Die fossile Wolke

Ölpest Unter der Meeresoberfläche verbergen sich noch Millionen Tonnen von Öl: Wie die US-Regierung die Katastrophe im Golf von Mexiko beschönigt

An der Behauptung des Weißen Hauses, im Golf von Mexiko sei das Schlimmste überstanden, kommen immer größere Zweifel auf: Forscher haben in der Tiefe des Ozeans eine Ölwolke entdeckt, die sich über 35 Kilometer erstreckt. Und am Mittwoch erklärte Bill Lehr von der Wetter- und Ozeanographiebehörde der Vereinigten Staaten (NOAA) vor dem Kongress, drei Viertel des entlaufenen Öls befänden sich noch immer im Wasser. Lehr nahm damit ausdrücklich Abstand von einem offiziellen Bericht seiner Behörde, demzufolge ein Großteil des Öls aufgefangen oder zersetzt worden sei. Lehr war der Hauptautor des Berichts gewesen.

Die NOAA ist von unabhängigen Wissenschaftlern und vom Kongress heftig kritisiert worden, weil sie nicht belegen konnte, wie sie zu ihren Kalkulationen kam. Der Kongress hatte die Behörde wiederholt ersucht, ihre Rohdaten und ihre Methodik offenzulegen – ohne Reaktion.Wissenschaftler empören sich zusehends über die wachsende Zahl von Hinweise darauf, dass das Weiße Haus ein viel zu optimistisches Bild zeichnete - wie zum Beispiel vor zwei Wochen als die Behörden behaupteten, das noch im Golf verbliebene Öl zersetze sich schnell. Die Forscher werfen der Administration vor, Daten zu verheimlichen und die wissenschaftlichen Fakten der Ölkatastrophe zu beschönigen.

„Ich würde sagen, dass das meiste davon noch immer in der Umwelt ist“, erklärte Lehr jetzt vor dem Energie- und Handelsausschuss des Repräsentantenhauses.

In der Befragung durch den Vorsitzenden Ausschusses, Ed Markey, korrigierte Lehr die Zahl des ausgetretenen Öls von den ursprünglich angenommenen 4,9 Millionen Barrel auf 4,1 Millionen herunter, da 800.000 Barrel direkt vom Bohrloch abgesaugt worden sein sollen. 6 Prozent sind angeblich verbrannt, 4 Prozent abgeschöpft worden, was die Menge des von den Stränden entfernten Öls betrifft gebe es jedoch keine genauen Zahlen, räumte Lehr ein.

Markey erklärte Lehr, der Bericht der Behörde habe der Öffentlichkeit falsche Hoffnungen gemacht. „Sie hätte ihn nicht veröffentlichen sollen, bevor sie wussten, ob er korrekt ist“, erklärte Markey. „Die Menschen wollen glauben, dass alles in Ordnung ist und ich bin der Ansicht, dass dieser Bericht und die Art wie er diskutiert wurde vielen Menschen eine falsche Zuversicht im Hinblick auf den Zustand der Golfes gegeben haben.“

Lehr erklärte, die Behörde werde alle Daten innerhalb von zwei Monaten veröffentlichen. Doch der Eindruck, dass sich die Regierung einer Hinhaltetaktik bedient, hat die Glaubwürdigkeit der Regierung Obama in der Wissenschaftsgemeinde beschädigt.

„Dieser Bericht war nicht wissenschaftlich“, bestätigt auch Ian MacDonald, Ozeanologe an der Florida State University, der seit 30 Jahren den Golf studiert. „Die Spuren werden Zeit meines Lebens den Golf von Mexiko zeichnen. Das Öl ist nicht weg und es wird auch nicht so schnell verschwinden.“ MacDonald warnte weiter vor einem Umkipppunkt, ab dem die Flora und Fauna und das Ökosystem im Golf sich nicht mehr erholen werden.

Unterdessen berichten Experten des Woods Hole Oceanographic Institute in einem Artikel im Wissenschaftsjournal Science über eine 35 Kilometer lange Wolke aus Öltropfen – der wohl bislang stärkste Beweis dafür, wo das Öl verblieben ist. In dem Bericht steht auch, dass die Wolke sich auf natürlichem Wege nur sehr langsam zersetzen würde.

„Manche Leute spekulieren, dass Öltropfen unter der Wasseroberfläche leicht abgebaut werden können“, erklärte Richard Camilli, der Hauptautor des Papiers. „Nun, das deckt sich nicht mit dem, was wir herausgefunden haben. Wir fanden heraus, dass es noch immer dort ist.“

Die Wissenschaftler waren Ende Juni zehn Tage lang hunderte von Meilen kreuz und quer im Ozean unterwegs, um Wolke aufzuspüren und sie lasen 57.000 Mal deren chemische Signatur ab. Ihre Ergebnisse bestätigen die Berichte früherer Forschungsreisen, bei denen Wissenschaftler der University of Georgia und der A Universität Texas in tiefen Gewä

Wissenschaftler der University of South Florida berichteten diese Woche außerdem, dass weit östlich von dem Bohrloch auf dem Meeresboden Ölmengen entdeckt worden sind, die für sensibles Plankton giftig sind. Diese Befunde wurden bislang jedoch nicht von anderen Wissenschaftlern überprüft.

Die Ölwolke soll laut den Ergebnissen der Forscher des Wood Hole Instituts 35 Kilometer lang – das entspricht in etwa der Länge von Manhattan – 2 Kilometer breit und 200 Meter dick sein. Sie soll zwar nicht aus purem Öl bestehen, jedoch giftige Bestandteile wie Benzol und Xylol enthalten.

Lehrs Aussage vom Mittwoch und der Artikel in Science zeigen, dass sich die Behauptungen des Weißen Hauses und der Wissenschaftsbehörden der Regierung immer weniger mit denen der unabhängigen Wissenschaftler decken. Und sie werfen neue Fragen bezüglich der Entscheidung der Regierung auf, beinahe 2 Millionen Gallonen des chemischen Detergenziums Corexit zu verwenden, um das Öl zu ersetzen.

Jane Lubchenco, Vorsitzende der NOAA und selbst Ozeanologin, hatte die ersten Berichte über Öl auf dem Meeresgrund heruntergespielt. MacDonalds und andere Wissenschaftler warfen dem NOAA vor, es halte sie davon ab, ihre Ergebnisse über das Öl in den tiefen Gewässern zu veröffentlichen.

Eine Sprecherin der NOAA erklärte allerdings, die Wood-Holes-Forschungsreise habe Ende Juni stattgefunden, als aus dem kaputten Bohrloch immer noch Öl strömte. „Das muss nicht unbedingt ein Indiz dafür sein, wo wir heute stehen“, sagte sie.


Übersetzung: Christine Käppeler

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15:58 20.08.2010
Geschrieben von

Suzanne Goldenberg | The Guardian

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Ausgabe 39/2020

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