Die kommende Blogger-Elite

Blogger-Elite Einige unter den Teenie-Bloggern sind nicht nur Stars der Blogosphäre, sie werden mittlerweile von Industrie und den großen Medien hofiert. Wie haben sie das geschafft?

Das Erfinden neuer Welten ist ein Teenager-Initiationsritus: Fantasiewelten, Cliquen und Clubs, Welten ganz weit weg von denen der Erwachsenen. Dann kam das Internet, wo jeder alles sein kann, eine Metaperson der eigenen Wahl. Es gibt hunderte Millionen Blogs, jede Sekunde wird ein neuer eröffnet – viele von Teenagern.

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Die meisten von ihnen sind wohl kaum mehr als in die Tasten hauende Heranwachsende, einige aber dürften unentdeckte Diamanten sein. Und dann gibt es da noch die Blogs, die – gewöhnlich mit einem Quentchen Glück – plötzlich die ganze Blogosphäre aufwirbeln. Die sich eher ausmachen und lesen wie Vertreter der nächsten Generation der „E-Magazine“.

Solche Blogs aus aller Welt (meistens jedoch aus den USA) ziehen andere Teens an und haben manchmal ein paar hundert oder sogar tausend Leser im Monat. Sie können Werbeerlöse einfahren (wenn gleich keine großen Summen). Ihre Schöpfer werden zu Stars, wenn die Mainstream-Medien auf sie aufmerksam werden. Tavi Williams zum Beispiel, 13 Jahre alt und selbsternannte „Deppin“, wurde beinahe über Nacht zur einflussreichen Figur der Modewelt, nachdem die New York Times vergangenes Jahr ihren Blog Style Rookie vorgestellt hatte.

Einblicke in die Teenie-Welt

Das Interesse der NYT verwundert nicht. Erwachsene waren schon immer auf Einblicke in das Denken von Teenagern begierig - ganz besonders die Geschäftswelt. Irgendwo da draußen ist das nächste große Ding und mit angrenzender Sicherheit wird es in den Köpfen von Teenagern geboren. Sogar eine der einflussreichsten Frauen der Modebranche, die Stylistin und Herausgeberin des Love-Magazines Katie Grand hat ihre zweite Ausgabe den Teenagern gewidmet – vor allem bloggenden Teenagern.

„Die Modeindustrie ist sich derzeit sehr bewusst darüber, dass sie nach neuen Territorien Ausschau halten muss,“ sagt Grand. „Als ich mich mit Werbekunden für diese Ausgabe traf, erzählten zwei große italienische Modehäuser, ihre Kunden würden älter und sie hätten das Gefühl, den Jugendmarkt nicht ausreichend im Blick zu haben.“

„Das Schwierige war, Leute aus der Altersgruppe der Teenager für die Zusammenarbeit mit dem Magazin zu gewinnen. Es gibt nicht viele Kids, die sich etwas aus dem gedruckten Wort machen. Wir haben wirklich hart gearbeitet, um welche zu finden – und dann erhält man um sechs Uhr morgens einen Anruf, in dem es heißt: „Ich habe meinen Zug verpasst, komme also nicht zum Foto-Termin.“

Um Tavi, die Königin der Fashionblogger, reißen sich die Modehäuser. Eine Zeit lang wurde argwöhnt, ihr Blog sei so professionell, dass es sich um einen Gag von Insidern der Modeindustrie handeln müsse, doch Tavie scheint wirklich und wahrhaftig der echte Style Rookie zu sein: Eine 13-Jährige, die etwas zu sagen hat und das auch noch gut kann.

„Kids starten oft einfach nur so einen Blog,“ meint Sadie Stein, die für das feministische US-Online-Magazin Jezebel arbeitet. „Manche fühlen sich isoliert in den kleinen, konservativen Städten, in denen sie leben und wollen Kontakte zu anderen knüpfen, manche haben ganz besondere Interessen, über die sie sich austauschen möchten.“ Zwei Beispiele für Teenager-Blooger, die es geschafft haben ernst genommen zu werden, sind der Feinkost-Fanatiker Nick Mormile aus Philadelphia mit Foodie at Fifteen und der Film-verrückte Brite Charlie Lyne mit Ultra Culture.

