Die Hölle von Al-Qaza

Jemen Die UNO warnt vor kriegsbedingter Hungersnot. Das Schicksal eines Dorfes zeigt, dass die in Wirklichkeit längst ausgebrochen ist
Die Hölle von Al-Qaza
2,1 Millionen Kinder seien laut UN schon jetzt akut unterernährt
Foto: Stringer/AFP/Getty Images

Der Besenmacher Taie al-Nahari kniet mit nacktem Oberkörper im Sand vor einer strohgedeckten Hütte im Dorf Al-Qaza, Gouvernement Al-Hudaida. Unter der Haut zeichnen sich die Knochen ab. Vor Beginn des Krieges im Februar 2015 war der 53-Jährige Fischer. Heute stellt er jeden Tag zwei Besen her und verdient damit umgerechnet einen Dollar. „Unsere Boote wurden von den Saudis bombardiert. Nun haben meine Familie und ich nicht mehr genug zu essen.“

Der Bürgerkrieg und die Luftschläge der Golfallianz sind die Hauptursache für eine Ernährungskrise, die sich nach Auffassung der Vereinten Nationen in diesem Jahr zu einer Hungersnot auswachsen könnte – 2,1 Millionen Kinder seien schon jetzt akut unterernährt. Vergangene Woche wurde im New Yorker UN-Hauptquartier zu finanzieller Hilfe von mindestens 2,1 Milliarden Dollar aufgerufen, um ein Massensterben im ärmsten aller arabischen Länder zu verhindern. Es handelt sich um den nachdrücklichsten Aufruf für den Jemen seit Jahren. Jamie McGoldrick, zuständiger UN-Koordinator für humanitäre Angelegenheiten, meint: „Die Lage dort ist katastrophal und verschlechtert sich rasant.“

Der ehemalige Fischer al-Nahari lebt in einer der am schlimmsten betroffenen Regionen. Auch wer noch über ein intaktes Boot verfüge, wage es nicht, zum Fischen hinauszufahren. Zu groß sei die Angst, von saudischen Jets bombardiert zu werden. Mit derartigen Angriffen soll das Hinterland der mutmaßlich vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen zerstört werden, die nach wie vor die Hauptstadt Sanaa kontrollieren. „Viel haben wir als Fischer nie verdient, doch es reichte, um Mehl, Reis, Bohnen und Wasser zu kaufen. Jetzt sind wir ruiniert. Wir haben kein Geld, kein Essen, nichts, womit wir arbeiten könnten“, klagt al-Nahari.

Die 52-jährige Fatima kümmert sich im gleichen Dorf um ihre beiden Enkel Ali, elf Jahre, und Mohammed, der gerade vier wurde. Beide leiden unter Thalassämie, auch Mittelmeeranämie genannt, ihr Zustand verschlechtert sich durch den Mangel an vollwertigem Essen unablässig. „Wie soll ich meine Enkel behandeln lassen?“, fragt Fatima. „Wo findet man in dieser Gegend noch einen Arzt, der sich um die Kinder kümmert?“ Die Familie arbeitete auf einer Mango-Plantage, bevor die Luftangriffe begannen. Heute versucht auch Fatima, sich mit dem Verkauf von Besen durchzuschlagen: „Entweder töten uns die Bomben oder wir verhungern. Mein Enkel Mohammed weiß nicht, wie Milch schmeckt. Wir konnten ihm nie welche geben.“ Sie sagt, die Welt verschließe die Augen vor dem, was die Saudis in ihrem Land anrichteten. „Ich klage alle an, die einfach nur zusehen, wie wir sterben, und dazu schweigen.“

Ashwaq Ahmad Moharram, ein Geburtshelfer und Gynäkologe aus dem Nachbarort Al-Hudaida, meint: „Die humanitäre Situation ist in diesem Gouvernement am schlimmsten. Wer vorher arm war, ist nun noch ärmer. Wenn ich die Leute hier zu Hause besuche, finde ich oft nicht einmal die grundlegendsten Dinge des täglichen Lebens vor. Die meisten ernähren sich nur von Fisch und verkaufen, was übrig bleibt, um zu überleben.“

Zerrissen und verbrannt

Ahmad schildert das Schicksal einer Familie aus seiner unmittelbaren Umgebung, zu der auch die 60-jährige Saeeda gehört, eine körperlich behinderte Frau, die vor dem Krieg durch ihren einzigen Sohn unterstützt wurde, als der noch Arbeit auf einer Dattelfarm hatte. „Dann verlor er diese Beschäftigung und musste mit seiner Mutter von dem leben, was die Nachbarn geben konnten. Stellen Sie sich vor, eine kranke Frau, die wegen ihrer Behinderung noch nicht einmal davonlaufen kann, wenn die Bomber kommen. Vor dem Krieg konnte sich hier jeder ein Frühstück und ein Mittagessen leisten. Den Leuten standen pro Tag drei Dollar zur Verfügung. Heute sterben ihre Kinder an Fieber oder Hunger, und man hört von ihnen ständig den Satz: ‚Wäre ich doch nie in dieses Leben hineingeboren worden. Es ist die Hölle.‘“

Am 12. Januar geriet in Al-Hudaida die Behausung von Gummai Esmail Moshasha während eines Luftangriffs in Brand. Der 54 Jahre alte Esmail und sein 21-jähriger Sohn Ali waren draußen am Strand, um ihre Fangnetze zu flicken, und warteten darauf, zum Frühstück gerufen zu werden, als gegen sieben Uhr früh das Bombardement begann. Im mit Stroh und Palmenblättern gedeckten Haus befanden sich Esmails 18 Monate alter Sohn Ahmad, seine Frau und seine Mutter – keiner konnte sich ins Freie retten. „Plötzlich schlug ein Geschoss in unserer Hütte ein“, erzählt Esmail. „Und ich rannte den Strand hinauf, um zu sehen, was passiert war. Aber ich fand nur noch einzelne Körperteile. Sie sind verbrannt oder zerrissen worden. Ich nahm in den Arm, was vom Körper meiner Frau übrig war. Ich weinte und schrie, aber es half nichts. Warum wird dieser Krieg nicht endlich beendet. Niemand bringt mir die zurück, die ich verloren habe.“

Saeed Kamali und Ahmad Algohbary sind Mitarbeiter des Guardian

Übersetzung: Zilla Hofman/Holger Hutt

06:00 18.04.2017
Geschrieben von

Saeed Kamali, Ahmad Algohbary | The Guardian

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