Die Invasion New Yorks

Insektenbefall Die Stadt wurde schon von einem Dinosaurier, einem Riesenaffen und Aliens heimgesucht – im Kino. Die Wanzen, die sich nun in außergewöhnlicher Zahl ausbreiten, sind echt

Seit den frühen Tagen des Kinos gehört die Vorstellung, dass widerliche Kreaturen, die in finsteren Ecken lauern, über New York City herfallen, zum Standardrepertoire Hollywoods. Einer der ersten Monsterfilme, The Beast from 20.000 Fathoms [ins Deutsche wenig originell mit dem Titel Panik in New York übersetzt], wartete mit einem Dinosaurier auf, der aus dem Winterschlaf erwacht, um sich die Fifth Avenue entlangzuwalzen und dabei Angst und Schrecken zu verbreiten. Dann war da natürlich King Kong, der auf der Spitze des Empire State Buildings thronte. In jüngerer Zeit stromerten Zombies auf der Suche nach Will Smith in I Am Legend über den Washington Square – ein Klassiker des Genres –, und in Cloverfield hackten Aliens der Freiheitsstatue den Kopf ab.

Von den New Yorkern, die mit filmischen Darstellungen einer nicht-menschlichen Invasion ihrer Stadt aufgewachsen sind, hätte man eigentlich erwartet, dass es sie kalt lassen würde, wenn eines Tages der Ernstfall eintritt. Doch die immer hysterischer werdenden Schlagzeilen, die seit Wochen die Seiten der New York Post füllen, sprechen eine andere Sprache.

Denn die Wahrheit ist, dass die Stadt dieses Mal tatsächlich angegriffen wird, und unter ihren Bewohnern ist Panik ausgebrochen.

Bettwanze besiegt Nike

Wer heute in Manhattan ins Kino geht, kann Todesängste ausstehen, weil auf der Leinwand New Yorker von Monstern bei lebendigem Leibe aufgefressen werden – und gleichzeitig selbst angenagt werden. Das jedenfalls mussten einige Kinogänger im August im AMC Magic Johnson Theater in Harlem erleben, wenig später ereignete sich dasselbe im AMC Empire 25 am Times Square.

Zwar mag den Monstern, um die es in diesem Fall geht, der Bizeps eines King Kong fehlen, aber beißen können sie, meine Herren. Cimex lectularius , die gemeine Bettwanze, ist auf dem Vormarsch und weitet ihre Terrorherrschaft vom Stadtgebiet New Yorks auf Städte in ganz Amerika aus.

Der Invasion sind bereits einige der größten Namen der Stadt zum Opfer gefallen. Mitte September musste Nike seinen gigantischen Niketown-Store auf der 57th Street schließen, nachdem dort Bettwanzen entdeckt worden waren, und auch die New Yorker Zentrale von Google sah sich gezwungen, eine Verseuchung ihrer Firmenräume zuzugeben, nachdem eine Angestellte darüber getwittert hatte. „Jesus!“, schrieb sie. „Ich bin gegen die Bettwanzenpanik nicht immun. An meinem Arbeitsplatz wurden Bettwanzen entdeckt.“ (Der Twitterfeed war ziemlich schnell wieder weg).

Selbst das Luxus-Kaufhaus Bloomingdales hatte unerwünschten Besuch, aber da Bloomingdales nun Mal Bloomingdales ist und etwas Besseres als der Rest, gab es zu verstehen, dass lediglich in einer Filiale auf der 59th Street ein einziges Insekt gefunden und schnellstens zur Strecke gebracht worden sei. Auch der vierte Stock des Hauptsitzes des Wall Street Journals auf der Sixth Avenue wurde heimgesucht. Die Büroräume des Guardian an der 27th Street sind bislang erfreulich frei von den Mistdingern, doch während ich diesen Text tippe, überfällt mich ein psychosomatischer Juckreiz.

Ausschuss für Bettwanzenbekämpfung

Zu den frühen Opfern der Epidemie zählten eine Teenager-Filiale der Modekette Abercombie Fitch in Hollister, Victoria’s Secret, schicke New Yorker Eigentumswohnungen, Theater am Broadway, der Hauptsitz des New Yorker Generalstaatsanwaltes – auf eine Vereinbarung im Strafprozess hat man bei den Dingern keine Chance – und, als schöne Reminiszenz an King Kong, das Empire State Building. Das Problem ist in den vergangenen 12 Monaten mit rund 24.000 gemeldeten Fällen so schlimm geworden, dass Bürgermeister Michael Bloomberg einen Beratungsausschuss für Bettwanzen eingesetzt hat und schon bald einen Bettwanzenbekämpfungsbeauftragten ernennen wird.

