„Die Leute dachten, ich sei ein fetter Typ“

Porträt Freddy McConnell ist Vater eines kleinen Sohnes. So weit, so gewöhnlich. Nur dass er selbst mit Jack schwanger war. Der Weg dahin war kompliziert
„Die Leute dachten, ich sei ein fetter Typ“
Freddy McConnell fühlte sich nie wie ein Mädchen, mit 25 Jahren wurde er ein Mann. Dann kam der Wunsch nach einem Kind

Foto: Manuel Vázquez/ Guardian /Eyevine

Freddy McConnell kramt sein Handy hervor und zeigt mir einen Film, in dem sein Baby zufrieden schnarcht. Jack ist bildhübsch und McConnell der klassische total vernarrte Vater – nur dass seine Rolle bis hierhin noch etwas aktiver war als die der meisten. Es ist einige Monate her, dass er Jack zur Welt gebracht hat. Über diese einschneidende Erfahrung hat er einen intimen und bewegenden Film gedreht, von der Entscheidung, ein Baby zu bekommen, über die Schwangerschaft bis hin zur Entbindung. Alles wird in Nahaufnahme dokumentiert, einschließlich Jacks Ankunft in einem Entbindungsbecken im Krankenhaus.

Man könnte meinen, dass McConnell, der als Multimedia-Journalist für den Guardian arbeitet, ein extrovertierter Typ wäre, womöglich sogar ein Selbstdarsteller. In Wirklichkeit ist er auf eine altmodische, steife englische Art zurückhaltend. Warum also hat er sich so entblößt?

McConnell räumt ein, dass es gegen seine Natur ist, sein Privatleben auf die Leinwand zu bringen. Er habe sich jedoch verpflichtet gefühlt, seine Geschichte zu erzählen. Die meisten Dokus über Transsexuelle seien sensationsgeil, oft fühlten sich die Protagonisten hinterher falsch dargestellt. McConnell stellte deshalb ein eigenes Team zusammen und engagierte die Künstlerin und Regisseurin Jeanie Finlay. Das Ergebnis ist Seahorse (bei Seepferdchen tragen die Männchen den Nachwuchs aus), ein zärtlicher Dokumentarfilm über Liebe, Familie, Trennungen, Nachwehen, tobende Hormone und die Komplexität der Identität.

McConnell lebt in einer Küstenstadt in Südengland, in der Nähe des Ortes, an dem er aufgewachsen ist. Er sagt, er habe sich hier während der Schwangerschaft sicherer gefühlt als in London. „Die Leute passten auf mich auf. Es ist überschaubar hier. Ich hätte mich nicht wohl damit gefühlt, schwanger meiner Arbeit nachzugehen.“

Es stimmt: Die Stadt ist klein. Nach zwei Minuten stoßen wir auf McConnells Vater, einen örtlichen Ladenbesitzer. Wie sein Sohn spricht er sehr gewählt und hat eine leicht militärische Haltung. Im Film ist er nicht zu sehen. Ihre Beziehung litt unter der Schwangerschaft. Anfangs konnte er nicht verstehen, warum Freddy so hart dafür gekämpft hatte, ein Mann zu werden, um dann genau das zu tun, was Weiblichkeit doch auszumachen schien – ein Baby zu bekommen.

Heute ist das anders. Der Austausch zwischen den beiden ist herzlich, sein Vater fragt, wie es Jack geht, sie umarmen sich und machen Babysitterpläne. Natürlich sieht es jetzt anders aus, sagt McConnell: Sein Vater kämpft nicht mehr mit einem abstrakten philosophischen Konzept – er hat einen liebebedürftigen Enkel. Was den Film so menschlich macht, ist, dass Freddy McConnell selbst mit sich ringt und ihn dieselbe Frage umtreibt: Warum möchte er ein Kind austragen? Die Antwort ist nicht einfach. Noch ist es der Prozess, den er durchläuft, um es zu ermöglichen.