Der Schlüssel: Verlinkung

„Der Schlüssel zu einem größeren Bekanntheitsgrad,“ erklärt Stein, „sind Verlinkungen mit bekannteren Webseiten. Um aber wirklich groß zu werden, muss man ironischer Weise von den etablierten Printmedien bemerkt werden. Eine Erwähnung in einer bekannten Zeitung kann die Anzahl der Hits einer Internetseite über Nacht enorm in die Höhe schnellen lassen. Ob man diese Aufmerksamkeit erfährt, ist normalerweise entweder auf Glück oder gute Eigenwerbung zurückzuführen – beides hat nicht viel mit der eigentlichen Qualität des Blogs zu tun.“

Ein Zufall ist es nicht, dass hinter einer Vielzahl der „populärsten“ Teen-Blogs Mädchen stecken, die sich für Mode und Stil interessieren. Für Designer und Modeketten sind Teenager-Mädchen ein immens wichtiger und profitabler Markt - ihre Blog-Idole sind selbstverständlich zum begehrten Gut geworden. Tavi hat bereits Kleider von Rodarte erhalten und wird angeblich von Commes des Garçons-Designerin Rei Kawakubo gelesen. Karla Deras, die einen Blog namens Karla’s Closet führt, war bereits in einer Anzeige der Marke American Apparel zu sehen.

Stein weiß, dass Branche und Medien sich vorzugsweise auf junge Mädchen stürzen. Sie meint, dass liege vielleicht daran, dass „die Gesellschaft Jungssachen als nicht so interessant erachtet.“ Der 19-jährige Sam Wolfson, der zu den Schöpfern des Blogs Readplatform gehört, auf dem etablierte Blogger zum Mitmachen eingeladen werden, sieht es so: „Jung zu sein ist oft ein echter Vorteil, wenn man ein Mädchen ist. Bei Jungs wird Jugend als Zeichen der Unerfahrenheit gewertet und die Leute nehmen einen eher nicht ernst. Das Tolle am Internet ist, dass man sein kann, wer man sein will. Es gibt bestimmt viele Blogs, die von männlichen Teenagern verfasst werden und um ihrer Glaubwürdigkeit willen darauf achten, anonym zu bleiben. Man kann also gar nicht genau sagen, wie viele männliche Teen-Blogger es gibt.“

Readplatfom wurde aus der Taufe gehoben, um die Chancen aktueller Lifestyle- und Musikseiten auf Aufmerksamkeit zu erhöhen. Inzwischen hat die Seite ungefähr 60.000 Aufrufe im Monat. Auch wenn sich dies noch nicht in Werbeeinnahmen ausgedrückt hat, die Aufmerksamkeit von Marktforschern ist geweckt. Sie haben die Chance darin entdeckt, mit einigen der einflussreichsten jungen Trendsettern Londons kurzgeschlossen zu sein und sind bereit, für dieses Privileg zu zahlen.

An diesem Punkt wirkt die Teenie-Blogosphäre auf einmal äußerst erwachsen. Und wie bei einem Teenager, der zu einem Erwachsenen wird, schließt sich auch bei den Bloggern die Frage an, ob der Idealismus dem Zynismus weichen wird.


Die Top Six der Teenie-Blogger:

Tavi Williams, Modebloggerin

Blog: Style Rookie

Mode und Mitfühlendes einer witzig frühreifen 13-Jährigen aus Chicago. Schlauer Mix aus Spitzenstil und kenntnisreicher Durchgeknalltheit. Nebenbei setzt sie sich auch noch für die Opfer des Genozids in Darfur ein.

Bisheriger Höhepunkt: Wo soll man anfangen? Rei Kawakubo und die New York Times haben ihrem Blog ihre Liebe erklärt. Rodarte hat ihr Gratis-Klamotten geschickt.

