Die Küste stürzt ins Meer

Klimakatastrophe Bei fortschreitender Erderwärmung wird vom ägyptischen Nildelta nicht viel übrig bleiben. Millionen Menschen könnten bei riesigen Überflutungen ihr Zuhause verlieren

Die Vorfahren Maged Shamdys kamen Mitte des 19. Jahrhunderts an die Ufer des Burrulus-Sees. Damals trommelten französische Industrielle in der staubigen Hitze Kairos Zwangsarbeiter für den Bau des Suez-Kanals zusammen. Von der harten Arbeit kehrten Tausende nicht zurück. Um diesem Martyrium zu entgehen, flohen die Shamdys ins Nildelta nach Norden, um im Sumpfland an den Ufern des großen Flusses ein Versteck zu finden.

Die Jahre verstrichen, Kolonialherren kamen und gingen, die Shamdys aber blieben und richteten sich in einem neuen Leben als Landwirte auf einem der fruchtbarsten Landstriche der Welt ein. Anderthalb Jahrhunderte später bestellt Maged noch immer die Felder der Familie, doch während er die Reisernte einfährt und Bewässerungskanäle aushebt, muss er um seinen Lebensunterhalt – ja, sein Überleben– fürchten.

Maged ist einer Bedrohung ausgesetzt, die tödlicher sein könnte als alle anderen Gefahren, die Ägypten je heimgesucht haben. „Wir versinken im Wasser“, sagt der 34-Jährige. „Es ist wie eine Besatzung – die steigende See wird unser Land erobern.“ Maged versteht besser als die meisten, was eine Küstenerosion heraufbeschwört, die das Land mit einer Geschwindigkeit von 100 Metern im Jahr verschlingt. Nicht weit von seinem Haus entfernt liegt der Burrulus-See, wo sich ein Meer aus Nilblumen bis zu den Bäumen am Horizont erstreckt. Die Stämme wuchsen einst an Land, jetzt aber stehen sie knietief im Wasser.

Der perfekte Sturm

Mageds Sprachbild von einer Besatzung mag übertrieben klingen, aber in Ägyptens übervölkerter Delta-Region hört man es immer wieder, wenn die Folgen des Klimawandels für das uralte Land beschrieben werden. Ägyptens Brotkorb ist übersät mit den Hinterlassenschaften einstiger Besatzer, angefangen bei den Römern. Heute drängen sich 50 Millionen Menschen zwischen den verfallenden Festungen und Friedhöfen derer, die ihre Vorfahren einst zu Untertanen machen wollten. Irgendwo an den westlichsten Ausläufern des Deltas liegt der verschollene Grabstein der Kleopatra. Bei einer solchen Geschichte der Fremdherrschaft ist es nur natürlich, dass der jetzige Feind mit dem Wort Besatzung beschrieben wird.

„Ägypten ist ein Friedhof für Eroberer“, sagt der Obstbauer Ramadan Al-Atr, der nahe der altertümlichen Stadt Rosetta lebt, in der ein chinesisches Unternehmen beauftragt ist, eine riesige Mauer aus Betonblöcken im Meer zu bauen, um mehr Land vor dem Versinken zu bewahren. „Wie die anderen Eroberer wird das Wasser kommen und gehen“, glaubt Al-Atr, aber wir werden immer überleben.“ Die Wissenschaft ist sich da weniger sicher. Vor zwei Jahren hat der Weltklimarat Ägyptens Nildelta zu einem der drei Regionen des Planeten erklärt, die am stärksten unter dem Anstieg der Meeresspiegel zu leiden haben. Selbst optimistische Prognosen zum globalen Temperaturanstieg gehen davon aus, dass Millionen Ägypter ihr Zuhause verlieren.