McConnell, der heute 32 ist, begann im Alter von 25 Jahren mit der Einnahme von Testosteron, ein Jahr später ließ er sich Brustgewebe entfernen. Er dachte über die Entfernung der Gebärmutter nach, entschied sich aber dagegen – auch weil er die Möglichkeit, Kinder zu bekommen, für sich nicht ausgeschlossen hatte. Im Film sehen wir, wie sein Körper durcheinandergerät, als er das Testosteron absetzt und versucht, mit Hilfe eines Samenspenders schwanger zu werden. Seine Regelblutung setzt wieder ein, sein Bart dünnt aus, die Hüften werden breiter, der Bauch weicher und er spricht wieder weniger aus der Brust und stärker aus der Kehle.

Ein kosmischer Zahnschmerz

Während all dessen ermutigt ihn seine Mutter Esme. Sie sagt: „Ich habe es geliebt, schwanger zu sein. Jeder sollte das erleben – vor allem Männer.“ Das habe sie ihm schon gesagt, als er ein Kind war, erzählt McConnell. Lange bevor sie eine Ahnung hatte, dass ihr Sohn transsexuell war.

Es ist ein windiger Tag und wir gehen in Richtung des Cafés am Pier mit Blick auf die Nordsee und den Ärmelkanal. McConnell bestellt Pfannkuchen und Speck mit Ahornsirup. Sein Wunsch, sagt er, sei es, zu vermitteln, dass Transsexuelle normale Menschen sind, und Empathie zu wecken. Sein Versuch, schwanger zu werden, fiel zufällig in die Zeit, in der in Großbritannien das Gesetz zur Geschlechtsanerkennung reformiert werden sollte (s. Kasten). „Die Anti-Trans-Rhetorik nahm im Zuge dessen zu.“ Im Oktober veröffentlichte die Regierung Zahlen, denen zufolge die Zahl der transfeindlichen Straftaten in den zwölf Monaten zuvor um fast ein Drittel gestiegen war (von 1.248 im Jahr 2017 auf 1.651). „Viele haben ein Zerrbild im Kopf, das sich relativiert, sobald sie eine Transperson kennenlernen. Nicht jeder hat diese Möglichkeit – deshalb dachte ich: In diesem Film können sie stellvertretend eineinhalb Stunden mit mir verbringen.“

Warum aber hat er sich emotional und körperlich diesen Strapazen ausgesetzt? „Ich habe Kinder immer geliebt. Bevor ich mit der Geschlechtsangleichung begann, habe ich überlegt, schwanger zu werden – weil mir gesagt wurde, dass die Behandlung mich unfruchtbar machen würde.“ Er kam jedoch zu dem Schluss, dass es unverantwortlich wäre, ein Kind zu bekommen, solange er mit sich selbst nicht im Reinen war. Wie sollte er so einem Baby die Liebe geben, die es brauchte? Er erinnert sich daran, wie er das Einverständnisformular für die Testosterontherapie unterschrieb. „Es war, als würde ich sagen: ,Ja, ich akzeptiere, dass ich niemals eigene Kinder haben werde.‘ Transmänner werden immer noch zu wenig über ihre Optionen aufgeklärt, einschließlich der Frage, wie sie sicher Kinder bekommen können. Man geht davon aus, dass wir das nicht möchten.“

McConnell fand heraus, dass es in Amerika Transmänner gab, die Babys zur Welt gebracht hatten (s. Kasten), und er sprach mit seinem Arzt über eine Schwangerschaft. „Ich blieb lange hin- und hergerissen. Es dauerte, bis ich meine Identität von meiner Biologie abkoppeln konnte. Ich sah es dann pragmatisch: Ich verwende nur meine Hardware. An meiner Transsexualität ändert das nichts. Sie ist nichts, was ich wählen oder zurücklassen kann. Sie hängt nicht von meiner körperlichen Verfassung ab. Sie ist ein Teil von mir.“