Das Ganze ist typisch für New York. Eine der größten Städte der Moderne, in der Menschen aus der ganzen Welt zusammenkommen, um ihre Energie und ihre Freude an neuen Denkweisen zu teilen, wird von einer Epidemie flugunfähiger, schäbiger Insekten fest im Griff gehalten. Und das Ergebnis ist alles andere als schön.

Nehmen wir zum Beispiel die Geschichte der Annie Weinstock, Mitarbeiterin der Behörde für Stadtentwicklung und Verkehr. Im Mai kehrte sie von einer Afrikareise zurück, und nach ein paar Wochen auf dem Sofa ihrer Schwester fand sie eine Mietwohnung in Brooklyn.

Um zwei Uhr morgens wachte sie in der ersten Nacht in ihrer neuen Bleibe auf. (Gesundheitswarnung: Sollten Sie eine Insekten-Phobie haben, könnte das nun Folgende Sie über Gebühr aufregen. Setzten Sie sich bitte, bevor Sie mit der Lektüre fortfahren).

Wovon war Weinstock erwacht? Etwas bewegte sich in ihrem Ohr. Ja, in der Tat, eine Bettwanze im Ohr! „Ich konnte sie nicht wirklich spüren, weil sie so leicht sind, aber ich konnte hören, wie sie herumhüpfte.“

Die Geschichte wird nicht besser.

„Ich schaltete das Licht an und entdeckte sofort etwas in meinem Bett. Ich schlug es tot und überall war Blut!“ Letzteres nahm Weinstock ziemlich schnell zurück, da es doch eine Übertreibung war. Es war nicht „überall Blut“, korrigierte sie sich, aber dort wo die Bettwanze saß, war ein roter Fleck von der Größe eines Zehncentstücks. Ich bin mir nicht sicher, ob es das wirklich besser macht.

Ohne groß zu suchen sah sie zwei, drei andere Bettwanzen. „Sie waren sehr groß, weil sie sich mit meinem Blut vollgesogen hatten.“

Was tat sie also?

„Ich flippte aus.“

Sie wollen Blut

Wer sind diese Kreaturen und was macht sie so angsteinflößend? Bettwanzen gehören zur Familie der Cimicidae. Sie sind oval, platt und haben ausgewachsen etwa die Größe eines Apfelkerns. Sie haben eine helle Farbe und sind schwer zu entdecken – außer wenn sie sich mit Blut vollgesaugt haben, dann sind sie dunkelrot. Womit wir beim lustigen Teil angekommen wären. Wie leichenfressende Dämonen kommen sie nur des Nachts heraus, dann trinken sie etwa fünf Minuten lang von unserem Blut.

Danach huschen sie in ihre Verstecke zurück, in den Bettgestellen, Sprungfedern, Teppichen, unter den Bodendielen, hinter der Wandtäfelung, in Kleidern, Elektrogeräten – wo auch immer. Sie können bis zu ein Jahr ohne Nahrung leben, was ihre Beseitigung extrem schwierig macht.

Richard Cooper ist Chef der Aufklärungs-Webseite BedBug Central, die Mitte Oktober ein nationales „Gipfeltreffen“ in Chicago organisierte, zu dem 400 der wichtigsten Bettwanzen-Experten der USA kamen. Er sitzt außerdem in Bloombergs Beratungsausschuss.

In den vergangenen zehn Jahren hat er die Blutsauger sehr gut kennen gelernt und beobachtet, wie sie sich quasi aus dem Nichts zu einer Macht entwickelt haben, die New York eingenommen hat. Dasselbe geschieht nun in Philadelphia, Detroit und Cincinnati. Was hält er von ihnen?

