Der dritte Pol der Welt schmilzt schnell

Klimakrise Die Hindukusch-Himalaya-Eisschicht ist die drittgrößte Eisdecke der Welt. In den nächsten 80 Jahren könnten zwei Drittel der Gletscher verschwinden. Mit schlimmen Folgen
Der dritte Pol der Welt schmilzt schnell
Der Khumbu Gletscher ist einer der längsten der Welt – und ebenfalls von der Gletscherschmelze in der Himalaya-Region betroffen

Foto: Prakash Mathema/AFP/Getty Images

Vor sehr langer Zeit verwandelte der zweite Buddha in Tibet einen wilden Bergdämon in einen schützenden Kriegergott namens Khawa Karpo. Er ließ sich auf einem heiligen Berg nieder, der seinen Namen trägt und mit 6.740 Metern der höchste Punkt der Meili-Bergkette ist.

Für die Menschen in den Dörfern der Umgebung ist es ein Sakrileg, den Khawa Karpo zu besteigen, weil sie glauben, das vertreibe den Schutzgott. Dennoch haben es ausländische Bergsteiger mehrfach versucht – allerdings vergeblich. Der bekannteste Versuch war der eines 17-köpfigen Teams, dessen Mitglieder am dritten Januar 1991 alle von einer Lawine getötet wurden. Nach vielen Petitionen verabschiedete Beijing 2001 ein Gesetz, das das Bergsteigen auf dem Berg untersagt.

Aber die Missachtung der Gottheit hält weniger offensichtlich an. Mit Schrecken beobachten die Menschen in der Umgebung, dass der Mingyong-Gletscher am Fuße des Berges im Laufe der vergangenen zwanzig Jahre drastisch geschrumpft ist. Sie machen respektloses menschliches Verhalten dafür verantwortlich: zu wenig Gebete, materielle Gier und zunehmende Verschmutzung durch den Tourismus. Um den Zorn der Gottheit nicht weiter zu erregen, vermeiden sie, Knoblauch und Zwiebeln zu essen, Fleisch zu verbrennen, Gelübde zu brechen oder sich zu streiten. Sie können nicht glauben, dass der Gletscher vielleicht bald ganz verschwunden sein könnte, denn ihre Existenz ist eng mit ihm verbunden. Aber Mingyong ist einer der am schnellsten schmelzenden Gletscher weltweit.

Der Khawa Karpo liegt am „dritten Pol“ der Welt. So nennen Gletscherexperten die tibetische Hochebene, auf der sich die gewaltige Hindukusch-Himalaya-Eisschicht befindet. Außer in der Arktis und Antarktis gibt es nirgendwo auf der Erde soviel Eis und Schnee – rund 15 Prozent der Gesamtmenge. Seit 1970 ist bereits ein Rückgang um eine Viertel zu verzeichnen. Noch diesen Monat soll ein lange erwarteter Bericht des Weltklimarates (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) zur Kryosphäre – der Gesamtheit des Eises auf einem Planeten – veröffentlicht werden. Darin warnen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler davor, dass bis zu zwei Drittel der verbleibenden Gletscher bis zum Ende dieses Jahrhunderts verschwinden werden. Ein Drittel des Eises schmilzt demnach selbst dann ab, wenn das international vereinbarte Ziel erreicht würde, die weltweite Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Wert zu beschränken.

Weniger Aufmerksamkeit als für Nord- und Südpol

Wer wir auch sind – unsere Lebensweise beeinflusst diese tropischen Gletscher, die sich über acht Länder erstrecken, und wird umgekehrt von ihnen beeinflusst. Der „gefrorene Wasserturm Asiens“ ist Quelle von zehn der weltgrößten Flüsse, darunter Ganges, Brahmaputra, Gelber Fluss, Mekong und Indus. Mindestens 1,6 Milliarden Menschen werden direkt durch sie versorgt, mit Trinkwasser, Wasserkraft oder Wasser für die Landwirtschaft. Viele weitere Menschen hängen indirekt daran, indem sie etwa ein T-Shirt aus Baumwolle kaufen, die in China angebaut wurde, oder Reis aus Indien.

