Die letzte Schlacht gegen die Bücher

Barbarentum Vergangene Woche ließ die afghanische Regierung zehntausende von Büchern in einen Fluss werfen. Dieses feindselige Verhalten gegenüber Büchern hat eine Geschichte

Vor 1.400 Jahren, als arabische Muslime zum ersten Mal in das von Persern bewohnte Gebiet einfielen, stießen sie auf eine eindrucksvolle Bibliothek, die unter dem Namen Jundi Shpur bekannt ist. Sie war die größte ihrer Art und befand sich in der größten Bibliothek jener Zeit. Der Kommandeur der arabischen Truppen, Sa’ad Ibn Abi Waqas, wandte sich in einem Brief an seinen Vorgesetzten und fragte ihn, was mit den Büchern geschehen solle. Die Antwort lautete, er möge überprüfen, ob der Inhalt der Bücher mit dem Koran übereinstimme. Stimme er überein, seien die Bücher überflüssig, denn der Koran sei ja bereits überall erhältlich und allgemein zugänglich. Hätten die Bücher nichts mit dem Koran zu tun, seien sie ohnehin nutzlos. Also ließ der Kommandeur die Bibliothek mitsamt den Büchern niederbrennen.

700 Jahre später, als die mongolische Armee Bagdad eroberte, fand sie dort eine riesige Bibliothek vor, die zu der Zeit die größte ihrer Art war. An diesem Tag färbte sich das Wasser des Tigris rot und schwarz – rot vom Blut der tausenden von Dschingis Khan Massakrierten und schwarz von den in den Fluss geworfenen Büchern.

Die Schlacht gegen Bücher wurden in tragischer Form 700 weitere Jahre später noch einmal wiederholt, als al Qaida und Taliban die Kontrolle in Afghanistan übernahmen und alle Bibliotheken des Landes zerstörten, einschließlich der Nationalbibliothek und der Bibliothek der Kabuler Universität.

Büchervernichtung in Zeiten des Internet

Heute nun, sieben Jahre nach dem Fall der Taliban, wo zahlreiche demokratische Länder in Afghanistan sind, um Freiheit und Meinungsfreiheit zu verteidigen und die Regierung eher von Technokraten als von Theokraten geführt wird, sorgte das Kultusministerium dafür, dass das Wasser des Flusses Helmand sich schwarz verfärbte, indem es zehntausende Bücher hineinwerfen ließ. Diese Bücher umfassen Werke über Geschichte und Philosophie ebenso wie Romane und Lyrik, sowie ein heiliges Buch der Schiiten namens Nahjulbalagha. Sie wurden im Ausland von einem der wenigen afghanischen Verleger Ibrahim Shariati veröffentlicht. Diese Bücher wurden vernichtet, während andere Werke über Exorzismus, Magie und Wahrsagerei für die Menschen zugänglich sind.

Als die Bücher vor drei Monaten in der Grenzregion Nimruz eintrafen, fragte der Gouverneur der Region seinen Vorgesetzten, was er mit ihnen machen solle. Das Kultusministerium ordnete daraufhin an, sie in den Fluss zu werfen. Die Ironie des Ganzen besteht allerdings darin, dass, anders als vor sieben Jahren, heute die Hälfte der afghanischen Bevölkerung Zugang zum Internet hat und dieselben Bücher online lesen kann. Selbstverständlich ist es der afghanischen Regierung nicht möglich, Internet-Bücher in den Fluss zu werfen. Sie kann allerdings diejenigen zum Tode verurteilen, die, wie Parviz Kambakhsh, versuchen, Bücher aus dem Internet nachzudrucken.

Heute gibt es in Afghanistan über 20 Universitäten, zahlreiche Medieneinrichtungen sowie Schriftsteller und Poeten, die Bücher für ihre Recherchen benötigen. Die Mehrzahl der Schriftsteller, Filmemacher und Wissenschaftler hat nicht die Möglichkeit, ihre Bücher in Afghanistan zu veröffentlichen. Der Drachenläufer von Khaled Husseini ist beispielsweise in seinem Heimatland verboten und die Filmadaption wird nicht in den Kinos gezeigt. Dasselbe gilt für Erde und Asche des in Paris lebenden Autors Atiq Ramini, das in Europa und Südamerika sofort zum Bestseller avancierte und den auf dem Roman basierenden Film, der 2004 in Cannes den Prix du Regard Vers l’ Avenir gewann.

Wir können dieser Liste die Verhaftung von Schriftstellern, Journalisten und Konvertiten hinzufügen und sie durch Filmemacher, Dichter und Menschenrechtsaktivsten ergänzen, die aus Angst um ihre Sicherheit das Land verlassen. Dies alles geschieht, während gleichzeitig Drogenhändler, Mafiosi und Warlords ungestört ihren Geschäften nachgehen können. Die Menschen in Afghanistan fragen sich heute, wozu sie denn ausländische Truppen und tausende Nichtregierungsorganisationen im Land haben, wenn die geistige Freiheit eingeschränkt wird, während das Verbrechen gleichzeitig floriert. Die Menschen im Westen fragen sich dasselbe. Es ist nicht leicht, darauf eine Antwort zu finden.

21:00 09.06.2009
Geschrieben von

Reza Mohammadi, The Guardian | The Guardian

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