Die Freiheit, sich auszudrücken

Kunst Abseits der Zerstörungen - wie wirkte sich der Krieg auf das irakische Kulturerbe aus? Sieben Jahre nach der Invasion macht sich Hadani Ditmars auf die Suche

Wir hören aus dem Irak viele Schreckensnachrichten: Auf Marktplätzen, in Hotels und öffentlichen Gebäuden explodieren Bomben; es gibt sektiererische Spannungen, Dutzende von Milizen und Politiker, die behaupten, sie bekämpften den Terrorismus, dabei aber ihre eigenen Privatarmeen unterhalten. 53 Milliarden Dollar sind seit dem Ende des Krieges in den Wiederaufbau geflossen und dennoch sind immer noch 40 Prozent der Iraker ohne Trinkwasserversorgung. Das Land rangiert auf der Korruptionshitliste von Transparency International derzeit auf Rang fünf.

Vor diesem Hintergrund ist Freiheit möglicherweise nicht das erste, was einem einfällt, wenn man über den Irak nachdenkt. Aber das ist der Begriff, den der irakische Filmemacher Haydar Daffar verwendet. Seine 2005 veröffentlichte Dokumentation The Dreams of Sparrows erzählt das Chaos und Leid des Nachkriegs-Irak durch die Augen seiner Künstler. Seinen Lebensunterhalt bestreitet der Enddreißiger – wie Künstler auf der ganzen Welt – mit Werbung. „Heute herrscht hier Freiheit“, sagt er und grinst, als wir uns an einem Nachmittag Ende Februar in der Hewar Gallery treffen – eine der wenigen, die es in der Stadt noch gibt. „Die Freiheit, sich auszudrücken und die Freiheit, zu töten.“

Ich war nach sieben Jahren Abwesenheit ein paar Tage vor der jüngsten Wahl in den Irak zurückgekehrt. Das letzte Mal war ich nach der Invasion 2003 im Land, um für mein Buch Dancing in the No Fly Zone zu recherchieren. Jetzt bin ich als Redakteuerin des New Internationalist hier, um unsere Mai-Ausgabe über den Irak zu planen. Während Horden von Journalisten in kugelsicheren Westen auf der Jagd nach Geschichten über die anstehende Wahl durch die Straßen Bagdads jagen, befinde ich mich auf einer völlig anderen Mission: Ich will Anzeichen kulturellen Lebens in der Stadt finden, die einst die Stadt des Friedens genannt wurde.

Während Daffar und ich uns in unserem verbeulten alten Wagen durch den gefährlichen Verkehr Bagdads bewegen – es kann jetzt bis zu zwei Stunden dauern, bis man die Stadt durchquert hat, wenn man unterwegs nicht durch das Einatmen giftiger Abgase stirbt – erzählt er mir seine Geschichte. Er wurde sowohl von sunnitischen als auch von schiitischen Milizen bedroht und zur Flucht gezwungen. Warum, weiß er selbst gar nicht genau, aber er vermutet, es habe damit zu tun gehabt, dass in The Dreams of Sparrows auf die florierende Trinkkultur in der Stadt Bezug genommen wird. Aber das war zugegebenermaßen in der schrecklichen Zeit des sektiererischen Terrors, die 2004 begann und je nachdem, wen man fragt, vor mehr oder weniger langer Zeit zu Ende ging.

In der Parallelwelt

Wir fahren an Unmengen von Wahlplakaten vorbei, von denen herab die Kandidaten Frieden, Wohlstand und sogar nationale Einheit versprechen. Diese Ideen wirken in Anbetracht der Realität wie aus einer anderen Welt. Die Realität besteht aus Schallgedämpften Pistolen, Mörsergrananten, Autobomben und Polizeigewalt. Vor kurzem wurde eine ganze Familie von einem Killerkommando enthauptet und ein Universitätsprofessor auf offener Straße erschossen.

