwedew als Teenager davon, LPs von Pink Floyd und Wrangler-Jeans zu besitzen. In Interviews erinnert er sich zuweilen daran, während des Studiums Schnee geschippt und seine Sandkastenliebe Swetlana umworben zu haben. An der Universität seiner Heimatstadt studierte er Jura, promovierte und schlug die Hochschullaufbahn ein – bis das Komitee für auswärtige Beziehungen beim Petersburger Bürgermeister Mitte der 1990er einen juristischen Berater suchte. Dieses Komitee führte Wladimir Putin, der sich für Medwedew entschied. Dessen Karierre wurde nun zum jähen Aufstieg.

Als Medwedew schließlich 2008 für das Präsidentenamt kandidierte, war er im Wahlkampf auf Twitter aktiv, umgab sich mit liberalen Geistern und sagte Dinge wie „Freiheit ist besser als Unfreiheit“. Kurzum: Er wirkte wie ein maßvoller Vordenker, der mit Ambitionen von Russlands wachsender Mittelschicht sympathisierte. Auch wenn offensichtlich war, dass Putin, der ihm Platz machte, um Ministerpräsident zu werden, immer noch die reale Macht beanspruchte, gab es die aufrichtige Hoffnung, dass sich Medwedew mit der Zeit als „Nummer eins“ etablieren würde.

Unfreiwillig komisch

Der russische Journalist Mikhail Zygar beschreibt in einem Buch über Putins inneren Zirkel Medwedews unbeholfene Art als die eines „Junglehrers, der unsicher ist, wie die Schüler reagieren, wenn er zum ersten Mal das Klassenzimmer betritt“. Als Medwedew versuchte, sich so zu kleiden und so zu reden wie Putin, indem er gelegentlich in Bomberjacke auftrat, leger wirken wollte und die Konsonanten so aspirierte wie sein Mentor, wirkte dies eher unfreiwillig komisch. Medwedew schien neben sich zu stehen, wenn er auf diese Maskerade zurückkam. Dass er sich erkennbar inszenierte, war für die Liberalen ein Grund, mit vorsichtiger Zuversicht auf Medwedew zu blicken. Allein die Tatsache, dass er – im Kontrast zu dem humorlosen Ex-KGBler im Kreml – eher wie ein ganz normaler Typ wirkte, führte zu der Annahme, Medwedew könnte Russland zu mehr Modernität und Zivilität verhelfen. 2009 schrieb er als Staatschef den Internet-Artikel Vorwärts Russland, um Gesellschaft und Staat mittelfristig „eine gemeinsame Perspektive aufzuzeigen“, wie es hieß.

Dann aber kam der 24. September 2011, an dem Medwedew erklärte, er werde nicht wieder als Präsidentschaftskandidat antreten. Viele Bürger empfanden das als gebrochenes Versprechen, da sich folgende Rochade abzeichnete: Putin kehrt in den Kreml zurück, während Medwedew wieder der Premier sein wird. „Um ehrlich zu sein, ich hatte damals den Eindruck, dass Putin ein wenig enttäuscht von Dmitri Medwedew war. Er hatte gehofft, er könnte sich vielleicht irgendwann zurückziehen, merkte dann aber, dass Medwedew der Aufgabe eines Staatsführers nicht gewachsen war“, mutmaßt einer der gut informierten Kremlbeobachter in Moskau.

Medwedew akzeptierte anstandslos, degradiert zu werden, auch wenn seinerzeit Gerüchte kursierten, er habe mit schweren Depressionen zu kämpfen. Als sich der scheidende Präsident im Oktober 2011 mit den Vorsitzenden der im Parlament vertretenen Parteien traf, sah er aus, als würde er jeden Augenblick in Tränen ausbrechen. Ihn zu interviewen, galt als suspekt.

Seit dem Krieg in der Ostukraine erschweren westliche Sanktionen und die zu allem Überfluss auf dem Weltmarkt fallenden Ölpreise das Leben vieler Russen. Während Präsident Putin das Verdienst reklamieren kann, seinem Land wieder zu mehr Souveränität und Respekt in der Welt verholfen zu haben, wird Medwedew für die angeschlagene Wirtschaft verantwortlich gemacht. In dieser Situation wirkt seine Unbeholfenheit längst wie Unbedarftheit. In den sozialen Medien wird er mit dem Hashtag „erbärmlich“ versehen. Seine Sprecherin Natalja Timakowa meint, Medwedew habe sich zuletzt über gepostete Kommentare aufgeregt, in denen er flapsig mit „Dimon“ angeredet wurde, einem Diminutiv von Dimitri.

Während der Kiewer Maidan-Proteste Anfang 2014 rief Medwedew den damaligen ukrainischen Präsidenten Janukowitsch dazu auf, „kein nasser Lappen zu sein, mit dem sich die Leute die Füße abwischen“. Wenn Putin das gesagt hätte, wäre dies vielleicht ein markiger Spruch gewesen – bei Medwedew hörte es sich an, als spräche er von sich selbst.

Als der Premier beim Besuch einer Schule von aufgebrachten Lehrern gefragt wurde, warum die Gehälter so niedrig seien, bekamen sie zu hören, wenn jemand gutes Geld verdienen wolle, müsse er in die Wirtschaft gehen. Als auf der Krim wütende Pensionäre wissen wollten, warum man die Renten nicht erhöhe, erwiderte Medwedew: „Es ist leider kein Geld da! Aber halten Sie durch! Ich wünsche Ihnen alles Gute!“

Solche Bemerkungen erscheinen im Lichte der Vorwürfe, die in Nawalnys Video erhoben werden, höchst ungeschickt. „Er ist überhaupt kein ‚Dimon‘, sondern einer der korruptesten Menschen im ganzen Land“, so Nawalny in seinem Video. Medwedew hat auf die Vorwürfe bislang nicht reagiert. Am 26. März, dem Tag der Proteste, schrieb er auf seinem Instagram-Account, sein Tag sei „nicht schlecht“ gewesen, er sei Ski gefahren.

In Moskau wird offen gefragt, wie eines der mutmaßlichen Medwedew-Anwesen mit einem Quadrokopter überflogen und für das Nawalny-Video abgefilmt werden konnte. Hatte die Observation aus der Luft etwas damit zu tun, dass schon jetzt um die Nachfolge Wladimir Putins gerungen wird, sollte der nach einer erneuten Präsidentschaft 2024 endgültig abtreten? Immerhin wird sich dann auch entscheiden, welches Wirtschaftsmodell künftig gilt. Selbst wenn die Rohstoffpreise wieder steigen, Wachstumsraten bis zu acht Prozent wie noch 2008 sind kaum mehr zu erwarten. Sie standen für ein Aufatmen nach den bleiernen Jahren der Jelzin-Präsidentschaft, als es für die Bevölkerung etwas zu verteilen und für die Oligarchie viel zu verdienen gab.

Shaun Walker ist der Moskau-Korrespondent des Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 26.04.2017
Geschrieben von

Shaun Walker | The Guardian

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