Die Kanäle der Hamas

Gaza unter Tage Das Tunnelsystem zwischen Gaza und Ägypten ist so intakt, als hätte es die israelischen Angriffe vom Januar nicht gegeben

Ein großes Zelt aus weißen Plastikplanen, nur wenige Schritte von der ägyptischen Grenze entfernt. Die Plane ist von Schrapnells zerlöchert und durchsiebt. Drinnen herrscht dennoch, genau wie in Hunderten Zelten ringsherum, reger Betrieb. Ein Dutzend palästinensischer Schmuggler ist dabei, die Wirtschaftsblockade zu umgehen, die Israel Gaza auferlegt hat. Nur einen Steinwurf weiter, auf der anderen Seite der Grenze, sehen uniformierte ägyptische Polizisten dem Geschehen vom Dach eines Wachpostens aus unbeeindruckt zu.

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Drei Wochen Gaza-Krieg lassen fragen, warum Bomben und Artilleriegranaten, Panzer und Bulldozer so viel Zerstörung und Tod angerichtet, diese Tunnel unter der Grenze mit Ägypten aber kaum in Mitleidenschaft gezogen haben. Immerhin ermöglichten sie den Transit von Lebensmittel, Kleidung, Medikamenten und Maschinen, aber auch Waffen und Munition – diese Nachschubader zu treffen, war doch angeblich eines der Hauptziele der israelischen Offensive. Allein am letzten Tag des Krieges will die israelische Armee mehr als hundert Tunnel getroffen haben.

Noch immer sind überall entlang der sandigen Grenze riesige Krater zu sehen, die Schäden im Tunnelsystem aber waren oft innerhalb von Stunden behoben. Viele Tunnel lagen so tief, dass die schweren Bomben der israelischen F-16 oft nur die Zugänge verschütten konnten. Vielleicht lag der Fokus der Angriffe auch auf den Waffentunneln, die sich außerhalb des öffentlichen Blickfelds befinden und von der Hamas streng bewacht werden.


Im Innern eines der großen weißen Zelte hängen an einer Holzgarderobe Jacken und Ersatzkleidung der Männer, daneben befindet sich ein Schaltbrett mit fünf Stromanschlüssen, deren Kabel hinaus in die Sanddünen und direkt zum öffentlichen Stromnetz der Gemeinde Rafah führen. Draußen steht in einem gewaltigen schwarzen Bottich frisches Trinkwasser für durstige Arbeiter bereit, ebenfalls von der Stadtverwaltung zur Verfügung gestellt, was auf die eine Botschaft hinausläuft, in Gaza ist der Schmuggel ein halboffizielles Geschäft.

Der Tunnel selbst erweist sich zunächst als 15 Meter tiefer Schacht, dessen Seitenwände durch Holzplanken gestützt werden. Drei Metallstangen sind pyramidenförmig über der Mündung aufgestellt und tragen eine elektrische Winde, ihr Kabel führt hinunter zum sandigen Grund des Schachtes. Dort kauern Männer an zwei weiteren Winden, die durch den Tunnel 300 Meter südwärts nach Ägypten laufen. Mit der einen werden Güter von der ägyptischen Seite hierher transportiert – eine Schlange aus Kisten, Säcken und Containern, die über den Sand gleitet: Gelbes Trockenfutter für Federvieh, Auto-Ersatzteile, ein Sack Kleiderhaken, Mikrowellen, Kerosin-Kocher, altmodische Damenunterwäsche, aber auch große 5,5 Kilowatt-Generatoren. Drogen und Alkohol sind nicht darunter – die sind von der Hamas verboten. Und nichts erinnert auch nur entfernt an Waffen oder Militärgerät. Diese Dinge erreichen Gaza auf diskreteren Wegen.

Der Bau dieses Tunnels, so ist zu erfahren, nahm acht Wochen in Anspruch, in denen auch Presslufthämmer zum Einsatz kamen, um Stollen durch den Untergrund zu schlagen, die einen Meter breit und so hoch sind, dass ein Mann mit gesenktem Kopf darin stehen kann. 40 Palästinenser sollen allein im letzten Jahr bei Einstürzen ums Leben gekommen sein. „Ohne diese Tunnel würde in Gaza alles zum Stillstand kommen“, sagt einer der Arbeiter. „Aber die sagen, wir seien Terroristen. Wo sind hier Terroristen? Die Welt weiß ganz genau, was hier geschieht, aber sie wollen nicht, dass wir leben. Wenn die Grenzübergänge geöffnet würden, müssten wir das nicht machen.“

Viel verdienen sie nicht

Nach dem Abzug der Soldaten und Siedler aus dem Gazastreifen im Jahr 2005 hat Israel die strikte ökonomische Blockade des „feindlichen Gebildes“ weiter verschärft. Seither wurden sämtliche Grenzübergänge geschlossen, so dass der Ex- und Import völlig zum Erliegen kam. UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon sprach von einer „Kollektivbestrafung“, wie sie nach internationalem Recht verboten ist. 80 Prozent der Bewohner von Gaza sind wegen der Abriegelung auf Hilfslieferungen angewiesen.