Aber in einer alten osmanischen Villa an den Ufern des Tigris trete ich in eine Parallelwelt ein. Das Haus wurde einst von Gertrude Bell bewohnt, die in den 1920ern mit TE Lawrence hier war und erstaunlicherweise dabei mithalf, die Grenzen des heutigen Irak festzulegen. Vor kurzem wurde das Gebäude zu einem Theater umgebaut, jetzt probt gerade eine Gruppe junger Schauspieler und Tänzer für eine Mischung aus Tanz, Theater und Film über den irakischen Dichter Mudaffer al Nawab. Al Nawab wurde 1963 nach dem von der CIA unterstützten Staatsstreich der Baathisten wegen seiner kommunistischen Gesinnung verhaftet. Heute lebt er in Syrien und kritisiert von dort aus Besatzung und irakische Regierung. Die Choreographie erinnert an den jazzigen und gleichzeitig aber auch balletthaften Stil der Diva Twyla Tharp, enthält aber auch Breakdance-Elemente und sogar den volkstümlichen irakischen Kreistanz Chobi.

Ihr Enthusiasmus ist so ansteckend, dass ich mein Notizbuch zur Seite lege und mitmache. Danach komme ich mit den jungen Leuten ins Gespräch. Ein 21-Jähriger aus einem armen schiitischen Viertel sagt, er sei vor ein paar Jahren von einer Mahdi-Miliz wegen seiner „langen Haare“ und seiner Schauspielerei bedroht worden. Jetzt habe sich die Situation aber verbessert. Sein Kollege, der 18-jährige Ali, der aus demselben Viertel stammt und der einen klasse Moonwalk machen kann, erzählt mir, sein Vater sei unter Saddam Hussein getötet worden, weil er der Dawa-Partei angehört habe. Seine beiden Brüder seien beide religiös und lehnten seine Arbeit am Theater ab, seine Mutter aber komme zu all seinen Auftritten.

Ein andere Schauspielerin, Bushra Ismail, gehört zu den Veteraninnen der irakischen Theater-Szene. Vor kurzem wurde sie in Kairo als beste arabische Schauspielerin ausgezeichnet. „Unter Saddam litten wir unter der Zensur“, erinnert sie sich, „und heute müssen wir darauf achten, dass wir die religiösen Parteien nicht provozieren. Es gibt eine ganze Reihe neuer Tabus.“ Dennoch sind alle wegen der Premiere aufgeregt.

Im nahe gelegenen Viertel Karradeh ist das Nationaltheater, dessen Eingang von farbenprächtigen Wahlplakaten eingerahmt wird. Das einst prächtige Gebäude, das während des irakisch-iranischen Krieges gebaut worden war, steht heute teilweise leer und ist wegen Renovierungsarbeiten geschlossen, als ich ihm einen Besuch abstatten möchte. Nach der Invasion hatte man hier zunächst mit Tagesvorstellungen begonnen, weil diese sicherer waren.

Der Pressesprecher des Theaters, Nabeel Taher, ein ernsthaft wirkender Mann in den Vierzigern, sagt, er sei hoffnungsvoll, was die Zukunft der irakischen Kultur betreffe, auch wenn die Kunstförderung bei weitem noch immer nicht ausreiche. „Wir fühlen uns wesentlich freier als zuvor“, sagt er und verweist auf eine Politsatire des irakischen Bühnenautors Haider Monather, der in einem Stück den ehemaligen Parlamentspräsidenten AMhmoud al-Mashhadani verspottet hatte. „Al-Mashhandani schickte den Schauspielern Blumen und eine Gratulationskarte“, erklärt er. Vor zehn Jahren wäre so etwas unvorstellbar gewesen.

Unter den Baathisten bot das Theater eine dringend notwendige Ablenkung und Erleichterung von dem von Saddams Terror und den Sanktionen geprägten Alltag. Nach der Invasion hatte es mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. 2008 wurde es während der Produktion eines Anti-Kriegs-Stückes angegriffen. Während der Feiern anlässlich des Internationalen Theatertages erregte es dann die Aufmerksamkeit der Sadristen, als Schiitenführer Moqtada al-Sadr höchstpersönlich eine Demonstration gegen die amerikanische Besatzung am Gebäude vorbeiführte.

