Die geheime Macht im Nahen Osten

Iran Qassem Suleimani hält sich im Hintergrund. Er hat Milizen aufgebaut und Widerstand organisiert. Ohne ihn läuft im Irak fast nichts

Qassem Suleimani, Kommandeur der Al-Quds-Einheit der Iranischen Revolutionsgarden (IRG), ist ein Mann, den man in einer Krise gut an seiner Seite gebrauchen kann. Als Iraks Premier Nuri al-Maliki vor einer Woche gerade dabei war, einen Gegenschlag gegen die Dschihadisten von ISIL zu organisieren, dürfte er erleichtert gewesen sein, Suleimani zu Gesicht zu bekommen. Der Oberst ist ein regelmäßiger, wenn auch für gewöhnlich unangemeldeter Gast in der irakischen Hauptstadt. Er spielte dort bereits vor der Invasion der Amerikaner und dem Sturz Saddam Husseins im April 2003 eine maßgebliche Rolle. Mit der erfolgreichen Unterstützung von Widerstandsgruppen, dem Aufbau von Milizen und anderen Formen der Einflussnahme hat sich Suleimani den Ruf erworben, einer der mächtigsten, aber zugleich auch geheimnisvollsten Männer im Nahen Osten zu sein. Seine jüngste Mission in Bagdad wurde als Indiz für die Schwere der Krise gewertet, die mit dem Vormarsch der Dschihadisten für den Irak ausgebrochen ist.

In den vergangenen drei Jahren hatte Suleimani seine Aktivitäten auf Damaskus konzentriert, dort die Weichen für den strategischen Beistand des Iran zugunsten von Präsident Baschar al-Assad gestellt und dessen Kontakte zur libanesisch-schiitischen Hisbollah koordiniert. „Syrien ist der größte Stein des Anstoßes“, erklärte Suleimani in einer seiner seltenen öffentlich gehaltenen Reden Ende Februar. „Auf der einen Seite steht die ganze Welt und auf der anderen Seite stehen nur wir. Es gibt Leute, die Assad zum Rücktritt drängen, aber sie machen sich eine falsche Vorstellung von der Realität. Und die Realität, das sind die Kräfteverhältnisse in diesem Bürgerkrieg.“

Stets loyal

Für gewöhnlich hält Suleimani, der dem Obersten Führer des Iran, Ayatollah Ali Chamenei, loyal ergeben ist, sich in Teheran äußerst bedeckt. Sein blasses Gesicht mit den tiefliegenden Augen und dem ergrauenden Haar ist gelegentlich bei Beerdigungen zu sehen, wenn Männer der Revolutionsgarden beigesetzt werden, die in Syrien gefallen sind. Ali Chamenei nannte ihn einst einen „lebenden Märtyrer“, dem das Land viel verdanke. Ende Mai zeigte ein Foto auf Facebook Suleimani beim Besuch der Familie von Hilal al-Assad, einem Cousin des syrischen Präsidenten. Hilal war bei Kämpfen nahe der Grenze zur Türkei getötet worden. Suleimani wollte sein Beileid aussprechen und dabei offenbar gesehen werden. Die Sanktionen, die von der Obama-Regierung wegen seiner Rolle in Syrien gegen ihn verhängt wurden, lassen in nächster Zukunft ein offizielles Zusammentreffen mit US-Gesandten unmöglich erscheinen. Selbst wenn sich Washington und Teheran auf eine kurzzeitige militärische Kooperation einigen, dürfte Suleimani im Hintegrund bleiben.

Der mittlerweile 57-Jährige war Anfang 20, als er in die iranische Armee eintrat und im ersten Golfkrieg (1980 – 1988) gegen die Truppen Saddam Husseins kämpfte. Ein Konflikt, der für den arabischen Raum zur längsten militärischen Konfrontation im 20. Jahrhundert werden sollte. Acht blutige Jahre führten zu mehr als einer Million Toter in den Schlachten um die Hegemonie in der Region, um die Provinz Chusistan und den Grenzfluss Schatt al-Arab. Nach diesem Inferno wurde Oberst Suleimani an Irans östlicher Grenze eingesetzt, um den Drogenschmuggel aus Afghanistan zu bekämpfen. 1998 wurde er zum Kommandeur der Al-Quds-Einheit ernannt.