Gletscherexperte Joseph Shea von der University of Northern British Columbia nennt den Verlust „deprimierend und furchterregend. Es verändert die Natur der Berge auf eine überaus sichtbare und grundlegende Art und Weise.“ Dennoch erhalten die sich schnell ändernden Bedingungen am dritten Pol nicht dieselbe Aufmerksamkeit wie die an Nord- und Südpol. Der vierte Assessment-Report des IPCC aus dem Jahr 2007 enthielt die fehlerhafte Vorhersage, dass bis 2035 alle Himalaya-Gletscher verschwunden sein würden. Es stellte sich heraus, dass diese These eher auf einer Anekdote basierte als auf wissenschaftlichen Beweisen. Diese Peinichkeit war vielleicht auch mit ein Grund für die Vernachlässigung der Region.

Im Vergleich zu den anderen Polen ist die Forschungslage auch eher dünn. Die existierenden hydrologischen Daten werden von der indischen Regierung und anderen interessierten Parteien als sorgfältig gehütetes Geheimnis behandelt. Die weitläufige tibetische Hochebene eignet sich zudem nicht gut für die Arbeit von Gletscherkundlern. Unter anderem ist es schwierig, Messungen durchzuführen, weil die Einheimischen das Betreten des Mingyong-Gletschers verbieten. Der Rückgang des Eises muss mittels Refotografie erfasst werden.

Satellitenaufnahmen haben sich als unschätzbar wertvoll erwiesen, da sie es den Wissenschaftlern ermöglichen, das Schrumpfen der Gletscher in Echtzeit zu beobachten. Diesen Sommer verwendeten die Forscher der Columbia University auch freigegebene Spionage-Satellitenbilder aus der Zeit des Kalten Krieges, um die Beschleunigung des Eisverlusts am dritten Pol zu belegen. Er schmilzt heute grob gesprochen doppelt so schnell wie zwischen 1975 und 2000, als die Temperaturen im Schnitt ein Grad niedriger lagen.

Ganze Dörfer wurden schon weggeschwemmt

Aufgrund der menschengemachten globalen Klimaerwärmung verlieren die Gletscher in der Region derzeit etwa einen vertikalen Meter Eis pro Jahr, so die Klimaforscher. Viel mehr als in den sehr dünn besiedelten Gebieten von Arktis und Antarktis bringt die Gletscherschmelze hier große Verletzungs- und Todesgefahr mit sich. Wenn sich Gletscherseen bilden und plötzlich in einer zerstörerischen Flut über die Ufer treten oder destabilisierte Felsen Erdrutsche verursachen, kann das schlimme Folgen haben. Ganze Dörfer wurden schon weggeschwemmt. Trotz verbesserter Überwachungs- und Rettungssysteme kommen solche Ereignisse zunehmend regelmäßig vor. Laut Satellitendaten wächst in der Region die Zahl und Größe der Seen, die eine Gefährdung darstellen. Im vergangenen Oktober und November blockierte drei Mal Geröll den Tachog Tsangpo, den Oberlauf des Brahmaputra in Tibet. Wegen der drohenden Überschwemmungen flussabwärts in Indien und Bangladesch mussten Tausende evakuiert werden.