Das Delta fächert sich von den nördlichsten Gebieten Kairos aus in 24.000 Quadratkilometer Ackerland auf, die von Ausläufern des Nils gespeist werden. In diesem Gebiet erwirtschafteten die Bauern 60 Prozent der im Land verzehrten Lebensmittel, doch die 270 Kilometer lange Küstenlinie liegt gefährlich niedrig, teilweise zwischen null und einem Meter über dem Meeresspiegel. Jedes Schmelzen der Polkappen könnte dazu führen, dass sich die Äcker und Städte des Deltas – darunter der historische Hafen Alexandria – in Meeresgrund verwandeln. Ein Anstieg der Wasserspiegels in dieser Region um elf Meter, den viele Experten in den kommenden 100 Jahren für wahrscheinlich halten, würde 20 Prozent des Deltas unter Wasser setzen – ein um 14 Meter steigender Pegel, den ein Abschmelzen der Grönland-Gletscher verursachen könnte, ließe das Mittelmeer bis in die nördlichen Vororte Kairos vordringen. Bisher hat es noch keine großen Überflutungen gegeben, doch zum ersten Mal drängen sich neue, miteinander verwobene Umweltsorgen – von Industrieverschmutzung bis zum Salzgehalt des Bodens – ins Bewusstsein der ägyptischen Öffentlichkeit.

Rick Tutwiler, Direktor des Wüstenentwicklungszentrums an der amerikanischen Universität von Kairo, meint: „Im Nildelta gibt es eine Bevölkerungsexplosion. Durch Industrie, Verkehr und Agrarchemikalien entsteht ein Druck, der alle natürlichen Ressourcen erfasst. Und dann noch das heranrollende Meer – da braut sich der perfekte Sturm zusammen.“

Demografische Zeitbombe

Folgt man dem Nil von Kairo aus nach Norden, lässt sich kaum sagen, wo die Stadt endet und das lotusförmige Delta beginnt. Hier verlieren sich Stadt und Land ineinander. In den Hauseingängen wird Vieh gehalten, auf den Feldern lagern Arbeiter. Früher verehrten Giganten der Literatur die wilden Sümpfe im Delta, heute sind alle Trennlinien zwischen Metropolis und Pastorale verschwunden.

Ständig wird dem Delta Anbaufläche durch illegales Bauen genommen. Trotz einer Fülle von Gesetzen, die solcherart Landnahme verbieten, endet der Blick auf Weizen- und Reisfelder stets abrupt bei halb fertigen Häusern. Im Delta leben 2.500 Menschen auf einem Quadratkilometer. Bei einem prophezeiten Wachstum von derzeit 83 Millionen auf 110 Millionen Ägypter Mitte des Jahrhunderts ist die unaufhaltsame Ausbreitung von Ziegeln und Zement sowohl das treffendste Symbol einer demografischen Zeitbombe wie auch die erwartbare Reaktion darauf.

Mehr Menschen im Delta verheißen mehr Fahrzeuge, mehr Dreck und weniger Land, um alle zu ernähren – und das ausgerechnet zu einer Zeit, da größere Ernteerträge am nötigsten sind. Doch ist die Heimsuchung der Natur durch grassierenden Siedlungsbau nur der Anfang. Eine expandierende Bevölkerung wirkt sich auch negativ auf die Süßwasserversorgung durch den Nil aus – der berühmteste Strom der Welt hat in der Geschichte einer Fülle von realen wie fiktiven Dramen als Kulisse gedient. Nun wird in seinem Delta, wo die Minarette und Masten weniger werden, ein weiteres aufgeführt, und zwar mit verheerend tragischem Ausgang.

Als ich Maged Shamdy besuche, der in Kafr el-Sheik sechs Feddan (2,5 Hektar) Land besitzt, klettert der aus einem Erdloch und erklärt, deutsche Experten hätten vor einem Jahr in dieser Gegend festgestellt: Das Wasser, mit dem die Dörfer versorgt würden, wäre noch nicht einmal als Trinkwasser für Hunde geeignet. Nachdem er lange vergeblich versucht habe, die nationale Wassergesellschaft zu bemühen, beschloss Maged, er müsse selbst neue Leitungen verlegen, um so die Qualität des Trinkwassers für seine beiden Töchter zu verbessern. Er tat dies zwischen der Feldarbeit und seinem neuen Teilzeitjob als Buchhalter auf einer lokalen Alfalfa-Plantage. „Niemand kann mehr allein von seinem Land leben.“

Nichts als Rauch

Ein Blick auf Mageds Felder zeigt, warum. Der ergiebige braune Boden ist mit den Jahren grau geworden und zeigt eine unfruchtbare Salzkruste an der Oberfläche, verursacht durch unterirdisch vordringendes Salzwasser der nahen Küste, das die Wurzeln der Pflanzen abtötet. Bei Überschwemmungen des Nils war das früher nie zu vermeiden, ein in den siebziger Jahren errichteter Hochdamm sorgte für Abhilfe und dafür, dass die Fellachen ein ausgedehntes Netz von Bewässerungskanälen mit Süßwasser erhielten, so dass der Salzgehalt des Bodens niedrig blieb.

