Die digitale Bushaltestelle

Soziale Netzwerke Früher trafen Teenager sich hinterm Fahrradschuppen oder an der Bushaltestelle, um zu tratschen und zu flirten. Heute treffen sie sich online. Verändert sie das?

"Ich würde eher eine Niere hergeben, als mein Handy", sagt die 16-jährige Philippa Grogan. "Wie seid ihr früher klargekommen? Mit Brieftauben? Per Post? Seid ihr mit dem Fahrrad von Haus zu Haus gefahren?" Der 14-jährige Cameron Kirk schätzt, dass er unter der Woche eine bis eineinhalb Stunden mit seinen rund 450 Facebook-Freunden "rumhängt" – an den Wochenenden etwa doppelt so lange. "Übrigens ist das auch sehr praktisch, falls man vergisst, welche Hausaufgaben man aufhat."

Emily Hooley, ebenfalls 16, erinnert sich an einen besonders dunklen Moment in ihrem jungen Leben: "Wir fuhren in den Ferien für eine Woche nach Wales. Es gab kein Mobilfunknetz, keinen Fernseher, kein Internet. Wir mussten in die nächste Stadt fahren, um Empfang zu haben. Es war echt hart, zu wissen, dass mir Leute SMS schrieben und auf meiner Facebook-Pinnwand posteten und ich konnte nicht antworten. Viele meiner Freunde sagten, sie würden so etwas niemals tun."

Typisch Teenager? Vollkommen anders, als ich damals war. Ganz zu schweigen von der Art, wie sie miteinander reden. Das Pew Internet American Life Project ist inzwischen seit einem Jahrzehnt die größte und zuverlässigste Quelle für Daten über den Einfluss des Internets auf das Leben im 21. Jahrhundert. Seit 2007 zeichnet es die Internetnutzung von Jugendlichen auf, insbesondere wie sie sich massenhaft sozialen Netzwerken anschließen. Das Projekt untersucht seit 2006, wie Teenager in den USA mit Mobiltelefonen und insbesondere mit SMS umgehen. Die Zahlen für Europa mögen ein oder zwei Prozentpunkte von den amerikanischen abweichen, aber das Muster bleibt sich gleich.

Tägliche Dosis SMS

75 Prozent aller Teenager besitzen inzwischen ein Mobiltelefon. Beinahe 90 Prozent aller Teenager im Besitz eines Handys schreiben und empfangen SMS, die meisten von ihnen täglich. Die Hälfte verschickt 50 SMS und mehr pro Tag; bei jedem dritten sind es 100. In nicht einmal vier Jahren hat sich das Versenden von SMS „zum bevorzugten Kanal für die grundlegende Kommunikation zwischen Teenagern und ihren Freunden entwickelt“.

Über 80 Prozent aller Teenager, die ein Mobiltelefon besitzen, verwenden es auch um zu fotografieren 64 Prozent nutzen es darüber hinaus, um ihre Fotos mit Freunden zu teilen. Sechzig Prozent hören damit Musik und 23 benutzen es als Zugang zu sozialen Netzwerken. Das Mobiltelefon ist, kurz gesagt, "für die meisten Teenager der Dreh- und Angelpunkt, wenn es um Kommunikation geht". Soziale Netzwerke (in den meisten Fällen Facebook) werden insgesamt von 73 Prozent der Teenager genutzt. Das sind 50 Prozent mehr als noch vor drei Jahren. Es ist nicht so, dass die digitale Kommunikation das Leben der Teenager beherrschen würde. Sie IST ihr Leben.

Dafür gibt es laut Amanda Lenhart vom Forschungsinstitut Pew einen einfachen Grund. "Diese Technologien befriedigen einfach die Bedürfnisse, die Teenager in dieser Entwicklungsstufe haben", sagt sie. "Handys und Soziale Netzwerke machen viele Dinge einfacher, die Teenager schon immer getan haben – ihre Identität finden, sich von ihren Eltern unabhängig machen, cool aussehen, das andere Geschlecht beeindrucken."

Flirten, angeben, tratschen, sich aufziehen, abhängen, etwas beichten: klassischer Teenager-Kram, den es schon immer gab, meint Lenhart. Nur die Orte waren andere: Früher traf man sich hinterm Fahrradschuppen, an der Bushaltestelle des Dorfes oder man steckte sich in der Pause auf dem Schulflur mit schweißnassen Fingern eng zusammengefaltete Zettel zu. Soziale Netzwerke und Handys haben die ganze Sache schlicht um ein Vielfaches einfacher gemacht.