Im Film sehen wir, wie McConnell und seine Mutter sich anhand von Fotos an ihn als Kind erinnern – ein Wildfang, berstend vor Energie. „Wenn ich zurückblicke, sehe ich einen kleinen Jungen“, sagt McConnell. Insbesondere die Fotos aus seiner Pubertät und Jugend brachten unangenehme Erinnerungen zurück. „Ich kann nur jemanden sehen, der sich nicht wohl in seiner Haut fühlt.“ Sein damaliger Name fällt kein einziges Mal in dem Film. Darauf angesprochen, reagiert er höflich, aber entschieden. „Es geht um mich und darum, wie ich eine Familie gründe. Was hat mein alter Name damit zu schaffen?“ Die Frage, ob er als Kind je glücklich war, erstaunt ihn. Klar, sagt er, er hatte eine liebevolle Familie und Freunde, mit denen er in die fantastischsten Welten abtauchte. Mit einem betrieb er in der Grundschule ein Detektivbüro.

Doch McConnell litt seit seiner Kindheit unter geschlechtsspezifischer Dysphorie – ohne dass er diese emotionale Störung damals hätte benennen können. „Jemand hat es mal als kosmischen Zahnschmerz beschrieben. Das trifft es ziemlich gut. Gespürt habe ich ihn seit meinem dritten oder vierten Lebensjahr.“ Er wurde gemobbt und gehänselt, weil er zu jungenhaft war. „Meine Mutter wusste, wie schwer ich mich damit tat, als Mädchen angesehen zu werden. Sie sagte mir nur, das werde sich auswachsen – und ich glaubte ihr.“

Aber das tat es nicht, und je älter McConnell wurde, desto intensiver wurde die Dysphorie. Er war besessen von den 70ern und genderfluiden Rockstars wie David Bowie und Brian Eno. Er gelangte zu der Überzeugung, zur falschen Zeit geboren zu sein. McConnell lächelt. „Ich habe offensichtlich an der falschen Stelle gesucht.“

Er studierte Arabisch an der Universität von Edinburgh und spielte mit dem Gedanken, Kriegskorrespondent zu werden. Aber er schlingerte durch seine frühen Zwanziger und wäre beinahe Mitglied der angesehenen Sandhurst-Militärschule geworden. Er reiste in die USA, in den Jemen und nach Afghanistan, wo er neben einer Lehrtätigkeit skatete, kletterte und schrieb. Die kosmischen Zahnschmerzen folgten ihm überallhin. „Ich hasste meine frühen Zwanziger. Ich wusste einfach nicht, was los war. Ich glaube nicht, dass man jemandem erklären kann, was Gender-Dysphorie ist, der sie nicht selbst spürt. Ich weiß nur, dass Testosteron und meine Geschlechtsangleichung alles verändert und mein Leben nicht nur erträglich, sondern angenehm gemacht haben. Ich stelle mich nicht mehr ständig in Frage.“

Seahorse ist vor allem auch eine Liebesgeschichte – oder eine Serie von Liebesgeschichten. Es gibt McConnell und seinen Sohn, McConnell und seine Mutter sowie McConnell und CJ. Zu Beginn des Films leben CJ und McConnell als beste Freunde und Partner zusammen. CJ ist nichtbinär und verwendet das geschlechtsneutrale Pronomen „they“. „Mein Partner und ich haben beide Eierstöcke“, erklärt McConnell im Film. Wir sehen die beiden, wie sie mit ihren Laptops auf dem Sofa sitzen und sich Spenderdatenbanken ansehen. „Unsere Variante von Sex“, scherzt McConnell. „Das ist sehr befriedigend“, sagt CJ. „Dann haben wir eine Zigarette danach.“ Sie lachen. In der Mitte des Films beschließt CJ, kein Kind mit McConnell zu haben, und eine Zeitlang ängstigte ihn die Vorstellung, alleinerziehend zu sein.

