Die Komik der Ampel

Fotografie Mike Mandel knipste Autofahrer in den 1970ern. Seine Bilder zeigen den Traum ewiger Mobilität
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In den frühen 1970er Jahren ging Mike Mandel von seinem Haus in Nord-Hollywood zu der belebten Kreuzung Victory Boulevard / Coldwater Canyon Avenue, stellte sich dort auf den Bürgersteig und richtete seine Kamera direkt auf die Autos, die an den Ampeln warteten. „Mir gefiel die Vorstellung, jeden Tag nur an einer einzigen Stelle zu stehen und die Bilder einfach zu mir kommen zu lassen“, erzählt er.

In jener Zeit, lange bevor es Digitalkameras, allgemeine Überwachung und Smartphones gab, waren die Leute entspannter, wenn ein Fremder mit einer Kamera an der Straße stand und seinen Apparat auf sie richtete. „Ich habe ein Weitwinkelobjektiv verwendet und ging trotzdem ziemlich nah ran, weil ich eine Reaktion von den Leuten haben wollte. Manche zeigten mir den Finger, aber viele lächelten einfach nur zurück, oder sie zogen eine Grimasse.“

Als sein Verlag ihn ungefähr 45 Jahre später davon überzeugen konnte, sich die 75 Filmrollen von damals noch einmal anzuschauen, war der Fotograf von dem, was er da sah, ziemlich erstaunt. „Seit meinem 20. Lebensjahr hatte ich keinen Blick mehr auf die Aufnahmen geworfen, und jetzt, mit all dem Abstand, sah ich das Projekt in einem ganz anderen Licht. Da waren so viele Bilder, die ich übersehen hatte. Damals ärgerte ich mich wegen der Spiegelungen, die sich ergaben, wenn die Autoscheiben geschlossen waren, heute finde ich gerade diese Spiegelungen äußerst interessant.“

Das Ergebnis trägt den schlichten Titel People in Cars („Menschen in Autos“) und lässt sich am besten als langgezogener Schnappschuss einer bestimmten Zeit charakterisieren – einer Ära, in der „die Menschen in Bezug auf Kameras noch nicht so paranoid waren“, wie Mandel es ausdrückt. Es handelt sich dabei um durch und durch kalifornische Bilder: Alle, ob jung oder alt, sind braungebrannt und wirken gesund. Der amerikanische Traum vom guten Leben ist hier noch intakt, lebendig und untrennbar mit der Idee von schier unendlicher Freiheit verbunden, die all die Freeways und Highways versprachen. Damals waren die Menschen auch noch nicht so sehr von Gesundheits- und Sicherheitsüberlegungen besessen: Niemand auf den Fotos trägt einen Sicherheitsgurt, Kinder und Tiere fläzen auf dem Beifahrersitz, die Fahrerinnen oder Fahrer steuern lässig mit einer Hand, während sie mit der anderen rauchen.

Überraschungsangriffe

Ich treffe Mandel in einer riesigen Halle in London, wo das Buch gerade gedruckt wird. Während gigantische, surrende Maschinen die Tinte auf Papierbahnen auftragen, prüft er das Ergebnis und unterhält sich mit den Arbeitern über die kaum wahrnehmbaren Veränderungen in Farbe und Helligkeit, die dabei entstehen. So können sich nur echte Fotografen und erfahrene Drucker unterhalten, wahre Profis. „Es ist wichtig, dass die Bilder nicht nur nostalgisch sind“, sagt Mandel, „Wir fahren heute schließlich immer noch Auto und müssen immer noch an Ampeln halten. Die Bilder haben etwas Zeitloses. Und Humor, auch wegen der Komik der Situation – die ich dadurch schuf, dass ich mit meiner Kamera unverhofft an dieser Ecke stand.“

Mandel fing die Menschen in ihren Autos ein, ohne dass sie es mitbekamen. Oder sie bemerkten es gerade erst in dem Augenblick, in dem seine Kamera sie schon ins Visier genommen hatte. Kinder starren ihn fasziniert an, während die Erwachsenen sich oft abwenden – oder Mandels Blick fast trotzig erwidern. Ein oder zwei Leute halten sich die Hände vors Gesicht.

Er fotografierte die Sinnlichen und die Mürrischen, die Sorglosen, die Neugierigen und manchmal, aber nicht oft, auch die Verärgerten. Zur Anschauung verweist Mandel auf das Bild eines Mannes, der ihm den Mittelfinger zeigt, während die Frau auf dem Beifahrersitz sich wegdreht und ihr Gesicht unter ihrem langen Haar verbirgt. „Dieses Bild ist unglaublich aggressiv“, sagt der 67-Jährige. „Wie scharf sein Finger ist, und wie scharf ihr Haar. Beides wirkt explosiv. Erst dann bemerkt man den kleinen Jungen auf dem Rücksitz, der aussieht, als habe man ihn dort ganz allein zurückgelassen.“ Interessanterweise hat er solche Tiefen in seinen Straßenbildern damals noch gar nicht wahrgenommen. „Auf einigen der Bilder gibt es solche kleinen Dramen, aber wenn ich ehrlich bin, war mir das gar nicht bewusst, während ich sie fotografierte. Das ist das Schöne daran, wenn man nach langer Zeit an etwas weiterarbeitet: Man entdeckt neue Seiten.“

Seine People in Cars seien von kalifornischen Konzeptkünstlern wie Ed Ruscha inspiriert. „Was die Künstlergemeinde anging, war Los Angeles damals ein Dorf. Man konnte sich mit Ruscha locker bei einer Vernissage unterhalten und ihn später in seinem Studio besuchen, um das Gespräch fortzusetzen. Er war ein wichtiger Einfluss, auch in der Art, wie er seine Arbeiten mit billigen, aber hervorragend gemachten Büchern verbreitete. Aber ich kannte auch Walker Evans, der mit seinen Fotos von Straßenschildern und Werbetafeln eine Landkarte Amerikas schuf.“

Es war das Aufkommen der car culture in den Wohlstandsjahren der USA, das Mandel zu dieser Serie bewog. „Ich bin im San Fernando Valley aufgewachsen, wo man sich in meiner Kindheit noch weitgehend zu Fuß bewegte. Aber ab einem bestimmten Punkt wurde das Auto zentral für die amerikanische Erfahrung, vor allem in Kalifornien.“ In Mandels überraschenden Fotografien symbolisiert das Auto den Geist von Los Angeles, der ewig jungen Stadt, die als weites, flaches Straßengitter angelegt ist – und das zweischneidige Versprechen unbegrenzter Beweglichkeit verheißt. Letztlich sind aber die Menschen das Faszinierende, wie sie aus den Karosserien nach draußen blicken – und diesen Fußgänger mit seinem Objektiv anstarren, als sei er von einem anderen Planeten.

Info

People in Cars Mike Mandel Stanley/Barker, London, Mai 2017, 72 S., rund 40 €

Sean O’Hagan schreibt für den Guardian vor allem über bildende Kunst und Fotografie

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 14.06.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Sean O’Hagan | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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