„Sie faszinieren mich. Ich respektiere sie. Sie haben außerordentliche Erfolgsstrategien.“

Als Grund für ihr Comeback wird oft das Verbot der giftigen Chemikalie DDT genannt, mit der sie früher in Schach gehalten wurden. Cooper hingegen glaubt, dass ihr Erfolg der Ignoranz der Menschen geschuldet ist. Sie wissen nicht, worauf sie achten sollen und erkennen frühe Anzeichen nicht mehr. So können die Bettwanzen sich bequem einrichten und im ganzen Haus ausbreiten. Teil des Problems ist, dass viele denken, der Befall reduziere sich auf arme Viertel, in denen es viel Schmutz gibt und die Wohnsituation beengt ist.

Falsch, sagt Cooper, der über den Einfluss von Bettwanzen in Vierteln mit niedrigem Einkommen promoviert. Die Bettwanzen-Invasion sei unter den Reichen und der Mittelschicht ausgebrochen, die mit ihrem Gepäck das Ungeziefer von Dienst- und Urlaubsreisen mitbrachten. Erst in den vergangenen Jahren sind die Wanzen in die ärmeren Viertel vorgedrungen – mit verheerenden Auswirkungen. Die Familien können sich dort ihre Vertilgung oft nicht leisten, was den Vormarsch der Wanzen durch die Stadt begünstigt.

Koffer auf Bett = Fehler

Die Zeitschriftenredakteurin Kate Lewis aus Brooklyn weiß sehr gut, wie teuer der Befall werden kann. Sie hat rund 3.000 Dollar ausgegeben, seit sie die Insekten vor einem Jahr in ihrer Wohnung entdeckte – 2.000 Dollar für die Kammerjäger und 1.000 Dollar für neue Kleider, neue Bettwäsche, etc.

Sie war mit ihrer Familie im Urlaub in Florenz gewesen. Als sie nach Brooklyn zurückkehrten, packte ihr Mann Jacob die Koffer auf dem Bett aus. Leichter kann man den Monstern den Einzug nicht machen. Jacob konnte geradewegs dabei zusehen, wie eine Bettwanze aus dem Koffer auf das Bett krabbelte.

Er ignorierte sie, doch wenig später sah er die nächste. Also nahm er das Bett auseinander und fand mindestens fünf Wanzen. „Ein traumatischer Moment“, sagt Lewis. „Wenn man eine tötet, dann sieht man, dass sie voll mit dem eigenen Blut ist. Das ist verstörend. Eigentlich habe ich nichts gegen Insekten, aber diese essen einen bei lebendigem Leib auf! Sie sehen irgendwie schweißig und glänzend aus, und man denkt so bei sich: 'Die werden mich fertig machen.'“

Sie handelten sofort, packten alle Kleider und alle Textilien in den Keller ihres dreistöckigen Hauses und verließen es auf der Stelle. 3.000 Dollar später begleitete sie etwa ein Jahr lang die ständige Angst, dass die Wanzen des Nachts zurückkehren könnten.

Ein anderes Problem ist, dass Bettwanzen ein Tabu sind. Ein Einwohner von Manhattan versuchte es elegant zu umschreiben, als er mich darum bat, nur anonym erwähnt zu werden. Er fürchtet sich vor der Schmach der Opferrolle.

„Als ich Bettwanzen hatte, wollte mich keiner mehr besuchen. Das wäre ja verständlich, aber sie wollten mich auch nicht mehr zu sich nach Haus einladen, als wäre ich ein Erregerüberträger oder etwas in der Art.“ Die Schädlingsbekämpfungsfirma Usedbugs ist sich dieser Empfindlichkeiten bewusst und versendet ihre Produkte in schlichten Pappkartons ohne Kennzeichnung.

Den Bettwanzen kommt das sehr entgegen. Betroffene schweigen, weil sie sich vor den Konsequenzen fürchten, und warnen ihre Nachbarn nicht. So können die Wanzen unbemerkt weiterwandern. Und so setzen die glänzenden Kreaturen langsam, unaufhaltsam und blutsaugend ihren Weg durch die Stadt fort und verbreiten Elend in Form juckender Pusteln und Panik. Es ist ein interessanter Dreh der klassischen Geschichte von der Invasion New Yorks. In den Hollywood-Filmen wird das Monster am Ende immer besiegt. Ob die echte Schlacht Cimex lectularius vs. Homo sapiens ein Happy End haben wird, ist längst nicht ausgemacht.

Übersetzung: Christine Käppeler

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12:10 24.10.2010
Geschrieben von

Ed Pilkington | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 42/2021

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