Israel lässt auch jetzt nicht von dieser Politik, um Hamas zu schwächen und den Palästinensern zu bedeuten, einen Fehler gemacht zu haben, als sie bei den Wahlen im Januar 2006 – die als die freiesten und fairsten Wahlen in der arabischen Welt betrachtet wurden – Hamas die Mehrheit ihrer Stimmen gaben. „Das ist Politik, dreckige Politik“, sagt Abu Zeid, einer der Schmuggler.

Viele Männer, die jetzt Tunnel schachten und Waren schmuggeln, pendelten früher täglich zur Arbeit nach Israel, doch mit der Blockade ist auch das vorbei. Palästinenser bekommen jenseits der Grenze längst keine Jobs mehr. Andere waren früher Polizisten bei der Fatah, der erbitterten Rivalin von Hamas, oder Landwirte, die ihren Betrieb wegen der Einkreisung aufgeben mussten. „Für uns gibt es nur noch die Tunnel“, sagt einer von ihnen.

Viel verdienen sie alle nicht am Tunnelgeschäft – das Geld fließt in andere Taschen. Zehn Prozent der Einnahmen erhalten die Landeigentümer, unter deren Gebiet ein Tunnel liegt, und die ägyptischen Grenzer beanspruchen ein gutes Schmiergeld. Während seine Angestellten schuften, zieht ein Tunnelbesitzer ein dickes Bündel Dollarscheine aus der Tasche. Etwa 15.000 gingen an die Ägypter, sagt er, Gegenleistung: Zehn Tage Schutz. Sind die abgelaufen, ist die nächste Zahlung fällig.

Doch nicht jeder in der Gegend ist ein Freund der Tunnelindustrie. Das Haus von Mohammad Abu Sud steht ganz in der Nähe. Den ganzen Tag schon ist der 40-jährige dabei, kaputte Fenster mit Plastikplanen abzudecken. Er fragt sich, wie er jemals die dicken Risse beseitigen soll, die durch die Bombardierung der Tunnel entstanden sind. „Ich habe nichts von den Tunneln, muss aber dennoch ihretwegen leiden. Aber das ist noch nicht alles. Was glauben Sie, wie seit dem Krieg die Preise gestiegen sind.“ Auch Mohammads Bruder Ala’a, 35, ist erbost. „Meiner Meinung nach verzögern die Tunnel eine Lösung“, erklärt er. „Gäbe es sie nicht, wäre der Preis, den wir zu zahlen haben, so hoch, dass Hamas eine Lösung finden müsste. Die einzige Lösung ist die Öffnung der Grenzübergänge. Ich bitte ja noch nicht einmal um die Befreiung Palästinas, sondern nur um offene Grenzen.“

Israel blickt nach Kairo

Eine halbe Stunde Autofahrt in nördlicher Richtung finden sich die zerstörten Überreste dessen, was noch vor einem Monat eine der größten Fabriken zur Nahrungsmittelherstellung in Gaza war, ein Unternehmen der al-Wadeya-Brüder. Yaser al-Wadeya, der an der Cleveland State University in Produktionswissenschaften promoviert hat, kann Hamas nicht viel abgewinnen. Seiner Schätzung hat der Krieg seinen Betrieben einen Schaden von etwa 15 Millionen Dollar zugefügt. Selbst wenn er das Geld für die Reparaturen hätte, könnte er wegen Restriktionen Israels keine neuen Maschinen importieren.

Schon vor dem Krieg hat al-Wadeya seinen israelischen Zulieferern geraten, nicht darauf zu warten, dass die Grenzübergänge wieder geöffnet würden, sondern ihre Produkte nach Ägypten zu verschiffen, von wo aus sie dann unterirdisch nach Gaza geschmuggelt werden könnten. „Hauptziel der Operation war doch die Infrastruktur der ohnehin schwachen palästinensischen Wirtschaft zu zerstören“, glaubt al-Wadeya. „Sie wollen ganz sicher gehen, dass es nie einen palästinensischen Staat geben wird.

Es sei doch nicht nur seine Fabrik getroffen worden, auch die größte Zementfabrik Gazas gäbe es nicht mehr. Die sei genauso verschwunden wie die einzige Getreidemühle, das Parlamentsgebäude, das Innenministerium, ein Abwasserprojekt, die wichtigste Privatschule. Von den 21.000 Häusern, in denen niemand mehr leben kann, ganz zu schweigen.

Al-Wayeda behauptet, die Tatsache, dass Israel die Tunnelwirtschaft zugelassen habe, sei Teil einer breit angelegten Kampagne, deren Ziel darin bestehe, die wirtschaftlichen und politischen Verbindungen Gazas mit Israel zu kappen und die Region ihn in die Abhängigkeit von Ägypten zu zwingen.

Einige hochrangige Israelis haben in den vergangenen Jahren öffentlich den Wunsch geäußert, der Regierung in Kairo die Verantwortung für Gaza zu übertragen, während man selbst die jüdischen Siedlungen in der besetzten Westbank halten und die verbleibenden palästinensischen Kantone der Kontrolle Jordaniens überlassen wolle. Ironischerweise scheint die Hamas zeitweilig dasselbe Ziel anzusteuern, indem sie auf die Öffnung der Grenzpassage in Rafah besteht, um Zugang zur übrigen islamischen Welt zu haben.

Übersetzung: Zilla Hofman


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09:55 15.02.2009
Geschrieben von

Rory McCarthy, The Guardian | The Guardian

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