Das sagt sie selbst: „Ich fühle mich nicht wirklich als Teil der Industrie. Ich war gerade bei einem Fotoshooting, bei dem einige Anwesende gar nicht glauben konnten, dass jemand meines Alters dabei war. Ich sitze einfach zu Hause und tippe Sachen in die Tasten, die mich interessieren oder amüsieren. Dass einige Leute aus der Industrie sich für meinen Blog interessieren, liegt zum Teil daran, dass alles schon gemacht wurde. Aber weil ich jünger bin und meine Unsicherheiten sich auf andere Dinge als mein Aussehen beziehen, ist es für mich einfacher, verrückte Sachen auszuprobieren. Der Blog ist für mich nicht aus finanziellen Gründen profitabel, sondern wegen der Leute, die ich treffe und der Bücher, Filme und Musik, die ich sonst wahrscheinlich erst später entdeckt hätte.“

Kristin Prim, Shopping Guru

Blog: Kristin Prim

Aufgepeppt mit düsteren Schwarz-Weiß-Fotos der Haare der 15 Jahre alten New Yorkerin, die ihr Gesicht halb bedecken. In fast allen Beiträgen berichtet sie über eine ihrer Einkaufstouren – Zurückhaltung ist nicht Kristins Ding.

Bisheriger Höhepunkt: Wurde von der französischen Glamour, der Teen Vogue und der amerikanischen Elle vorgestellt.

Das sagt sie selbst: „Ich habe mit Zwölf angefangen zu bloggen. Mit 14 habe ich mein eigenes Magazin prim ins Leben gerufen. Ich blogge hauptsächlich über meinen persönlichen Stil, meine Shoppingtrips, über prim und darüber, was mich inspiriert. Ich kriege jeden Tag unzählige E-Mails von Lesern. Von „Spinnern“ sind nur sehr selten welche dabei. Wenn doch einmal eine kommt, wird sie gleich gelöscht. Ich lese gar nicht weiter. Die sind meine Zeit nicht wert. Oftmals leben die Redakteure von Magazinen hinter ihren Seiten und man bekommt sie nie zu sehen. Durch das Bloggen trete ich von der Publikation zurück und erzähle über meinen persönlichen Stil sowie meine Vorlieben und Abneigungen, was die Modeindustrie angeht.“

Julie Zeilinger, zornige junge Feministin

Blog: The F Bomb

Grungige, zornige, inspirierende Seite einer 16-jährigen Feministin aus Pepper Pike in Ohio.

Bisheriger Höhepunkt: Wurde bei Jezebel, einem der führenden feministischen Blogs der USA erwähnt.

Das sagt sie selbst: „Ich habe dieses Jahr angefangen zu bloggen, weil die feministischen Mainstreamblogs, die ich lese, die Teenger-Perspektive auf Themen nicht berücksichtigten, die uns direkt betreffen. Ich schreibe über Themen wie reproduktive Gerechtigkeit, Körperbilder und Sexismus in den Medien – alles, was auf meine Generation einwirkt und diskutiert werden muss.

Ich bekomme ungefähr 13.000 Hits monatlich. Jetzt wo ich eine nennenswerte Leserschaft habe, bin ich von anderen Leuten gedrängt worden, mich um Werbung zu kümmern, aber ich möchte nicht, dass es bei The F-Bomb irgendwie um Geld geht. Ich verbringe jeden Tag Stunden damit, für den Blog zu schreiben, ihn zu moderieren oder soziale Netzwerke zu pflegen. Das ist schwierig, weil ich ja auch zur Schule gehe, aber ich liebe es nun mal wirklich. Vielleicht werde ich es einmal weitergeben, wenn ich kein Teenager mehr bin, damit es immer eine interaktive Community geben wird, in der Feministinnen im Teenageralter Unterstützung finden.“

Stephen Yellin, Politikschreiber

Blog: The Yellin Report

Der Amerikaner Stephen Yellin begann als 13-Jähriger unter den Pseudonym Mr. Liberal zu bloggen. Inzwischen ist er 21, studiert an der Drew University in New Jersey und schreibt vorwiegend unter seinem richtigen Namen für seinen eigenen Blog und für das politische Online-Magazin The Daily Kos. Frühreif überzeugt.

Bisheriger Höhepunkt: Er erhielt einen regelmäßigen Platz als Autor für The Daily Kos, was ihn in den Staaten zu einem Phänomen werden ließ. Wurde in der New York Times vorgestellt und besuchte den Parteitag der amerikanischen Demokraten im Jahr 2004 als Teil des Pressekorps.