Ein Grund für die rasante Eisschmelze ist, dass die tibetische Hochebene sich genau wie die beiden anderen Polregionen mit 0,3 Prozent im Jahrzehnt bis zu dreimal so schnell erwärmt wie der weltweite Durchschnitt. Beim dritten Pol liegt das an der Hochlage, die dazu führt, dass steigende, warme, feuchte Luft aufgenommen wird. Selbst wenn die globale Durchschnittserwärmung unter 1,5 Grad Celsius bleibt, werden es in dieser Region zwei Grad sein. Werden die Emissionen nicht reduziert, sind sogar 5 Grad Celsius zu erwarten, heißt es in einem dieses Jahr veröffentlichten Bericht, den über 200 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen für das International Centre for Integrated Mountain Development (ICIMOD) in Kathmandu erstellt haben. Die Schneefälle im Winter gehen demnach zurück und im Vergleich zu vor 40 Jahren gibt es durchschnittlich vier kalte Nächte weniger und sieben warme Nächte mehr im Jahr. Zudem gehen Modellberechnungen davon aus, dass der Süd-Ost-Monsun mit heftigen und unvorhersehbaren Niederschlägen schlimmer wird. “Das ist die Klimakrise, von der Sie noch nicht gehört haben”, erklärte ICIMODs leitender Wissenschaftler Philippus Wester.

Neben dem CO2-Ausstoß gibt es einen weiteren Schuldigen für die Erwärmung, der auf der schmutzigen Oberfläche des Mingyong-Gletschers allzu offensichtlich ist: Ruß. Laut einer Studie aus dem Jahr 2013 ist Ruß für 1,1 Watt pro Quadratmenter (w/m2) der Erdoberfläche zusätzlich in der Atmosphäre gespeicherter Energie verantwortlich (CO2 geschätzt für 1,56 w/m2). Ruß verändert die Zirkulationsmuster von Wolken oder dem Monsun und beschleunigt die Schneeschmelze. Luftverschmutzung aus der indischen Gangesebene – eine der am stärksten verschmutzten Regionen der Welt – lagert sich als schwarzer Staub auf den Gletschern ab, der ihre Oberfläche verdunkelt und damit die Schmelze antreibt.

Wenn Ruß auf dunklen Stein fällt, verändert er die Temperatur wenig. Schnee und Gletscher dagegen sind besonders anfällig, weil sie weiß sind und reflektieren. Schmelzen Gletscher, rutschen die umgebenden Felsen ab und bedecken das Eis mit dunklem Material, das die Schmelzspirale weiter beschleunigt. Das Mount Everest-Basiscamp auf 5.300 Metern etwa liegt nicht mehr im Eis.

Forscher erkennen die großen Auswirkungen

Das große Hochland des dritten Pols ist eine der ökologisch vielfältigsten und meist gefährdeten Regionen der Erde. Erst im vergangenen Jahrhundert begannen Menschen, hier die Berge zu bezwingen. Forscher erkennen jetzt, wie groß die Auswirkungen auf die Region bereits sind. Manche erfahren sie sogar am eigenen Leib: Viele der Autoren des IPCC Kryosphere-Berichts, die sich im Juli in der nepalesischen Hauptstadt trafen, mussten vor einem immensen Monsun Schutz suchen oder andere Flughäfen ansteuern.

Aber was bedeuten die Veränderungen für die 240 Millionen Menschen, die in diesen Bergen leben? In vielen Gebieten werden sie sogar begrüßt. Wärmere, angenehmere Winter haben das Leben leichter gemacht. Die höheren Temperaturen sind gut für die Landwirtschaft – sie ermöglichen eine größere Anbauvielfalt und mehr als eine Ernte im Jahr, was den Lebensstandard verbessert. Das könnte auch für die so genannte Karakoram-Anomalie verantwortlich sein, wie die Entwicklung einiger Gletscher im pakistanischen Karakorum-Gebirge bezeichnet wird, die gegen den generellen Trend wachsen. Klimaspezialisten glauben, der plötzliche starke Anstieg der bewässerten Landwirtschaft in der Gegend verbunden mit außergewöhnlichen topographischen Bedingungen habe eine Zunahme des Schneefalls auf den Gletschern verursacht, der derzeit das Schmelzen mehr als ausgleicht.

Anderswo ist der Niederschlag dafür nicht groß genug. Orte, die für die Bewässerung komplett auf das Schmelzwasser angewiesen sind, spüren die Auswirkungen als erste. „In den vergangenen zehn Jahren sind einige Quellen drastisch ausgetrocknet,” eklärte Aditi Mukherji, eine der Autorinnen des IPCC-Berichts.