Die Professorin Patti Valkenburg vom Centre for Research on Children, Adolescents and the Media an der Universität Amsterdam, ist der Ansicht, dass die zeitgenössischen Kommunikationsmittel zur Lösung eines grundlegenden Konflikts beitragen, der in jedem Heranwachsenden tobt. In der Pubertät, so Valkenburg, bestehe ein "gesteigertes Bedürfnis nach Selbstdarstellung und einer Vermittlung der eigenen Identität sowie Selbstoffenbarung in Gesprächen über intime Themen. Beides ist entscheidend für die Entwicklung der Identität der Teenager, da sie so ihre Meinungen mit denen anderer abgleichen und feststellen können, ob ihre Einstellungen und Verhaltensweisen angemessen sind."

Die Technik gibt Sicherheit

Doch, wie wir uns wohl alle erinnern, ist die Pubertät gleichzeitig die Phase quälender Schüchternheit und schmerzhafter Befangenheit. Der große Vorteil an SMS und Sozialen Netzwerken ist daher, dass sie den identitätsbildenden Teil ohne die damit verbundenen Peinlichkeiten ermöglichen. "Sie geben ihren Nutzern das Gefühl, mehr Kontrolle zu haben", so Valkenburg. "Das führt dazu, dass sie sich bei ihrer Kommunikation sicher und in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen freier fühlen."

Bei der "Kontrollierbarkeit" geht es laut Valkenburg um dreierlei. Erstens: Online kann man sagen, was man möchte, ohne sich Gedanken machen zu müssen, ob die Botschaft womöglich nicht ankommt, weil auf dem Kinn ein riesiger Pickel prangt oder der Kopf hochrot wird. Zweitens: Man kann das Geschriebe noch einmal überdenken und ändern, bevor es abgeschickt wird (anders als bei einem persönlichen Gespräch). Und drittens: Es ist möglich mit immensen Mengen von Freunden zu Zeiten und an Orten Kontakt zu haben, wie das früheren Generationen nicht möglich war.

Was aber stellen Teenager mit dieser neuen Kommunikationsfreiheit an? Philippa schätzt, dass sie pro Tag etwa 30 SMS verschickt und ebenso viele bekommt. "Es geht um Verabredungen – 'Wo bist du?' 'Bis in zehn Minuten.' Und natürlich wird viel geflirtet", sagt sie. "Oder so etwas wie: 'Mist, was haben wir in Bio auf?' Und auch: 'Ich bin Babysitten und langweile mich sooo.'" (Langeweile scheint nach wie vor ein Schlüsselelement vieler Teenager-Gespräche zu sein).

Wie die meisten ihrer Altersgenossen käme Philippa nicht im Traum auf die Idee, mit ihrem Mobiltelefon tatsächlich jemanden anzurufen – außer vielleicht ihre Eltern. Anrufe sind teuer und im Unterricht unmöglich.

Ein aktives Profil für die Credibility

Philippa hat 639 Facebook-Freunde und behauptet, dass sie "die überwältigende Mehrheit" kennt, wobei einige "in der Nahrungskette ziemlich weit unten stehen", wie sie einräumt. "Ich will nicht eingebildet klingen, aber ich bin ziemlich beliebt", sagt sie. "Allerdings nur, weil ich außerhalb meines Zimmers kein Sozialleben habe." Als ich Philippa anrufe, sind gerade 129 ihrer Freunde Online. Die Stoßzeiten sind bei Facebook direkt nach Schulschluss und zwischen neun und zehn Uhr abends. "Man kann ungefähr 10 Chats gleichzeitig geöffnet haben, dann wird die Verbindung zu langsam und man muss Leute rausschmeißen", sagt Philippa. Die Themen? „Allgemeines Geplänkel, Beschimpfungen im Spaß. Viel Gerede über Partys und Partybilder.“ Für die Credibility ist ein gutes, aktives Facebook-Profil wichtig: Viele Updates, viele Fotos, auf denen man getaggt ist.

Manchmal gibt es aber doch Tränen. Jeder hat schon einmal Cyber-Mobbing erlebt. Das Schlimmste, was Philippa bislang passiert ist, war allerdings, dass ein Mädchen ein fürchterliches Foto postete, auf dem Philippa ein Doppelkinn hatte, und sich weigerte das Bild zu entfernen. "Sie sagte: 'Auf keinen Fall. Es hat die Views auf meiner Seite um 400 Prozent gesteigert'", erinnert Philippa sich. Sie glaubt, dass man sich auf Facebook sehr schnell niedergemacht und isoliert fühlen kann. Und das ist nicht die einzige Schattenseite. Teenager sind sich zunehmend der Gefahr bewusst, die online von Sexualstraftätern ausgeht. "Die Privatsphäre ist ein echtes Problem", sagt Emily. "Ich bekomme Freundschaftsanfragen von Leuten, die ich nicht kenne und von denen ich nie etwas gehört habe. Die ignoriere ich. Ich habe ein Privatprofil. Damit gehe ich sehr vorsichtig um."

