Die Leugner-Industrie

Klimagipfel Tricksen, Täuschen, Schmieren. Die Lobby der Klima-Skeptiker arbeitet mit ganz unsauberen Mitteln. George Monbiot hat dafür eine ganze Reihe von Beispielen gesammelt

Sieht man sich die Spur der Zerstörung, welche die Krise um die gehackten E-Mails an der Universität von East Anglia hinterlassen hat, einmal genauer an, dann werden drei Dinge deutlich. Zunächst fällt auf, dass gerade diejenigen, die von sich sagen, sie seien die führenden Klimaforscher, die Bedeutung der Mails sehr niedrig bewerten. Seltsamerweise versuchen ausgerechnet diejenigen, die am meisten zu verlieren haben, wenn sich ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse als falsch erweisen sollten, die Geheimnistuerei und Vetternwirtschaft zu rechtfertigen, die durch einige der E-Mails aufgedeckt wurden. Eine Wissenschaft jedoch, die nicht transparent und nachvollziehbar agiert, ist keine Wissenschaft.

[Anm. der Übersetzer: Tausende E-Mails und Daten des Instituts waren nach einem Hacker-Angriff an die Öffentlichkeit gebracht worden. Klima-Skeptiker hatten nach dem Datenklau in Internetforen geschrieben, die Dokumente offenbarten eine geheime Absprache zwischen Wissenschaftlern, wonach das Ausmaß der Klima-Erwärmung übertrieben werden solle]

Ich bin der Meinung, dass alle Daten, Codes und Programme verfügbar gemacht werden sollten, sobald ein Artikel in einer Fachzeitschrift veröffentlich wird. Es kann nicht sein, dass man erst auf die Auskunftspflicht pochen muss, um sie zu bekommen. Noch schlimmer ist es, wenn dieser Antrag abgelehnt wird. Und wenn ein Wissenschaftler anregt, dass Informationen, die dieses Gesuch berühren, gelöscht werden, dann ist das durch nichts zu rechtfertigen. Jeder, der den Wert wissenschaftlicher Methodik schätzt, sollte für alle wissenschaftlichen Disziplinen absolute Transparenz verlangen.

Die Beweise für den Klimawandel sind erdrückend

Die zweite Beobachtung ist, dass diejenigen, die sich keinen Deut um die Wissenschaft scheren, dazu neigen, die Bedeutung der Mails aufzublasen. Die Leugner-Industrie, die kein Interesse daran hat, die Wahrheit über den Klimawandel publik zu machen, beharrt darauf, dass diese E-Mails, in denen es um drei oder vier Wissenschaftler und um lediglich ein oder zwei Zeilen an Beweisen geht, den gesamten Kanon der Klimaforschung auf den Kopf stellen.

Selbst wenn man alle Aspekte der Beweisführung ausschließen müsste, die womöglich strittig sein könnten, so wären die Beweise für den vom Menschen verursachten Klimawandel immer noch erdrückend. Er wird durch die Messung der globalen Temperatur seit 1850 belegt, durch das Schmelzen der Gletscher und die Ausdünnung des Eises in den Weltmeeren und die Art und Weise, wie Tiere und Pflanzen in der freien Wildbahn auf die sich immer schneller verändernden Vegetationszonen reagieren.

Es gibt für diese Veränderungen keine andere sinnvolle Erklärung. Die Sonnenzyklen stimmen mit den Temperaturen, die gemessen werden, seit 40 Jahren nicht mehr überein. Und auch die Milankovic-Zyklen, die Abweichungen bei der Erdumdrehung beschreiben, können diese Phänomene nicht erklären. Hingegen besteht zwischen der zunehmenden Erwärmung und der Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre ein enger Zusammenhang. Der Einfluss dieser Gase kann im Labor nachgewiesen werden. Wer behaupten will, sie hätten nicht denselben Einfluss auf die Atmosphäre, müsste eine gänzlich neue, radikale Theorie entwickeln. Eine solche Theorie gibt es nicht. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Klimawandel sind nicht unveränderlich – das sind wissenschaftliche Erkenntnisse nie – aber im Rahmen dessen, was wissenschaftlich belegbar ist, können sie als gesichert gelten. Die Stichhaltigkeit der Beweise für den vom Menschen verursachten Klimawandel ist mit dem Zusammenhang zwischen Zigarettenrauch und Lungenkrebs oder HIV und Aids vergleichbar.

Die Propaganda der Öl-Industrie

Die dritte Beobachtung ist der eklatante Kontrast zwischen dem weltweiten Skandal, für den diese E-Mails sorgen und den gedämpften Reaktionen auf die Enthüllungen der Propaganda der Ölindustrie in den vergangenen 20 Jahren. Ich habe vier dieser Propagandafeldzüge zusammengefasst. Jeder zeigt auf erschreckende Art, wie die Leugner-Industrie tickt.

Zwei dieser Beispiel habe ich dem faszinierenden, witzigen und gut geschriebenen Buch „Climate Cover-Up“ der Autoren James Hoggan und Richard Littlemore entnommen. Wäre nicht jede Anschuldigung, die in diesem Buch gemacht wird nachprüfbar (ich habe sie alle überprüft), dann wären ihre Enthüllungen irrelevant. Selbst die geringste ihrer Entdeckungen ist zehnmal schlimmer als alles, was durch das Hacken des Servers der Abteilung für Klimaforschung an der Universität von East Anglia ans Licht gekommen ist.