Die Formation, die Schätzungen zufolge einige tausend Mann umfasst, muss hochsensiblen Missionen gerecht werden: Sie soll Nachrichten beschaffen, muss für Kommandounternehmen bereitstehen oder Waffentransporte absichern. Im Prinzip ist ihre Aufgabe, all das zu tun, was zum Schutz der Islamischen Revolution beiträgt und deren Feinden schadet. Al-Quds ist der lange Arm des Iran, der notfalls überallhin reicht.

SMS an US-General

Die Experten sind sich einig, dass Suleimanis Rolle im Irak nur schwer zu überschätzen ist. „In Krisenzeiten ist Suleimani der oberste Strippenzieher“, sagt Professor Toby Dodge von der London School of Economics. „Er ist überall und nirgends. Suleimani erledigt in Bagdad derzeit genau das, was er in Damaskus getan hat. Er bietet Verbündeten, die in Not sind, Rat und Hilfe an. Ist diesem Fall ist dies Nouri al-Maliki.“

Hin und wieder hat das ungestüme Auftreten des Iraners schon für Irritationen und Befremden gesorgt. Als er 2008 den damaligen irakischen Präsidenten und kurdischen Politiker Dschalal Talabani traf, habe es so gewirkt, als sei Suleimani der Herr und Talabani der Bittsteller, wird über das Treffen berichtet.

Und als die US-Besatzungsarmee und deren irakische Alliierte im Jahr darauf immer wieder in Gefechte mit schiitischen Milizen verwickelt wurden, schickte Suleimani an den kommandierenden US-General David Petraeus eine SMS mit folgendem Inhalt: „General, Sie sollten wissen, dass ich, Qassem Suleimani, die Politik des Iran gegenüber dem Irak, dem Libanon, dem Gazastreifen und Afghanistan kontrolliere und koordiniere. Der iranische Botschafter in Bagdad ist Al-Quds-Mitglied und derjenige, der ihn demnächst ersetzt, wird ebenfalls der al-Quds angehören. Sie sollten das wissen.“

Professor Dodge zufolge besteht einer von Suleimanis wertvollsten Aktivposten im Irak in der schiitischen Miliz Asaib Ahl al-Haq – der „Liga der Gerechten“. Sie wurde einst von den Iranern geschaffen, um die Bewegung des irakischen Predigers Muqtada al-Sadr, eines schiitischen Nationalisten, zu untergraben, der sich an die Spitze des patriotischen Widerstands gegen die USA gestellt hatte. Ihr Anführer, Qais al-Khazali, gehörte angeblich zu denjenigen, die Suleimani kürzlich in Bagdad getroffen hat. „Wie andere vom Iran geschaffene Strukturen ist auch Asaib Ahl al-Haq zutiefst religiös und ideologisch geprägt. Diese Organisation existiert parallel zum irakischen Staat, untergräbt oder schützt diesen, wenn es sein muss. Bei Bedarf arbeitet man auch mit diesem Staat konstruktiv zusammen“, so Dodge. Vor dem definitiven Abzug der US-Truppen im Dezember 2011 verübte die „Liga der Gerechten“ einige spektakuläre Angriffe auf amerikanische Einheiten. Auch ein weiterer vom Iran unterstützter irakischer Player, die Badr-Brigade, die sich eigentlich hätte auflösen sollen, tauchte in den zurückliegenden Monaten plötzlich wieder auf.

Suleimanis öffentliche Kommentare zeugen davon, welch enorme Bedeutung er dem Engagement im Irak und der Aufrechterhaltung des iranischen und schiitischen Einflusses dort beimisst: „Der Irak war einmal die Hochburg des anti-iranischen Widerstandes. Deshalb hat Saddam Hussein von allen Seiten, auch von den Amerikanern, so lange so viel Geld erhalten, selbst bevor die Islamische Republik 1979 ausgerufen wurde“, ist Suleimani überzeugt.

Ian Black ist Guardian-Redakteur für den Nahen Osten.

Saeed Kamali Dehghan wurde 2010 als bester britischer Auslandskorrespondent ausgezeichnet

Übersetzung: Holger Hutt
06:00 02.07.2014
Geschrieben von

Ian Black und Saeed Kamali Dehghan | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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