Die Enden der Paranoia

Methode In „Inherent Vice“ versucht Paul Thomas Anderson, der vertrackten Prosa von Thomas Pynchon gerecht zu werden
Mark Kermode | Ausgabe 07/2015

Anfang 1970, nach der großen Welle der 60er, spielt die Geschichte, und sie ist bevölkert von lädierten, an die dunklen Ufer eines unbarmherzigen Jahrzehnts gespülten Kaliforniern. So wie die 70er Jahre in Boogie Nights stellen für Paul Thomas Anderson die 60er Jahre in Inherent Vice – Natürliche Mängel ein Nachspiel dar. Altamont ist passiert, Charles Manson erwartet seinen Prozess, das Kent-State-Massaker steht bevor, und Hippies erscheinen nicht mehr niedlich – die Nixon-Ära, geprägt von Polizeigewalt, Bestechungsskandalen und Konzernintrigen. All das verkörpert im Film die obskure Firma Golden Fang, als Bild eines Establishments, von dem sich die naiven Idealisten, anders als sie glauben, keineswegs befreien konnten.

In einer Atmosphäre von Angst und Hass begibt sich der kiffende und nach „Patschulifurz“ riechende Privatdetektiv Larry „Doc“ Sportello (Joaquin Phoenix) auf eine absurde Odyssee, bei der es um vermisste Personen, Grundstückskungeleien in Chinatown, (un)tote Musiker, internationale Drogenschmuggler, Neonazis, berauschte Zahnärzte, giftige Politik, durchgeknallte Cops, zügellose Korruption und zufälligen Cunnilingus geht.

Den Auftrag hat Doc von seiner flüchtigen Exfreundin Shasta Fay Hepworth (Katherine Waterston), und regelmäßig wird ihm von seinem Verbindungsmann bei der Polizei von Los Angeles in den Hintern getreten. Dieser Christian „Bigfoot“ Bjornsen (Josh Brolin) bildet als Bulle mit Bürstenhaarschnitt, zu engem Anzug und unstillbarem Appetit auf „moto panacaku“ (more pancakes!) das komische Gegenstück zu Docs schlabbrigem Hippietum. Der eine hält sich an Regeln und Gesetze, der andere vertraut auf Hexenbretter und Anrufe aus dem Jenseits; überfordert sind sie beide.

„We blew it“

Inherent Vice lässt sich durch eine Unterwelt zwischen Tote schlafen fest und The Big Lebowski treiben, mitunter dient auch Robert Altmans Der Tod kennt keine Wiederkehr als spiritueller Wegweiser. Damit gelingt es dem Film erstaunlich gut, Thomas Pynchons Prosa – das Buch war 2009 erschienen – auf die Leinwand zu übertragen: Gerade in ihrem scheinbar halt- und wahllosen Aufbau spiegeln Andersons oscarnominiertes Drehbuch (das viele Dialoge aus dem Roman übernimmt) und seine offenherzige Regie gekonnt den eigenwilligen Stil Pynchons wider – sogar noch da, wo sie von der Vorlage abweichen.

Der Film ist ein visuelles Fest, wobei die Strände, Gehwege und Wohnungen von Los Angeles in Robert Elswits prächtigen 35-Millimeter-Bildern als eine Welt erscheinen, die schon sehnsuchtsvoll auf ihre eigene Vergangenheit blickt. Dazu spielt John Greenwoods Filmmusik romantisch-rauschverstärkend auf Neil Young und Can an. Wenn die Handlung in Unfug abgleitet, hält der Soundtrack eine melancholische Stimmung aufrecht und erinnert daran, dass Großes verloren gegangen ist. Wie Peter Fonda in Easy Rider sagte: „We blew it.“

Bezeichnenderweise gilt die zweite Oscar-Nominierung des Films dem Kostümdesign. Dem Staraufgebot zum Trotz – von Benicio del Toro bis Maya Rudolph; und angeblich lässt sich Pynchon selbst hier einmal blicken – spielt die wichtigste Nebenrolle in Inherent Vice die Kleidung: Doc tritt wie Neil Young zu Harvest-Zeiten auf, Doppelagent Coy Harlingen (Owen Wilson) als Wiedergänger von Zoot aus der Muppet-Show, Dr. Rudy Blatnoyd (Martin Short) als Austin Powers. Mordsgaudi in der Maske.

Ob das Gleiche für den Dreh gilt, ist fraglich. Gerüchte über wilde Improvisationen und Chaos am Set gemahnen daran, dass einen Film anzuschauen umso weniger Spaß macht, je lustiger es beim Filmen zuging. Doch Andersons Wahnsinn hat Methode: der Wunsch, Pynchons unverfilmbare Prosa in ihrer ganzen Vertracktheit auf die Leinwand zu bringen. Auf zweieinhalb Stunden gedehnt kann das zur Geduldsprobe werden.

Paul Thomas Andersons bester und in seiner Komik am ehesten vergleichbarer Film, Punch-Drunk Love (2002), war auch sein kürzester. Da milderte die Länge den Irrsinn des von Adam Sandler gegebenen Antihelden, der sonst unerträglich geworden wäre. In diesem Sinn packt einen Inherent Vice nur etwa zwei Drittel lang.

Film

Inherent Vice – Natürliche Mängel Paul Thomas Anderson USA 2014, 148 Minuten

Mark Kermode ist Filmkritiker des Observer

Übersetzung: Michael Ebmeyer

06:00 25.02.2015
Geschrieben von

Mark Kermode | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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