Theater statt Armee

„Einige Milizionäre kamen über die Straße und drohten damit, uns an einem Fahnenmasten aufzuhängen, wenn wir die Feierlichkeiten nicht umgehend einstellen“, erzählt Taher. „Aber ich habe versucht, mit ihnen zu reden. Ich sagte: Seht, wir sind nur Künstler, keine Politiker, und schließlich sind wir alle doch Iraker. Das Ergebnis bestand darin, dass das Nationaltheater ein Stück über das Leben des schiitischen Imam Hussein in Sadr-City aufführte, bei dem professionelle Schauspieler mit Amateuren zusammen auf der Bühne standen, unter denen sich auch ein paar Milizionäre befanden. Einer von ihnen verließ sogar die Armee, um Schauspieler zu werden.

Das irakische Nationalmuseum liegt in Karkh, einem Stadtteil, der an einen Teil der Altstadt angrenzt. Nach der Invasion wurde das Museum geplündert, die Bilder mit den daneben stehenden US-Panzern gingen um die Welt. Einige der gestohlenen Gegenstände sollen allerdings gerüchteweise von Mitarbeitern des Museums selbst entwendet worden sein. Nach umfassenden Reparatur- und Renovierungsarbeiten wurde das Museum im vergangenen Jahr offiziell wiedereröffnet. Die Hälfe der Ausstellungsstücke fehlt allerdings noch immer.

Ich passiere die Sicherheitskontrollen, um mich mit Muwafaq al-Taei zu treffen – ein Architekt und Stadtplaner, der vom alten Regime sowohl gefeiert als auch terrorisiert wurde. Er entwarf für Saddam einige grandiose öffentliche Projekte, wurde aber wegen seiner kommunistischen Gesinnung, von der er sich nicht abbringen ließ, auch permanent bespitzelt und überwacht. Er hinkt beim Gehen, seitdem er vor ein paar Jahren von amerikanischen Soldaten ins Bein geschossen wurde, während er an einem Hausprojekt für Marscharaber im Süden arbeitete. Mit seinen nunmehr 68 Jahren ist er von einem ungezügelten Enthusiasmus für das kulturelle Erbe seines Landes erfüllt.

Er führt mich im Museum herum und hält mir einen faszinierenden zweistündigen Vortrag über die irakische Geschichte. „Man muss die Vergangenheit verstehen, um die Gegenwart begreifen zu können“, sagt Taei. Es ist traurig, dass nur ein verlorenes Häuflein sich für die Errungenschaften der irakischen Zivilisation interessiert. Alle Hoffungen auf einen Aufschwung in der irakischen Tourismusindustrie wurden durch die anhaltend prekäre Sicherheitslage zunichte gemacht. Gegenwärtig hat das Museum jedenfalls weit mehr Beschäftigte als Besucher. Auch die Gruppe von Männern mittleren Alters, die in der Lobby sitzen, rauchen und sich miteinander unterhalten gehört der ersten Gruppe an.

Danach führt Taei mich nach Sheik Ma’rouf, einem nur 500 Meter entfernten Viertel. Er will mir das Grab von Zumurrud Khatun zeigen – der Frau des Kalifen. Dieses außerordentliche Beispiel der Architektur der Abbasiden im Seljuk-Stil hätte es allemal verdient, in das Weltkulturerbe der Unesco aufgenommen zu werden. Stattdessen liegt es leer und verlassen in einem Viertel voller Waffen und Müll.

Die Iraker scheinen immer eine Möglichkeit zu finden, eine Situation zu meistern. Als ich mich am nächsten Tag durch die sieben Kreise der Sicherheitshölle am Bagdader Flughafen kämpfe (an diesem Tag explodierten die Bomben in Baquba), veranstaltet das staatliche irakische Symphonieorchester ein triumphales Konzert mit Werken von Beethoven und Brahms. Mehrere Hundert Menschen sind da, vor allem Studenten und Familien. Ein aufgeregter junger Musikstudent sagte mir später am Telefon:„Es war erstaunlich. Es machte mich stolz, Iraker zu sein.“

Übersetzung: Holger Hutt

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16:20 15.03.2010
Geschrieben von

Hadani Ditmars | The Guardian

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The Guardian

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