Wir verlassen den Strand, um Jack von der Kita abzuholen. McConnell knuddelt seinen Sohn, fragt nach, ob heute Morgen alles gut lief (er ist erst kürzlich zur Teilzeitarbeit zurückgekehrt), und hakt das Baby in seine Babytrage ein. Wir gehen zu ihrem Haus – ein winddurchlässiges, 200 Jahre altes georgianisches Reihenhaus, das McConnell von seiner Großtante gekauft hat.

Warum diese Frage?

Ich frage ihn, wie Fremde auf seine Schwangerschaft reagiert haben, ob er Übergriffen ausgesetzt war? „Nein, mein Bauch blieb die ganze Zeit über recht klein. Das war für mich eine große Erleichterung.“ Anstatt wie ein schwangerer Mann auszusehen, sagt er, sah er einfach wie ein fetter aus. „Meiner Mutter fiel auf, dass die Bäuche von Männern sehr ähnlich sitzen wie die schwangerer Frauen. Die Leute ordnen das Geschlecht einer Person in weniger als einer Sekunde ein – wenn ich einen Bart habe, ist es egal, wie der Rest meines Körpers aussieht. Sie interpretieren mich als Mann.“

Möchte er noch mehr Kinder haben? Freddy McConnell lächelt. „Ja, aber ich möchte sie nicht unbedingt austragen müssen. Ausgeschlossen habe ich es für mich aber nicht.“ Warum, frage ich ihn, war es ihm so wichtig, ein eigenes Kind zu bekommen? Er antwortet mit einer Gegenfrage: „Warum wünscht sich jemand ein Kind? Heterosexuelle fragt keiner: ‚Warum haben Sie nicht adoptiert? Warum war Ihnen die genetische Elternschaft wichtig?‘ Weshalb also werden Schwule und Transsexuelle das gefragt?“ Ein Teil von ihm würde gerne den Film herausbringen, sich zurückziehen und den Rest seines Lebens unerkannt verbringen. Aber das Gefühl überwiegt, dass seine Aufgabe gerade erst anfängt.

Der erste Mann ...

Genaue Zahlen existieren nicht, wie viele Transgendermänner weltweit bisher Kinder geboren haben. Obwohl es kein weit verbreitetes Phänomen ist, gibt es mehr Fälle, als gemeinhin angenommen wird. So feierte die britische Boulevardzeitung Sun 2017 einen Hayden Cross als „Großbritanniens ersten schwangeren Mann“. Als daraufin ein Mann namens Scott Parker anrief, der einige Monate zuvor ein Kind zur Welt gebracht hatte, verliehen sie ihm den Titel, Cross stieg auf Platz zwei ab. Der Transgendervater Jason Barker, der vor acht Jahren einen Sohn gebar, erzählte in einem Interview mit dem Guardian, es habe allein in der britischen Presse schon sechs „erste schwangere Männer“ gegeben. In Deutschland machte diesbezüglich 2013 der Fall eines Berliners Schlagzeilen, der sich jedoch entschied, anonym zu bleiben. Laut n-tv war er der erste europäische Mann, der schwanger wurde, was – nun ja, siehe oben.

In Großbritannien ist es seit dem Gender Recognition Act von 2004 möglich, den Eintrag des Geschlechts nach Vorlage eines Gutachtens ändern zu lassen. Vergangenes Jahr eröffnete die Regierung eine Konsultation darüber, ob es künfig ausreichen soll, dass die Person selbst eidesstattlich erklärt, dass sie sich als Mann oder Frau identifziert. Diese Frage wurde in Groß- britannien erbittert diskutiert und transfeindliche Strafaten nahmen zu (s. Text). In Deutschland gibt es seit 1981 das Transsexuellengesetz (TSG), das die Änderung des Vornamens und des Geschlechtseintrags im Geburtenregister ermöglicht. Seit dem 22. Dezember 2018 gibt es als dritte Option den Eintrag „divers“. Voraussetzung sind aber auch hier ärztliche Gutachten.

Simon Hattenstone schreibt für den Guardian regelmäßig Reportagen und große Porträts

Übersetzung: Christine Käppeler
06:00 09.07.2019
Geschrieben von

Simon Hattenstone | The Guardian

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