Soziale Unterschiede bei der Privatsphäre

Amanda Lenhart vom Pew-Institut hat im Rahmen ihrer Studien festgestellt, dass es bezüglich der Einstellung der Teenager zur Privatsphäre im Internet einen Klassenunterschied gibt. "Teenager aus Familien der oberen Mittelschicht, die auf ein späteres Studium eingestellt sind, sind sich in der Regel eher bewusst, dass ihre Online-Profile und was sie dort veröffentlichen, später Konsequenzen für den Beruf und ihre Ausbildung haben können“, so Lenhart. „Die anderen tendieren eher dazu, so viel wie möglich zu teilen, denn sie begreifen es auch als Chance, irgendwann berühmt zu werden, als ihr Ticket nach oben.“

Verändert diese Flut an indirekter Kommunikation denn die Jugendlichen? Schränkt sie ihre Fähigkeit, traditionelle Beziehungen zu führen, womöglich ein? Alles in allem scheinen auch die Teenager selbst sehr sensibel für dieses Problem zu sein. Der 16-jährige Callum O’Connor etwa sagt, für ihn mache es einen großen Unterschied, ob er online chatte oder sich mit jemandem direkt unterhalte. „Eine persönliche Unterhaltung ist viel unmissverständlicher“, sagt er. „Die Kommunikation über Facebook und E-Mails ist distanzierter. Man wird leicht falsch verstanden oder interpretiert etwas falsch, das der Andere schreibt. Es ist furchtbar einfach, wirklich schreckliche Sachen zu sagen. Ich mache mir laufend Sorgen – wirkt dieses oder jenes herzlos, wie viele Küsse sollte ich einfügen, kann ich das sagen?“

Er ist überzeugt, was online geschieht, ist "nicht vollkommen real. Einige Leute glauben das eindeutig, aber ich fühle einen Unterschied. Es ist wirklich nicht dasselbe.“ Emily pflichtet ihm bei: "Es ist teilweise bizarr. Wenn ich auf Facebook einen riesen Streit habe, dann frage ich mich am nächsten Tag immer: 'Hatte das irgendetwas zu bedeuten? War das wichtig?' Ich treffe mich mit demjenigen dann immer persönlich, um seine Gefühle und seinen Gesichtsausdruck einschätzen zu können. Andernfalls kann man sich nie sicher sein."

Online und offline dieselbe Person?

Emily ist allerdings ziemlich sicher, dass soziale Netzwerke und E-Mails ihre Persönlichkeit nicht verändern. „Ich bin online und in Person ein und dieselbe. All das ist eine Ergänzung des echten Lebens, kein Ersatz.“ Die 16-jährige Olivia Stamp ist ähnlich selbstreflektiert und glaubt sogar, dass ihr das soziale Netzwerken dabei hilft, mehr sie selbst zu sein. „Ich halte mich für ziemlich schüchtern“, sagt sie. "Deshalb fällt es mir leichter, auf Facebook ganz ich selbst zu sein, da man dort überarbeiten kann, was man sagen möchte und sich Zeit lassen kann; man fühlt sich dort nicht unbeholfen. Ich fühle mich online eindeutig selbstbewusster – mehr wie die Person, als die ich mich jenseits meiner Schüchternheit kenne."

Professorin Patti Valkenburg sagt: "Unsere Forschungsergebnisse geben derzeit keinen Anlass zur Sorge, was die gesellschaftlichen Konsequenzen der Online-Kommunkation betrifft – aber wir stehen erst am Anfang. Was, wenn die permanente Selbstbestätigung, die Teenager online erfahren, sich eines Tages zu einem überhöhten Selbstbewusstsein oder Narzissmus auswächst? Das wissen wir bislang nicht."

Amanda Lenhart stellt es anders dar: „Unsere Forschungsergebnisse zeigen, dass sich in den vergangenen fünf Jahren nichts daran geändert hat, wieviel Zeit Teenager im echten Leben miteinander verbringen. Die Technik hat einfach eine zusätzliche Stufe hinzugefügt. Man kann Studien finden, die nahelegen, dass das Online-Netzwerken schädlich sein kann. Aber es gibt ebensoviele, die das Gegenteil beweisen.“ Ein Blick in die Vergangenheit könne hilfreich sein. „Das Telefon, das Auto, das Fernsehen – sie alle haben zu ihrer Zeit die Beziehungen zwischen Teenagern und auch anderen Menschen ziemlich radikal verändert. Und wie haben deren Eltern reagiert? Auch sie haben lamentiert und mit den Zähnen geknirscht. Alle Technologien verändern das Leben, vor allem immer das der jungen Generation.“

Übersetzung: Christine Käppeler

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13:25 19.08.2010
Geschrieben von

Jon Henley | The Guardian

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The Guardian

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