Die große Chance

USA Sollte es Bernie Sanders gelingen, Hillary Clinton in ihrer Wahlheimat New York zu schlagen, hätte dies einen entscheidenden Effekt – und das Rennen wäre wieder offen
Die große Chance
Sanders spricht Themen an, die die Menschen beschäftigen

Bild: Eric Thayer/Getty Images

Bernie Sanders hat im Cowboy-Land Wyoming einen wichtigen Sieg eingefahren. Sein gegenwärtiger Lauf ist beeindruckend. Im Augenblick könnte man den Eindruck gewinnen, es könne ihn nichts mehr aufhalten. Seine kritische, linke Botschaft verfängt bei Demokraten und Unabhängigen gleichermaßen. Mit ihr hat er sich seit Januar quasi aus dem Nichts herangearbeitet.

Wyoming markiert seinen siebten Sieg in Folge (und den achten von neun). Sanders gewann mit 56 zu 44 Prozent und damit sieben weitere Stimmen hinzu. Insgesamt verfügt er nun über 1.068 Delegiertenstimmen. Hillary Clinton hat mit 1.755 aber immer noch einen komfortablen Vorsprung. Nominiert wird, wer 2.383 Delegierte hinter sich vereinen kann. Da Clintons Erfolgskurve nach unten weist und die von Sanders nach oben, ist aber noch alles möglich – insbesondere da das Rennen um die Nominierung sich jetzt wieder in den Osten verlagert.

New York wird der erste von sechs bevölkerungsreichen Ostküstenstaaten sein, bei denen zusammen 753 Stimmen zu vergeben sind. Sanders muss hier deutlich gewinnen, um mit Clinton gleichziehen zu können und noch eine Chance auf den Gesamtsieg zu wahren. Sollte Sanders New York gewinnen, ist das Rennen wieder völlig offen, da dies für die Clinton-Kampagne eine ziemliche Blamage und einen erheblichen Rückschlag bedeuten würde. Hillary hat dem Staat als Senatorin gedient und ihn zu ihrer Wahlheimat gemacht.

Sanders hingegen ist in New York City geboren und aufgewachsen, hat sich dann aber in Vermont niedergelassen. Dort kann er auf eine lange und erfolgreiche Karriere als Politiker, Bürgermeister, Kongressabgeordneter und Senator zurückblicken.

Es steht viel auf dem Spiel. Dies könnte auch der Grund dafür sein, dass beide Seiten einen raueren Ton anschlagen. Sanders behauptet zum Beispiel, Clinton sei „ungeeignet“, das Land zu führen - aufgrund ihrer Kriegskasse von der Wall Street und ihrer Unterstützung des Irakkriegs. Den Unterstützerinnen Clintons bereitet Sorgen, dass Sanders in den Umfragen für die Wahl in New York immer näher an Clinton herankommt. Der Abstand ist in den letzten Tagen auf zehn Prozent geschrumpft.

Sanders konnte in den vergangenen sieben Primaries an Clinton vorbeiziehen. Ihre frühen Erfolge und ihre Siege im gesamten Süden des Landes haben ihr allerdings ein großes Polster verschafft. Sanders hat nur dann eine Chance, wenn es ihm gelingt, seinen Lauf fortzusetzen und seinen gegenwärtigen Schwung aufrechtzuerhalten. Dann könnte er die rund 400 Sonder-Delegierten, die sich bereits für Clinton ausgesprochen haben, vielleicht noch dazu bewegen, ihre Entscheidung zu ändern oder erreichen, dass es zu einer "brokered convention" kommt – einem Parteitag, auf dem frei abgestimmt wird.

Bundesweite Meinungsumfragen haben ergeben, dass Sanders Trump oder Cruz leichter schlagen könnte als Clinton. Der Wettkampf ist ebenso wie die Primaries der Republikaner auch ein interessantes Barometer für die Stimmung in der US-amerikanischen Bevölkerung.

Sanders spricht Themen an, die die Menschen beschäftigen: die Handelsabkommen, die die Mittelschicht weiter erodieren lassen, die teuren Kriege, die illegalen Machenschaften an der Wall Street, die Korruption bei der Wahlkampffinanzierung und eine Wirtschafts- und Sozialpolitik des Kongresses, in der sich nur wenige wiederfinden.

Wie Trump für enttäuschte Republikaner stellt sich auch Sanders als Außenseiter dar, der in der Lage ist, wieder für Gerechtigkeit und Wohlstand zu sorgen.

Ob die US-amerikanische Mittelschicht ihm den Auftrag erteilen wird, die Bösen aus der Stadt zu jagen, bleibt abzuwarten. Aber bislang liefert er einen beeindruckenden Sieg nach dem anderen ab – und das ist keine geringe Leistung.

Autorin des Textes: Diane Francis

Übersetzung: Holger Hutt

13:21 13.04.2016
Geschrieben von

Diane Francis | The Guardian

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