Hochwüsten wie Ladakh im Nordosten von Indien und Teile von Tibet haben bereits viele ihrer tiefer liegenden Gletscher verloren und mit ihnen die Jahreszeiten bedingte Bewässerung, was die Landwirtschaft und die Stromgewinnung durch Wasserkraftanlagen an Dämmen beeinträchtigt. Manche Gemeinden versuchen künstliche Gletscher zu schaffen, indem sie den Ablauf höherer Gletscher in schattige, geschützte Ecken lenken. Dort soll er über den Winter frieren, um im Frühling als Schmelzwasser für Bewässerung zu sorgen.

Mit Wasserknappheit steigt das Risiko von Unruhen

Nur wenige der großen asiatischen Flüsse sind stark von Gletscherschmelzwasser abhängig: Der Wasserstand des Yangtze und des Gelben Flusses ist durch weniger Schmelzwasser gesunken. Besonders gefährdet sind der Indus (zu 40% Gletscher-gespeist) und der Yarkand (zu 60 Prozent Gletscher-gespeist). Während die Dörfer in den Bergen unter dem Verschwinden der Gletscher leiden, sind die Menschen, die weiter flussabwärts wohnen, bisher weniger beeinträchtigt. Flüsse wie der Ganges und der Mekong erhalten ihr Wasser zum Großteil durch Regenniederschlägen auf dem Weg in die bevölkerten Talbecken. Konflikte über Nutzung, Dammbau und Umleitung zwischen den Ländern, die entlang des Flusses liegen, wurden bisher durch nationale Wasserteilungsverträge zum großen Teil vermieden. Aber wenn das Klima weniger vorhersehbar und die Wasserknappheit größer wird, steigt auch das Risiko von Unruhen innerhalb der Länder, ganz zu schweigen von Konflikten zwischen Nationen.

Ohne Gletscherpuffer wird gegen Ende dieses Jahrhunderts der Wasserstand all dieser Flüsse vor dem Monsun drastisch niedriger liegen als heute, mit all seinen Auswirkungen auf Landwirtschaft und Energiegewinnung. Zudem sind mehr und heftigere Sturzfluten zu erwarten. „Die Folgen für die lokale Wasserversorgung werden enorm sein, insbesondere im Indus-Tal. Wir erwarten zunächst eine Migration aus den trockenen Hochgebieten, aber die Bevölkerung der ganzen Region wird betroffen sein“, erklärte Shea, Mit-Autor des ICIMOD-Berichts.

Die geschmolzenen Wasserreserven tragen zum Anstieg des Meeresspiegels bei, der jetzt schon in stark bevölkerten, tiefliegenden Deltas und Buchten Asiens von Bangladesch bis Vietnam das Leben schwierig macht. Zudem setzt die Schmelze gefährliche Umweltschadstoffe frei. Gletscher sind Zeitkapseln, entstanden aus jeder einzelnen Schneeflocke, die in der Vergangenheit gefallen ist. Schmelzen sie, bringen sie die im Eis festgehaltenen Bestandteile dieser Luft zurück in den Kreislauf. Gefährliche Pestizide wie DDT (das vor dem Verbot 1972 drei Jahrzehnte lang weit verbreitet genutzt wurde) und Perfluoralkylsäuren werden im Schmelzwasser flussabwärts gespült und sammeln sich im Boden und in der Nahrungsmittelkette.

Letztlich hängt die Zukunft dieser großen Region, ihrer Menschen, Eisdecken und Lebensadern – genau wie die Khawa Karpo-Anhänger glauben – von uns ab: von einer Reduktion der Treibhausemissionen und anderer Schadstoffe. Denn auch viele der noch nicht geschmolzenen Gletscher sind, wie Mukherji sagt, „verschwunden, weil man sie durch die verschmutzte Luft nicht mehr sehen kann.”

Übersetzung: Carola Torti und Holger Hutt
06:00 20.09.2019
Geschrieben von

Gaia Vince | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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