Inzwischen dringt Nilwasser kaum noch in diesen Winkel des Deltas vor. Und wenn, dann ist das Süßwasser dermaßen verunreinigt, dass Maged auf einen Abwassermix aus der Landwirtschaft und den Haushalten der angrenzenden Stadt Sidi Salim angewiesen ist.

„Wir haben es in Ägypten mit einem enormen Mangel zu tun. Es gibt nur 700 Kubikmeter Süßwasser pro Person“, sagt Professor Salah Soliman von der Universität Alexandria. „Weniger als die 1.000 Kubikmeter pro Person, die das Minimum sind, um die Wassersicherheit zu gewährleisten. Wenn die Bevölkerung weiter so wächst wie ­bisher, werden es bald nur noch 450 Kubikmeter pro Kopf sein – und dabei sind die Konsequenzen des Klimawandels nicht berücksichtigt.“ Die werden wegen der Verdampfung und des ernormen Wasserbedarfs stromaufwärts wahrscheinlich bis 2050 zu einer akuten Verringerung des Nilwassers (um 70 Prozent) führen, das bis ins Delta fließt. Die Experten des Kairoer Instituts für Wasser- und Umweltforschung prognostizieren, dass dadurch die Weizen- und Reiserträge in den nächsten 30 Jahren um 40 bis 50 Prozent sinken könnten.

Kaum überraschend fühlen sich die Bauern vom Staat im Stich gelassen. Überall hört man, wie geringschätzig vom „Neuen Zeitalter“ gesprochen wird, ein Euphemismus für das viel gehasste Regime des Präsidenten Mubarak, dessen neoliberale Reformen und steten Korruptionsskandale eine Welle der Unzufriedenheit ausgelöst haben. Die Kluft zwischen Staat und Bevölkerung führt auch zu einem wachsenden Misstrauen gegenüber den Wissenschaftlern der Regierung, die weniger das knappe Süßwasser als vielmehr die erodierenden Küste zur Hauptgefahr für die Farmer erklären. Vermutlich, weil die ins Land wandernde Küste nicht nur die ägyptischen Bauern, sondern auch andere Branchen der schwer ächzenden ägyptischen Ökonomie bedroht. Den Tourismus etwa, aber auch einen Großteil der Industrie, die in Küstennähe angesiedelt wurde.

Ras el-Bar ist ein kleiner Urlaubsort an der Mündung des Damietta-Arms im Delta. Einst war es das Sommerparadies, in das die wohl betuchten Gestalten und Charaktere des Romanciers und Nobelpreisträgers Nagib Machfus flohen, wenn die Hitze in der Hauptstadt unerträglich wurde. Heute versprühen der verfallende rosa Leuchtturm und die endlosen Boulevards verlassener, niedriger Ferienhäuser den verblassten Charme eines Fünfziger-Jahre-Disneyland.

Obwohl im Sommer noch bei den Feriengästen beliebt, wird dieses Idyll von einer neuen Generation greller Küstenurlaubsorte überholt: Sie heißen Sharm el-Sheik oder Hurghada. Touristen kommen zwar nicht mehr viele nach Ras el-Bar, dafür haben sich im Überfluss neue Fabriken angesiedelt und verpesten die Luft.

Der Bau einer Industrieanlage in Damietta, der mit einer in letzter Minute getroffenen Entscheidung des Umweltministers zusammenfiel, die Gegend nicht zum Umweltschutzgebiet zu erklären, offenbart einen der allzu bekannten Hinterzimmerdeals sowie eine geflissentliche Missachtung der öffentlichen Meinung. In diesem Fall gelang es den Anwohnern, den Bau bis auf weiteres zu blockieren, anderes aber bleibt. „Morgens sieht man hier nichts als Rauch“, erzählt Mohammed Fawzia. Er fischt in einem Kanal nahe einem Industriekomplex, den die Staatsfirma Mopco betreibt. „Machen Sie davon Fotos, damit wir zeigen können, wer unsere Kinder tötet.“

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05:00 15.10.2009
Geschrieben von

Jack Shenker, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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