Das sagt er selbst: "Als ich 2001 anfing, habe ich mir nicht viele Gedanken um mein Alter gemacht. Ich habe mich nie zu schüchtern oder unfähig gefühlt, über Politik zu schreiben und habe immer meine Hausaufgaben gemacht, bevor ich über einen Kandidaten schrieb. Als ich aber mit den Kolumnen für The Daily Kos anfing, fiel es vielen Bloggern schwer zu glauben, dass ich „erst“ 15 war. Anfangs fühlte ich mich angegriffen, weil sie davon ausgingen, dass ein Teenager keine Autorität in Sachen Politik haben könnte. Dann aber wurde mir schlagartig klar, dass ein Vorteil war, ein Teen-Blogger zu sein, ganz besonders in einem Bereich, in dem der Großteil der Blogger älter war als ich.
In den Collegejahren habe ich weniger gebloggt. Die Ausrichtung meines Lebens hat sich verändert. Auch wenn ich (vorwiegend) gute Erinnerungen an meine Zeit als bloggender Teenager habe, kommt das aktive Bloggen für mich als Erwachsenen nicht in Frage.“

Nick Normile, Feinschmecker

Blog: Foodie at Fifteen

Bester Moment: Hat 5-Sterne-Service im New Yorker Schwesterrestaurant des French Laundry, einem der berühmtesten Restaurants der USA, erhalten.

Das sagt er selbst: „18 Monate bevor ich den Blog eröffnete, wurde es mir mit dem Kochen ernst. Ich war in einem der besten Restaurants Philadelphias, dem La Croix gewesen und hatte dort um Kochunterricht gebeten. Sie waren überrascht darüber, dass jemand so junges kam und nahmen mich unter ihre Fittiche. Sie boten mir eine Lehre am Wochenende an. Seitdem arbeite ich dort samstags oder sonntags.

Erstmals hatte ich eine Menge Follower, nachdem ich darüber geschrieben hatte, dass ich Geld für ein Essen im Per Se, dem New Yorker Schwesterrestaurant des French Laundry, gespart hatte. Ich schätze das war ungewöhnlich für einen 15-Jährigen, auf jeden Fall erregte es die Aufmerksamkeit der Medien, wodurch meine Seite auf größere Seiten verlinkt wurde. 10,000 Hits an einem einzigen Tagen ist das Meiste, was ich je erreicht habe. Jetzt verwende ich die Blogging-Software von Google und kann umsonst Google Ads hochladen. Bislang habe ich ungefähr 299,97 US-Dollar eingenommen. Ich mache es nicht für das Geld, aber es hilft die Seite am Laufen zu halten.“

Charlie Lyne, Filmkritiker

Blog: Ultra Culture

Der selbsternannte „beste Film-Blog des Vereinigten Königreiches“ mit Trailern, Kritiken und Klatsch zu allen aktuellen Filmen wurde von dem 18-jährigen Londoner Charlie Lyne gegründet. Im Plauderton geschrieben, aber mit jeder Menge starker Meinungen, die nicht mit dem Strom schwimmen – Inglorious Basterds erhielt Daumen hoch.

Bisheriger Höhepunkt: Wurde als ernstzunehmender Kritiker anerkannt und kam auf die Liste für alle kostenlosen Vorab-Vorführungen.

Das sagt er selbst: „Es gab keinen großen Plan, als ich vor 18 Monaten anfing zu bloggen. Ich habe einfach über Filme, Musik und Lifestyle geschrieben. Nach und nach konzentrierte ich mich auf Filme, weil die mich wirklich interessieren. Ewigkeiten hat keiner meinen Blog gelesen, aber dann wurde die nationale Presse aufmerksam. Ich arbeitete an meinem Design und meiner Vermarktung, setzte Suchmaschinen-Optimierungs-Werkzeuge ein und hatte um die 30.000 Seitenaufrufe am Tag.

Ich gehe ziemlich neutral mit meinem Alter um. Anfangs habe ich es nie erwähnt, weil es mir nicht wichtig erschien, aber ich habe mir nie Mühe gegeben, es zu verbergen. Ich weiß, dass die Leute meinen könnten, ein Teenager hätte nichts hochwertiges über Filme zu sagen, aber ich hoffe, dass sie die Inhalte der Artikel beurteilen. Ich kann mir nicht vorstellen, das ewig zu machen. Ich werde auf die Kunstschule gehen und Regisseur werden, nicht Kritiker.“

Gekürzte Fassung. Übersetzung: Zilla Hofman
11:00 10.09.2009
Geschrieben von

John Crace, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 22/2020

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