Wenn ich den Begriff Leugner-Industrie verwende, dann meine ich damit alle, die dafür bezahlt werden, dass sie sagen, den vom Menschen verursachten Klimawandel gebe es nicht. Die große Mehrheit derer, die in diesem Glauben leben, wurde nicht bezahlt, sie wurde betrogen. Climate Cover-Up konfrontiert den Leser mit bekannten Phrasen und Ideen, die man tagtäglich als Kommentare unter Artikeln zum Klimawandel lesen kann. Das Buch zeigt auf, wie diese Vorstellungen bewusst durch PR-Agenturen und bezahlte Experten gestreut wurden.

Die erste der vier Fallstudien, auf die ich verweise, enthüllt, wie ein Bündnis aus mehreren Kohlefirmen versuchte, die Leute davon zu überzeugen, dass sich die Wissenschaft nicht einig sei. Sie beschrieben genau, welche Zielgruppen sie erreichen wollten – „1: ältere Männer mit geringer Ausbildung“; „2: junge Frauen mit niedrigem Einkommen“– und die Methoden, mittels derer sie diese erreichen würden. Sie fanden heraus, dass „die Menschen lieber eine Meinung zur Motivation und den Strategien anderer äußern als zu wissenschaftlichen Themen.“

Behalten Sie das im Hinterkopf, wenn Sie das nächste Mal hören, wie jemand sagt, die Klimaforscher seien doch nur am großen Geld interessiert oder die Umweltaktivisten würden eine kommunistische Weltregierung anstreben. Diese Meinungen haben sich die großen Energiekonzerne ausgedacht und verbreitet. Leute, die mir vollkommen ironiefrei schreiben „Ihr Artikel ist eine persönliche Beleidigung, Sie Brillenschlange mit der großen Nase, Sie roter Drecksack“ oder „Panikmacher wie Sie werden die Weltwirtschaft zerstören und uns zurück ins Mittelalter führen“, sind ahnungslose Rekruten von Kampagnen, über die sie rein gar nichts wissen.

Verflechtungen mit der Wirtschaft

Die zweite Studie belegt, wie Dr. Patrick Michaels , einer der wenigen Leugner des Klimawandels, der tatsächlich eine wissenschaftliche Qualifikation vorweisen kann, freigiebig von Firmen bezahlt wurde, die ihre Profite aus dem Kohlekraftgeschäft unbedingt schützen wollen. Soweit mir bekannt ist, hat keine der Zeitungen oder Sendeanstalten, die ihn als Kommentator einsetzen – darunter auch der Guardian – jemals seine Interessen offengelegt. Michaels ist nur einer von vielen, die zum Thema Klimawandel Stellung beziehen und sich als unabhängige Experten ausgeben, obwohl sie unter der Hand für ihre Dienste von den großen Ölkonzernen bezahlt werden.

Das dritte Beispiel ist eine gefälschte Liste mit 500 Wissenschaftlern „deren Forschungsergebnisse die Schreckensszenarien des vom Menschen verursachten Klimawandels widerlegen“, die das Heartland Institute (dessen Sponsor der Ölkonzern Exxon ist) veröffentlichte. Als diese Wissenschaftler herausfanden, was das Institut ihnen nachsagte, verlangten viele erbost, dass ihre Namen von der Liste gelöscht werden. Zwanzig Monate später stehen sie immer noch auf der Liste. Das vierte Beispiel enthüllt, dass Angestellte des Weißen Hauses während der Ära Bush mit den Ölkonzernen gemeinsame Sache machten, um unliebsame Kontrolleure loszuwerden und Dokumente über den Klimawandel zu fälschen. Und es gibt Dutzende weiterer solcher Beispiele über die in „Climate Cover-Up“, in Ross Gelbspans Büchern „The Heat is On“ und „Boiling Point“, in meinem eigenen Buch „Hitze“ und auf Webseiten wie DeSmogBlog.com und exxonsecrets.org berichtet wird. Alles in allem legen sie eine systematische und kapitalkräftige Kampagne offen, deren Ziel es ist, die Öffentlichkeit hinters Licht zu führen.

Doch die Menschen, die hinter diesen Kampagnen stehen, wissen, dass ihre Behauptungen nicht stimmen. Eine der größten Kampagnen war die der „Global Climate Coalition“, die ExxonMobil, Shell, BP, den größte Interessenverband der Öl- und Gasindustrie, das American Petroleum Institute, und einige große Motorenwerke vertrat. 1995 berichteten für diese Organisation tätige Wissenschaftler, „die wissenschaftliche Grundlage des Treibhauseffekts und der potentielle Einfluss des Ausstoßes von Klimagasen wie CO2 auf das Klima seien gut begründet und könnten nicht widerlegt werden.“ Die „Coalition“ verbarg diese Entdeckungen vor der Öffentlichkeit und gab Millionen von Dollar dafür aus, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Sich selbst werden diese Menschen wohl kaum getäuscht haben, aber vielleicht ist es ihnen gelungen, Sie zu täuschen.

Übersetzung: Christine Käppeler

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Ihre Freitag-Redaktion

08:00 09.12.2009
Geschrieben von

George Monbiot, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 41/2021

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