Die eiserne Trashlady

Cool Britannia Traditionell steht die Kultur in England links. Das scheint sich nun langsam zu ändern. Jüngstes Beispiel: Die Künstlerin Tracey Emin

Die Tage, in denen Tony Blair Künstler und Musiker in der Downing Street No 10 empfing, sind längst Geschichte. Und auch die konservativen Partei hat es bislang trotz hoher Umfragewerte nicht geschafft, allzu viele hippe Wahlkampfhelfer auf die eigene Seite herüberzuziehen. Nun könnte es den Torys jedoch gelingen, die ersehnte kulturelle credibility zu erlangen. Berichten zufolge steht die Künstlerin Tracey Emin, einst wortführende und gallige Kritikerin des Thatcherismus, kurz davor, ins konservative Lager unter Führung des Vorsitzenden David Camerons zu wechseln.

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Einst hatten sich kaum Künstler zur konservativen Partei Gr0ßbritanniens bekannt, doch seit Cameron das Ruder übernommen hat, konnte er die Unterstützung einiger glamouröser Kreativer gewinnen – von der Designerin Anya Hindmarch bis zu Filmproduzenten Matthew Vaughn. Und mit dem Buch Cameron on Cameron erschien im vergangenen Jahr eine Reihe von Gesprächen mit dem britischen GQ-Redakteur Dylan Jones, welcher über ausgezeichnete Kontakte verfügt.

Die in einer Woche stattfindende Eröffnungssitzung des „Kunst-und Kreativindustrie-Netzwerkes“ der Torys im Hauptquartier der Werbeagentur M Saatchie hat Spekulationen angeregt, zum neuen Promi-Beistand der Konservativen könnten berühmte britische Künstler wie Emin oder Sam Tyler-Wood gehören, die von Charles Saatchie gefördert werden, der auch Kunsthändler und Galerist ist. Ist dies nun Camerons „Cool Britannia“-Moment? „Ich denke nicht,“ stammelt eine Sprecherin der Konservativen ungelenkt auf diese Frage.

Cameron liebt Indie-Bands wie The Smiths, The Jam und Modest Mouse. Doch bisher beruhten diese Gefühle nicht auf Gegenseitigkeit. Als kürzlich in einem Interview, das der ehemalige Sänger der Band Pulp Jarvis Cocker gab, der Eindruck erweckt wurde, er hätte gesagt, eine konservative Bewegung sei „notwendig“, gab dieser schleunigst eine Richtigstellung heraus. In dieser erklärte er, er sei „weit davon entfernt“ eine konservative Bewegung gutzuheißen, sondern sei lediglich der Ansicht, eine solche „scheine leider unvermeidbar“. Auch Britpop-Veteranen wie Paul Weller oder Noel Gallagher von Oasis haben die Tories immer wieder kritisiert.

Thatcher war eine Thatcherianerin

Die Tory-Partei begann ihre Verführungsoffensive Emin gegenüber im vergangenen Jahr. Damals zollte der Kultusminister im Schattenkabinett, Jeremy Hunt, der Künstlerin nicht nur Anerkennung, sondern äußerte sich auch begeistert über eines ihrer Graffiti an der Strandmauer ihrer Geburtsstadt Margate, an der immer wieder Kunstprojekte stattfinden.

In der Sunday Times war zu lesen, Emin, die kurz zuvor in London bei einem Kunst-Dinner der Konservativen zu Gast gewesen war, hätte verraten, den Konservativen Boris Johnson bei der Wahl zum Londoner Bürgermeister im vergangenen Jahr unterstützt zu haben. „Mir ist klar geworden, dass Thatcher nicht wirklich eine Konservative, sondern eine Thatcherianerin war,“ hat Emin offenbar erklärt. „Die heutigen Torys sind anders.“

Jahrelang hatte die Künstlerin sich geweigert, ihre Werke an den Sammler Charles Saatchie zu verkaufen, weil dieser mit einem Poster mit der Aufschrift „Labour isn’t working“ zum Wahlsieg Thatchers im Jahr 1979 beigetragen hatte. Telefonisch war Emin gestern nicht zu erreichen, um zu einen eventuellen Seitenwechsel Stellung zu nehmen.

Wäre es ein Zeichen für die kulturelle Renaissance der Konservativen, wenn die Helden der Britart und des Britpop die Fahne für sie schwängen? Oder würde es nur einen sich verhärtenden Konservativismus älter werdender Künstler und Musiker widerspiegeln, in denen schon immer Thatcherianischer Geschäftssinn schlummerte, auch wenn sie ehemals hippe Anti-Tory-Rhetorik von sich gaben?

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Übersetzung: Zilla Hofman
Geschrieben von

Patrick Barkham, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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